Großmutter, was hast du für große Augen! Was hast du für große Hände! Was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ Wie’s ausging, darüber gibt es mehrere Varianten: Bei den Gebrüdern Grimm endet der Wolf mit Wackersteinen im Bauch, in älteren Erzählungen gibt’s kein Happy End. Jedenfalls nicht fürs Rotkäppchen.
Angefangen hat es mit der Flatrate fürs Internet; Handytarife folgten. Banken, Makler, Restaurants; Kultur – einmal bezahlen, dafür unbegrenzt und immer konsumieren, das ist das aktuelle Erfolgsrezept im Marketing. Mittlerweile zeigen sich die Schattenseiten: Auf Flatrate-Partys saufen sich Jugendliche zu Tode; ein Flatrate-Bordell potenziert die Unmoral; und „All-you-can-eat-Restaurants“ werden von Kulturkritikern gebrandmarkt: Wenn sich alle die Teller vollschaufeln, anschließend die Bäuche vollschlagen, ehe die Mülltonne verschluckt, was der Einzelne hat und nicht mehr schafft – dann sinkt notwendigerweise die Qualität. Das Feinschmeckerbuffet wandelt sich zum Schweinekoben, in dem viel, aber möglichst Billiges auf die gierigen Fresser wartet. Gute Küche geht anders.
Angela Merkel hat unumstößliche Gesetze der Politik außer Kraft gesetzt: Eine Frau aus dem Osten als Bundeskanzlerin – das schien unmöglich. Demnächst könnte sie eine weitere Wahrheit umstoßen: „Im Schlafwagen kommt man nicht an die Macht“, hat einstmals der Abgeordnete Jürgen Todenhöfer dem CDU-Chef Helmut Kohl zugerufen, der erst durch eine härtere Gangart zum Kanzlerkandidaten wurde.
Es ist, als ob die Deutschen nun erst mal Urlaub von der Krise nähmen, die das Land jetzt seit genau zwei Jahren im Griff hat: Der erste Schock über die gigantischen Schulden für Staat und Bankenschirme ist verarbeitet. Opel hortet für den Tag, an dem seine austro-russischen Fahrer übernehmen, ein paar Hundert Millionen Euro Staatshilfe als Morgengabe. Porsche wartet auf einen reichen Scheich und Quelle auf Stütze von Horst Seehofer für den Katalog. Viele warten darauf, dass es im Herbst besser wird.
Was ist denn nun mit Steuererhöhungen nach der Wahl? Einige Wirtschaftswissenschaftler halten sie für unausweichlich; die SPD hat sie in ihrem Wahlprogramm schon angekündigt; die Kommunalpolitiker aller Parteien haben sie schon verplant, die Renten- und Krankenversicherung schon vorweg ausgegeben. Und die CDU verspricht, dass es keine gibt. Aber beim großen Versprechen versprechen sich so viele, dass wir ahnen: Auf dieses Versprechen darfst du nicht bauen. Zumal wir wissen: Versprechen in der Politik gelten nur bis zum Wahltag. Danach kommen Koalitionsverhandlungen, deren Ausgang so gewiss ist wie die modifizierte Weisheit des Heraklit: Alles fließt. Die Frage ist nur, wohin – und in Berlin vielleicht sogar bergauf.
Es war ein jahrzehntelanger Kampf, der um die Kernkraftwerke tobte und Hunderttausende an die Bauzäune und dort in den peitschenden Strahl der Polizeiwasserwerfer trieb – diese Auseinandersetzung hat eine ganze Generation geprägt und die politische Kultur nachhaltig verändert. Heute ist Deutschland die unbestrittene Republik der Neinsager. Es reichen ein paar zornige Hausbesitzer, quengelnde Bürgermeister und bekritzelte Bettlaken, um die Politik zum Aufgeben zu zwingen.
Wenn ich mit Bankern rede, komme ich mir vor wie der kleine Mogli, der Junge aus der Disney-Verfilmung „Das Dschungelbuch“: Du sitzt auf einem dünnen Ast, unten schnappt Tiger Shir Khan nach deinem Bein, und vor dir lockt die Schlange Kaa mit diesem betörenden Blick und ihrem Singsang: „Vertraue mir!“ Wird alles wieder gut mit der Finanzkrise, soll ich den Banken wieder vertrauen? Kann man auf unser Geld noch vertrauen?
Derzeit staunt man, wie ein zufällig zusammengewürfeltes Politiker-Duo zum Dreamteam im Bundestagswahlkampf wird: Angela Merkel und Karl-Theodor zu Guttenberg beherrschen so souverän die Szene, dass einem angst und bange wird um die SPD. Die kommt daher wie ein Polit-Opel – große Vergangenheit und wenig Zukunft.
Ach, was hört man doch heutzutage nicht alles für Klagen über den Kapitalismus und das Versagen der Marktwirtschaft. Leider stimmt vieles, zu vieles. Aber ist die Alternative, der wir uns jetzt an den Hals werfen, wirklich so viel besser? Kann die regulierende und umverteilende Hand des Staates die unsichtbare Murks-Hand des Marktes zum Vorteil korrigieren?
Noch nie ist mir eine Zeile so schwer gefallen wie diese: „Arcandor muss weg“– ich weiß, wie sich 53 000 Beschäftigte und ihre Familien in Deutschland fühlen. Aber ich halte die Forderung von Arcandor nach 650 Millionen Euro Unterstützung aus der Staatskasse für Irrsinn.
