„Ausgemerzt“: Gerald Grosz rechnet mit den Scheinkonservativen ab

Wer von Gerald Grosz eine zurückhaltende, um diplomatische Ausgewogenheit bemühte Betrachtung der europäischen Parteienlandschaft erwartet, dürfte von ihm entweder noch nie etwas gehört oder gelesen haben – oder schon nach wenigen Seiten eines Besseren belehrt sein.

In seinem jüngsten Buch „Ausgemerzt – Das Ende der Scheinkonservativen“ zieht der österreichische Publizist Gerald Grosz mit dem rhetorischen Flammenwerfer gegen eine politische Spezies zu Felde, die ihm besonders zuwider ist: Politiker, die im Wahlkampf konservative Überzeugungen zur Schau tragen, um sie just nach der Wahl dem Machterhalt, dem Koalitionsfrieden oder dem jeweils herrschenden Zeitgeist zu opfern.

Allen voran steht der den Buchtitel inspirierende Zweite-Wahl-Kanzler Friedrich Merz, der seine vollmundigen Versprechen schneller eigenhändig um die Ecke brachte, als man „Sondervermögen“ auch nur buchstabieren konnte.

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Aber auch Markus Söder, Angela Merkel, Ursula von der Leyen und die österreichischen ÖVP-Größen von Sebastian Kurz bis Christian Stocker geraten ins scharfzüngige Visier. Schwungvoll holt Grosz aus, um mit den einst bürgerlich-konservativen Volksparteien und ihren Protagonisten abzurechnen, die nach seiner Überzeugung ihre politischen Grundsätze längst preisgegeben haben. Und damit nicht nur fortgesetzt ihre Wähler verraten, sondern zugleich das Fundament ihrer eigenen politischen Existenz untergraben. Ob in vorsätzlicher Täuschungsabsicht, aus charakterlosem Opportunismus oder mangelnder Weitsicht? Das ist hier die Frage!

In wortreicher Schilderung und Klärung dieser unappetitlichen Umstände und Aspekte schreibt Grosz dabei ganz genau so, wie man ihn aus seinen öffentlichen Auftritten kennt: angriffslustig, temperamentvoll, gelegentlich hemmungslos boshaft und mit einem bemerkenswerten Talent für sprachliche Gemeinheiten. Wer mokante Polemik schätzt, kommt hier zweifelsohne auf seine Kosten. Friedrich Merz darf sich unter anderem als Tanzbär am Nasenring durch die politische Manege führen lassen – ein ausgesucht zutreffendes Bild, an dem Grosz zu Recht solchen Gefallen findet, dass er es passenderweise gleich mehrfach bemüht. Überhaupt entwickelt der Autor bei der Erfindung immer neuer Schmähungen eine geradezu verschwenderische Kreativität, während er sich bei der Variation seiner zentralen Argumentationsmuster allerdings merklich sparsamer zeigt. So lässt Grosz die Zielscheiben seines Spottes (der mitunter an offene Verachtung grenzt) zwar in den unterschiedlichsten und durchaus einfallsreichen Kostümen auftreten, präsentiert sie aber bisweilen im immer gleichen Zirkus.

Manche Kapitel wiederholen Bekanntes, ohne der bereits ausführlich vorgetragenen Anklage wesentlich neue Gesichtspunkte hinzuzufügen. Eine weitere kleine Herausforderung stellen zudem die ausführlichen Betrachtungen der österreichischen Politik dar. Deren personelle Verwicklungen und historische Hintergründe dürften deutschen Lesern nicht immer gleichermaßen vertraut sein.

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Umso wertvoller sind jene Passagen, in denen er auf seine eigenen Erfahrungen im österreichischen Politikbetrieb zurückgreift und Einblicke in die Interessen und Mechanismen hinter politischen Entscheidungen gewährt. Grosz’ berühmt-berüchtigter Sprachwitz kommt nämlich besonders dort zur Geltung, wo der Leser die politischen Anspielungen unmittelbar versteht und nicht erst historische oder personelle Zusammenhänge rekonstruieren muss.

Seine größte Stärke entfaltet das Buch im letzten Drittel – ab jenem Punkt, an welchem Grosz die Ebene der persönlichen Bilanzierungen und konkreten Anwürfe verlässt und grundsätzliche Fragen nach moralischen Prinzipien, nach Freiheit, Wohlstand, Sicherheit und gesellschaftlicher Ordnung stellt. Hier wird aus den gegenständlichen Attacken eine nahezu philosophische Auseinandersetzung mit dem Wesen des Konservatismus und den Voraussetzungen einer funktionierenden Gesellschaft.

Bedauerlicherweise hält Grosz diesen gehaltvollen gedanklichen Faden nicht immer konsequent fest. Wo er von der geharnischten Kritik zur systematischen Argumentation übergeht, fehlt seinen Ausführungen mitunter jene Stringenz, die sie zu einem geschlossenen Ganzen verbinden würde. Hinzu kommen vereinzelte syntaktische Unschärfen, die den ansonsten recht dynamischen Lesefluss unterbrechen. Insbesondere die weiterführenden Überlegungen sind nachvollziehbar, überzeugend, häufig sogar mitreißend, dabei aber nicht immer so präzise formuliert, wie sie es verdient hätten.

„Ausgemerzt“ ist kein politikwissenschaftliches Lehrbuch und will vermutlich auch keines sein. Es ist eine streitbare, höchst unterhaltsame und nichtsdestoweniger nachdenklich machende Abrechnung, deren Schärfe stellenweise auf Kosten der gedanklichen Disziplin geht. Wer mit Grosz’ politischen Positionen sympathisiert, wird sich amüsieren, sich gemeinsam mit ihm empören und vieles bestätigt finden; wer ihnen widerspricht, entdeckt hingegen wohl reichlich Anlass zur Gegenrede. Langweilig wird es dabei äußerst selten.

Gerald Grosz wird auf der Buchmesse „Seitenwechsel“ am 7.11. um 16:15 Uhr sein Buch am Stand von Tichys Einblick signieren. Wir laden Sie herzlich dazu ein. Selbstverständlich ist das Buch ab sofort im neuen Buch-Shop von Tichys Einblick bestellbar. Sie erwerben damit ein diskussionswürdiges Buch und unterstützen uns durch Ihren Kauf.


Daniela Seidel studierte Psychologie und ist als Unternehmerin tätig. Sie beschäftigt sich seit 2015 intensiv mit der gescheiterten Migrations-politik, seit der Corona-Krise ist sie in verschiedenen Medien publizistisch mit einem grundsätzlich kritischen Ansatz aktiv. 

Gerald Grosz. Ausgemerzt. Das Ende der Scheinkonservativen. Leopold Stocker Verlag, Hardcover, 220 Seiten, 22,00 €


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