Plädoyer wider die politische Eroberung unserer Körper

Philosoph und Bestsellerautor Gunnar Kaiser diagnostiziert die Mechanismen einer in die Lager »Vertrauen« und »Misstrauen« gespaltenen Gesellschaft. Er überlegt, wie uns angesichts dieser Spaltung eine Ethik des Impfens heute nützen – und vielleicht sogar wieder einen könnte.

Die Not unserer Gesellschaft, die uns die Impftechnik mit offenen Armen willkommen heißen lässt, ist keine rein materielle, nur auf Gesundheit und Krankheit bezogene. Es ist auch ein geistiger Hunger, sowie eine emotionale und spirituelle Verkrüppelung. Es handelt sich um nicht weniger als eine existenzielle Not, durch die es überhaupt möglich war, dass wir uns in verfeindete Lager aufgeteilt haben und den neuen Mitteln der Humanbiotechnologie, von denen die mRNA-Technik eine ist, so zwiegespalten entgegensehen. Der amerikanische Philosoph Michael Walzer diagnostiziert diese existenzielle Not, wenn er schreibt: »In dem Maße, in dem wir das Vertrauen in die Heilung unserer Seele verloren, ist unser Glaube, wenn es nicht bereits eine Obsession ist, an die Heilbarkeit unserer Körper gewachsen.«

Doch was die Mittel der Humanbiotechnologie versprechen, ist weit mehr als die »Heilbarkeit der Körper«, »das Ende der Pandemie« oder eine bessere Vorbereitung auf die nächste »Gesundheitskrise«. Sie versprechen einem Menschen, dem metaphysische Ziele und Werte weitgehend abhandengekommen sind, die unendliche Verbesserung seines irdischen Daseins.

Das ist ein Prozess, der nun in die Phase der »Selbstverbesserung« eingetreten ist. Der Mensch erhebt sich mittels Technik über sich selbst – und wird zur gleichen Zeit und im gleichen Maße von ebendieser Technik und ihren Ansprüchen unterjocht. Schon Max Horkheimer stellte bereits 1947 fest: »Je mehr Apparate wir zur Naturbeherrschung erfinden, desto mehr müssen wir ihnen dienen, wenn wir überleben wollen.« Auf der Suche nach Selbsttranszendenz unterwirft sich der Zauberlehrling den Geistern, die er rief.

In diesem Prozess der dauernden, technikgesteuerten und profitgetriebenen Selbstoptimierung des menschlichen Körpers und Geistes tritt nun die neue Impftechnik auf die Bühne. Die mRNA- und DNA-Impfung ist nicht nur ein schneller, einfacher Stich, sondern, wie der österreichische Publizist Gerald Ehegartner schreibt, »sie ist der Spaten-Stich für eine technokratische Transformation der uns bekannten Welt in einen Transhumanismus. Die Verschmelzung von Mensch und Maschine bis hin zur Reduzierung des Menschen auf ein willenloses Datenpaket, das sich in Echtzeit in den Informationsfluss eingliedert, nimmt immer konkretere Formen an.«

»Ich habe Weiß immer Weiß genannt.«
Eine kleine Geschichte des modernen Menschen
Der Mensch, der hier angesprochen wird, ist nicht der Mensch, den etwa die Philosophen des Humanismus und der Aufklärung im Blick hatten. Es ist der auf seine Körperlichkeit und sein materielles Existieren reduzierte Mensch. Seit der antiken griechischen Philosophie unterscheidet die Anthropologie zwischen dem physischen Leben des Menschen an sich (zoé) und dem vernunftmäßig beseelten Leben (bíos). Der Mensch gehört somit zwei Reichen an; als »menschliches Tier« ist er Gegenstand der »Zoologie«, in seiner Sonderstellung als vernunft- und sprachbegabtes Wesen (zóon logon echon) jedoch lässt sich sein Leben unter den Gesichtspunkten des Lebens in der Gemeinschaft betrachten. Erst der Mensch als zóon politikón, also als ein Lebewesen, das auf Gemeinschaft angewiesen ist, sucht nach einer höheren Möglichkeit für ein gutes und gelingendes Leben als der, die ihm bloße materielle Sicherheit bietet.

