Hanau: Sündenbocksuche statt Aufarbeitung

Auch wenn Rassismus im Weltbild des Täters eine Rolle spielte: Ein rechtsextremer Anschlag war das Attentat von Hanau nicht. Die verworrene Tat ist komplexer. Ein Beitrag von Marco Gallina.

Peter Niedung/NurPhoto via Getty Images

Das schreckliche Blutbad von Hanau hat Deutschland erschüttert. Was ebenso erschüttert, ist der mediale Umgang damit. Denn ein rechtsextremer Anschlag war das, was jüngst passierte, nach gültiger Definition nicht. Terrorismus setzt politische und ideologische Ziele voraus. Tobias R. dagegen tötete, um sich gegen einen imaginierten Geheimdienst zu wehren, der ihn angeblich seit seiner Geburt überwachte.

Komplexer, als es manches Mantra suggeriert

In der Tat: Rassismus spielte in seinem Weltbild eine Rolle. Zu den Opfern zählen aber nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch die eigene Mutter. Dass sich neunzig Prozent des Bekennerschreibens darum drehen, dass R. Ideengeber des DFB, der Hollywoodindustrie und der US-Strategie im Nahen Osten war, wird ebenso wenig erwähnt wie die Stimmen in seinem Kopf. Die verworrene Tat ist komplexer, als es manches Mantra suggeriert.

Eine redliche Aufarbeitung hätte sich darauf konzentriert, wie ein offensichtlich psychisch kranker Mensch in den Besitz von Waffen kommt. Sie hätte nachgeforscht, wieso der Generalbundesanwalt tatenlos blieb, als R. eine Anzeige wegen „illegaler Überwachung“ stellte. Und sie hätte nach der Tat abgewartet, Fakten gesammelt und über das berichtet, was bekannt war, statt Narrative zu bedienen.

Tat für eigene Zwecke instrumentalisiert

Stattdessen herrscht Sündenbocksuche. SPIEGEL-Miteigentümer Jakob Augstein und ZDF-Entertainer Jan Böhmermann ließen sich zur Aussage herab, die Publizisten Henryk Broder und Roland Tichy hätten durch Verrohung des Diskurses die Gewalttat zu verantworten. CDU-Mann Ruprecht Polenz ordnete das Geschehen über ein Wirth-Zitat in den Kontext der Weimarer Republik ein. Allerorten war von „Rechtsterrorismus“ zu lesen. Vulgo: die AfD hat mitgeschossen. Die Opfer, die in diesem ideologisch erhitzten Kampf zum zweiten Mal unter die Räder kommen, spielen keine Rolle.

Die Protagonisten tun mit solchen Aussagen genau das, was sie sonst bei islamischen Anschlägen den Rechten vorwerfen: sie instrumentalisieren die Tat eines psychisch gestörten Einzeltäters für ihre eigenen Zwecke. Dabei wäre es an der Zeit, die Hysterie seit der Kemmerich-Wahl endlich herunterzuschrauben. Sie vergiftet das politische und das gesellschaftliche Klima – bis die Spaltung nicht mehr zu überwinden ist.


Dieser Beitrag von Marco Gallina, erschien in Die Tagespost. Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur.

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Kommentare ( 57 )

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57 Comments
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gmccar
4 Jahre her

Ein Erlebnis der besonderen Art am 9.3.2020,Kreistags-Sitzung GG. SPD bitte um Änderung der Tagesordnung, damit die Aktuelle Stunde vorgezogen werden kann. Thema: Hanau, was tun ? Gleichzeitig die Bitte, den Kamera-Mitschnitt der Reden auszusetzen !!! Der SPD-Vorsitzende des Kreistages lässt abstimmen. Mehrheitlich Zustimmung. Danach Redner jeder Fraktion die einheitliche Suada gegen die AfD. Eine Auswahl der Denunziationen: „Hat mit geschossen,Hass,Hetze,Homophobie, Antifeministisch, Antigenderistisch,Rassistisch , „Der Schoß ist fruchtbar noch….“blabla. Zitate von „Achtsegel“-Denunziant Jellonek und der Amadeo Antonio Stiftung (Stasi-Kahane) gegen mich, wegen Kritik an Chebli und Soros in FB“ Das die feige interfraktionelle Bande dies natürlich abgesprochen hat und durch Abschalten… Mehr

bfwied
4 Jahre her

Die Gesellschaft kann nicht mehr gespalten werden, sie ist es längst, sehr tief und breit. Wer sich in der jüngeren Geschichte auskennt, sieht viele Parallelen zu den 30ern. Der vielgehörte Aufruf, miteinander ins Gespräch zu kommen, geht schief, da es nur eine Seite ist, die brüllenden Hass zeigt, die massiv ausgrenzt, ungeniert und unkontrolliert zu tatsächlich erfolgter Verfolgung aufruft eines jeden, der seine eigene, andere Ansicht formuliert, auf Gesetze verweist. Eine neue Einwanderungswelle von zumeist Afghanen, Irakern, auch Südamerikanern etc., und wir haben gewalttätige Auseinandersetzungen in großem Stil, was aber natürlich wieder der AfD und anderen Kritikern in die Schuhe… Mehr

Martin L
4 Jahre her

Vielleicht ist es aber auch ein „grüner Weltrettungsanspruch“? Er will das alles ja nur, „um die Welt zu retten“.
Und letzten Endes will er in der Zeit zurückreisen, um die Erde zu vernichten bevor es Menschen gibt. Um den Menschen somit all das Leid zu ersparen.
Ist das kein „empathisches humanitäres grünes Denken“?

gmccar
4 Jahre her
Antworten an  Martin L

Sein Vater war doch Kandidat für die Grünen in Hanau.

