Und es geht doch: Lebhaft, spontan und unvoreingenommen bei Maischberger

Bei Maischberger flog Europa nicht auseinander, sondern Berufseuropäer Jean Asselborn war allein zuhause in Brüssel.

Screenprint: ARD/ Tagesthemen

Merken TV-Moderatoren nicht, was für Leersätze sie von sich geben? Gestern in den Tagesthemen sagte Thomas Roth im Sonntags-Predigt-Sermon: „Europa hält den Atem an“. Nein, er sprach nicht von der Fußball-EM, sondern vom heutigen Referendum über den Brexit. Roths Satz setzt voraus, dass er das Kartell von unbeirrbaren politischen Verfechtern einer immer engeren Union und damit verschwägerten Interessen von gesellschaftlichen Großorganisationen, Konzernen und NGOs mit dem Begriff Europa gleichsetzt. Es setzt auch voraus, dass er die üblich gewordene Unkorrektheit fortsetzt, EU zu meinen und Europa zu sagen. Und weil ich schon dabei bin. In den Kreis dieser – bei den einen absichtsvollen, bei den anderen unbedachten – Nebelgranaten mit Totschlagqualität gehört der Satz: „Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Europa.“ Nein, was tatsächlich alle brauchen, ist Klarheit über die Frage, WELCHES Europa – oder auch: in welcher Frage die EU und in welcher nicht und bitte immer warum.

In anderen Worten sagten das bei Maischberger gestern alle außer Jean Asselborn, dem dienstältesten Außenminister in der EU. ARD-Börsenfrau Anja Kohl mahnte den Unbelehrbaren: „Herr Asselborn, Sie werden nicht so weitermachen können wie bisher.“ In diesem Satz kulminierte eine TV-Talk-Runde bei Maischberger mit umgekehrten Vorzeichen. Mit umgekehrten Vorzeichen, weil sonst zuverlässig ein „politische Unkorrekter“ von allen anderen in der Luft zerlegt wird. Bei Maischberger gab es über weite Strecken eine offene Diskussion unter allen außer Asselborn. Keine Fronten, wir gegen die, gegen den. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas im Fernsehen noch erlebe. Roland Tichy erklärte unter dem frischen Eindruck eines Londonbesuches die entgegengesetzten Sichtweisen der Pro-und-Contra-Brexit-Kampagnen, in denen es viel mehr um das Gefühl des Kontrollverlusts geht als um alles andere. Wolf von Lojewski, lange für die ARD dort, malte die Insel mit viel Farbe. Der bayrische Engländer Francis Fulton-Smith ging so unvoreingenommen auf die Sichten der anderen Teilnehmer ein, wie wir es im Talk-TV normalerweise nicht erleben. Die Propaganda-Masche der konservativen Gemeindepolitikerin aus dem südenglischen Kent und Brexit-Befürworterin Anna Firth verfing bei allen nicht. Und in der Schlussrunde gingen alle davon aus, dass Britannien doch in der EU bleibt – oder hofften es aus verschiedenen, guten Gründen.

Asselborn tut man keinen Tort an, ihn als Muster-EUler zu bezeichnen, er wird das eher als Kompliment werten. Der Luxemburger kann seine Rolle, die EU schön zu reden, offensichtlich auch für keinen Moment verlassen. Das kulminiert im genormten Spruch, den auch Juncker, Schulz und die anderen Berufs-EUler wie eine Gebetsmühle drehen: „Raus ist raus.“ Wenn sie damit die britische Abstimmung beeinflussen wollten, ging der Schuss nach hinten los. Kohl und Tichy gehen davon aus, dass im Falle des Austritts das wirtschaftlich gewichtigste britische Asset, der Finanzplatz London, immer – und schnell – Wege findet, die elektronischen Geldflüsse nicht zu verlieren. Die Hinweise auf die EU-Regeln nach einem Austritt: Ich wundere mich, dass noch ein EU-Politiker wagt, das als Argument zu nennen. Seit wann hält sich die EU an ihre Regeln, wenn sie etwas anderes für nützlicher hält? Und schon gar beim Vereinigten Königreich, wo auch Asselborn gestern die Frage, warum es für die Briten immer schon so viele Ausnahmen gegeben habe, mit der simplen Wahrheit beantwortete, weil es London ist. Die gleiche Formel grassiert auch in anderen Zusammenhängen: weil es Frankreich ist.

Heute wird also abgestimmt, das offizielle Ergebnis gibt es in den frühen Morgenstunden des Freitags. Aber natürlich wird die Zunft der Demoskopen am heutigen Nachmittag anfangen, Teilergebnisse hochzurechnen, windige Prognosen werden erscheinen. Wenn sie sich hinterher wie üblich und methodisch unausweichlich als falsch erweisen, wird das vom Lärm der Maschine übertönt, die sie füttern: Massenmedien. Europa, Thomas Roth wird weiter den Atem nur beim Fußball anhalten, das globale Wirtschaftsrad dreht sich weiter, zeitweises Stottern gehört zum Geschäftsmodell – in der Abteilung Finanzindustrie ist Stottern der Kern des Geschäfts.

Da verstehe ich dann den schrägen Wunsch meines Kollegen Tomas Spahn, der die Briten bittet auszutreten, weil die Politiker und die verkrustete, selbstverliebte Bürokratie in Brüssel und Straßburg ohne Brexit weiterhin keine Notwendigkeit auf grundlegende Reformen erkennen werden.

Nach diesem Beitrag: „Gegen den Strich: Weshalb der Brexit ein Segen wäre“

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