Friedrichstraße wieder autofrei: Berlins Senatorin Jarasch ignoriert Gerichtsurteil

Seit Jahren wird in Berlin über die Sperrung der Friedrichstraße für Autos gestritten. Im Oktober gab das Verwaltungsgericht der Klage einer Geschäftsinhaberin recht. Nun setzt sich Bettina Jarasch, grüne Verkehrssenatorin und Möchtegern-Regierende Bürgermeisterin, über das Gerichtsurteil hinweg.

IMAGO / Jürgen Ritter
Friedrichstraße in Berlin-Mitte

Die „Verkehrswende“ haben sich die Grünen in der Hauptstadt schon seit langem auf die Fahne geschrieben. Eine Stadt für Fahrräder und Lastenfahrräder soll Berlin werden, eine klimagerechte und möglichst autofreie Stadt. Eine Stadt, in der Parkplätze umgewidmet werden in angenehme Aufenthaltsräume für Fußgänger – als Ersatz für die angeblich so spärlich vorhandenen Parks. Kurzum, es geht den Grünen darum, Mobilität ideologisch „gerecht zu gestalten“, mithin also um „Flächengerechtigkeit“.

Zu dieser „Flächengerechtigkeit“ gehören Vorschläge wie die Anhebung der Gebühr für Anwohnerparkplätze von aktuell höchstens 20 auf 360 Euro im Jahr und die Halbierung der vorhandenen Parkplätze bis etwa 2033. Als ersten Schritt soll es für die Monate Mai bis September 2023 autofreie „Sommerstraßen“ geben. Als Vorbild soll die bayerische Landeshauptstadt München dienen, wo Grüne und Rosa Liste sowie SPD und Volt eine Koalition bilden und bereits seit 2019 „Sommerstraßen“ ausweisen.

Grüne Verkehrswende
Die Friedrichstraße: Stellvertreterkrieg grüner Mobilitätsträume
Auf einer Länge von „maximal 50 bis 100 Meter“ sollen in Berlin nun geeignete Nebenstraßen als „Sommerstraßen“ für den Autoverkehr komplett gesperrt und mit „Stadtmobiliar“ für mehr Aufenthaltsqualität versehen werden. Als Kosten werden 250.000 Euro angegeben. In vielen Kiezen, vor allem in der Innenstadt, sei der Weg zum nächsten – und in der warmen Zeit vollen – Park „recht weit“, heißt es. So werde eine Alternative geschaffen. „Bei positiven Erfahrungen“ könnten es 2024 schon mehr „Sommerstraßen“ sein. Mitspracherechte für Anwohner sind offenbar nicht geplant.

In der Hauptstadt herrscht (Wiederholungs-)Wahlkampf fürs Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlung am 12.Februar 2023 – und da ist man sich für nichts zu schade. Im Stadtteil Charlottenburg sollen in der Kantstraße weit über 400 Parkplätze wegfallen. Die derzeitige Kant-Straßen-Situation ist gefährlich und rechtswidrig. Die Feuerwehr kommt wegen des Radwegs nicht an die Wohnungen ab dem 3. OG aufwärts. Es sei „… mit einem Entfall im Abschnitt zwischen Joachimsthaler Straße und Wilmersdorfer Straße von ca. 427 Stellplätzen und zwischen Wilmersdorfer Straße und Dernburgstraße von ca. 40 bis 50 Stellplätzen zu rechnen“.

Seit Jahren wird über die Sperrung der Friedrichstraße in Berlin-Mitte gestritten. Ein Abschnitt zwischen der Französischen Straße und der Leipziger Straße wurde für den Kraftfahrzeugverkehr gesperrt. Es ging um 450 Meter freie Fahrt für Radfahrer und mehr „Aufenthaltsqualität“ für Fußgänger. Nach langem Streit gab das Verwaltungsgericht Ende Oktober 2022 der Klage einer Geschäftsinhaberin recht. Eine derartige Straßensperrung durch den Senat sei nur aus Gründen der Sicherheit möglich, diese Voraussetzung läge aber nicht vor.

Schwerer Schlag für grünes Projekt
Berliner Verwaltungsgericht: Sperrung der Friedrichstraße ist rechtswidrig
Nun setzt sich Verkehrssenatorin Bettina Jarasch, die Spitzenkandidatin der Grünen fürs Amt der Regierenden Bürgermeisterin über das Gerichtsurteil hinweg und verkündet, die Friedrichstraße werde ab dem 30. Januar wieder autofrei. Die Noch-Regierende Franziska Giffey (SPD) kann offenbar nur noch verbal toben – aber das nur ziemlich zurückhaltend, schließlich will man es sich mit dem Koalitionspartner nicht verderben und im Fall der Fälle wenn nicht als Regierende, dann eben mit einem Senatsposten versehen weiter im politischen Geschäft bleiben.

