Fördern und Fordern

Es ist hoch unverantwortlich, Migranten Monate oder gar Jahre zur Tatenlosigkeit zu verurteilen. Nicht nur, aber vor allem im Sprachunterricht, kann das später nicht aufgeholt werden, weiß Ingrid Ansari aus Erfahrung.

@ Carsten Koall / Getty Images

„Deutschland ist ein weltoffenes Land. Die Integration der ständig in Deutschland lebenden Zuwanderer zu fördern, ist eine der wichtigsten innenpolitischen Aufgaben. Leitlinie bleibt dabei Fördern und Fordern.“

So lautet der erste Satz im Stichwort Integration des Bundesinnenministeriums, das an späterer Stelle „die Stärkung der „Willkommens- und Anerkennungskultur“ noch einmal besonders hervorhebt.

Unbeantwortete Fragen

Menschen sind ins Land geholt worden. Gute Worte und hochfliegende Versprechungen haben sie begleitet und viele Bürger mit Gaben auf die Straße und zu den Bahnhöfen getrieben. Berge von Teddies (warum eigentlich so viele Teddies?), oft ein Übermaß an Unnötigem, wahllos Mitgebrachtem, Aussortiertem; Kleidung, Lebensmittel – Hype! Begrüßt, beklatscht, angekommen. Aber wie soll’s nun weiter gehen? Was nun? Hat das eigentlich mal jemand in den vielen Talkshows gefragt? Ja, es wurde gefragt. Und hat man Antworten bekommen? Es war wohl mehr so, wie es Kurt Tucholsky beschreibt: „Es wird nach einem happy end im Film jewöhnlich abjeblendt.“

Noch viele andere Fragen sind offen geblieben. Besonders am Anfang der Zuwandererkrise hat man immer wieder mit ungläubigem Staunen von Menschen gehört, die sich gleich am Bahnhof, per Notbremse aus Zügen oder aus ihren Unterkünften abgesetzt hatten und – manchmal im Taxi – unregistriert und spurlos in den Weiten Deutschlands verschwunden sind. (Wo sind die jetzt?) Von Menschen, die unzufrieden sind, weil sie sich mit unrealistischen Erwartungen auf den Weg gemacht haben und nun zurück wollen, wobei sich die Frage aufdrängt, warum sie eigentlich über mehrere sichere Länder hierher gereist sind, wenn sie den Weg zurück überhaupt in Erwägung ziehen können.

Hier und da dringt etwas aus den Unterkünften nach draußen. Einige meiner Freunde haben sich für ehrenamtliche Tätigkeiten gemeldet, erzählen von unterschiedlichen Erlebnissen. Davon, dass ihr Angebot, Deutschunterricht zu geben, abgelehnt wurde. Davon, dass sie aufgefordert wurden, an Demos teilzunehmen. Davon, dass gespendete Kita-Möbel schon nach kurzer Zeit demoliert wurden, weil Kinder sich im Aufenthaltsraum ohne Aufsicht aufhielten. Davon, dass sie erst den Hausmeister bitten mussten, genügend Dixi-Klos zu bestellen. Davon, dass die Heimbewohner zu keiner Hausarbeit herangezogen werden, weil man ihnen das angeblich nicht zumuten kann. – Aber ein Bild davon, wie es in den Unterkünften wirklich aussieht, habe ich durch die Erzählungen nicht gewinnen können.

Was erfahren wir wirklich?

Konkretes wie die aufschlussreichen von Klemens Volkmann bei ‚Tichys Einblick‘ dokumentierten „Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag einer Sozialpädagogin bei der Betreuung mit unbegleiteten Minderjährigen“ unter der Überschrift „Wenn Integration mit Unehrlichkeit beginnt“ und bei Cicero erfahren wir selten. Dieser Fund ist ein Glücksfall, weil „Laura“ – so der fiktive Name der Sozialpädagogin – ziemlich detailliert Auskunft gibt und einiges von dem bestätigt, was man schon immer vermuten konnte. Andererseits will und muss sie sich dabei bezeichnenderweise schützen und hat keinen Wert als Quelle, weil sie und ihre Institution anscheinend anonym bleiben müssen, wie jeder einzusehen scheint. Warum eigentlich?

Einen weiteren der wenigen ehrlichen und tief schockierenden Artikel über ein anderes Tabu-Thema entdeckte ich kürzlich im HAMBURGER ABENDBLATT. Die wegen Diskriminierung als Christen durch Muslime aus dem Erstaufnahmelager geflüchteten Brüder Elias und Jacob, sowie ein Diakon und eine in der Flüchtlingshilfe engagierte Politikerin, die die beiden Syrer befreit hatten, wollen ebenfalls aus Angst anonym bleiben. Nicht nur, weil man die Brüder nicht gefährden will, sondern auch, weil das Thema „religiös motivierte Übergriffe“ in Asylunterkünften vielen kirchlichen und politischen Gremien zu heikel sei. Eine Diskussion darüber werde mit Verweis auf politische „rechte“ Reflexe in der Bevölkerung häufig abgewürgt, sagt die Politikerin. Der Senat verharmlost das Thema und lehnt Trennung nach Religionen ab. Wäre ja auch keine sehr gute Prognose für die Integration, sondern eher ein Vorzeichen für Bedrohung und neue Parallelgesellschaften.

