Leben in No-Go-Areas: Diebstahl beim Nachbarn

In einer Berliner Straße häuft sich organisierter Nachbarschafts-Diebstahl. Die Bestohlenen gehen nicht zur Polizei, weil das nichts bringt und sie die Rache der Täter fürchten. So entwickelt sich das Leben in rechtsfreien Räumen.

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Schon beim Eintreten in den Laden „Regenbogenlicht“ in der Emser Straße in Berlin-Neukölln wehen einem exotische Luftgewürze entgegen, es duftet nach Indien und Umgebung. Döschen und Fläschchen stehen dicht gedrängt in den Regalen. Im hinteren Teil des Raumes ist eine Kleiderecke. Umkleideständer dienen als Blickbarrikaden und weisen den Umkleidebereich aus. Die Szenerie hat etwas von einer Mischung aus Boutique und Flohmarkt. Das „was darf es sein“ kommt eher zurückhaltend herüber, ein Hauch von Vorsicht liegt in der Luft.

Besuch bei einer „Rassistin“

Was es sein darf?  Ich will mir ein eigenes Bild machen von einer Frau, die in Berlin seit neustem als bekennende Rassistin gilt.  Und es soll ein Blick sein auf die   Situation, in der sie lebt. Ingrid S. bittet nach nebenan. Sie bietet einen Platz und Tee an. Eine englische Kurzhaarkatze, ein Teddy auf vier Pfoten kommt durch die Tür und streicht wie ein Geigenbogen um ihre Waden herum.

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Ingrid S. hat was zu erzählen. Das vergangene halbe Jahr sei für sie und ihr Geschäft die Hölle gewesen. „Da kommen dann zwei Frauen und ein Junge. Die eine Frau geht in den Teil des Verkaufsraumes, in dem die Kleider aushängen. Der Junge tatscht in dem nach vorne gelegenen Parfümregal herum, die andere Frau stürzt mit dem Ruf „Toilette, Toilette“ in den rückwärtigen Flur und in meinen privaten Wohnbereich hinein. Nachdem ich sie dort rausgeholt und alle drei des Ladens verwiesen hatte, fehlten dann Kleider und Stoffe und die Ladenkasse ist ebenfalls leer.“

Sie sagt, es waren Roma.

Es seien auf Diebstahl spezialisierte Roma gewesen. Woran sie das erkannt hätte?Da meint sie, einen sicheren Blick bekommen zu haben mit der Zeit. Außerdem seien auch Täter und Täterinnen aus einer ganz bestimmten Hausnummer schräg gegenüber gekommen. Und die sei nun einmal dafür bekannt, dass dort fast ausschließlich Roma-Familien wohnten. Immer wieder hätte sie Diebinnen und Diebe auch als Bewohner wieder erkannt. „Da gehe ich mal in die Küche, ein Getränk holen. Da klingelt das Glöckchen an der Ladentür. Als ich wieder in den Verkaufsraum komme, ist die Kasse leer.“ Von da an hätte sie das Bargeld in einer Extra-Kassette deponiert, aber auch die sei weg gekommen und auch das Designer-Sparschwein auf der Theke hätte dran glauben müssen, Spendengelder der Kundschaft für Umweltprojekte. Ingrid S. macht eine Pause. Der Zorn köchelt wieder hoch, aber sie wirkt auch irgendwie resigniert und erschöpft. Es klingelt, sie steht schnell auf, schaut in den Verkaufsraum. Ein Mann mit südländischem Aussehen begleitet von zwei angeleinten schwarzen Hunden tritt herein und das  Gesicht von Ingrid S. hellt sich auf. „Alles OK, keine besonderen Vorkommnisse heute.“ Sie lächelt. Dann gibt es flüchtigen Wangenkontakt und der Mann geht wieder. „Das war Mirek, er ist ein guter Freund von mir und sieht jetzt so zwei bis drei Mal am Tag nach dem Rechten, ein Sinti übrigens.“

So sei das immer weiter gegangen, Tag für Tag. Beliebt seien auch Schwangerschaftsattrappen gewesen. „Die eine lässt sich bedienen, die andere stopft sich derweil den Plastik-Bauch voll. Zwei Tage später sehe ich sie dann ohne Bauch herum laufen. Sie hat dann zu Hause ‚entbunden‘.“ Sie gießt sich nach. „Daarjeeling, der Champagner unter den Tees“.

