Zerstörung christlicher Symbole

Geht Deutschland und Europa durch Vandalismus und geistige Amnesie das kulturelle Erbe des Christentums verloren? Und welche Bedeutung hat das für unsere Gesellschaft?

picture alliance / KNA | Alexander Brüggemann

In den letzten Jahren häufen sich Meldungen über Akte des Vandalismus in Kirchen. Kunstwerke werden zerstört, die Einrichtung ramponiert, Wände mit irgendwelchen Parolen beschmiert. Im Februar war im deutschen Südwesten zum Beispiel eine Kirche in Böblingen betroffen. Der Täter ließ sich in der Kirche einschließen, verwüstete das Inventar, um sich dann an die Orgel zu setzen, an der er spielte, als die Polizei eintraf. Dies mag ein besonders skurriler Fall sein, aber insgesamt kam es allein in Baden-Württemberg 2024 nach Medienberichten zu über 200 Fällen von Vandalismus in Kirchen.

Vereinnahmung und Erweckung
Christentum im "Kulturkampf": Instrumentalisierung des Glaubens?
Noch kritischer ist die Lage freilich in Frankreich, wo es vermehrt auch zu Brandstiftungen kommt, denen dann unter Umständen die gesamte Kirche zum Opfer fällt, wie das Journal de Dimanche im Dezember 2025 berichtete. Die Motive der Täter, von denen die meisten nie gefasst werden, sind oft nicht klar zu erkennen. In Frankreich dürfte eine lange Tradition des radikalen Antiklerikalismus eine erhebliche Rolle spielen, die die politische Linke bis heute prägt und die sich im Zuge der Auseinandersetzungen um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche phasenweise noch einmal verstärkt haben dürfte.

Dazu kommt dann wie in anderen europäischen Ländern eine sich in bestimmten gesellschaftlichen Milieus ausbreitende blinde Zerstörungswut, ein Vandalismus, der nicht wirklich ideologisch oder politisch motiviert ist, aber mit Freude gerade das vernichtet, was anderen heilig ist.

Schließlich dürfte ein Teil der Täter, auch wenn es sich nur um eine Minderheit handelt, dem islamistischen Milieu zuzurechnen sein. Es handelt sich um Menschen, die persönlich durch die Kultur von Ländern geprägt sind, die so etwas wie vollständige Religionsfreiheit für vermeintliche „Ungläubige“ nicht kennen – und das gilt für die meisten mehrheitlich muslimischen Länder – und in denen Christen, soweit sie überhaupt in der Lage sind, ihren Glauben sichtbar zu leben, in der jüngeren Vergangenheit regelmäßig zum Ziel von Angriffen wurden. Für diese Menschen ist es offenbar eine unerträgliche Provokation, dass ihre eigene Religion, der Islam, in Europa einstweilen keine beherrschende Position einnimmt. Zahlenmäßig dürfte dieser Täterkreis aber eher nicht dominieren, so bedenklich der sich hier manifestierende religiöse Fanatismus auch sein mag.

Kulturblinde Zeit

Schweigen in Medien, Politik und Kirchen
Hassobjekt Christentum – auch in Europa
Entscheidender sind andere Faktoren. Im Zuge einer sehr rasch voranschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft ist das kulturelle Erbe des Christentums vielen Menschen vollständig fremd geworden. Während noch vor 40 oder 50 Jahren auch viele Westeuropäer, die allenfalls zu Weihnachten eine Kirche aufsuchten, durchaus noch mit der Kernbotschaft des Christentums und zentralen Erzählungen der Bibel vertraut waren, ist dieses Wissen heute in breiten Kreisen verloren gegangen. Der Zugang zum kulturellen, künstlerischen und architektonischen Erbe des Christentums wird damit immer mehr erschwert.

Für viele dürften Kirchen heute nicht mehr sein als Orte eines exotischen, langsam absterbenden Kultes, mit einer Botschaft, die nicht nur religiös, sondern auch ästhetisch als befremdlich empfunden wird. Hat sich eine solche Einstellung in einer Gesellschaft einmal ausgebreitet, schwindet natürlich auch der Respekt vor Kirchen als sakralen Orten. Das führt nicht direkt zu Akten des Vandalismus, bereitet ihnen aber doch den Boden und senkt die Hemmschwelle bei den Tätern.

