Parteiloser Kandidat Nino Haase wird neuer Oberbürgermeister von Mainz

Mainz hat den parteilosen Unternehmer Nino Haase (39) als neuen Oberbürgermeister gewählt. Er schlug in der Stichwahl den grünen Kandidaten Christian Viering deutlich. Dem nützte die Hilfe der SPD nichts.

Bild: © Nino Haase

Michael Ebling war der letzte beliebte Sozialdemokrat in Mainz. Als Ortsvorsteher des Arbeiterstadtteils Mombach hat er sich das Image erworben, bodenständig zu sein. Obwohl er eine der Karrieren hinlegte, die sich lediglich im politischen Raum abspielte. Genauer gesagt: im parteipolitischen Raum und dessen Hinterzimmern.
In Mainz hat die SPD über 70 Jahre am Stück den Oberbürgermeister gestellt. Der vorletzte Sozialdemokrat in dem Amt war Jens Beutel. Der Richter musste vorzeitig gehen, weil er sich zu oft und zu teuer einladen ließ. Es folgte Ebling, der zwei Direktwahlen gewann. Zuletzt gegen den parteilosen Nino Haase, als der für die CDU antrat.

Doch dem Oberbürgermeister wurde das Rathaus zu klein, er will Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz werden und übernahm als Zwischenstation das Innenministerium – auch dort ersetzte er einen skandalträchtigen Sozialdemokraten, Roger Lewentz, der nicht mehr im Amt zu halten war.

Im ersten Wahlgang holte Haase in Mainz rund 40 Prozent, der grüne Kandidat Christian Viering erreichte gut halb so viel. Die SPD war weiblich, jung, links – und abgewählt. Für die Stichwahl hielt es Ebling für eine gute Idee, Viering offiziell zu unterstützen. Dabei sprach er quasi auch für die Angestellten der Stadt, die er als Ex-Chef mal eben mitvereinnahmte. Geholfen hat es wenig. Nach 116 von 118 Stimmbezirken führte Haase bereits uneinholbar mit über 17.000 Stimmen Vorsprung.

Haase wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als er noch als Student bei „Schlag den Raab“ drei Millionen Euro gewann. Zuletzt arbeitete er als Unternehmer. 2019 hatte Haase für die CDU kandidiert und schaffte es in die Stichwahl. Auch weil die Grünen mit der Bundestagsabgeordneten Tabea Rößner einen ausgesprochen schwachen Wahlkampf hinlegten. Die CDU versuchte es dieses Mal mit einer eigenen Kandidatin, scheiterte aber genauso kläglich wie die SPD.

Die Mainzer Mauscheleien seien noch viel schlimmer als der Kölner Klüngel, sagte einst ein führender Stadtpolitiker im Hintergrundgespräch. Und tatsächlich: In den stadtnahen Gesellschaften schieben sich die Parteien gegenseitig die Posten zu, installieren zweite Geschäftsführer, um noch mehr notleidende Parteifreunde versorgen zu können. Man kennt sich, man hilft sich. Was dann auch immer an Politik dabei herauskommt, die lokale Zeitung findet das gut. Wer durchzählt, wie oft die stadtnahen Gesellschaften bei ihr inserieren, versteht auch warum.

Eblings Hilfe für Viering war demnach auch ein Hilfeschrei. In diese Hände, die sich gegenseitig waschen, pfuscht nun eine Hand rein, die schon sauber ist. Einer, der nicht zu den Mauschlern gehört, weil er es dank eigenem Geld nicht nötig hat. Wählt den Viering, der ist einer von uns, war die eigentliche Botschaft des Nachfolgers von Jens Beutel und Roger Lewentz. Per Amt wird Haase einige Vorsitze in den stadtnahen Gesellschaften übernehmen. Man kennt sich weiterhin, aber das sich gegenseitig helfen könnte schwerer werden.

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Kommentare ( 29 )

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dienbienphu
11 Monate her

So unabhängig würde ich Haase nicht einschätzen. Ich sehe da eher den Wunsch nach Macht, wie er vielen Politikern eigen ist. Als Oberbürgermeister kann man es für sich und seine Günstlinge doch wunderbar einrichten, wie die vielen Korruptionsfälle immer wieder zeigen.. Was hat Haase denn bisher geleistet? Ein Uni-Diplom, 3 Mio im Fernsehen gewonnen und was sind die beruflichen und unternehmerischen Erfolge? Naja, immerhin muss man sagen, dass einer schon mit einer auf den ersten Blick ‚weißen Weste‘ selbst deutsche „Spitzenpolitiker“ überstrahlt.