Die Polizei? Ach ja. Wir sind doch in Berlin.

Über Monate hinweg hätte sie praktisch kaum noch Einnahmen gehabt. Und die Polizei? Gab es da keinen Schutz und keine Hilfe?

Sie hätte auch mit dem Kontaktbereichsbeamten gesprochen. Der hätte ihr geraten, die Sachen zur Anzeige zu bringen. „Toll, super Idee, Anzeige gegen wen, gegen Unbekannt? Da füllen die bei der Polizei doch nur Formulare aus.“ Die andere Möglichkeit sei gewesen, zu versuchen die Täter in dem Haus von schräg gegenüber konkret zu identifizieren. „Klar doch, da gebe ich mich selbst dann zum Abschuss frei“. Ansonsten hieß es seitens des Kontaktbereichsbeauftragten „Türen verschlossen und Augen aufhalten“.

dsc_73811Dann kam der  Sündenfall. „Aufgrund der täglichen Diebstähle von Waren und des täglichen kompletten Diebstahls der Kasseneinnahmen durch eine auf Raub und Betrug spezialisierte Bevölkerungsgruppe hat diese absolutes Ladenverbot“ stand im Mai dieses Jahres dann auf einem DIN A4 Blatt an der Innenseite der Eingangstür zu lesen, garniert mit einem Verbotsschild für Roma. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Erst kam Romeo Franz von der Hildegard-Lagrenne-Stiftung, die sich für Bildung und Teilhabe von Sinti und Roma einsetzt. Er hätte ihr nach Ladenschluss Vorträge über die Judenverfolgung in der Nazi-Zeit gehalten und ihr eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung angekündigt, so Ingrid S.

… und dann noch Volker Beck

„Man darf Menschen nicht in Sippenhaft nehmen, denn dann sind wir wieder in der Zeit des Nationalsozialismus“, so Romeo Franz danach vor Pressemikrophonen. „Roma und Sinti sind genau so individuell und unterschiedlich wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft.“

„Diebstähle sind ein Vergehen, pauschale Ladenverbote sind menschenverachtend“ so meldete sich das Aktionsbündnis Romaday zu Wort.

Als nächstes schaltete sich Volker Beck von den Grünen ein und prangerte das Vorgehen von Ingrid S. in einem Brief an die Chefin der Antidiskriminierungsstelle  des Bundes, Christine Lüders, als inakzeptable Ausgrenzung aus rassistischen Gründen an und forderte eine Hinzuziehung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes AGG ein.

„Wer andere Menschen pauschal ausschließt, verstößt gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Betroffene haben vor Gericht Anspruch auf Schadensersatz“, so Christine Lüders.

Den Zettel hat Ingrid S. dann doch entfernt. Gegen sie wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet. Die Kundschaft sei stark zurückgegangen, aber erst nachdem die Berliner Presse da einen Mordswirbel gemacht hätte. Dafür seien dann andere Besucher gekommen. Nächtliche Graffity-Schmierereien und Faschistensau-Titulierungen mit anschließender Bodenspuckerei seien in ihrem Laden wochenlang an der Tagesordnung gewesen, so Ingrid S.. „Rassistin, verpiss dich“ war im Netz zu lesen.  Beifallsbesuche aus der rechten Ecke seien aber ausgeblieben. „Das hätte ich mir auch verbeten.“

Dass sie sich nach der geltenden Rechtslage strafbar gemacht haben könnte, versteht sie nicht. „Ich habe Angehörige aus dieser Bevölkerungsgruppe über Monate hinweg immer nur als existenzielle Bedrohung mit wechselnden Gesichtern erlebt. Ich wusste zwischenzeitlich nicht mehr, wie ich die Miete bezahlen soll. Es steht doch niemandem auf der Stirn geschrieben, ob er klauen will oder nicht, also hatte ich doch keine Wahl, als diese Form von Täterzuschreibung vorzunehmen und aus meinem Laden raus zu halten. Ich meine, das Hausrecht hat doch jeder, dass er keine Leute herein lassen muss, von denen mit hinreichender Wahrscheinlichkeit angenommen werden muss, dass sie Diebstähle begehen. Mein verstorbener Mann war Thailänder, eine meiner besten Freundinnen war Inderin. Ein Sinti beschützt mich. Das zum Thema Rassistin“.

