Gasthaus Zenner: Divers, aber nicht für Juden?

Alljährlich findet der „Karneval de Purim“ anlässlich des jüdischen Festes Purim in verschiedenen Clubs der Berliner Szene statt. Für 2024 bekamen die Veranstalter der Party vom Gasthaus Zenner zunächst eine Absage – mit Verweis auf die „aktuelle Lage der Dinge“.

IMAGO / Schöning
Haus Zenner, Restaurant und Biergarten, Treptow-Köpenick, Berlin, Deutschland, 14.06.2019

Das Gasthaus Zenner am Ostrand des Treptower Parks ist eine Berliner Institution: 1822 wurde der klassizistische Bau errichtet, nach dem Krieg wieder aufgebaut. Zu DDR-Zeiten spielten sich hier seltsame Teilungsgeschichten ab: Touristen aus dem Westen wurden in einer eigenen Bar verköstigt, zu der DDR-Bürger keinen Zutritt hatten. Heute versteht sich das Zenner nach eigener Auskunft als „kuratierte Kulturinstitution, Eventspace, Club, Biergarten sowie Weingarten und ja, auch als Bio-Eisdiele“.

Auf seiner Website gendert die Institution; man stehe für „gelebte Gender Diversity und ein achtsames Miteinander“, heißt es. Unter der Rubrik „Unsere Werte“ liest man, das Zenner verfolge „eine Politik der Chancengleichheit und stellt sich gegen Diskriminierung, Belästigung oder Einschüchterung, insbesondere aufgrund von Alter, Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft, körperlicher oder geistiger Behinderung oder Religion“. Zum Thema „Inklusion“ wird eine eigene Mailadresse angegeben, an die man sich wenden kann.

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Angesichts der aufdringlichen Diversitäts-Rhetorik ist es umso verstörender, was sich in der vergangenen Woche rund ums Zenner abspielte: Am Freitag veröffentlichten die Veranstalter des sogenannten „Karneval de Purim“ eine Mail, die sie vom Zenner erhalten hatten. Der „Karneval de Purim“ ist eine Institution des jüdischen Berlins. Die Party wird alljährlich anlässlich des jüdischen Festes Purim veranstaltet, bei dem die Geschichte der Königin Esther und das Überleben der Juden in Persien gefeiert werden. Da Purim mit Kostümen aller Art begangen wird, ähnelt es dem hiesigen Karneval.

Der „Karneval de Purim“ hat bereits in verschiedenen Berliner Clubs stattgefunden. In Vorbereitung auf das kommende Purim im März 2024 fragten die Veranstalter nun beim Zenner an, ob sie die Party dort steigen lassen könnten. Sie bekamen eine harsche Absage. Kim J., nach eigener Auskunft „Production Manager“ beim Zenner, schrieb in einer Mail an sie: „Ich finde es einigermaßen unfassbar, dass Ihr einen jüdischen Karneval im Angesicht der aktuellen Lage der Dinge veranstalten wollt.“ Und weiter: „Nichts Persönliches, aber nicht im Zenner.“

Mit dem Verweis auf die „aktuelle Lage der Dinge“ spielte J. offensichtlich auf den Krieg im Gazastreifen an. Was eigentlich nur die Interpretation zulässt, dass er a) „die Juden“ mit Israel gleichsetzt, und b) nicht ertragen kann, dass Juden feiern, während im Gazastreifen Krieg herrscht (mit all den anderen, nicht-jüdischen Partys in Berlin dürfte er hingegen kein Problem haben). Es ist eine Einlassung, die klar judenfeindliche Züge trägt. Kim J. hat sich dazu nicht öffentlich erklärt und seinen LinkedIn-Account deaktiviert.

Die Veranstalter des „Karneval de Purim“ reagierten fassungslos: „Das aktuelle politische Klima erweckt sämtliche Dämonen und lässt jene Leute, die sich sonst als weltoffen und inklusiv präsentieren, ihr antisemitisches Selbst offenbaren.“ Es handle sich um einen „klaren Versuch, Juden aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Ginge es nach Zenner, sollten wir uns in unseren Wohnungen einschließen und verstecken. Wie konnten wir es überhaupt wagen, für die Veranstaltung anzufragen?“

Tag der Schande:
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In den sozialen Netzwerken sorgte der Vorgang schnell für Empörung. Bereits am Samstagvormittag griff einer der größten israelischen TV-Sender, Kanal 12, den Vorgang auf seiner Website auf. Die „Jüdische Allgemeine“ veröffentlichte auf ihrer Seite einen Kommentar unter der Überschrift: „Berliner Clubs: Tanzende Juden? Nicht bei uns!“

Nachdem auch der Autor dieses Textes zwei Mal beim Zenner um eine Stellungnahme angefragt hatte, veröffentlichte die Institution am Samstagabend eine umfassende Entschuldigung: Die Aussage des Mitarbeiters sei „als klar antisemitisch zu bewerten“, heißt es darin. Man wolle den Fehler transparent und nachhaltig aufarbeiten. Dafür soll eine Organisation für Diversitätsberatung hinzugezogen werden. Den „Karneval de Purim“ wolle man nun doch gerne bei sich stattfinden lassen.

