Protest gegen Vertuschung: Demonstration bringt Epstein-Debatte nach Berlin

Berlin: Tausende fordern Aufklärung im Epstein-Komplex und mehr Kinderschutz. Betroffene berichten von Missbrauch und Behördenversagen. Mittendrin statt nur dabei: Xavier Naidoo. Er verlangt: „Weg mit den Schwärzungen in den Epstein-Files.“ Von Tom Schwarz

copyright/ Tom Schwarz für TE

Der „Epstein-Sumpf“ illustriert weltweit, dass der Schutz von Minderjährigen nichts an Aktualität verloren hat. Allein in Deutschland verschwinden jedes Jahr 800 Kinder spurlos und zehntausende werden, warum auch immer, in staatliche Inobhutnahme verbracht. Viele von ihnen sind aber auch dort alles andere als sicher. Allein in Berlin wurden im Rahmen des „Kentler-Experiments“ bis in die 2000er-Jahre Kinder an Pädophile vermittelt.

Umso wichtiger war die jetztige Teilveröffentlichung der Epstein-Files und die Demonstration für viele, die selbst Opfer von Missbrauch geworden waren. Laut Organisator Xavier Naidoo werde über die Pflicht zur Nennung von Klarnamen gesprochen. Er bezog sich dabei auf eine Äußerung von Friedrich Merz, die dieser während des politischen Aschermittwochs in Trier gefordert hatte: „Ich möchte Klarnamen im Internet sehen. Ich möchte wissen, wer da sich zu Wort meldet“.

Diese „Klarnamenspflicht“ fordert Naidoo auch für die Täter von Kindesmissbrauch. Es könne nicht sein, dass die Täter unbehelligt frei herumlaufen. „Weg mit den Schwärzungen in den Epstein-Files!“ rief er unter tosendem Beifall. Rund 3.000 Menschen versammelten sich bei dieser Demonstration an der Siegessäule. Die Organisatoren hatten allerdings auf deutlich mehr Teilnehmer gehofft.

Der Zug der Demonstranten, die Kinderschutz und Aufklärung im Bereich Pädophilie-Kriminalität forderten, zog anschließend bis zum Bundeskanzleramt. Eine Hauptbühne durfte aufgrund behördlicher Auflagen nicht aufgebaut werden, sagte der Veranstalter Mattheus Westfahl. Der Journalist Billy Six fügte hinzu, dass das jedoch nur kleinere Repressalien wären, wenn sie mit den Einschränkungen während der Corona-Zeit vergleichen würden Polizei und Teilnehmer blieben, wenn man von zwei Festnahmen hinter der Bühne absieht, friedlich.

Die prominenten Namen zogen viele Vertreter der Presse, aber auch zahlreiche YouTuber unterschiedlichster Lager an. Die einen sprachen von einer gefährlichen Mischung aus Rechtsextremen und Reichsbürgern. Einer davon, der sich selbst als Straßenreporter bezeichnende Vollmarcant, viel dabei durch besonderen Eifer auf. Er ist bei jungen Zusehern sehr beliebt. Seine Videos werden hunderttausendfach geklickt. Angesprochen, ob Pädophilie für ihn wichtig sei, fiel ihm nicht viel mehr ein, als die nichtssägende Antwort: „Ich bin für die Aufklärung von Straftaten.“

Vollmarcant’s Zuschauer explizit der Meinung, dass die Gefahr von Rechts auch auf dieser Demonstration bekämpft werden müsse. Für ihn bedeutet das, dass er in seinen Straßeninterviews unbedingt Menschen auftreiben muss, die er für rechtsextrem hält, um mit diesen dann über deren Ansichten diskutieren zu können. Das wäre grundsätzlich eine spannende Idee, wenn bei Vollmarcant die Grenze des Rechtsextremissmus nicht schon dort beginnen würde, wo seine eigene linke Weltsicht endet.

Deutschlandfahnen, Epstein-Kostüme und Transparente mit Aufschriften wie „Schützt die Kinder“ prägten das Bild. Die Stimmung war angespannt, teilweise emotional. Betroffene berichteten auf der Bühne unter Tränen über Missbrauch oder Staatswillkür, die sie erfahren mussten. Zwei Mütter schilderten Fälle von systematischem Kindesentzug und mangelnder staatlicher Unterstützung.

Xavier Naidoo sprach aufgebracht zu dem bunt gemischten Publikum und zu den vielen Fans, die anscheinend von weit her angereist waren. Das war sicherlich auch ein Grund, weshalb Naidoo Songs zum besten gab. Nach der Showeinlage richtet er einen Appell an die Politik und Medien. Täter müssten zur Rechenschaft gezogen werden, sagte er und nahm damit auch die Medien in die Pflicht. Immer wieder werde im großen Stil vertuscht und die Politik würde untätig bleiben. Damit sollten die Medien sich nicht zufrieden geben und nachhaken.

Naidoo trat mit Personenschutz auf, kugelsichere Weste inklusive. Auf die Frage einen Journalisten, ob dieser Aufwand notwendig wäre, antworte er: Bei der Zahl an Morddrohungen, denen er ausgesetzt sei, wäre das leider unerlässlich.

Am Ende des Tages bleibt festzuhalten: Die Demonstration zog Aufmerksamkeit auf sich – sowohl durch mediales Interesse als auch durch politmedialen Gegenwind. Besonders in alternativen Medien wurde die Demo intensiv begleitet und sorgte für Wohlwollen.

Eine irritierende Szene gab es während der Demonstration. Eine Frau iranischer Herkunft zeigte öffentlich den Hitlergruß und rief laut „Heil Hitler“. Demonstranten verständigten daraufhin die Polizei. Diese nahm die Frau wegen des Verdachts der Holocaustleugnung fest.

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