Gegen die Aufkündigung der Debatte
Einwanderung - Plädoyer für den öffentlichen Diskurs auf wissenschaftlicher Basis
Fragen über Fragen, auf die man als Bürger keine Antworten erhält. Man hört und liest hier und da von mehr als unzulänglichen Zuständen in den Heimen, von drängender Enge, von Frauen, die sich nachts nicht auf die Toilette trauen, weil sie Übergriffe befürchten, von unhaltbaren hygienischen Verhältnissen. Man hört von Frauen, die berichten, sie fühlten sich hier plötzlich bedrängter, die Gebote der Scharia zu befolgen, als in ihrer Heimat. Täglich muss die Polizei ausrücken, um in Heimen – oft blutige – Konflikte zu beenden. Messer als Waffen tauchen in Berichten vermehrt auf. Eins ist klar: An Privatsphäre ist in diesen Unterkünften nicht zu denken.

So kann man sich hier und da vielleicht mal ein paar Informationen zusammen klauben, aber ein belastbares Bild ergibt das nicht, sondern nur die sprichwörtlichen Nadeln, die man manchmal in einem Heuhaufen finden kann. Meist sind es nur Fälle von gelingender Integration, Einzelinitiativen von engagierten Bürgern, von denen berichtet wird.

Beispiel: ZDF-Zoom-Sendung vom 2.3.2016

Eine der wenigen mir bekannten wirklich informativen Dokumentationen, die leider nur halbstündige ZDF-Zoom-Sendung vom 2.3.2016, trifft meiner Meinung nach genau den Punkt, wenn sie den Titel „Integrations-Wirrwar“ wählt. Rita Knobel-Ulrich, die Macherin der Doku, ist eine tatkräftige Frau, die – den Eindruck gewinnt man sofort – am liebsten gleich vor Ort die ganze lahmende Angelegenheit in Schwung bringen würde. Sie hat mehrere Einrichtungen besucht. Was dabei heraus gekommen ist, kann man wie folgt zusammenfassen:

  • Die anfängliche Datenerfassung, die oft nacheinander in drei verschiedenen Meldestellen stattfindet, ist meist nicht vernetzt. Schulbildung und berufliche Qualifikation werden nicht zwingend abgefragt.
  • Wenn es endlich – nach Monaten – mal einen Kurs gibt, ist er oft nicht verpflichtend und auf 40 Stunden begrenzt. Zitat einer Lehrerin: „Je schlechter das Wetter ist, um so mehr kommen.“ Die „Guten“ würden dann evt. zu einem von Firmen und anderen Institutionen finanzierten Volkshochschulkurs geschickt, erzählt eine Betreuerin. Einheitliches Unterrichtsmaterial stehe nicht zur Verfügung. Falls den Männern die Zusammensetzung des Kurses nicht gefällt, verlangen sie getrennten Unterricht für ihre Frauen, die sich nicht trauen, eine Meinung zu haben.
  • Die Eingliederung in einen Beruf scheitert oft an kulturellen Unterschieden. Interessiert sich eine Frau z.B. für eine Ausbildung als Frisörin, scheitert das u. U. daran, dass Frauen keine Männer frisieren wollen/dürfen. Schweinefleisch schneiden und kosten ist ein Problem für die Ausbildung als Koch.

In Dänemark hat sich Frau Knobel-Ulrich auch umgeguckt, und dort scheint man aus früheren Erfahrungen gelernt zu haben. Integration ist Pflicht. Die landesüblichen Werte und Sitten – z.B. Frauen bei Gesprächen ansehen, ihnen die Hand geben, eine Frau als Chefin akzeptieren, pünktlich sein – müssen akzeptiert werden. Jeder muss Dänisch lernen und ein Praktikum machen. Der Integrationsunterricht findet für Männer und Frauen gemeinsam in Mischkursen statt. Wer fehlt, bekommt weniger Geld. Ausreden gelten nicht. „Kommt bloß nicht nach Dänemark“, warnt eine Syrerin ihre Landsleute zu Hause.

Rita Knobel-Ulrichs Fazit: „Fördern“ im Verbund mit „Fordern“ findet in den Unterkünften in Deutschland bisher nicht statt. Dazu kommt, dass jede Gemeinde, jede Stadt, jedes Bundesland unterschiedlich agiert. Die Maßnahmen sind nicht strukturiert; man verlässt sich auf viele Einzelinitiativen von Bürgern. Ein bundesweites Gesamtkonzept gibt es nicht. Das sei in Arbeit, sagt Andreas Hollstein, Bürgermeister von Altena bei Maybrit Illner. „Den Rest stemmen wir mit der Zivilgesellschaft.“ Frau Knobel-Ulrich war auch zu Gast in dieser Sendung. Ihre Erfahrungen schienen wenig gefragt zu sein, sind wir doch mal wieder Weltmeister – diesmal in Humanität – und wollen uns dieses Bild nicht kaputt machen lassen. Von oben herab hat man andere europäische Länder ob ihrer Unterbringung immer wieder abgekanzelt, während man selber weiter wurstelt und die Ehrenamtlichen allein machen lässt. Warum „stemmen“ die das immer noch? Viel Protest scheint es von deren Seite nicht zu geben. Man erfährt jedenfalls nichts davon.

