Bei Illner: Wo bleibt die Wirtschaftswende?

Hat die Bundesregierung im Superwahljahr die Kraft für dringend nötige Reformen? Lars Klingbeil werden in der Sendung nicht die richtigen Fragen gestellt. Die Bundesregierung drückt sich vor konkreten Maßnahmen und belässt es bei Lippenbekenntnissen. Von Fabian Kramer

Screenprint: ZDF / Maybrit Illner

Die anhaltende ökonomische Malaise in Deutschland macht der Bundesregierung unter Friedrich Merz zu schaffen. Fast ein Jahr seiner Kanzlerschaft ist vorüber und es stellt sich noch immer kein nennenswertes Wirtschaftswachstum ein. Für den Kanzler ist die anhaltende ökonomische Flaute in der Bundesrepublik ein ernsthaftes Problem. Weshalb sich Merz zu Beginn des Jahres als Forderer und Mahner inszenierte. Es würde zu wenig gearbeitet im Lande und die Menschen würden sich zu oft krank melden, befand der CDU-Vorsitzende. Deshalb müssten die telefonische Krankschreibung und das Recht auf Teilzeitarbeit abgeschafft werden, heißt es vom Kanzler.

In einem Super-Wahljahr ist es sicherlich ein eher unglücklicher Start in den Wahlkampf, wenn die Union den Arbeitnehmern neue Folterinstrumente zeigt, obwohl sie ihnen noch im Dezember höhere Beiträge für die Sozialversicherung aufgebürdet hat. Es fehlen tiefgreifende Reformen. Ob diese 2026 kommen, ist fraglich. Der Polit-Talk bei Shakuntala Banerjee, die Maybrit Illner wegen eines Trauerfalls vertritt, befasst sich mit dem Reformstau und dem fehlenden Wirtschaftswachstum in Deutschland. Vizekanzler und SPD-Chef Lars Klingbeil ist zu Gast. Er ist der einzige Politiker in der Runde.

Die Sendung ist in Gänze ein Reinfall. Über tiefgreifende strukturelle Probleme der Bundesrepublik und konkrete Lösungsansätze spricht niemand. Stattdessen gibt es eine oberflächliche Debatte, die sich vor der unbequemen Realität drückt. Die Moderatorin stellt nicht ein einziges Mal die Finanzierungsfrage an den Bundesfinanzminister, obwohl der Staat absehbar in finanzielle Turbulenzen kommen wird. Wohl möglich, dass die nichtssagende Sendung einen Vorgeschmack auf die kommenden Reformen liefert.

Hauptsache, keine Strafzölle

Zum Glück für die Bundesregierung ist der scheinbar völlig irrational handelnde Donald Trump in letzter Sekunde doch noch zur Vernunft gekommen. Wegen der Stippvisite von 15 Bundeswehrsoldaten auf Trumps Lieblingsinsel Grönland wollte der launische US-Präsident Strafzölle für deutsche Waren verhängen. Es kam anders und Trump machte eine Kehrtwende. „Donald Trump ist eingeknickt“, frohlockt Lars Klingbeil. „Durch europäisches Selbstbewusstsein können wir etwas erreichen“, meint der SPD-Chef. Ob Donald Trump wirklich wegen des Drucks aus Europa eingeknickt ist, darf stark bezweifelt werden.

Vielmehr war es dem inneren Druck geschuldet. Die US-Märkte gingen auf Talfahrt und der Dollar verlor rapide an Wert. Große Teile von Trumps eigener Wählerschaft können mit Grönland nichts anfangen und reagieren in Umfragen mit Ablehnung. Weil auch Donald Trump ein Auge auf seine Wähler werfen muss, wurde der ganz große Knall vorerst vermieden. „Wir haben in Deutschland unsere Hausaufgaben zu machen“, stellt Lars Klingbeil richtigerweise fest. Allerdings sorgt vor allem immer wieder die Politik dafür, dass sich die Dinge ungünstig entwickeln. Da schließt Europa endlich ein Freihandelsabkommen mit Südamerika und schon blockiert das EU-Parlament den Prozess.

„Freihandelsabkommen müssen schnell in Kraft treten”, fordert der österreichische Ökonom Gabriel Felbermayr zu Recht. Er ergänzt: „Wir müssen weiter diversifizieren.“ Die Europäer haben in den letzten Jahrzehnten viele ungesunde Abhängigkeiten aufgebaut. Es ist vernünftig, wenn die EU sich nach vielfältigen globalen Handelspartnern umschaut. „Neue Handelsabkommen sind wichtig“, erklärt die Chefin des Verbands der deutschen Automobilindustrie, Hildegard Müller. Allerdings fehlt der obersten deutschen Automobil-Lobbyistin der Reformwillen in Europa und Deutschland. „Es muss ein Jahr der Entscheidungen werden“, fordert sie.

