Der blonde Derwisch und das Motzki-Gesicht

Deutschland verliert verdient mit 1:2 gegen Ecuador. Während der Außenseiter geschlossen, mutig und voller Überzeugung auftritt, wirkt die DFB-Elf wie ein Orchester aus Solisten – und Nagelsmann zunehmend ratlos.

picture alliance / Sportpics | Marc Schueler

Nun ist es geschehen. Eine sogenannte „Hammergruppe“ schien es vor der WM nur für Deutschlands Gegner zu sein. Doch nun kassiert die DFB-Elf ihre erste Niederlage. Als Gruppensieger bereits für das Sechzehntelfinale qualifiziert, verliert Deutschland verdient mit 1:2 gegen Ecuador. Das Public Viewing daheim ist damit gründlich verhagelt. Hallo, gegen Ecuador!?

Nicht gegen Brasilien. Nicht gegen Argentinien. Nicht gegen Frankreich. Sondern gegen eine Mannschaft, die viele vor dem Turnier ungefähr dort einsortiert hatten, wo man im Supermarkt das Korianderregal sucht: irgendwo da hinten. Obwohl auch für Ecuador Spieler aus europäischen Spitzenclubs auf dem Platz stehen.

Und genau diese Ecuadorianer tanzen der DFB-Elf auf dem Rasen den Tango vor. Ironischerweise mit einem Argentinier auf der Trainerbank. Sebastián Andrés Beccacece. Blond. Hibbelig. Laut. Ein Derwisch im Dauerlauf. Einer, der seine Spieler anzündet wie ein Streichholz ein Lagerfeuer. Vor wenigen Monaten, aber auch noch nach der Nullnummer gegen Curaçao, wurde er heftig infrage gestellt. Zu wild. Zu emotional. Zu verrückt. Und zu wenige Tore.

Jetzt lachen und jubeln sie alle mit ihm. Beccacece kletterte sofort nach dem Abpfiff über die Tribünenabsperrung zu seiner Familie und holte sich seine Streicheleinheiten persönlich ab, während die Ecuadorianer im Stadion eine Art Jahrhundertsieg feierten. Ecuador ist ebenfalls weiter.

Eine Erkenntnis? Ecuador spielt Fußball wie aus einem Guss. Technisch fein. Ballsicher. Mutig. Defensiv stabil. Und wenn die Ecuadorianer umschalten, schwärmen sie aus wie ein Bienenschwarm, der genau weiß, wo der Honig hängt. Identität schlägt Individualität.

Auf der anderen Seite: Julian Nagelsmann. Ja, was soll man sagen? Wie soll man ihn noch fair analysieren? Schon nach zwanzig Minuten hatte man das Gefühl, seine Stirnfalten spielten ein eigenes System. Das berühmte Motzki-Gesicht war wieder unterwegs. Hadern. Gestikulieren. Mit den Armen rudern. Der Blick gen Himmel. Und stets die Schiedsrichterin sowie den vierten Offiziellen an der Seitenlinie im Visier.

Und immer wieder dieses Zähneblecken mit herausgestreckter Zunge. Man wartete nur noch darauf, dass der vierte Offizielle ihm einen Beißring reichte. Nagelsmann störten bei der späteren Befragung die vielen „Freestyle-Einlagen“ seiner Mannschaft. Zu viele Positionswechsel. Zu wenig Ordnung.

Moment. Hört die Mannschaft ihrem Bundestrainer eigentlich noch zu? Oder spielt inzwischen jeder seinen eigenen Spotify-Algorithmus? Deutschland wirkt bunt. Offen. Integrativ. Alles richtig. Aber Fußballspiele werden nicht mit Haltungsnoten gewonnen. Diese Mannschaft wirkt oft wie ein Orchester voller Solisten, in dem jeder dasselbe Lied anders interpretiert.

Ecuador dagegen spielt wie eine Band, die seit zehn Jahren gemeinsam auf Tour ist. Was allerdings nicht der Fall ist. Der Außenseiter wird richtig geführt und spielt auch für die Menschen in Ecuador. Da greift jedes Riff. Da sitzt jeder Einsatz. Da kennt jeder den nächsten Ton.

Und dann ist da auch noch John Yeboah Zamora. Ein Hamburger Junge. Er spielt für Ecuador und für den Serie-A-Aufsteiger FC Venedig. Während Deutschland über Raumaufteilung philosophiert, rennt Yeboah einfach los und spielt Fußball. Die Betonung liegt auf: spielt. So einfach kann es manchmal sein.

Manuel Neuer? Der wiederentdeckte Welttorhüter, im Kader fast schon ein Methusalem, kassierte in jedem Gruppenspiel mindestens ein Gegentor. Unhaltbar waren sie nicht alle. Natürlich ist Deutschland weiter. Der Gruppensieg wirkt nun allerdings nicht mehr ganz so glanzvoll. Auch das Sechzehntelfinale gegen einen der besseren Gruppendritten ist erreicht. Sportlich also kein Weltuntergang. Psychologisch aber ein kleiner Weckruf mit dem Presslufthammer. Und jetzt möchte jeder diese DFB-Elf schlagen.

BILD brachte es gewohnt kernig auf den Punkt: „Dieser Auftritt macht Sorgen.“ Ja. Das tut er.
Denn Undav kann nicht jeden Abend den Feuerwehrmann spielen und jedes Spiel noch irgendwie geradebiegen. Vor allem aber fehlte etwas, das Ecuador in rauen Mengen mitbrachte. Überzeugung. Nicht nur taktische. Innere Überzeugung.