Der potentielle Gewinn daraus solle dann an die Beratungsstelle „Ofek“ für Betroffene von Antisemitismus und an die Organisation „Omdim BeJachad“ gehen. Letzteres ist wiederum eine bemerkenswerte Entscheidung, denn mit den Juden Berlins hat „Omdim BeJachad“ erst einmal nichts zu tun. Es handelt sich um eine linke israelische Organisation, die sich unter anderem gegen die „Besatzung“ der palästinensischen Gebiete einsetzt. Auch in seiner Entschuldigung führt das Zenner also den Konnex zwischen Juden in Berlin und Israel beziehungsweise dem israelisch-palästinensischen Konflikt fort.

Der „Karneval de Purim“ teilte am Sonntag auf Anfrage des Autors mit, es sei Fakt, dass der Eigentümer der Institution Hinweise auf das Agieren des Mitarbeiters ignoriert habe: „Erst nachdem die Angelegenheit Zugkraft in den Medien entwickelte, machte er sich die Mühe, uns zu kontaktieren.“ Später wiederholte der „Karneval de Purim“ diese Anschuldigung auch öffentlich. Demnach lag der Vorfall sogar schon acht Tage zurück, als sich das Zenner erklärte. Trotzdem gaben die Veranstalter bekannt, die Entschuldigung zu akzeptieren. Den „Karneval de Purim“ wolle man nun allerdings nicht mehr dort abhalten.

Zwei Monate Eiertanz
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So oder so kann es mit der Entschuldigung des Zenner nicht getan sein kann. Der „Karneval de Purim“ stellt den Vorfall in einen größeren Gesamtrahmen. Der Hamas-Angriff gefährde die Sicherheit von Juden in der ganzen Welt, schreiben die Veranstalter: „Leider ist die Lage in der lokalen Club-Szene sogar noch schlimmer.“ Nach dem 7. Oktober habe es ein „überwältigendes Schweigen“ in der Szene gegeben. Dann seien Stellungnahmen veröffentlicht worden, die den Angriff sogar bejubelten.

Der „Karneval de Purim“ verweist auf Lewamm Ghebremariam, Vorständin der Berliner „Clubcommission“, in dem auch das Zenner Mitglied ist. Ghebremariam ist dort laut ihrem LinkedIn-Account für „Awareness, Diskriminierungssensible Türpolitik, Safe Spaces“ verantwortlich. Nach dem 7. Oktober verbreitete sie via Instagram einen fremden Tweet, in dem vom Recht der Palästinenser „auf Widerstand“ gegen „Besatzung und Apartheid“ die Rede ist. Das kommentierte sie mit einem Herz und den Worten: „Nur als Erinnerung“.

Die „Clubcommission“ selber veröffentlichte am 9. Oktober eine Stellungnahme, in der sie die „grausame Terrorattacke“ auf das Supernova-Festival in Südisrael verurteilte. Die vor allem israelisch-jüdischen Opfer werden nicht als solche benannt, die Hamas nicht erwähnt. Außerdem rief die Kommission in derselben Stellungnahme, gerade einmal zwei Tage nach dem Hamas-Angriff, nicht nur zu Spenden an den Roten Davidstern (das jüdische Pendant zum Roten Kreuz), sondern auch an eine Hilfsorganisation für palästinensische Flüchtlinge und die UN-Organisation für Palästinaflüchtlinge UNRWA auf.

Die linksalternative tageszeitung (taz) schrieb vor diesen Hintergründen bereits Ende Oktober, es sei nun relativ klar, „dass eine nicht geringe Zahl von Akteuren im Berliner Clubbetrieb der Meinung ist, Israel habe gar keine Solidarität verdient“. Vom „Karneval de Purim“ hieß es am Freitag: „Wir werden weder vergessen, noch vergeben all’ das, was während dieser Zeit (des Krieges) geschehen ist. Zu viele Institutionen und zu viele Einzelpersonen in Berlin haben uns Juden das Gefühl vermittelt, dass wir mit einer Zielscheibe auf dem Rücken herumlaufen. Es ist Zeit, zurückzuschlagen.“

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Kommentare ( 14 )

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Michael M.
2 Monate her

Die sog. „Akteure im Berliner Clubbetrieb“ interessieren doch 99,999 % der deutschen Bevölkerung nicht die Bohne.
Sorry, aber jede Aufmerksamkeit die man solchen Clowns gibt ist grundsätzlich kontraproduktiv, denn nur mit konsequentem Ignorieren ist diesen beizukommen.