Der Sinti schützt vor den Roma

Das hat sie auch der Staatsanwaltschaft geschrieben. Das Verfahren wegen Volksverhetzung wurde wieder eingestellt. Ernsthafte zivilrechtliche Konsequenzen könnten Ingrid S. aber noch wegen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) drohen. Da gibt es in Berlin nicht gerade zimperliche Entscheidungen. So war  2012 ein Spandauer Zahnarzt zur Zahlung von drei Monatseinkommen verurteilt worden, weil er einer jungen Muslima nur dann eine Ausbildung zur Sprechstundenhilfe anbieten wollte, wenn sie während der Arbeit auf das Tragen ihres Kopftuchs verzichtet.

Nicht nur Ingrid S. hat Bedenken, zur Polizei zu gehen. Auch der türkische Inhaber eines Spätkaufs um die Ecke bestätigt ausdrücklich, dass er massive Probleme mit Klauerei hat, mit der Polizei will er aber nichts zu schaffen haben „Das bringt nichts außer Papierkram und Scherereien“. Der arabische Friseurladen gegenüber dem Laden von Frau S. wird ebenfalls auffallend häufig von zahlungsunwilliger Kundschaft heimgesucht. „Es ist immer so, die kommen zu mehreren, einer lenkt ab und die anderen versuchen es dann. Oft sind es speziell ausgebildete Kinder. Da muss ich schon aufpassen, sonst fehlen entweder Shampoos aus dem Regal oder Geld aus der Kasse“, so der Inhaber.

Was ist nun dran, an dem miserablen Ruf des „Roma-Hauses“? Es weist von außen außer mehr Graffity-Vorkommen wenig Auffälligkeit auf. Die Balkone zur Strasse hängen mit Wäsche voll und vor der Eingangstür steht  ein in die Jahre gekommener Mittelklasse-BMW mit rumänischem Kennzeichen. Im eher moderat unordentlichen Innenhof fußballern ein paar Kinder herum. Vom Treppenhausfenster in der ersten Etage ruft ein Mann in Bermudas und Badelatschen in stattlicher Lautstärke etwas zu den Kindern herunter. Dann kommt ein junges Paar zur Haustüre heraus. Ein paar Häuser weiter sind sie bereit zu reden. Das was viele Leute hier sagen, würde stimmen, meinen sie. Im Haus würden Menschen wohnen, die schlimme Sachen anstellten. Sie selbst seien aber anständige Leute. Sie seien auch aus Rumänien und wollten nur in Frieden mit den Nachbarn und den Deutschen leben. Sie könnten auch gar nicht verstehen, dass die Polizei nicht mehr unternehme. „Das fällt doch  auch auf uns zurück.“

Das sehr reduzierte Vertrauen, dass die Polizei hier im Kiez ganz offensichtlich genießt, könnte auch erklären, weshalb die offizielle Anzeigenstatistik von Januar bis Mai 2016 für die Strasse nur einen moderaten Anstieg von 28 auf 44 Ladendiebstahlsanzeigen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum aufweist. Selbst von einem Raubüberfall, der sich kürzlich rein zufällig im Nachbargebäude ereignet hat, weiß sie nichts. Der Vater des Bestohlenen bestätigt den Überfall ausdrücklich, „aber bloß keine Polizei. Mein Junge hat Angst.“

Der Verwalter und Eigentümer hält sich bedeckt. Über die Herkunft und Zusammensetzung seiner Mieter macht er keine Angaben und was die außerhalb seiner vier Wände machten, interessiere ihn auch nicht. Er bescheinigt aber, dass er das Haus in zwei bis drei Monaten komplett entmietet haben will.

Die Sache ist mittlerweile bis zum Beauftragten für Problemimmobilien des Bezirksamtes Neukölln, Beermann vorgedrungen und der sicherte der betroffenen Nachbarschaft Unterstützung und baldige Abhilfe zu – und Ingrid S. hat einen neuen Zettel aufgehängt, auf dem sie Diebe zum Stehlen ausdrücklich einlädt. Vielleicht entfaltet das mehr abschreckende Wirkung, denn die Diebe kommen in letzter Zeit etwas seltener.

Michael Lösch ist freier Journalist. www.fuehrwort.de

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