Superwahljahr, aber keine Super-Reform in Sicht

Zur Behebung des besorgniserregenden industriellen Siechtums der Bundesrepublik bedarf es schleunigst kluger und rascher Politik. Dies verspricht Finanzminister Lars Klingbeil in der Sendung auch. „Es ist die Zeit für politische Entscheidungen“, sagt der SPD-Chef. Leider kommt es nicht zu Ausführungen darüber, welche Entscheidungen Lars Klingbeil konkret treffen will. Stattdessen kritisiert Klingbeil, der innerhalb der Union als sensibel gilt, die vielen Kritiker. „Unser Land wird schlecht geredet“, beklagt er. Hildegard Müller vom Verband der deutschen Automobilindustrie fühlt sich angesprochen. „Wir benennen den Reformbedarf“, rechtfertigt sie sich. Sie stellt klar: „Die Automobilindustrie ist gerne Arbeitgeber.“ Allerdings sieht sie einen Abfluss von Investitionen ins Ausland, wegen der vielen politischen Versäumnisse. „Die deutsche Automobilindustrie investiert zum Beispiel in den USA“, berichtet Müller.

Auch Felbermayr sieht die Probleme als politisch verursacht. „Nur der Staat ist gewachsen, aber nicht die privaten Investitionen“, kritisiert der ökonomische Berater der Bundesregierung. Lars Klingbeil verteidigt sich gegen die Kritik. „Es hat noch nie eine Bundesregierung so viel Geld für Investitionen in die Hand genommen wie diese“, meint der Niedersachse. Genau da liegt aber das Problem. Es handelt sich bei den staatlichen Investitionen eben nicht um private Investitionen in die Wertschöpfung, sondern um staatliche Ausgaben für Panzer und Brücken. Die gigantischen Schulden können einen Wachstumsimpuls liefern, ermöglichen aber kein strukturelles Wirtschaftswachstum.

Allerdings besteht wohl innerhalb der Bundesregierung die Hoffnung, dass die vielen Milliarden kurzfristig Wachstum und schöne Zahlen erzeugen, die sich für den Wahlkampf eignen. Alles in allem ist der Talk an diesem späten Donnerstag eine Enttäuschung auf ganzer Linie. Wieder einmal drückt sich die Bundesregierung vor konkreten Maßnahmen und belässt es bei Lippenbekenntnissen zum Reformwillen.

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Kommentare ( 50 )

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Nibelung
16 Tage her

Die Wirtschaftswende nach unten haben wir doch schon seit vielen Jahren und den Sozialisten dürfte es reichlich suspekt sein, daran was ändern zu wollen und so führen sie die Leute systematisch hinter die Fichte und denken garnicht daran das Land aus der Malaise heraus zu führen und das hat was mit der Unfähigkeit und den bösen Absichten zu tun, was schon von Bismarck beschrieben wurde und längst nichts mehr neues ist und sich derzeit nur noch in seiner radikalsten Form darstellt. Würden die Bürger über den entsprechend Verstand verfügen, dann könnten sie es an ihren getarnten barmherzigen Handlungen erkennen, denn… Mehr

Kuno.2
16 Tage her

Statt den Klingbeil einzuladen hätte man besser einen Wirtschaftsfachmann eingeladen!

Nibelung
16 Tage her
Antworten an  Kuno.2

Ein Antifant als Wirtschaftsfachmann ist die Umkehrung der Logik und das sichtbare Zeichen menschlicher Verirrungen.

Nibelung
16 Tage her
Antworten an  Kuno.2

Hinzu kommt noch die Tatsache, daß ein Kanzler niemals den Sozialisten das Finanzministerium überlassen sollte, weil sie mit Geld nicht umgehen können und wer das Ministerium in der Hand hat könnte alle schädlichen Einflüsse blockieren und weil sie es den Roten überlassen haben ist die Schwäche darin erkennbar und das wird uns zum Verhängnis werden. Da hätte es andere Möglichkeiten gegeben um sie in anderen Ministerien an die Wand laufen zu lassen und nur wer keine Ahnung hat oder ein Getriebener ist, kann zu solchen Entscheidungen fähig sein und das noch als die stärkste Partei, die sich damit schwächt und… Mehr

November Man
17 Tage her

„„Donald Trump ist eingeknickt“, frohlockt Lars Klingbeil. „Durch europäisches Selbstbewusstsein können wir etwas erreichen“, meint der SPD-Chef.“ Vor was und vor wem? Vor den 15 Soldaten? Trump sprach davon, sich das zu Dänemark gehörende Grönland notfalls mit Gewalt einzuverleiben. Aber als die Europäer ihre wilde Entschlossenheit zeigten das zu verhindern und Deutschland 15 Soldaten nach Grönland schickte, drohte Trump mal wieder mit Strafzöllen und brach angeblich am Ende vor der Übermacht ein. Meint Antifa-Klingbeil. Vermutlich ist aber die EU vor den angedrohten Strafzöllen eingeknickt und hat die Soldaten nach nur zwei Tagen schnell zurückbeordert. Das war die ganze gewaltige Machtdemonstration… Mehr

gmccar
16 Tage her
Antworten an  November Man

Na, der Wadephul hat doch auch gesagt, dass „der Russe“ uns noch nicht angegriffen hat, weil wir so Stark seien. Klingbeil und Wadepuhl werden uns retten.