Die Aktion sei „nicht im Senat abgestimmt“, so Giffey. „Ich halte diesen Alleingang auch nicht für durchdacht.“ Sie stehe weiterhin „für eine Gesamtlösung für die Mitte der Stadt, die mit den Gewerbetreibenden in der Friedrichstraße und in den umliegenden Straßen erarbeitet und abgestimmt wird und für die ausreichend Gelder eingestellt werden, damit eine echte, attraktive Flaniermeile Wirklichkeit werden kann. Das sehe ich hier nicht“.

Giffey weiter: „Erst sperren, dann planen, ist keine gute Lösung. Das wird der Hauptstadt nicht gerecht. Ich verstehe, dass Bettina Jarasch ihr Klientel im Blick hat. Als Regierende Bürgermeisterin sehe ich aber, dass es mehr braucht, um die Mitte Berlins für die Berlinerinnen und Berliner und Gäste aus aller Welt attraktiv zu machen.“

Doch nun steht eine Mega-Klage gegen die autofreie Friedrichstraße bevor. Die Anwohner haben Zettel in ihren Briefkästen: „Die Fußgängerzone ist autofrei.“ Kein Fahren oder Halten erlaubt. Heißt: Auch 80 Parkplätze auf dem Abschnitt zwischen Französischer und Leipziger Straße sind ab kommender Woche futsch, berichtet die BZ. Die Folge: empörte Proteste gegen den Blitz-Coup. Ein Handelsverband für die Geschäftsleute und Dehoga für die Gastronomie schmieden jetzt mit dem Bündnis der Anrainer eine Allianz gegen Verkehrssenatorin Bettina Jarasch. Anwalt Marcel Templin bereitet die Mega-Klage vor. Er war es, der schon im Oktober die erste Klage einer Weinhändlerin vor dem Verwaltungsgericht zum Erfolg führte.

Was plant Verkehrssenatorin Jarasch eigentlich konkret auf den gesperrten 500 Metern?, fragt die BZ. Vorerst nichts Neues im Osten! Die Sitzmöbel aus der ersten Sperrphase werden wieder ausgemottet und um ein paar neue ergänzt (Kosten: 800.000 Euro). Ein Provisorium. Open-Air-Gastronomie ist erwünscht, Feste auch.

Die größere Veränderung kommt erst, wenn nach einem Wettbewerb Vorschläge von Architekten auf dem Tisch liegen. Für die Umsetzung sind im Haushalt 2026/27 (!) dafür drei Millionen Euro eingeplant.

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Kommentare ( 30 )

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MartinL
1 Jahr her

Wie sind wir denn eigentlich dahin gekommen, das ausgerechnet eine Schicht völlig und absolut realleistungsloser Leute der sie versorgenden Bevölkerung vorschreiben, wie diese zu leben hat?

dubium
1 Jahr her

Es ist nicht die erste grüne Politikerin, die sich über Gerichts- oder Mehrheitsbeschlüsse hinwegsetzt, der Kreuzberger Grünen-Stadtrat (Name unwichtig, kennt sowieso keiner) hat es schon mal erfolgreich demonstriert, dass aus Feigheit so etwas keine Konsequenzen hat.
Bei dem ganzen Begegnungs-Gedöns wird gern übersehen, dass es immer noch einige Menschen gibt, die arbeiten und die grünen Flausen bezahlen müssen.

Teiresias
1 Jahr her
Antworten an  dubium

Na, und? Es wird doch nicht von denen bezahlt, die in Berlin arbeiten, sondern von denen, die nicht in Berlin arbeiten.

Moment mal – Ich arbeite nicht in Berlin.

Also geht mich das doch was an. Mist.

Last edited 1 Jahr her by Teiresias
Robert Tiel
1 Jahr her

Ich fasse mal zusammen:
Eine Grüne, die aufgrund einer ungültigen Wahl Senatorin wurde,
setzt sich über das Urteil eines Gerichts hinweg und setzt die Sperrung einer Straße durch.
Das ist die neue Rechtsstaatlichkeit der PostMerkelZeit.

Sabine Ehrke
1 Jahr her

Wie bestellt, so geliefert. Der Platz ist knapp bemessen, denn wir erfuhren im November 22, dass Berlin – laut Sozialverwaltung – täglich im Schnitt rund 160 Menschen aufnehmen muss, also täglich offiziell 160 eintreffende Asylanten. Die müssen ja wohin. Was gibt es also besseres, als Begegnungsstätten, wo jene ihre ‚Religion‘ ganz in Ruhe an woken Passanten ausüben können. Und ich sehe keine Bürger wegen manipulierter Wahlen auf den Straßen protestieren. Kein Mitleid. Und wer da glaubt, im Rest des links’demokratischen‘ Deutschland sicher zu sein… weit gefehlt! Denn längst ist Recht, was Faschistoide als solches definieren.

hoho
1 Jahr her
Antworten an  Sabine Ehrke

Sie meinen man baut in berlin keine 160 Wohnungen pro Tag? Wahrscheinlich weil die Transen auf der Baustelle wegen Diskriminierung nicht arbeiten dürfen. und es fehlen dann die Fachkräfte?
Ich lese gern Geschichten über den alten Rom. Da sind die Ähnlichkeiten echt verblüffend. Sie haben sogar einen Klimawandel nur bei denen hat sich das Klima abgekühlt und bei uns gibt es eine heiße Hysterie.

