Um das Rathaus in Baden-Baden kämpfen gleich mehrere parteilose Kandidaten, im Osten setzten sich Unabhängige auch in größeren Städten durch. Darin zeigt sich auch die Krise der traditionellen Politik
IMAGO, Screenprint - Collage: TE
Wenn die Baden-Badener am 8. März die Rathausspitze neu besetzen, können sie aus zahlreichen Kandidaten auswählen. Parteien spielen bei der Entscheidung allerdings nur eine Nebenrolle. Damit liegt die Stadt in Baden-Württemberg im Trend: in immer mehr Kommunen kandidieren Parteilose – und zwar erfolgreich. In Baden-Baden heißt das lockere Bündnis hinter der aussichtsreichsten Kandidatin schlicht „Lencke Wischhusen für Baden-Baden“. Die 40-jährige parteilose Unternehmerin konkurriert mit dem ebenfalls parteilosen Journalisten und früheren Chef von SWR 3 Thomas Jung und dem parteilosen Unternehmer Stefan Hertweck um den Oberbürgermeisterposten. Zwei Bewerber mit Parteibindung befinden sich Rennen: Jan Schmidt, CDU, der allerdings ohne Nominierung seiner Partei antritt, und der AfD-Bundestagsabgeordnete Alexander Arpaschi. Der betont allerdings, seine Wahlkampfkosten vollständig aus eigener Tasche zu bestreiten, und betont damit seine Unabhängigkeit.
Wischhusen bringt politische Erfahrung mit, sie führte acht Jahre lang die FDP-Fraktion in Bremen, nachdem sie von 2012 bis 2015 den Verband „Die Jungen Unternehmer“ leitete. Bei den Freidemokraten trat sie aus, aber, wie sie im Gespräch mit TE sagt, nicht im Streit. Aber nach der Berufspolitik machte sie auch Erfahrungen in der Medienbranche, etwa mit Auftritten in der TV-Sendung „Die Höhle des Löwen“. Sie fand es besser, „parteineutral zu agieren“. Das gilt auch für den Posten, den sie jetzt anstrebt: „Es ist nicht so, dass ich meine, Parteien wären überflüssig. Aber als Oberbürgermeisterin repräsentiert man die ganze Stadt und das Volk. Da ist es nicht schlecht, keiner Partei anzugehören.“ Politische und unternehmerische Kreise aus Stuttgart, sagt Wischhusen, hätten sie angesprochen und gefragt, ob sie sich ins Rennen begeben will. Die Baden-Badener CDU lud sie zum Gespräch ein: „Ich konnte mich dort in drei verschiedenen Gremien vorstellen.“ Nach einem gründlichen Abtasten der politischen Positionen verzichtete die CDU darauf, jemand aus ihren Reihen zu nominieren, sondern stattdessen zu unterstützen. Sie wirbt auch um die Unterstützung von Freien Wählern und FDP, ihre Ortsbestimmung lautet: bürgerliche Kandidatin. Das Programm, mit dem sie eine Mehrheit gewinnen will, trägt eine unternehmerische Handschrift. Sie möchte vor allem Unternehmen der Gesundheitsbranche in die Kurstadt locken und das Kongressgeschäft beleben, also die Einnahmen der Stadt steigern.
In Ostdeutschland, politisch geprägt durch eine sehr viel schwächer ausgeprägte Parteibindung der Wähler als im Westen, liegen parteilose Kommunalpolitiker schon länger im Trend. Im brandenburgischen Frankfurt/Oder setzte sich 2025 der parteilose Axel Strasser bei der Oberbürgerwahl gegen den AfD-Bewerber Wilko Möller durch. Alle sonstigen Parteikandidaten landeten weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Strasser stammt nicht aus dem Politikbetrieb; bis zum Wechsel ins Rathaus arbeitete für die IHK Ostbrandenburg. In der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam gewann die parteilose Noosha Aubel – die frühere Beigeordnete schlug den Bewerber der SPD aus dem Feld, die seit 1990 alle Stadtoberhäupter stellte. In Eisenhüttenstadt, ebenfalls Brandenburg, siegte der parteilose Marko Henkel. Schon 2024 eroberte Tim Lochner als Parteiloser das Rathaus im sächsischen Pirna. Erfolgreiche Parteilose in der Kommunalpolitik gibt es von rechts bis links: Tim Lochner gewann als Kandidat der AfD, und gilt seitdem – nicht ganz korrekt – als erster Oberbürgermeister der blauen Partei. Hinter Aubel in Potsdam versammelte sich eine linke Allianz aus Grünen, Volt und BSW, Henkel in Eisenhüttenstadt bewarb sich auf SPD-Ticket. Es scheint so, als wäre es auf kommunaler Ebene inzwischen ein Vorteil, keiner Partei anzugehören. Zum