Erst der Mensch, der nach den höheren Möglichkeiten eines gelingenden Lebens fragt, braucht Freiheit und Selbstbestimmung im eigentlichen Sinne. Für das Tier, dem es nur um Sicherheit und Versorgung geht, spielen diese Werte keine Rolle. Gerade die modernen Bio- und Medizintechniken aber richten sich vor allem auf die Umgestaltung des nackten physischen Lebens, während die Fragen nach dem guten Leben und der metaphysischen Dimension des Menschen ausgeklammert sind. Mit der Massenimplementierung der Impfung laufen wir Gefahr, unseren Fortgang auf dem Weg der ewigen Selbstoptimierung des Menschen unumkehrbar zu machen – einer Optimierung, die zugleich sein Tod ist. Der Tod des Homo sapiens sapiens als bíos, als ein auf Gemeinschaft, Glück, Menschenwürde und Selbstbestimmung angelegtes Wesen. Dieser Gefahr ins Auge zu sehen, macht es notwendig, die Frage zu stellen: Verbessern wir uns zu Tode?

Weil wir es können

Die Veränderung des Selbstbilds des Menschen hin zu einem durch (Natur-)Wissenschaft restlos erklärbaren Objekt bringt es mit sich, dass der Mensch sich in Analogie zur beherrschbaren Natur zu betrachten lernt. Für ihn, der alles in Zweck-Mittel-Relationen zu beschreiben gelernt hat, ist selbstverständlich auch die Natur Gegenstand seines verändernden und planenden Zugriffs. Ebenso wie die nicht-menschliche (und eigentlich tote) Natur verändert, verbessert und beherrscht werden muss, geschieht Gleiches nun auch mit der biologisch-menschlichen Natur. Der französische Philosoph Paul Virilio formuliert in »Die Eroberung des Körpers« so:

»Nachdem die Entwicklung der Wissenschaften und der technischen Wissenschaften schon seit Langem zur exzentrischen Kolonisierung der geografischen Ausdehnung des territorialen Körpers wie der geologischen Dichte der Erde beigetragen hat, führt die jüngste Entwicklung in diesen Bereichen jetzt zu einer fortschreitenden Kolonisierung der Organe und Eingeweide des menschlichen Körpers […]«

Im Zuge dieser Kolonisierung wird der Körper des Menschen reduziert zum Mittel in einer endlosen Reihe von Mittel-Zweck-Relationen: Zweck ist die Volksgesundheit und das bloße Am-Leben-Sein der Massenmenschen (hier von »Gesundheit der Menschen« zu reden, spräche jedem ganzheitlichen Bewusstsein von Gesundheit Hohn), Mittel ist die Impfung – also reihe sich der einzelne Körper ohne Widerworte in diese Kette ein.

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Selbstverständlich macht die Kolonisierung des Körpers des Menschen nicht vor seinem Geist halt. Nach und nach verliert er das Verständnis dafür, dass der beseelte Mensch mehr sein soll als ein gut geöltes Rädchen in der Maschine oder eine weitere möglichst effizient zu nutzende Ressource. Was soll aber das Ziel all dieses Strebens und Fortschreitens sein? Darüber zu spekulieren ist jedoch dem instrumentellen Denken gänzlich fremd, und Philosophen, die sich über die Zwecke und Ziele einer Entwicklung Gedanken machen, werden schnell mit dem Etikett »Fortschrittsfeind« oder »Wissenschaftsleugner« behängt.

Die Frage nach der Vernünftigkeit von Mitteln wie der Impftechnik nämlich erschöpft sich gänzlich in der Frage nach ihrer Zweckmäßigkeit, ein Ziel zu erreichen, das allerdings durch ihre bloße Existenz und Verfügbarkeit, also durch den Zwang der Sachgesetzmäßigkeiten, vorgegeben wird. Ein Zirkelschluss. Weil wir impfen können, haben wir auch das Ziel, zu impfen. Dies bewirkt eine »vollständige Transformation in eine Welt, die mehr eine von Mitteln ist als von Zwecken«, schreibt Max Horkheimer. In dieser Welt werden Mittel wie die Impfung auf magische Weise zu Zwecken, weil diese Mittel wesenhaft mit ökonomischer Macht, hier der der Pharmaindustrie, verbunden sind.

So muss man konstatieren: Die Möglichkeit, Mittel zu erfinden, sie zu produzieren und zu verteilen, begründet im wissenschaftlich-technischen Zeitalter eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht, von der die Tyrannen früherer Epochen nicht zu träumen gewagt hätten.