Man konnte förmlich sehen, wie elf Ecuadorianer füreinander liefen. Bei Deutschland hatte man manchmal das Gefühl, elf WLAN-Router suchten verzweifelt nach demselben Passwort. Vielleicht kam diese Niederlage genau zur richtigen Zeit. Vielleicht war sie aber auch der erste Blick in den Rückspiegel. Und der zeigt bekanntlich manchmal Probleme, die näher sind, als einem lieb sein kann.

Bis Montag muss Nagelsmann seine Mannschaft wieder einfangen. Weniger Freestyle. Mehr Klartext. Weniger Grimassen. Mehr Gemeinsamkeit. Denn spätestens jetzt hat diese WM ihre erste Pointe geschrieben. Der blonde Derwisch aus Argentinien, Beccacece, ließ den deutschen und vor allem erwünschten Perfektionismus des WM-Favoriten ziemlich alt aussehen.

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Kommentare ( 102 )

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Christa Born
15 Tage her

Es sei Ihnen gegönnt. Die freuen sich wenigsten noch für Ihr Land.

Will Hunting
16 Tage her

Mal für alle.
Hohe Geschwindigkeit in allen Mannschaftsteilen…möglichst darüber.
Extreme Ballsicherheit, nicht nur im Raum, sondern auch in Bedrängnis.
Wenn du das in die Köpfe und Beine rein bekommst ist der Zug zum Tor die Schlussfolgerung.
Das sieht man im Moment bei PSG.
Nagelsmann ist dafür nicht der Richtige.
Zu Musiala…komplett überbewertet.
Wie ein Storch im Salat.
Zu den oben genannten Komponenten ein Fremdkörper.
Im übrigen wird sich der moderne Fußball dahingehend erschöpfen, dem Hochgeschwindigkeitsfussball etwas entgegenzustellen.
Manndeckung. Rolle rückwärts.

Last edited 16 Tage her by Will Hunting
man without opinion
16 Tage her

Moin, ich denke mal die über 80 Fußballexperten hier, haben ein Altersproblem. Zu meiner Jugend hiessen die Weltmeister Beckenbauer, Müller, Meier, Hoeneß usw. Als junger Erwachsener ist mir ein Teamleiter Beckenbauer und sein Team in Erinnerung. Nach der WM in Brasilien wurde dann an Beckenbauer von den Transwoken eine Langzeithinrichtung exempelt. Wenn Annalena nur halb so diplomatisch die gleiche Geldmenge in „Entwicklungshilfe“ investiert hätte, würden wir heute nicht derartig in der Grütze sitzen. Özil, geboren in Gelsenkirchen, zum ultimativen Sündenbock gemacht, hatte der noch eine Wahl? War Kimmich nicht der schlimme Coronaleugner? Mal sehen, was mit dem passiert, wenn sie… Mehr

Sonny
16 Tage her

Fast so schlimm wie das Gekicke gestern (und nicht nur gestern) ist die Begleitung durch zahlreiche „Promis“ und Hauptangestellte der Fernsehsender. Ein pausenloses Gelaber, meistens ohne echten Gehalt. Warum stellt man nicht die Fragen, die sich auch deutsche Zuschauer stellen? Warum läuft Nagelsmann immer wieder mit der Truppe auf, die schon in den beiden vorherigen Spielen in der ersten Halbzeit fast über den Jordan gegangen wäre? Warum spielte z.B. Undav nicht gleich und von Anfang an? Warum wird immer alles, wenn überhaupt, so harmlos kritisiert und nicht beim Namen genannt? ( gestriges Tikitaka) Ballabgaben im Karree, bis man zum eigenen… Mehr

Will Hunting
16 Tage her

Neuer hatte beim Ausgleich den Sekundenschlaf.

Landgraf Hermann
16 Tage her

Das reguläre Ergebnis ist eigentlich 2:0 für Ecuador. Das deutsche Tor ist ein Betrugsfall der Schiedsrichterin. Aber davon liest man in deutschen Medien NICHTS.

Retlapsneklow
16 Tage her
Antworten an  Landgraf Hermann

Doch, doch. Zuerst kam es live im Fernsehen während des Spiels. Auch Online-Medien berichten darüber. Genauer gesagt, alle, wo ich reingeschaut habe.

Retlapsneklow
16 Tage her

Warum ist die französische Nationalmannschaft besser als die deutsche?

Weil die französische mehr Spieler aus Afrika hat.

old man from black forrest
16 Tage her

Daß man sich in einem Spiel bei dem es um nichts mehr geht zurücknimmt, ist trotz aller gegenteiligen Beteuerungen verständlich. Schließlich will man ja Energie für größere Aufgaben sparen. Das heißt aber nicht, daß man dann so schlafmützig agiert und einem ein hellwacher Gegner beim Nachdenken kurzerhand den Ball ablaufen kann. Und mglw. ist auch ein Trainer, der wie ein Derwisch an der Linie agiert ein besserer Motivator als einer, der als meckernder Gockel die 4. Offiziellen belegt. Was einigen Spielern abgeht ist einfach das Emotionale, das man in so einem Turnier braucht. Negativbeispiele sind hier Havertz oder Sane. Die… Mehr

Manfred_Hbg
16 Tage her

Zitat: Diese Mannschaft wirkt oft wie ein Orchester voller Solisten, in dem jeder dasselbe Lied anders interpretiert.“

> Na ja, vielleicht ist ja „Unseredemokratie“ und teile unserer Gesellschaft auf unsere „Die Mannschaft“ am abfärben?

Deutscher
16 Tage her

Mir ist diese Mannschaft so fremd wie alle anderen auch. Für mich fühlt es sich an wie ein Turnier ohne deutsches Team.