Martin L
4 Jahre her

Ein Youtube-Video hat mich auf folgenden Gedanken aufmerksam gemacht: In seinem „Manifest“ schreibt der Täter, dass bestimmte Völker schlechter sind. Und er folgert, dass „sie zum Wohle der Welt ausgelöscht werden müssen.“ Für mich ist das der typisch deutsche Gutmenschen-Weltrettungsanspruch im Hardcore-Modus. Ich bin folgender Meinung: Es ist absolut „normal“, dass einige/viele Polen keine Russen oder Deutsche mögen. Es gibt sicherlich nicht wenige Europäer, die keine Deutschen mögen. Es gibt auch viele Deutsche, die keine Bayern mögen. Die Reihe ist endlos. Das alles ist Rassismus, aber es ist absolut normal. Und ich finde es auch nicht schlimm. Wenn jemand mich… Mehr

DemoKRATin
4 Jahre her

Sehr geehrter Herr Gallina Es treibt mir die Tränen in die Augen, wenn ich Ihren Kommentar lese – denn dies ist exakt meine Meinung und ich sehe das als Wahrheit an. So ist es. Was musste ich in den letzten Tagen in Rundfunk, Fernsehen und der Welt alles lesen und hören! Die Politik bläst ins selbe Horn. Es ist einsam geworden unter den Demokraten und noch einsamer für die, die einfach nur ihre Meinung ungestraft sagen möchten. Herr Höcker von der CDU Werteunion wird zum Rücktritt gezwungen durch Drohungen vermutlich gegen Leib und Leben und niemand interessiert es! Nur eine… Mehr

Eloman
4 Jahre her

Die Tat war halt ne Steilvorlage für Medien und linke Politiker. So eine Chance lassen die sich nicht entgehen. Ist zwar Leichenfledderei, aber der politische und mediale Anstand ist eh schon lange perdu.

Gisela Fimiani
4 Jahre her

Es ist rechtsextrem. Welche Kurz-Schlüsse daraus aber gezogen werden, befördert womöglich die nächste Katastrophe.

Babylon
4 Jahre her

Das ist nicht rechtsextrem sondern einfach verückt. T.R. geht sogar weiter. Er will das von ihm so genannte „Welträtsel“ lösen, warum überhaupt auf diesem Planeten Leben existiert, das von ihm als leidvoll angesehen wird. Die Lösung dieses Rätsels erwartet er von hochentwickelten „Rassen“, die fähig sind „wissenschaftlich“ zu arbeiten. Interessanter Weise hat er Chinesen und Japaner von seinen orgiastischen Vernichtungsphantasien ausgenommen.

dubium
4 Jahre her

Warum hat dann der GBA das nach Erhalt der Anzeigen 2019 nicht so eingeschätzt und die Polizei nach Erhalt seiner Anzeigen nicht ebenfalls? Sicher sind dise Aussagen rassistisch und rechtsextrem, aber wollen Sie auch den DFB oder Hollywood dafür verantwortlich machen. Wolfgang Meins schreibt über einen ähnlichen Krankheitsfall:So erinnere ich mich an einen schizophrenen Patienten, der sich im Rahmen eines Krankheitsschubes vom KGB kontrolliert und abgehört wähnte. Auch sein treuer Dackel, an dem er sehr hing, wurde schließlich in das Wahnsystem mit einbezogen, leider in der Rolle als KGB-Spitzel, was dem Hund dann das Leben kostete. Aber niemand wäre damals… Mehr

Eloman
4 Jahre her
Antworten an  dubium

Es wäre rechtsextrem, wenn es nicht die Ausgeburt seiner paranoiden Schizophrenie wäre. Die meisten Rechtsextremen mögen vielleicht Spinner sein, aber geisteskrank sind sie idR nicht. Für mich gehört er eher in die gleiche Kategorie wie Adelheid Streidel oder Dieter Kaufmann, die Attentäter in den Fällen Lafontaine und Schäuble.

Ralf Poehling
4 Jahre her

Sehr gut auf den Punkt gebracht, Herr Gallina. Als Rechtsterrorismus geht das Attentat von Hanau nicht durch, auch wenn die amtierende Politik dies mal wieder so darstellen will, um ihre eigene Agenda durchzudrücken. Die Bezeichnung „Terrorismus“ setzt ein Minimum an Organisationsgrad voraus und das gemeinsame Handeln mehrere Personen zum Zwecke der politischen Umgestaltung dieses Landes. Ein sozial isolierter Einzeltäter passt eher nicht in dieses Schema. Auch das Manifest, wie ebenso das Erscheinungsbild des Täters, entsprechen nicht dem üblichen rechtsextremistischen Bild. Der Mann hat nicht nur wirres rassistisches Zeug von sich gegeben, sondern im gleichen Zusammenhang auch über Fußball philosophiert. Er… Mehr