Stefferl
2 Monate her

Mit Frau/Herr/Divers Lewamm Ghebremariam scheint man den Bock zum Gärtner gemacht zu haben. Das erinnert mich fatal an den Fall Ataman.

Danton
2 Monate her

Liebe Juden in Deutschland, die Eigenwerbung von Berlin und diesem Club Zenner (gegen Diskriminierung, Belästigung oder Einschüchterung, insbesondere aufgrund von Alter, Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft, körperlicher oder geistiger Behinderung oder Religion) schreit doch förmlich danach nur woke Arier in ihren Reihen zuzulassen. Nirgends in Deutschland hat der Mussolini Faschismus so viele Anhänger, die Kulturrevolution Maos so viel Ergebene, nehmen sich so viele Stalin als Vorbild und suhlen sich Linke und Moslems, ganz frei von Konsequenzen, in ihrem Israelhass wie in Berlin. Diese ganze Stadt ist ein Club von Antisemiten, das es ein Wunder ist wie geduldig die jüdischen Vereine… Mehr

Wilhelm Rommel
2 Monate her
Antworten an  Danton

Für das angesprochene Etablissement sollte man künftig Fensterwerbung machen wie folgt: „Juden sind hier unerwünscht! Einlass nur für Erniedrigte, Beleidigte, Woke-Arier und/oder Inhaber eines Araber-Nachweises“. Letzteres auf vielfachen Wunsch der sich dreimal täglich rasierenden Balliner ‚Damenwelt‘ in Leder und Tütü!!! Anmerkung: Es gibt keinen Irrsinn hierzulande, der nicht in der verpesteten Luft, Luft, Luft von Spree-Kalkutta noch locker zu toppen wäre…

Last edited 2 Monate her by Wilhelm Rommel
H. Hoffmeister
2 Monate her

Israel und jüdische Bevölkerungen in anderen Ländern sollten nur sich selbst vertrauen. Und ganz am Ende vertrauenswürdiger Institutionen steht sicher eine grünwoke Clubszene in einer muslimisch dominierten Grossstadt Berlin. Bitte auch nicht aus den Augen verlieren, wer der Hamas aktuell Abermillionen überweist, um das Tunnelsystem nach dem Abzug der israelischen Armee wieder instandzusetzen. Das jüdische Volk hat leider in Europa nicht viele Freunde.

Mugge
2 Monate her

….jene Leute, die sich sonst als weltoffen und inklusiv präsentieren….

deren Weltoffenheit und Inklusion nicht selten jenen Kitsch darstellt , den Roger Scruton in seinem Buch „Bekenntnisse eines Häretikers“ Milan Kundera beschreiben lässt:

Kitsch lässt in rascher Folge zwei Tränen fliessen. Die erste Träne besagt: , So entzückend, wie die Kinder durchs Gras tollen! Die zweite Träne ergänzt: , So wunderbar , in Einklang mit der gesamten Menschheit diese Rührung zu empfinden , wenn Kinder durchs Gras tollen!

Und Scruton führt weiter aus:

Beim Kitsch geht es, anders gesagt, nicht um den jeweiligen Gegenstand der Betrachtung, sondern um den Betrachter.

StefanB
2 Monate her

An der Behauptung, dass Antisemitismus auch ein deutsches Phänomen ist, kann man nichts deuteln. Die politische Richtung, aus der er kommt, ist allerdings nicht „rechts“, sondern wie eh und je sozialistisch und deshalb links.

Moses
2 Monate her
Antworten an  StefanB

Das letzte Satz stimmt noch deswegen voll, weil die ersten Sozialisten Juden waren. Erst später und endgültig ab Hitlerszeit ist es langsam ein Muttermal von linken geworden.

alter weisser Mann
2 Monate her

„gelebte Gender Diversity und ein achtsames Miteinander“ „eine Politik der Chancengleichheit und stellt sich gegen Diskriminierung, Belästigung oder Einschüchterung, insbesondere aufgrund von Alter, Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft, körperlicher oder geistiger Behinderung oder Religion“
Woke bullshit bingo Stanzen vom allerfeinsten und das toppt man dann durch islamistische Bekenntnisse und Antisemitismus, gekoppelt mit lügnerischen „Begründungen“ und Ausweichversuchen. Passende Diagnose: Berliner linkswoke Schizophrenie … dit is Berlin alta!

Last edited 2 Monate her by alter weisser Mann
Lars Baecker
2 Monate her

Unglaublich, aber trotzdem erwartbar.

Innere Unruhe
2 Monate her

Gratismut! Deutsch ist eine wunderbare Sprache!

thinkSelf
2 Monate her

„Angesichts der aufdringlichen Diversitäts-Rhetorik ist es umso verstörender, was sich in der vergangenen Woche rund ums Zenner abspielte …“
Ganz im Gegenteil. Gerade wegen dieser Rhetorik ist das Verhalten nicht nur erwartbar, sondern zwingend.