Für den Menschen bedeutet dies wiederum, dass sich seine persönlichen Zwecke den Zwecken derer unterzuordnen haben, die die Mittel produzieren. In unserem Falle die Pharmaindustrie. Je mehr wir dem biopolitischen Imperativ folgen, desto mehr stehen wir unter dem Zwang, uns den technischen Gegebenheiten und ihrer Bedienungsvorschriften unterzuordnen. Die Folge, so Horkheimer: »Um zu überleben, verwandelt der Mensch sich in einen Apparat.« Konkret gesprochen: Wir werden nach und nach zum Anhängsel der Impftechnik, und zwar auf Dauer.

Denn die einmal eingeführte und gesellschaftlich akzeptierte Technik wird nicht ohne Folgen bleiben, die wiederum technische Weiterentwicklungen vonnöten machen wird – Weiterentwicklungen, die wir mit der gleichen Begründung der Sachgesetzmäßigkeiten über uns und unsere Körper ergehen zu lassen haben. Natur und Mensch werden diesem Prozess vollständig unterworfen und verlieren ihren Eigenwert bzw. ihre Würde.

Das instrumentelle Denken ist in einer Weise eindimensional, die es erst denkmöglich macht, einen »Krieg gegen das Virus« im Sinne des Imperativs der Naturbeherrschung führen, ja gar gewinnen zu können. Der eindimensional denkende Mensch begreift nicht mehr, wie sehr er die genuin menschliche Komponente im Kampf gegen die Natur völlig außer Acht lässt und dabei die bestehenden Machtverhältnisse stärkt.

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In dieser Welt behauptet sich die Biopolitik durch die normative Macht des Faktischen. Zum einen, weil mit der Feststellung der »epidemischen Lage nationaler Tragweite« ein Sachverhalt existiert und zum anderen, weil etwa mit der Impftechnik eine (Herrschafts- oder Bio-)Technik erfunden ist und die Politik sich nun gezwungen sieht, sich ihrer zu bedienen. So gelingt es der Biomacht, durch konsistente Anwendung ihrer Instrumente auch das moralische Instrumentarium der Gesellschaft zu verändern. Die Biopolitik sieht den Menschen nicht als bíos, sondern als zoé, dessen nacktes Überleben nicht nur Sache des Staates sein soll, sondern der auch alle anderen Belange, Werte und Bedürfnisse weichen müssen.

Die österreichische Bioethikkommission hat Ende Oktober 2021 beispielsweise einen Satz geprägt, der seither vielfach zitiert wurde: »Eine Pandemie ist keine Privatsache«. Es gibt dementsprechend im Pandemieregime, aber zunehmend auch in allen anderen Regimen, die nach der neuen Logik der Biosecurity verfahren, keine dem politischen Zugriff entzogene Sphäre. Weder der Kirchenraum noch die Privatwohnung bleiben dem Individuum als gesichertes Refugium. Selbst das Auswandern würde – angesichts der Globalität der Machtergreifung – nur einen kurzfristigen Problemaufschub bedeuten. Der vom staatlichen Pandemiemanagement implementierte »Impferativ« bedeutet ein drastisches Menetekel für den bereits begonnenen und weiter andauernden Verlust des Privaten (von lat. privare = entziehen – nämlich dem Zugriff anderer, vor allem der Obrigkeit entziehen).

Wenn die Differenz zwischen zoé und bíos im modernen Biostaat schwindet, schwindet auch die Differenz zwischen Privatbereich und öffentlichem Leben im modernen Leben. Das Resultat ist die totalitäre »Vergesellschaftung« des menschlichen Lebens, der gänzlich im Kontroll- und Einflussbereich des Staates aufgeht. Alles, noch die kleinste »private« Entscheidung, wird politisch; der Mensch wird zum nackten Leben und sein Körper zum bloßen Objekt der Verwaltung. Paul Virilio schreibt: »Es handelt sich um die letzte politische Form einer Domestizierung, mit der jetzt – als Fortführung der genetischen Manipulation der Tiergattungen und der Dienstbarmachung der sozialen Verhaltensweisen des Menschen – das Zeitalter der verinnerlichten Komponenten anbricht.«

Die nur noch über ihren Körper definierten Menschen bewegen sich in zunehmendem Maße im moralfreien Raum, der durch die Herrschaftsstrukturen der Biomacht kontrolliert und überwacht wird.


