Nukleare Revolution aus UK: Atommüll zur Krebstherapie

Radioaktive Strahlung kann Krebs auslösen. Ein Unternehmen in Cambridge dreht den Spieß um: Es nutzt vermeintlichen Atommüll, um Krebs zu bekämpfen. Dem Unternehmen wurden dafür 400 Tonnen zur Verfügung gestellt. Von Wolfgang Kempkens

picture alliance / empics | David Davies

Der Begriff „Atommüll“ ist scheinbar untrennbar verbunden mit höchst negativen Assoziationen. Jahrtausendelang bleibt er eine Gefahr für die Menschheit, und selbst kleine Dosen der von dieser Art Abfall ausgehenden radioaktiven Strahlung können Krebs auslösen. Das Unternehmen Bicycle Therapeutics in der britischen Hochschulstadt Cambridge kehrt den Spieß jetzt um. Es nutzt den vermeintlichen Müll, um Krebs zu bekämpfen. Die britische Behörde für die Stilllegung kerntechnischer Anlagen (Nuclear Decommissioning Authority) hat dem Unternehmen 400 Tonnen davon zur Nutzung zur Verfügung gestellt.

Bicycle Therapeutics gewinnt daraus ein sogenanntes Radiopharmakum, ein radioaktiv strahlendes Material, das an ein Biomolekül mit einer ganz besonderen Eigenschaft angeheftet wird. Es sucht, wenn es in die Blutbahn injiziert wird, gezielt umherwandernde Krebszellen – Metastasen – und solide Tumore, klammert sich an diesen fest und zerstört sie durch radioaktive Strahlen. Da diese eine Reichweite von weniger als einem Millimeter haben, schädigen sie umliegendes gesundes Gewebe kaum, sodass gefährliche Nebenwirkungen weitgehend ausbleiben.

Bicycle Therapeutics nutzt eine vom United Kingdom National Nuclear Laboratory entwickelte Technologie, um aus dem Atommüll, der zuvor in einer Wiederaufarbeitungsanlage von den gefährlichsten Inhaltsstoffen befreit worden ist (vor allem von Plutonium- und Uranisotopen), Thorium 228 zu extrahieren. Das ist eine radioaktive Form des Metalls Thorium, das über Jahrzehnte hinweg kontinuierlich aus dem ebenfalls radioaktiven Thorium 232 entsteht, einem Bestandteil des Atommülls. Der begehrte Wertstoff kann viele Jahre lang aus dem Material gewonnen werden.

Er wird in einen strahlensicheren Behälter gefüllt, in dem er weiter zerfällt. Nacheinander entstehen drei weitere Isotope, ehe das Ziel erreicht ist: ein radioaktives Bleiisotop (Blei 212). Dieses kann kontinuierlich aus dem Behälter abgezweigt werden. Insider sprechen von „melken“ und nennen den Behälter analog dazu gern „Bleikuh“. Dieses radioaktive Blei zerfällt in andere Isotope (Bismut und Polonium), die für Krebszellen tödliche Alphastrahlen aussenden, allerdings nur wenige Stunden lang. Was übrig bleibt, wird nach einer Weile auf natürliche Weise über die Nieren aus dem Körper entfernt.

Der vermeintliche Atommüll ist „eine dauerhafte Quelle für lebensrettende Präzisionstherapien“, so das britische Ministerium für Wissenschaft, Innovation und Technologie. Jedes Jahr könnten künftig auf diese Weise Zehntausende Dosen Blei-212 hergestellt werden.

Sogenannte Alphastrahler sind in der Nuklearmedizin sehr gefragt, weil sie nur eine geringe Reichweite haben, gesundes Gewebe also weitgehend schonen. Wichtig ist, dass sie sehr schnell zerfallen, um den Körper nicht langfristig zu belasten, aber so lange aktiv bleiben, dass Krebszellen zuverlässig zerstört werden. Die Folgeprodukte von Blei-212 erfüllen all diese Bedingungen. Bisher wird bei weitem nicht genug Material dieser Art hergestellt. Zudem verliert es auf dem Weg zum Endverbraucher, nuklearmedizinischen Kliniken, einen großen Teil seiner Wirkung. Je näher es am Patienten produziert wird desto effektiver ist es bei der Zerstörung von Krebszellen.