Hermes
1 Jahr her

Liebe Berliner,
die Gretchenfrage ist doch wohl eher, warum sollman sich als Autofahrer an das Fahrverbot halten, wenn die zuständige Senatorin sich nicht an das Gerichtsurteil hält?
Ich bin zwar kein Jurist, aber ich denke, dass man gegen einen Bußgeldbescheid gute Chancen hätte, da das Fahrverbot unrechtmäßig ist und daher eine daraus resultierende Strafe ebenfalls unrechtmäßig sein muss.
Ich habe in den Neunzigern mal einige Jahre in Berlin gelebt und es geliebt. Es tut mir innerlich weh, wenn ich sehe, was dieses Politikerpack aus dieser tollen Stadt gemacht hat.

poctichy
1 Jahr her
Antworten an  Hermes

Ja – es ist so toll hier in Berlin. Die Häuerschluchten sind 30 Meter breit, wobei das auf 5 Meter Fußsweg, 15 Meter Straße und 10 Meter Parkplatz verteilt wird. Als Fußgänger brauch ich manchmal ewig an bestimmten Ampeln. Als Fahrradfahrer begibt man sich regelmäßig in Lebensgefahr hier… aber ja, wenn überall Autos fahren ist das viel besser. In welcher einer verzerrten Realität muss man leben um so eine Weltanschauung zu entwickeln? Gruselig.

Malte
1 Jahr her
Antworten an  Hermes

Es gibt für den Bürger keinen Grund, sich an Gesetze zu halten, wenn die Verwaltung es ebenfalls nicht tut. Der rechtsstaatliche Konsens wird hier von der Verwaltung aufgekündigt.

Teiresias
1 Jahr her

Berlin:
2,4 mio Wahlberechtigte,
Wahlbeteiligung angeblich (Briefwahl?) 75,4%,
1,8 mio Wähler,
1,24 mio zugelassene PKW

Jeder 2.Wahlberechtigte hat ein Auto.

Entweder die Stadt ist total gespalten, und die Autohasser haben eine Wahlbeteiligung nahe 100%, oder die Irren wählen massiv gegen ihre eigenen Interessen.

In jedem Fall ein interessantes Phänomen – solange man es als Unbeteiligter von außen betrachten kann.

Robert Tiel
1 Jahr her
Antworten an  Teiresias

Wenn die Wahl eine korrekte gewesen wäre, würde am 12.2. nicht neu gewählt.
TichysEinblick sei Dank.
Mit einem anderen Ergebnis könnte allerdings nur gerechnet werden, wenn die OSZE insbesondere die Briefwahl kontrollieren würde.

Landdrost
1 Jahr her

„Sommerstraßen“ in denen die „Partyszene“ dann schalten und walten kann, zur puren Freude der geschlechtsdiversen Grünenwähler und -wählerinnen. Diese ganze Stadt ist ein Irrenhaus. Mauer drum, Dach drauf und sich selbst überlassen.

Daimondoc
1 Jahr her

Wenn Jarasch ein Gerichtsurteil ignoriert dann muss sie in den Knast anders lernen die das nicht.
Meine Fresse die können doch nicht machen was sie wollen, dass sollen unsere Volksvertreter sein die werden von uns fürstlich bezahlt.

Andreas aus E.
1 Jahr her

Erst sperren, dann planen, ist die einzig vernünftige Lösung.
Also: Erst sperren, mithin: Mauer wieder aufbauen, dann können Senat mit Rigaer Straße ein Baumhaus besetzen und beraten und planen, wie es weitergehen soll, nach Kappung des Länderfinanzausgleichs.
Ach so, ganz allein sollte man Woke-Berlin nicht lassen. Selbstredend würde eine Rutsche an die Mauer gebaut, über die beispielsweise halb Köln oder Freiburg ins grünsozialistische Wir-haben-Platz-Paradies per Einweg-Fahrschein reisen könnten, dazu die ganzen Ehrengäste der Willkommenskultur. Aber bitte nicht zu eng beisammen stehen, Armlänge Abstand!

gom jabbar
1 Jahr her

Die Linkswähler rekrutieren sich aus vielen Altkommunisten und jungen Fehlgeleiteten, die annehmen, ihnen wird durch links ein besseres, weil aus ihrer Sicht gerechteres Leben geboten.
Dazu kommt der Wunsch, es den Reichen Kapitalisten mal so richtig zu zeigen.
Viele von denen kennen den verotteten Sozialistischen Teil Berlins auch nur von Fotos und die Mauertoten nur von Gedenktagen.
Im übrigen sind nicht alle Berlin Bewohner auch Berliner, ebensowenig wie eine Katze im Kuhstall zur Kuh wird.