Institut der Deutschen Wirtschaft: „Negativzinsen sind nicht mehr zu verantworten“

Der Druck auf die EZB, die Zinsen anzuheben, wird immer stärker. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft fordert eine rasche Zinswende, auch mit Blick auf die sozialen Verwerfungen durch die Inflation.

IMAGO / Ralph Peters

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht immer stärker unter dem Druck der öffentlichen Forderung nach steigenden Leitzinsen, um die grassierende Inflation zu bremsen. Das arbeitgebernahe „Institut der deutschen Wirtschaft“ (IW) in Köln hat jetzt in aller Deutschlichkeit klar gemacht: „Negativzinsen sind mit einer Inflationsrate von über sieben Prozent nicht mehr zu vereinbaren. Die Europäische Zentralbank muss bei der nächsten Zinssatzentscheidung am 9. Juni die Zinswende beschließen und einen Ausblick über weitere Schritte geben.“

Im April lag die Inflationsrate in Deutschland bei fast acht Prozent – in einigen Eurozonen-Ländern ist sie sogar zweistellig. Noch 2021 war aus der EZB selbst oft noch von Einmaleffekten die Rede und damit wurde die Beibehaltung des Nullzinskurses begründet. Lange wurde sogar mit der Befürchtung einer Deflation argumentiert. Nun gibt es kaum noch Zweifel daran, dass die Inflation bleibt.

IW-Geldpolitik-Experte Markus Demary betont in einer aktuellen Stellungnahme die sozialen Härten durch die Inflation: „Vor allem ärmere Haushalte können sich nur schwer schützen. Lebensnotwendige Ausgaben für Lebensmittel, Wohnen und Heizen machen bei ihnen einen größeren Anteil der Gesamtausgaben aus als bei reicheren Haushalten. Ein Haushalt, der weniger als 900 Euro monatlich zur Verfügung hat, muss für diese Posten fast 63 Prozent seines Budgets ausgeben, bei einem Haushalt mit einem monatlichen Einkommen von 5.000 Euro sind es knapp 40 Prozent. Inflation wirkt also ungerecht – umso wichtiger ist es, dass sie nicht aus dem Ruder läuft.“

Demary wirft der EZB vor, 2021 „zu zögerlich“ gewesen zu sein. Grund hierfür sei auch die Erfahrung von 2011 gewesen: Damals stieg die Inflation in der Eurozone auf drei Prozent an, woraufhin die EZB zwei Zinserhöhungen von jeweils 0,25 Prozentpunkten beschloss. Die EZB ruderte dann radikal zurück, weil einige Länder des Euroraums in die Rezession rutschten und eine Deflation befürchtet wurde: Die Leitzinsen wurden 2012 auf null Prozent gesenkt, wo sie seither blieben. 

Doch die aktuelle Lage ist damit nicht zu vergleichen. Das Inflationsziel von zwei Prozent wird jetzt nicht um einen Prozentpunkt übertroffen, sondern um mehr als fünf. Das Deflationsrisiko spielt daher keine Rolle mehr.

Hoffnung auf eine schnelle, inflationsbremsende Wirkung macht Demary nicht: „Da Zinserhöhungen einige Monate brauchen, bis sie in der Wirtschaft ankommen, werden die Preise zunächst mit einer ähnlich hohen Rate wie in den vergangenen Monaten steigen. Das bekommen vor allem verschuldete Haushalte zu spüren. Neben höheren Preisen für Lebensmittel und Energie werden sie auch mehr für Zinszahlungen ausgeben müssen.“ Umso wichtiger sei es, dass die EZB jetzt schnell handele. „Ein längeres Zaudern lässt sich nicht mehr verantworten.“

Die Erwartung einer baldigen Zinswende der EZB wurde jüngst auch vom amtierenden deutschen EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel mit den typisch notenbankarischen Worten „Wir werden tun, was nötig ist“ bestätigt. Im Gespräch mit TE äußerte auch der frühere Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret seine Erwartung, dass die Europäische Zentralbank bald die Zinsen anhebt. „Es ist nach meiner persönlichen Einschätzung bereits absehbar, dass auch die EZB ihre Geldpolitik überdenkt und ändern wird. Ich verweise auf kürzliche Aussagen einer zunehmenden Zahl von Mitgliedern des EZB-Rats. Und es ist aus meiner Sicht auch tatsächlich angezeigt, so schnell wie möglich aus den Negativzinsen auszusteigen.“

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Kommentare ( 14 )

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Dr. Heisenberg
2 Jahre her

Die EZB inflationiert die Schulden der EU. Eine Zinserhöhung ist nicht möglich, da sonst z.B. Griechenland/Frankreich/Italien pleite gehen.Dies wäre das Ende der EU.

Donostia
2 Jahre her

Wir nähern uns dem Ende des EUROs. Eine Zinserhöhung wird zu massivem Sterben von Firmen und auch Staaten führen. Fachleute gehen davon aus, dass im Euroraum ca. 15-20% Zombiefirmen unterwegs sind, die sich nur noch durch das zinslose Geld am Leben erhalten. Bei Anhebung der Zinsen werden diese Firmen und vielleicht ganze Staaten zahlungsunfähig werden. Danach wird der Euro nicht mehr zu halten sein. Man zögert das ganze noch so lange wie möglich hinaus um das Volk noch weiter ausbluten zu lassen bis dann der Schnitt kommt. Alle werden zu Ader gelassen. Die einen mehr die anderen weniger. Rettet Euer… Mehr

Petra Horn
2 Jahre her

Keiner übernimmt die Verantwortung für gar nichts. Es ist schon ein Wunder, daß wenigstens die Spiegel (halb) weg ist. Sie wird in irgendeiner Stiftung oder Grünen-Organisation wieder auftauchen. 75000 Euro Schmerzensgeld sind auch eher mickrig, gemessen an Amtsträgeransprüchen.