Deutschunterricht für Ausländer – eigene Erfahrungen

Fast vier Jahrzehnte habe ich Deutsch als Fremdsprache in Intensivkursen unterrichtet. Der Grundkurs umfasste 8 Wochen à 24 Stunden pro Woche. Danach konnten sich die Schüler in der Umgangssprache mehr oder weniger gut verständigen und einfache Texte lesen. Studenten, die an einer deutschen Universität studieren wollten, brauchten mindestens drei dieser Intensivkurse, um sich für ein Studium zu qualifizieren. Höre ich dann, was meine Freunde erzählen, die oft keine qualifizierten Sprachlehrer sind und die Flüchtlinge ein- bis zweimal pro Woche im Wechsel mit anderen Ehrenamtlichen unterrichten, dann sehe ich in Punkto Sprachunterricht schwarz für die Integration. Kurz nach der Ankunft sollte es für alle einen verpflichtenden, von ausgebildeten Sprachlehrern gegebenen Sprachkurs mit Unterrichtsmaterialien geben. Integrationshilfen kann auch dieser Sprachlehrer gleichzeitig leicht in seinen Unterricht mit einbauen.

Analphabeten müssen in getrennten Kursen unterrichtet werden. Es ist schon einige Jahre her, dass ich als Ehrenamtliche selbst einmal für zwei Jahre eine afghanische Familie unterrichtet habe. Die vier kleinen Kinder besuchten schon die Schule. Der Mann war hoch motiviert und hatte schon die russische Sprache gelernt, als er sich für eine Fortbildungsmaßnahme in Russland aufhielt. Ich hätte ihn wahrscheinlich bis zum damals für die Einbürgerung benötigten Zertifikat bringen können. Er brach dann aber ab, als er eine Arbeit in einem Hotel erhielt. Seine Frau war Analphabetin, und ich habe erfahren, wie unendlich mühsam es für Erwachsene ist, Lesen und Schreiben – und das auch noch in einer Fremdsprache – zu lernen.

Gefahren durch Untätigkeit

Eins liegt auf der Hand und darf einfach nicht wegdiskutiert und beschwiegen werden: Wenn die Menschen in ihren improvisierten Unterkünften (darunter etwa 1.000 noch besetzte Turnhallen) monatelang (bei der Maybrit-Illner-Sendung vom 21.3.16 war die Rede von 500.000 Menschen, die nach 2 Jahren noch keinen Bescheid erhalten haben) ohne Zukunftsaussichten, ohne Sprach- und Integrationskurse dahin vegetieren, wenn man ihre – nehmen wir mal an – anfängliche Bereitschaft und Motivation zu lernen und sich weiterzubilden nicht auffängt, verpufft sie in der der Aussichtslosigkeit, der gähnenden Langeweile und Monotonie des Alltags in der fremden Kultur ohne Verständigungsmöglichkeiten. Vor allem junge tatkräftige Männer (in einem gewissen Alter ist man für Verführungen sehr anfällig – wissen wir alle) gleiten nicht selten in die kriminelle Szene ab oder geraten in die Fänge von Extremisten. Warum fällt es uns in diesem Land eigentlich so ganz besonders schwer, Eigenverantwortung abzuverlangen. Lieber antworten wir erst mal anstelle der Migranten und machen sie zu Opfern: dies und das könne man ihnen nicht zumuten, man müsse auf ihre Kultur Rücksicht nehmen und z.B. Kurse getrennt nach Männern und Frauen anbieten. Man könne besonders Männer nicht zu Hausarbeiten heranziehen. usw. usf. Und das kommt gerade aus Kreisen, die sich Jahrzehnte lang für Selbstbestimmung, Emanzipation und Frauenrechte eingesetzt haben.

Viele der Angekommenen bemerken die Planlosigkeit der Behörden, die Ratlosigkeit der Hilfskräfte, die Schwerfälligkeit der Bürokratie sehr schnell. Gemeinsam Waffeln backen – wie es uns der Kölner Pfarrer Franz Meurer in der Illner-Runde vom 31.3.16 ans Herz legt, ist ja schön und gut gemeint, aber das kann wohl die oft in Hoffnungslosigkeit umschlagende Aussichtslosigkeit von jungen Leuten, die noch ein ganzes Leben vor sich haben, auf Dauer nicht auffangen. Je länger sie tatenlos, „sprach-los“, frustriert, ohne professionelle Anleitung und Orientierungshilfen in ihren tristen Unterkünften herum sitzen, um so schneller geraten sie naturgemäß an Drogen, an Alkohol, in kriminelle oder extreme Kreise, die sie für obskure Zwecke ausbeuten – in Milieus, deren weitere Ausbreitung wir uns alle nicht wünschen können.

Ingrid Ansari war Dozentin am Goethe-Institut.

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