Martin Mueller
17 Tage her

Die Herrschaften sind mit allerlei unproduktoven Tralala beschäftigt.
Mit der Wirtschaft beschäftigen sie sich nicht , weil sie es nicht können und wollen.

Was will man von Leuten wie Klingbeil oder Bas denn erwarten. Leute, die man eigentlich nicht auf solchen politischen Position erwartet. Sie sind einfach ideologisch überqualifiziert und die berufliche Vita deutet auf Minderaqualifikation hin.

RauerMan
17 Tage her

Es war m.E. schon eine schonungslose Offenbarung der Politik der kleinen Groko.
Moderatorin stellte richtige Fragen an die Nichtpolitiker, welche keinen Hehl über die Wirtschaftspolitik machten.
Klingbeil wurde höflich, aber unmißverständlich über Probleme angesprochen.
Daß dabei nicht alle Probleme zur Sprache kommen konnten, ist klar.
Ein guter Ersatz der Moderatorin für Frau Illner.

yeager
17 Tage her

Lars Klingbeil wurden genau die richtigen Fragen gestellt. Der Zweck des ÖRR ist nicht kritisches Nachfragen sondern Regierungspropaganda. Die Talkshows dienen da nur scheinbar der Debatte selbst, sondern mehr als Platform grüner und linker Positionen.
Insofern war die Günther / Lanz Geschichte auch ein Betriebsunfall, und der war nicht, dass Günther sich da für Zensur aussprach, sondern dass er von Lanz so festgenagelt wurde, dass die nachträgliche Vernebelungstaktik nicht funktionierte. Günther wollte die Zensurdebatte lostreten und dann den eigenen Kopf aus der Schlinge ziehen.

Logiker
17 Tage her

Am Ende werde es laut Klingbeil ein gerechtes Gesamtpaket geben.
Aber man könne natürlich „keine 60 Milliarden Euro einsparen und keiner merkt es“.

Doch, Herr Klingbei, man würde es merken.
Im Stadtbild, in den Schulen, am Wohnungsmarkt, bei der Sicherheit.

Vorausgesetzt man spart an den richtigen Stellen.

Last edited 17 Tage her by Logiker
Klaus D
17 Tage her

Wo bleibt die Wirtschaftswende?….da warte ich seit anfang der 1980 drauf! Nachdem das wirtschaftwunder vorbei war und es massiv nach unten ging haben wir Kohl CDU gewählt. Und dann fing das an was bis heute anhält – planlosigkeit. Kohl hat schon nur rumgeiert und lobbypolitik betrieben sieheh schwarze koffe rund ein ehrenwort. Dann haben wir Kohl abgewählt und voller hoffung den „boss der bosse“ gewählt = Schröder SPD. Der hat dann auch was getan aber extrem einseitig zu lasten der arbeiter siehe minijobs, befristete verträge, ausufern der leihrabeit, Hartz spirale arbeit arbeitslos arbeit arbeitslos. Gleichzeitig hat er die mittel und… Mehr

Steuernzahlende Kartoffel
17 Tage her

Ein Mitforist in einem anderen Forum meinte kürzlich, Reformen gebe es schon – zwischen Ober- und Unterlippe 😉 Zu intelligenten Maßnahmen ist diese Regierung die angeblich nicht die dümmste der Welt ist wie noch die Exwummsolafsche Ampel völlig unfähig. Das Thema der früher liberalen Partei nämlich Steuerreform ist objektiv dringend, wird aber von der aktuellen Polit-„Elite“ überhaupt nicht als solches erkannt. Ansonsten kann sie nur „Mehr“, z.B. mehr Windräder und Solarzellen gegen Dunkelflaute, mehr Massenmigration in die Sozialsysteme wegen des angeblichen Fachkräftemangels etc., oder eben „Weniger“, d.h. weniger Rente für die die ein Leben lang eingezahlt haben, weniger Krankenhäuser gegen… Mehr

Last edited 17 Tage her by Steuernzahlende Kartoffel
alter weisser Mann
17 Tage her

Autoindustrie: Die Politische Blödheit hierzulande hat nur den Schlußstein gesetzt unter eine Entwicklung die schon länger läuft. Man muss dem Markt folgen. Wenn Südamerika Autos kauft, werden diese dort gebaut, wenn China der Markt ist, werden die Werke dort entstehen. Die Zeiten, wo in deutschland produziert und von hier exportiert wird, die sind vorbei. Und die Zulieferer wissen: Wer nicht mitkommt, ist für diese Märkte eben raus, denn dann werden Zulieferer vor Ort aufgebaut.