Petra Horn
2 Jahre her

Die vertragsmäßige Konstruktion des Euros geht vielleicht noch in Ordnung. Genau kann man das nicht wissen, da fast von Anfang an dagegen verstoßen wurde von der EZB. Allerdings können die Länder in einem gewissen Rahmen auch tatsächlich Euros drucken. Was natürlich auch von vielen Ländern weidlich ausgenutzt wird. Jedoch sieht es so aus, daß die Südländer tendenziell weniger Steuern bezahlen. Das könnte an der weniger stringenten Bürokratie liegen, oder daran daß die Steuersätze niedriger sind, oder daran, daß weniger erwirtschaftet wird. Diese Länder haben nicht den Anspruck auf Preisstabilität. Dort wird / wurden die Einnahmen des Staates aus der Druckerpresse… Mehr

Donostia
2 Jahre her
Antworten an  Petra Horn

Das Volk hat über Jahrzehnte immer wieder diese Politik bestätigt. Wenn ich jetzt nach Schleswig- Holstein schaue und das Wahlergebnis mir anschaue, dann ist klar, dass der Großteil der Bevölkerung es immer noch nicht kapiert hat. Weil die Politik der SPD so schlecht ist wird nun die CDU gewählt. Die Leute denken tatsächlich, dass sich dann etwas fundamentales ändern wird. Dabei hat Merkel in den letzten 16,5 Jahren 16 Jahre regiert. Die Mehrheit des Volkes ist dumm und jetzt ist halt Zahltag.

swengoessouth
2 Jahre her

Die Negativzinsen für die Banken, die uns Kunden als Verwahrentgelt aufs Auge gedrückt werden, müssen unbedingt fallen. Es füllt nur die Taschen der Banken und raubt uns Firmen wie Private Geld. Das Geld würde ich lieber in andere Dinge investieren als den Banken in den Rachen werfen. Aber eine gewisse Liquidität muss man einfach haben.
Wir leben im Irrenhaus…

Bernd Bueter
2 Jahre her
Antworten an  swengoessouth

Letzter Satz: im grün-sozialistischen Paradies

Iso
2 Jahre her

Generell ist die Konstruktion Euro verantwortungslos.

Thorsten
2 Jahre her

Die Frage bleibt dann, wie die horrende Staatsschulden der EU-Staaten finanziert werden sollen.
Die „toxischen Altlasten“ wird vermutlich die EZB in einem „Sondervermögen “ endlagern, aber Länder wie Italien und Griechenland brauchen immer neues Geld und auch Deutschland werden Zinszahlungen auf die über 2 Billionen Euro Staatsschulden schmerzen.
Dazu kommen die Kosten von Corona, horrende Energiepreise. verkorkste Energiewende und der unselige Ukraine-Konflikt.
Das der Euro im Sinkflug gegenüber dem Dollar ist, ist das abschließende Elend. Spekulanten freut es, aber dem Normalbürger dürfte es eine teure Last sein.

Richard28
2 Jahre her
Antworten an  Thorsten

„Dazu kommen die Kosten von Corona, horrende Energiepreise. verkorkste Energiewende“
Die Kosten für die Wende der Energiewende sind noch 3 mal höher !

Edwin
2 Jahre her

Eine Zinserhöhung wird um jeden Preis vermieden werden. Das würde die Südstaaten in den Ruin treiben und damit auch den Euro. Da geht man lieber den schleichenden Bankrott.

Autour
2 Jahre her

Ach und immer wieder die gleiche falsche Analyse! Also ob die Zinserhebung irgendetwas ändern wird! Was soll es bringen? ES GIBT EINFACH NICHT GENUG da kann man noch soviel an den Zinsen drehen! Es ist keine Geldinflation!!! Es ist eine Produktinflation es gibt einfach nicht genug! Nicht genug Energie nicht genug Holz usw. Also ich weiss nicht was diese Experten alles so im Kopf haben…

Petra Horn
2 Jahre her
Antworten an  Autour

Natürlich gibt es von allem genug. Gab es ja früher auch. Und es lagert ganz viel in der Erde, auch in Deutschland: Kohle, Braunkohle, Schiefergas. Und Kernkraftwerke haben wir auch. Die Deutschen haben sich nur, wie beim Maskentragen, in eine blinde und dumme Hysterie hineingesteigert, daß sie vor allen sinnvollen Maßnahmen Angst haben.
Wenn sich das nicht ändert, kommen wir noch in eine Hunger- und Existenzkrise. Und glaube bloß keiner, daß uns daraus die USA retten. Die arbeiten mit den Grünen als wichtigste Helfer daran, daß es immer kopfloser wird.

Bernd Bueter
2 Jahre her
Antworten an  Petra Horn

Also „die“ schon mal nicht sondern die grün-rot-schwarz-gelb wählenden, hochintelligenten Untertanen.