Die Folgen der radikalen, nunmehr auch
kulturellen Säkularisierung der Gesellschaft
lassen sich noch nicht wirklich abschätzen

Sicher kann man auch Gegenbewegungen feststellen. In Frankreich etwa hat in letzter Zeit – ausgehend freilich von einem recht niedrigen Niveau – die Zahl der Taufen von Jugendlichen und Erwachsenen deutlich zugenommen. Ähnliche Tendenzen lassen sich in den USA mit Blick auf die dortige katholische Kirche beobachten, wie die Washington Post zu berichten wusste. Auch in Großbritannien scheinen evangelikale protestantische und traditionell orientierte römisch-katholische sowie anglo-katholische Gemeinden (letztere innerhalb der Church of England) wieder mehr Zulauf zu bekommen, während umgekehrt der linksliberal geprägte, theologisch verwaschene Mainstream der Anglikanischen Kirche, für den Religion vor allem eine erbauliche Form des Moralismus bedeutet, sich in einer sich kontinuierlich verschärfenden Dauerkrise befindet, so wie die protestantischen Amtskirchen in Deutschland, die sich politisch meist als Filiale von SPD und Grünen sehen, auch.

Stephans Spitzen:
Christentum, auch ohne Kirche
Insgesamt zeichnet sich somit ab, dass das Christentum in seinen unterschiedlichen Varianten in den kommenden beiden Jahrzehnten als eigene kulturelle Kraft in Europa zwar immer stärker marginalisiert werden wird, aber in den Nischen, in denen es überlebt, Christen sich ihres Glaubens und seiner spezifischen Botschaft sowie der eigenen Mission wohl wieder stärker bewusst sein werden als heute.

Das ist politisch durchaus relevant, denn in der jüngeren Vergangenheit boten die christliche Überlieferung und ein christlich geprägtes Ethos für die Mehrzahl einschließlich zahlreicher Agnostiker oder religiös eher indifferenter Menschen doch immer noch einen gemeinsamen Referenzpunkt und Orientierungshorizont; das galt selbst für schon lange stark säkularisierte Gesellschaften wie die französische. Dieser Orientierungshorizont fällt jetzt zunehmend fort; ein Problem, das durch die Zuwanderung von Menschen aus dem islamischen Kulturkreis noch massiv verschärft wird, auch wenn hier die Migration aus den christlichen Regionen Afrikas zum Teil kompensatorisch wirkt.

Gesellschaft ohne Gemeinsames

Dabei stellt sich freilich die Frage, ob eine liberale politische und soziale Ordnung, die unendlich viel Raum für Individualismus lässt, ganz ohne einen solchen gemeinsamen Werthorizont auskommt. Der Umstand, dass die Politik heute zunehmend auf die Einschränkung von Meinungsfreiheit im Namen des Kampfes gegen vermeintlichen „Hass“ setzt, deutet eher darauf hin, dass in einer Gesellschaft, in der ein gemeinsamer kultureller Nenner zunehmend fehlt, am Ende das Strafrecht und bürokratische Reglementierungen an die Stelle stillschweigend beachteter sozialer Konventionen treten.

Osternzeremonien
Christentum: Rückbesinnung auf das Eigene, das Bewährte?
Gleichzeitig kann man beobachten, wie eine postchristliche, aber immer noch christlich geprägte Moral, die sich komplett von ihren religiösen Fundamenten gelöst hat, zu einer Art Ersatzreligion wird, eine Entwicklung, auf die der katholische Philosoph René Girard recht hellsichtig schon in den 1990er Jahren aufmerksam machte. Aus der spezifisch christlichen Sakralisierung des Leidens des entwürdigten Opfers und dem Aufruf zu Reue und Umkehr ist eine Hypermoral geworden, die im Extremfall nur noch den Außenseitern, und den kulturell „Anderen“ einen Anspruch auf Achtung zuerkennt und die eigene Tradition im Rahmen des Anti-Rassismus, des radikalen Feminismus und des Kampfes gegen Diskriminierungen jeder Art komplett diskreditiert. Eine solche Haltung verbindet zum Teil politisch suizidale Tendenzen mit einem entfesselten moralischen Pharisäertum, das nicht zögert, Abweichler zu denunzieren und an den Pranger zu stellen.