Leicht gekürzter und um die im Buch enthaltenen Fußnoten bereinigter Auszug aus:
Gunnar Kaiser, Die Ethik des Impfens. Über die Wiedergewinnung der Mündigkeit. Europa Verlag, Hardcover mit Überzug, 120 Seiten, 14,00 €.


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Kommentare ( 6 )

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Rene Meyer
1 Monat her

Gunnar Kaiser hat während des „Corona-Kabinetts“ die große, öffentliche Bühne betreten, während andere abgetreten sind, gerade Philosophen. Dort gehört er hin, gehört zu werden, und möge er noch lange bleiben!

Frifrafro
1 Monat her

Wie kann es sein, das Konzernen ohne weiteres erlaubt wird, irgendwelche Programme in meine Körperzellen einzuschleusen, damit dort ihre Produkte produziert werden, die ich dann auch noch unter Gefahr für Leib und Leben bekämpfen soll? Wieso gibt es nicht weltweit einen Aufschrei der Juristen? Bisher musste Pharma Laborkapazitäten vorhalten um ihre Produkte z.B. in Zellkulturen herzustellen, jetzt bemächtigen sie sich einfach kostenlos unseres Körpers. Ich kann mein Gemüse auch nicht einfach in Nachbars Garten produzieren. Das ganze nenne ich eine illegale Bemächtigung ohne Gleichen und kann nur hoffen das die Menschheit solchem Treiben nicht mehr lange zuschaut, denn globale Attacken… Mehr

kasimir
1 Monat her
Antworten an  Frifrafro

Weil sie es können. Weil sich die Mehrheit der Deutschen gern einlullen lassen, sehr staatsgläubig sind und bereitwillig alles mit sich machen lassen, ohne zu hinterfragen.
Für Konzerne wie Pfizer ist das die Lizenz zum Gelddrucken, mußten sie doch früher, um einen Impfstoff auf den Markt zu bringen, mind. 7-10 Jahre warten, mehrere Testphasen durchlaufen und freiwillige Probanden finden, die man pro „Probelauf“ bezahlen mußte. Jetzt hat man weltweit kostenlos Millionen an Probanden aller Altersschichten, ich meine besser gehts doch nicht…

Fieselsteinchen
1 Monat her

Kolonialismus kombiniert mit moderner Sklaverei, der sich vollends dem menschlichen Geist, Körper, Organe bemächtigt. Das ist doch die Schwab‘sche glückliche Zukunftsvision. Mit einer feinen Einschränkung: sie betrifft alle, außer die sog. Eliten. Ein dystopischer Horror, der aber am schwersten in wehrhaften Gesellschaften umzusetzen ist. Allerdings wann war unsere Gesellschaft in einer Notlage? Die Notlage wurde medial und politisch herbeifabuliert, das erste Erwachen im Frühjahr 2020 wurde mit groteskem, bis heute andauerndem Framing begleitet. Obwohl sich alle sog. Verschwörungstheorien bewahrheitet haben. Die meisten haben sich aufgrund des gesellschaftlich propagierten Impf“Zwangs“ (Arbeitsplatzverlust, tägliches Testen) gentherapeutisch behandeln lassen, aber nicht aus Überzeugung. Die… Mehr

Soeren Haeberle
1 Monat her

Der vom staatlichen Pandemiemanagement implementierte »Impferativ« bedeutet ein drastisches Menetekel für den bereits begonnenen und weiter andauernden Verlust des Privaten

Besser kann man die Übergriffigkeit des Staates bis hinein in das persönlichste eines Menschen, seine gottgegebene DNA, nicht ausdrücken.
😉 Der kant’sche Impferativ 2.0 – bekannt unter „Impfen ist Liebe“:
Was du willst dass dir man tu‘ das füg‘ auch deinem Nächsten zu?

Last edited 1 Monat her by Soeren Haeberle
friedrich - wilhelm
1 Monat her

……na gut, laßt euch voll in die biodigitale existenz fallen und werdet zu dem was dem schwab vorschwebt: transhumane wesen, die nichts besitzen, aber glücklich sind! die eines tages soilant grün zu fressen kriegen. neugierige werden feststellen, daß soilant grün sie selbst sind! halleluja!