Die mit Supercomputern berechneten Konjunkturprognosen der Forschungsinstitute und Banken kann man derzeit glatt vergessen. Denn die Forscher haben in ihrer hochgelehrten Simplizität übersehen, die wachsenden Wirkungen der Finanzmärkte in den Modellen abzubilden – gerade deren Zusammenbruch hat uns ins Tal gerissen. Was Prognosen noch problematischer macht ist der Strukturbruch der globalen Wirtschaft. Wenn man ein Bild für die aktuelle wirtschaftliche Lage sucht – dann ähnelt sie in vielen Zügen der globalen Wirtschaft der Siebzigerjahre.
Allmählich wirken die vielen Reden zum 60. Geburtstag der Bundesrepublik etwas ermüdend. Lassen Sie mich deshalb eine andere, eine private und politisch unkorrekte Form wählen – die Generationenfolge unserer Automobile.
Krise ist, wenn Madame Leysen ihrem Gatten Butterbrote in die Aktentasche packt. So rüstete sich André Leysen, einer der großen Nachkriegsunternehmer und Manager in Belgien und Deutschland (Agfa, Philips, BMW, Telekom, Treuhand, Holzmann), einst für Betriebsschließungen und die Geiselnahme durch aufgebrachte Arbeiter. In Frankreich ist jetzt wieder die Zeit der Butterbrote in der Tupperware für Manager angebrochen; eine Mehrheit der Bevölkerung dort findet Geiselnahme und Aushungern von Managern in Ordnung. In Deutschland versuchen die Linke und die Möchte-so-gerne-Bundespräsidentin Gesine Schwan, Massenproteste herbeizureden.
Er ist ein Rockstar ohne Drogenproblem, ein Präsident der Herzen, der die Grenzen des Machbaren außer Kraft setzen kann, ein Wunderheiler der Wall Street mit unbegrenztem Kredit und einer, der die Machtblöcke der Welt entwaffnet wie einst Michail Gorbatschow. Selbst abgebrühte Berufszyniker wie Hauptstadtkorrespondenten fotografieren gerührt wenigstens seine Air Force One, wenn sie IHN schon nicht zu Gesicht bekommen – das Flugzeug gewandelt zu einer Ikone des Guten, als habe allein Obamas Sitzfleisch das fliegende Hauptquartier von George W. Bush im Krieg gegen die Achse des Bösen in eine Friedenstaube verwandelt.
Der Gipfel der 20 Staats- und Regierungschefs ist im dreifachen Sinne rekordverdächtig: Er ist ein sensationeller Erfolg – der in sensationell kurzer Zeit zum sensationellen Misserfolg verfallen könnte.
Muss ich mich eigentlich bei Norbert Blüm entschuldigen? Jahrelang habe ich den letzten legendären Sozialpolitiker, 16 Jahre lang Bundesarbeitsminister unter Helmut Kohl, publizistisch attackiert, weil die Rente eben nicht so sicher ist, wie er 1986 plakatiert hat. Und jetzt? Hat er nicht doch recht, ist die Sozialrente der letzte Anker unserer materiellen Sicherheit? Denn weltweit geht unter, was die Mittelklasse angespart hat: Das Eigenheim verfällt im Wert ebenso wie Aktien.
Liebe Schweizer Nachbarn, an dieser Stelle möchte ich mich für die ruppige und beleidigende Sprache unseres Bundesfinanzministers Peer Steinbrück entschuldigen. Europäische Nachbarvölker mit der Peitsche züchtigen und wie die Indianer mit der Kavallerie niederreiten – das ist der Ton des deutschen Herrenreiters. Ich schäme mich für diese rhetorische Untat.
Haben Sie heute schon Ihren Anlageberater geohrfeigt? So unkultiviert sollte man sich keinesfalls geben. Noch vor einem Jahr wäre das als Notwehr durchgegangen – an dem Tag, an dem der Ihr sauer erspartes Vermögen halbierte. Mittlerweile kritisiert niemand mehr Bankberater für die größte Geldvernichtung aller Zeiten. Verständnisvoll hören wir unserem leidgeprüften Berater zu, der seinen lieben Kunden so traurige Nachrichten übermitteln muss. Lehman! Was kann man da machen?
Wie gerne erinnere ich mich an diese Tour, eingeklemmt zwischen Vater (am Steuer) und Mutter (sehr stolz) auf der durchgehenden Sitzbank (Einzelsitze nur als Sonderausstattung erhältlich). Ein paar PS, Drei-Gang-Getriebe, Lenkradschaltung und jedes Mal diese Freude, wenn unser Opel Rekord noch einmal und noch einmal auf singenden Weißwandreifen die ebenso steilen wie engen Spitzkehren der Großglockner-Hochalpenstraße bezwingt, und der Himmel so blau und die Berge so hoch und der Gletscher so kalt und immer näher das Land, wo die Zitronen blüh’n.
Es war einmal.
Konjunkturpolitik gleicht derzeit einem Buchstabenrätsel – allerdings mit grauenhaften Konsequenzen bei einer fehlerhaften Einschätzung: Liegt vor uns ein V-förmiger Konjunkturverlauf, also ein schneller, scharfer Einbruch, der sich aber schon im kommenden Herbst wieder fängt? Oder müssen wir uns – wie bei einem U – auf eine langanhaltende Wirtschaftsschwäche, ein ausgefurchtes Tal mit hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Nachfrage, schrumpfender Produktion und fallenden Kursen einstellen, aus dem es erst nach 24 Monaten wieder aufwärtsgeht? Oder ist das Tal der Depression weit länger als unsere Wirtschafts- und Unternehmenspolitik denkt, jahrzehntelang, eben wie in Japan und so, dass das U zum L umgebogen wird?