einen liegt das an dem generell gesunkenen Vertrauen vieler Bürger in die Parteipolitik. Schon 2023 trauten laut einer Forsa-Umfrage 58 Prozent der Deutschen keiner Partei Kompetenz zur Lösung der anstehenden Probleme zu. Mittlerweile dürfte die Quote der Enttäuschten noch etwas höher liegen. In einer Erhebung der Körber-Stiftung von 2025 bewerteten 76 Prozent der Befragten die Wirtschaftslage als weniger gut bis schlecht. Und alle Probleme des Landes – Rückgang der Industrie, ausufernde Sozialausgaben, eine Migrationspolitik, die auf die Belastungsgrenzen des Landes keine Rücksicht nimmt, Bildungsverfall – landen auf die eine oder andere Art bei den Kommunen, die sie ihrerseits nicht woandershin weiterreichen können. Das führt dazu, dass auch viele Bürgermeister und Oberbürgermeister mit Parteibuch oft mit ihren politischen Spitzenleuten in Berlin über Kreuz liegen. Das Spitzenamt in den Kommunen bedeutet also Dauerbewältigung von Problemen, und das oft bei finanzieller Notlage. Außerdem können die Bürger überall dort, wo die Direktwahl gilt – in den Gemeinden und Landkreisen – den Amtsinhaber auch wieder direkt abwählen. Wer die lebenslange Karriere des Berufspolitikers einschlagen will, strebt also lieber ein Mandat in der Landeshauptstadt oder gleich in Berlin an, und meidet den steinigen kommunalen Acker. Das lässt Parteilosen viel Raum – auch im Westen. Zur Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen bewarben etliche Parteilose um Mandate. Im hessischen Lauterbach will der parteilose Kriminalpolizist Albert Krumm bei der Wahl am 15. März Bürgermeister werden.
Lencke Wischhusen möchte mehr aus Baden-Badens Vorzügen machen: den Thermalquellen, der Kurstadttradition, dem Weltkulturerbe-Status, der seit 2021 besteht – und aus dem Status als wichtige europäische Musikstadt, den die Schwarzwaldstadt im 19. Jahrhundert besaß: dem Kurhaus machten Clara Schumann, Johannes Brahms, Franz Liszt und Hector Berlioz ihre Aufwartungen. Sollte sie am 8. März gewinnen, will sie eine „Ansiedlungsoffensive“ starten, die sich vor allen an Unternehmen der Gesundheitsbranche richten soll. Auch für das Thema „gesund altern“, findet sie, wäre Baden-Baden der perfekte Ort: „Kongresse zum Thema Gesundheit und Künstliche Intelligenz müssen hierher.“ Zur generellen Belebung des Kongress- und Tourismusgeschäfts, so die Vorstellung der Kandidatin, sollte die Stadt auch an ihren früheren Rang als europäischer Treffpunkt anknüpfen. Im 19. Jahrhundert kamen Turgenjew, Gogol und Tolstoi hierher, um zu kuren; 1863 trafen sich hier Österreichs Kaiser Franz Joseph I, der russische Zar Alexander II und der französische Kaiser Napoleon III zum vertraulichen Gespräch. Man schätzte die eleganten Hotels, die guten Restaurants und überhaupt das Flair, das Baden-Baden von den meisten anderen deutschen Städten ähnlicher Größe unterschied.
Dass viele Bürger Parteikandidaten heute sehr viel zurückhaltender beurteilen als früher, scheint die Politik mittlerweile auch in der nächsthöheren Ebene zu verstehen. Der grüne Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März Cem Özdemir plakatiert sich zusammen mit dem scheidenden Ministerpräsidenten Wilfried Kretschmar und dem abgewandelten Merkel-Satz „Sie kennen ihn“, der sich auf beide beziehen soll. Eins fehlt: jeder Hinweis auf die Partei, der beide angehören. Nicht einmal ein kleines Sonnenblumen-Logo findet sich auf der Werbefläche. Ob sich die Landtagswahl tatsächlich als reine Personalentscheidung und den grünen Ex-Bundeslandwirtschaftsminister als über den Parteien schwebenden Aspiranten verkaufen lässt, muss sich demnächst zeigen. Die Wähler kennen natürlich Özdemir und Kretschmar. Aber auch ihren Verein. Und sie müssen nun einmal die Grünen ankreuzen, wenn sie Özdemir ins Ministerpräsidentenamt befördern wollen.


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Bei Bürgemeistern ist das Thema Parteien auch etwas anders als bei Politikern zu sehen. Hier dominiert Tagesgeschäft ohne Scheuklappen, dort Scheuklappen ohne Tagesgeschäft.