Es gilt das kulturelle Erbe des Christentums in widrigen Zeiten zu bewahren,
auch wenn manche Privilegien der bisherigen Volkskirchen
obsolet geworden sind

Umso wichtiger wäre es, dass die Bildungspolitik sich bemüht, das Bewusstsein dafür wach zu halten, dass das Christentum ein wesentliches Fundament der westlichen Kultur und damit letztlich auch des modernen liberalen Verfassungsstaates darstellt. Natürlich muss der Staat konfessionell Neutralität wahren, aber die Erinnerung an die Wurzeln unserer Kultur zu pflegen, gehört durchaus zu den öffentlichen Aufgaben. Das setzt aber eine Geschichtspolitik voraus, für die Geschichte nicht erst mit dem Ersten Weltkrieg beginnt, sondern die auch die älteren Epochen angemessen würdigt und dabei auch den Mut zu einem gewissen Eurozentrismus hat, so unpopulär das in maßgeblichen akademischen Kreisen auch sein mag.

Denn die Geschichte Europas ist nun einmal unsere eigene Geschichte, und wenn wir nicht mehr wagen, uns zu dieser Geschichte zu bekennen, dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn Kirchen verwüstet werden. Überdies kann man auch Menschen aus anderen Kulturen, wenn sie sich hier niederlassen, durchaus eine Auseinandersetzung mit den hiesigen Traditionen und deren Kenntnis zumuten.

Christenverfolgung
Das Christentum ist weiterhin die meistverfolgte Religion der Welt
Andererseits wird man stärker denn je über eine Modernisierung des staatlichen deutschen Kirchenrechts nachdenken müssen. Es ist zugeschnitten auf dominante Volkskirchen mit breiter Basis, die sich in einer symbiotischen Beziehung mit dem Staat befinden, deren Versuche, in der Vergangenheit ihre eigenen Normen gegen die des Staates durchzusetzen, aber zum Teil in harten Kämpfen zunichte gemacht wurden. Das entspricht nicht mehr der heutigen religiösen Landschaft.

Einerseits befinden sich die traditionellen Volkskirchen im Niedergang, andererseits hat man es mit ganz anderen Religionsgemeinschaften zu tun, die zum Teil durch theokratische Tendenzen und durch Vorstellungen sakraler Reinheit und Unreinheit geprägt sind und die sicherlich nicht von den Selbstzweifeln angekränkelt sind, wie sie die christlichen Kirchen im Konfliktfall heute stets tolerant und konzessionsbereit machen.

Schweizer Beispiel

Der französische Laizismus, das Gegenmodell zum deutschen Kirchenrecht bringt seine eigenen Nachteile mit sich und ist als Vorbild für Deutschland, wenn überhaupt nur sehr begrenzt geeignet, aber vielleicht könnte man einen Blick auf die Schweiz werfen, wo der Staat nach 1848 im Namen einer liberalen Verfassungsordnung selten gezögert hat, Glaubensgemeinschaften – früher der katholischen Kirche, heute dem Islam – klare Grenzen aufzuzeigen. Manches mag daran überzogen gewesen sein und ist es auch heute noch wie etwa das Schweizer Minarettverbot, aber umgekehrt hat die deutsche Rechtsprechung oft eine fatale Tendenz, den Schutz religiösen Lebens grundsätzlich über andere Anliegen und Werte der Verfassungsordnung zu stellen, und das ganz unabhängig von der Frage, ob die jeweilige Glaubensgemeinschaft selbst verfassungskonformes Verhalten erwarten lässt.

Brücken bauen statt Brandmauern
Peter Hahne: „Nicht der Islam ist stark, sondern das Christentum schwach“
Für die überlebenden, geschrumpften christlichen Gemeinschaften wiederum stellt sich mehr denn je die Aufgabe, einen wesentlichen Teil des kulturellen Erbes Europas zu bewahren und zu erhalten, auch für die, die selbst keine Christen sind, dabei aber zugleich der Versuchung zu widerstehen, in einen christlichen Nationalismus zu verfallen, der den Glauben zur Legitimation weltlicher politischer Ziele und Machtansprüche werden lässt, wie man das bei vielen amerikanischen Evangelikalen, darunter zur Zeit auch bei dem umstrittenen Kriegsminister Hegseth mit seiner Neigung zur fatalen Rhetorik des Heiligen Krieges beobachten kann.

So wichtig der Beitrag des Christentums zur europäischen und westlichen Kultur war und so bedeutsam es bleibt, dieses Erbe gegen nackten Vandalismus ebenso wie gegen den heute üblichen westlichen Selbsthass zu verteidigen, am Ende gilt aus christlicher Perspektive doch: Dominium non fundatur in gratia – keine weltliche Ordnung ist gegründet auf die Gnade, und deren ganz andere Hierarchie der Werte.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen