Manifesta 11: Houellebecq und transsexuelle Sexarbeiterinnen

Was tun wir für Geld? Das fragt die Manifesta 11. Dreissig Künstler geben Antwort, so der französische Autor Michel Houellebecq durch totale Körperdiagnostik. Wollen wir das wissen? Oder soll Leere Event werden? Ein Vorblick auf eine mediale Sensation, in der Kunst zum Marketinggag eingeschmolzen wird von Wim Setzer.

© Francois Berthier/Contour via Getty Images

Der Hohn auf den europäischen Menschen, der sich in ein Haustierwesen verwandelt, nach Nietzsches Prophetie, wird immer aktueller. Nicht nur in der Politik. Sondern selbst in der Kultur. Oder klingt es nicht seltsam zahm, wenn uns  die Schweizer Kulturseelen für die Manifesta 11 in Zürich, die Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst, (vom 11.6.-18.9.2016 ) , einen Event ankündigen , der  allein der Frage dienen soll: „Was tun wir für Geld? Und warum?“

Was tun Sie für Geld, Herr Houllebecq?

Obwohl wir die Antwort natürlich schon kennen, denn: Alles tun wir dafür, weil Geld uns so vieles bedeutet, – „ehschowissen“ ruft‘s aus der Gruft des bösen Karl Kraus – , sollen doch eben auch noch dreißig Künstler dazu etwas sagen und machen. Darin steckt listig verborgen auch die Frage: Wie originell werden wir morgen noch sein können?

Unter den Dreißig – welche Geheimnis-Zahl? – wird natürlich auch der französische Star Michel Houellebecq antreten, gewissermaßen als Zugpferd. Und vermutlich sind die Karten für ihn schon alle weg. Der französische Schriftsteller, der mit sensationellen Büchern wie „Elementarteilchen“ oder „Unterwerfung“ prompt  weltberühmt wurde, macht seinen Körper zum Objekt der Kunst. Da werden wir neugierig und bald wissen, nicht nur, was er bloß denkt und wie toll er ja schreiben kann, sondern auch, wie es ihm geht. Wie lange wird er noch am Leben bleiben?

Er macht sich transparent wie eine Google-Ikone, gefüllt mit Zukunftsaroma. Er hat nämlich gar nichts zu verbergen und macht damit seiner Mutter alle Ehre, die er einst verfluchte, weil sie in seiner Kindheit immer splitternackt um ihn herumlief und sein Nervenkostüm damit extrem beschädigte, wie er uns erzählte. Auch er also ein Gesundheits-Exhibitionist? Welcher Wahnsinn und Aufschrei, wenn in dieser Kunstaktion ein Krebs bei ihm und zugleich im öffentlichen Rampenlicht erschiene.

Seien wir vornehm darum. Beten wir heut‘ schon für ihn. Im Ernst: Wem erscheint diese grelle Aktion des Franzosen nicht zu riskant, nicht zu provokativ?  Im Mittelpunkt seines Projekts, das er mit der Klinik Hirslanden durchführt, steht die Untersuchung seines ganzen Leibes mit allen diagnostischen Mitteln. Das Marketing für die Klinik ist brillant gemacht. Dazu kommt noch ein Event und sicher auch noch eine Lesung. Da muss der Neid selbst applaudieren: Gut gebrüllt zahmer Löwe unserer Projekte-und Eventkultur.

Transsexuelle Sexarbeiterinnen folgen dem Schamanen

Noch aktueller, noch future-affiner als der Franzose startet vielleicht die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles. Sie „untersucht die Arbeitsbedingungen transsexueller Sexarbeiterinnen in Zürich und Mexiko.“ Und zwar arbeitet sie für ihren Einfall eines Pokerspiels, das Frauen zeigt usw. , sie aus beiden Ländern „im Hotel Rothaus vereint.“ Natürlich, das wird sicher eine Flut von Kommentaren auslösen, die internationale Presse wird sich überschlagen. Doch es scheint alles so absehbar, so ausgedacht und herausgekramt aus der Schatulle der letzten Epoche, mit Beuys und Michael Jackson etc. … Hat Nietzsche doch recht mit seinem Haustierfluch auf den Europäer und dessen Phrasen von Kunst, Medizin und Gesundheitswesen?

Zur Erinnerung: Beuys war einst der erste Schamane Westdeutschlands und Jackson so etwas Ähnliches für den ganzen Globus. Und jetzt der Franzose und die Mexikanerin im noblen Zürich. Die Wiederkehr des Immergleichen, des Faden und Ausgekühlten ist augenscheinlich und auch ein wenig niederschmetternd.

Dagegen setzt sich, unter den Dreißig als einziger und ohne jeden Bezug zur dröhnenden Aktualität, der russische Künstler Evgeny Antufiev ab. Er redet und kleckert nicht lange, sondern geht schnurgeraden Wegs in klassischer Manier auf die Frage zu und ihr nach, – und zwar zusammen mit dem Großmünsterpfarrer Martin Rüsch – : „Was  bedeutet Zeit und Ewigkeit?“ Also der Russe lockt tatsächlich das Höllengelächter hervor, wie gerufen zum Hohn Nietzsches.

Das Russland Putins will wieder groß und stärker werden und sich an den riesigen Fragen der Menschheit noch einmal ermannen. Wahrscheinlich als glänzender Phallus der Macht. Deshalb  darf man auch getrost darauf gespannt sein, was Martin Rüsch, der Pfarren von Zürich, dazu sagen wird? Wird er von Gott abfallen? Oder wird er die Aktualität verraten? Wird der Russe ihn belehren können? Bleibt nur zu hoffen, dass das öffentliche Fernsehen wenigstens dieses Ereignis von der Manifesta 11 in Zürich live übertragen wird. Auch wenn es zum Weinen sein sollte.

Wim Setzer ist Kabarettist, Kunstkritiker und Journalist

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