Guenther Adens
11 Monate her

Seien wir doch ehrlich: Diese OB- Wahl ist ein riesengroßer Skandal. Warum? Im Lebenslauf Haases sind etliche Macken enthalten, die ihn für ein Politamt gründlich disqualifizieren. Fangen wir unten an: Im Gegensatz zur zweithöchsten Krone im Außenministerium (die erste ist derzeit im Amt…oder ist es umgekehrt…..egal), Joschka Fischer, hat Nino Haase einen Schulabschluss.  Dann hat er sich frech erdreistet, ein universitäres Diplom in einem MINT-Fach, hier Chemie, zu absolvieren, und, noch viel schlimmer, in diesem Beruf auch vollzeitlich zu arbeiten. Ein schweres Fehlverhalten, wie wir seit Kevin Kühnert wissen.  Unverzeihlich, ja fast verbrecherisch aber ist, daß er weder einen Titel wie… Mehr

Juergen Schmidt
11 Monate her

Obwohl ich die Mainzer Verhältnisse nicht detailliert kenne, möchte ich als Kölner davor warnen, sich hier ein X für ein U vormachen zu lassen was »Parteizugehörigkeit« betrifft. In Köln wird stets die angebliche Neutralität von Henriette Reker betont (»Henriette Reker (parteilos)«), allerdings wird mit ihr als Oberbürgermeister in der Stadt seit Jahren nur noch GRÜNE Politik exekutiert. Reker vertritt ausschließlich GRÜNE Positionen, und man hat den Eindruck, ihre Redemanuskripte werden in der GRÜNEN Parteizentrale geschrieben. Aktuell liegt sie in der Frage des Ukraine-Konflikts voll auf Baerbock-Linie – die städtischen Gebäude sind natürlich blau-gelb beflaggt. Auch das frühere Engagement von Nino… Mehr

Last edited 11 Monate her by Juergen Schmidt
Wilhelm Roepke
11 Monate her

Besser hätte es kaum laufen können. Gott sei Dank ist der Wähler nicht überall komplett verblödet, sondern entscheidet ab und zu auch noch vernünftig.

humerd
11 Monate her

und in Frankfurt „Die Grünen sind die Verlierer der Frankfurter OB-Wahl, ihre Kandidatin Rottmann verpasst die Stichwahl.“ https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/ob-wahl-in-frankfurt-das-raet-manuela-rottmann-den-gruenen-18726296.html

Juergen P. Schneider
11 Monate her

Bei den Mainzer Bürgern ist wohl die Vernunft eingekehrt. Glückwunsch!

alter weisser Mann
11 Monate her

Für was ist der Mann denn angetreten, dazu findet sich nichts im Artikel. Zweifelsfrei schön, wenn man nicht Filz oder System ist, aber das reicht nicht weit.

hoho
11 Monate her
Antworten an  alter weisser Mann

Immerhin CDU hat ihn unterstützt also kann er so weit von dem Filz nicht sein. Sehe ich so mindestens.

Waldorf
11 Monate her

Wir brauchen viel mehr Unabhängige, Quereinsteiger, Parteilose etc auf allen Ebenen der Politik, beziehungsweise „des Staates“ als res publica. Die Parteien sind verkrustet und seit Jahrzehnten eher darum besorgt, ihre Soldaten irgendwo gut zu versorgen. Aber sie schaffen es offensichtlich nicht mehr, so auch für Qualifikation ihrer Mitläufer zu sorgen. Ein kurzer Blick auf diverse Bundes+Landesregierungen beweist, daß die Personaldecke der Parteifürsten zu dünn geworden ist, die Schlechtestenauslese ein staatsgefährdendes Niveau erreicht hat. Ein Ministeramt kann in keinem gesunden, vernünftigen, etc Staatswesen ein Anfängerjob zur Selbstverwirklichung oder zum Austesten sein, ob einem Politik liegt. Diese Form von Kamikazepersonalauswahl funktioniert weder… Mehr

Edwin
11 Monate her
Antworten an  Waldorf

Was wollen Sie? Der Staat kann sich doch gerade wegen der Inflation vor Steuereinnahmen bei den Verbrauchssteuern nicht retten. Das dies alles nur ein kurzfristiges Strohfeuer ist und alle davon besoffen sind und der Kater hinterher umso heftiger wird, scheint in diesem Land keinen zu interessieren. Noch läuft es, die künstliche Energieverknappung/-verteuerung hat bislang zu keinem Blackout geführt und die Gasspeicher scheinen noch ausreichend gefüllt zu sein, um diesen Winter zu überstehen. Die Verteuerung ist noch nicht ausreichend in den Säckeln der Menschen angekommen. Daher gibt es auch keine Demonstranten, wenn man mal von den Luxusdemos von Verdi mit den… Mehr

Sorgenvoll90
11 Monate her

Ich wünsche Herrn Haase viel Glück. Aber:
Jeder, der als Außenseiter die eingeübten Machtspiele eines Apparats durchbrechen will, muss die meiste Zeit gegen die Abwehr von Intrigen aufwenden und wird dadurch schon geschwächt.
Ich bin gespannt, wann der erste „Skandal“ konstruiert und von den MS-Medien genüsslich in die Länge gezogen wird.

Paul Brusselmans
11 Monate her

„demokratische“ Parteien halt….