Die „zielgerichtete Alpha-Therapie“ (Targeted Alpha Therapie, TAT) hat nicht nur große Bedeutung bei der Zerstörung von Metastasen. Sie ist auch besonders wirksam bei der Behandlung von Bauchspeicheldrüsen-, Eierstock- und Hautkrebs.

Deutschland hat die Voraussetzung für die lebensrettende Wirkung von speziellem Atommüll einst ebenfalls geschaffen. Das damalige Kernforschungszentrum Karlsruhe (heute Karlsruher Institut für Technologie) betrieb bis 1989 eine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennelemente. Die dabei gewonnenen Brennstoffe Uran und Plutonium konnten erneut in Kernreaktoren genutzt werden, der Rest hätte medizinischen Zwecken dienen können oder problemlos als heutiger Atommüll gelagert werden können, weil er bei weitem nicht so lange radioaktiv bleibt wie unbehandelter Atommüll. Aus politischen Gründen stieg Deutschland damals aus dieser Technik aus. Eine im bayerischen Wackersdorf geplante große Wiederaufarbeitungsanlage wurde deshalb zu den Akten gelegt.


Wolfgang Kempkens studierte an der Techni­schen Hochschule Aachen Elektrotechnik. Nach Stationen bei der „Aache­ner Volkszeitung“ und der „Wirtschaftswoche“ arbeitet er heute als freier Journalist. Seine Schwer­punkte sind Energie und Umwelt.

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Kommentare ( 3 )

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Autour
52 Minuten her

Uiuiui… Es ist ja schön, dass man EIN Isotop des „Atommülls“ weiterverwenden kann … aber ich finde es etwas bizarr hier von Atommüll zu sprechen, denn Thorium is ja nun weissgott nicht das kritische Element im „Atommüll“ der aus vielen strahlenden Bestandteilen besteht. Hätte man nun eine Lösung für Neptunium gefunden… aber so… NEIN! AM bestend en ganzen A-Müll in einem der „Neuen“ Reaktoren verbrennen… DAS wäre und ist die Lösung… In Dummland gibt es ja bereits schon gravierende Engpässe in der Radionukleid medizin, weil es hier keine Reaktoren mehr gibt, die die Benötigten Nukleide produzieren könnten… naja mit Links… Mehr

Mermaid
53 Minuten her

Nun kann ich das Ganze als Laie natürlich überhaupt nicht beurteilen. Aber mal weiter gedacht. Mit unseren vorhandenen Kernkraftwerken könnten wir Strom für 3,5 €-Cent produzieren. Das ist möglich, weil alle Kernkraftwerke kaufmännisch abgeschrieben sind. Das ist leider nicht möglich, weil Merz und Söder es zuließen, daß diese Kraftwerke in die Luft gejagt wurden… Den anfallenden Atommüll könnte man, so die Kraftwerke noch arbeiten würden, also zur Krebsbekämpfung nutzen. Eine Hoffnung zweifellos für viele Betroffene. In einem dritten Schritt könnte sodann der verbliebene Müll in modernen Dual-Fluid-Reaktoren (wer nicht weiß, was das ist: einfach mal bei TE Björn Peters und… Mehr

Logiker
1 Stunde her

Es steht schon seit vielen, vielen Jahren unstrittig fest, dass der sogenannte „Atommüll“ ein wertvoller Rohstoff für die Energiegewinnung und andere zwecke ist.

Was aber passiert in Deutschland?
Man sucht und sucht und sucht ein Endlager – für zig Milliarden.

Trotzdem bleibt die Kernenergie die einzig sinnvolle Alternative.

Das wußten auch die Grünen – deshalb haben sie die zerstört.