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Bundesregierung will angeblich Bargeld begrenzen

Jetzt wird der IS als Argument herangezogen

THEMA:
Die Bundesregierung will Bargeldzahlung nur noch bis maximal 5.000 € erlauben. Wäre eine Welt ohne Bargeld wirklich besser? Ein Gedankenexperiment und ein Blick auf die Argumente.
Stell` Dir vor,  seit heute ist das Bargeld verboten. Das geht dann so: Bäcker. Brötchen, Teilchen, 2,59. Ich halte mein Handy hin, wir bezahlen jetzt alle so.  Frau Bäcker ist  sauer. „Bei uns nicht“, sagt sie. „Lesegeräte und Gebühren- mir zu teuer“. Ich krame die alte EC-Card raus. Wegen 2,59? Habe ich immer gehasst, die Karten-Kramerei. Hinter mir murren die Leute schon. Entspannter Sonntag geht anders.

Bargeldlos im Selbstversuch

 Mir fällt am Zeitungsständer eine Zeitung ins Auge, die gibt´s ja noch. Tolle Schlagzeile. Ich nehme sie mit. Haaalt. Wieder von vorne, Schlange, Karte, Pin. Bargeld ging schneller.
Aber in spätestens 10 Jahren soll das Bargeld abgeschafft sein – weil bargeldlos so viel effizienter und praktischer ist, hat Deutsche Bank-Chef Cryan gesagt. Hat er recht – oder denkt er bloß an die Gebühren, die er dann kassiert, wenn wir alles per Handy zahlen? Jedenfalls wittern die Feinde des Bargelds wieder frische Luft. Laut FAZ plant die Bundesregierung, dass Bargeldzahlungen auf 5.000 € begrenzt werden sollen. Diesmal ist es der Islamische Staat, der als Argument herangezogen wird.Und klar: Es sind künstliche Argumente, die 5.000er-Grenze willkürlich, die sich im Rahmen der Inflation automatisch verengt.
Aber nun zum Selbsttest
Bei meinem Selbsttest auf der Gedankenstrecke läuft mir ein „Hassu ma`n Euro-Typ“ über den Weg. Wo kriegt der sein Smartphone her oder seine Apple-Watch, damit ich ihm 1 € überweise? Will ich das dann noch?  Hat der Klingelbeutel in Kirche ausgeklingelt? Schlechte Zeiten für Straßenmusiker und Gaukler. Der Hut hat ausgedient.
Die Menschen in Deutschland zahlen nach wie vor überwiegend bar: Bei 79 Prozent der Transaktionen, wie die Bundesbank 2014 errechnet hat. Deshalb will Bundesbankpräsident Weidmann daran festhalten. Gut die Hälfte (53 Prozent) der Umsätze im Einzelhandel werden mit Bargeld abgewickelt. Teuer und ineffizient ist das Bargeld vor allem für Banken, die sich gerne Kassen, Geldautomaten und Geldtransporte sparen würden. Denn derzeitig liegen diese Kosten fast ausschließlich bei den Banken – nicht bei den Konsumenten. Bargeldloser Zahlungsverkehr hingegen dreht diese Regel um: Für jede bargeldlose Transaktion werden Kosten auf den Handel und Konsumenten umgelegt – bargeldloser Zahlungsverkehr ist eine gewaltige Cash-Maschine für den Bankenapparat. Und jede Innovation erfordert zunächst neue Investitionen in Geräte und Abrechnungsnetze. „Eine bargeldlose Welt müssten die Verbraucher teuer bezahlen“, so Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) auf XING-Klartext.
Nachmittags Kuchen und Kaffee (ok, noch ein Likör oder so) 27,30 €, bargeldlos, Bitte, Danke. Früher, damals als es noch Bargeld gab, da hätte ich auf 30 € aufgerundet. Aber jetzt?  Jetzt geht das   über die elektronische Bürgerausspähung und Trinkgeld ist steuerpflichtig….Jetzt kapiere ich: Deshalb wollen Politiker das Bargeld abschaffen – damit beim Finanzamt  jedes Trinkgeld klingelt. Darum geht es: Die totale Nachvollziehbarkeit jeder Transaktion und jeder Lebensäußerung durch das Finanzamt.

Der Handel ist ambivalent. Die Händler lieben unser Geld, aber hassen das Bargeld. Es muss bewacht, gezählt und mit der Geldbombe abends in die Bank geliefert werden. Wird Cash wegrationalisiert, spart das Kosten – und produziert neue. Anders als die meisten Banken allerdings verhalten sich Händler konsumentenfreundlich. Der REWE-Konzern  ermöglicht an seinen Kassen Barabhebungen bis zu 200 € – und unterläuft damit elegant das Jammern der Banken über die hohen Kosten von Geldautomaten.

Der diskrete Charme des Geldes

Unter der Woche ansonsten kaum Veränderung. Ich stecke am Montag immer zwei rote Fuffziger ein.  Wenn es nur noch ein blauer 20er ist, dann weiß ich: Ebbe im Anzug.  Gut, mein elektronisches Konto ist auf den Cent genau. Aber ich bin mehr der Anfass-Typ. Auch bei Geldscheinen. Manchmal, wenn es mir depri geht, steck ich gerne ein paar Grüne ein. Eine Untersuchung sagt: Frauen mit Cash sollen sich damit wie auf High Heels fühlen: Groß, schön, selbstbewußt.  Tatsächlich, auch Mann fühlt sich gleich viel besser mit  Cash in de Täsch.

Die SPD will erst mal die 500-Euro-Note abschaffen und Höchstgrenzen für Barbezahlungen einführen.  Deren Sprecher Jens Zimmermann sagte dazu: „Der 500-Euro-Schein spielt in kriminellen und halbseidenen Milieus eine große Rolle“.Bin ich auch ein Ganove, nur weil ich einen großen schein habe? Wer Geld hat, kann nur ein Schuft sein. Es ist diese Mischung aus Sozialneid und Blockwart, die da wirkt. Und eine Pauschalverdächtigung – wer will sich schon mit kriminellen und halbseidenen Milieus identifizieren? Doch was ist mit 200-Euro-Scheinen, was ist mit den beliebten 100- und 50-Euro-Scheinen? Auch mit diesen werden Drogen gekauft, Menschenhandel finanziert und Beamte geschmiert. Und wirklich neue elektronische Geldformen wie BitCoins entziehen sich ohnehin dem Zugriff.

Es ist absurd zu glauben, dass mit dem Bargeld auch das Böse verschwindet.

Es ist die Freiheit, die damit verschwindet.

Die Totalüberwachung des Bürgers

Vielmehr geht es um die Totalüberwachung des Bürgers. Jede bargeldlose Transaktion hinterlässt elektronische Spuren, die ermöglichen, jede kleinste Lebensäußerung nachzuvollziehen und zu bewerten:  Big Data macht es möglich – und es ist ein Treppenwitz, dass die, die hinter jeder Suchanfrage bei Google eine Weltverschwörung vermuten ihrerseits den total überwachten Bürger erzwingen wollen. Es ist die große Zeit der Manipulateure. Noch einmal der Verbraucher-Schützer: „Liegt zu viel virtuelles Geld auf den Konten, führt das zudem zu bedenklichen Ideen: So diskutieren Ökonomen, wie sich allzu sparfreudige Verbraucher durch negative Zinsen – letztlich eine Art Strafzins fürs Sparen – zum Konsumieren bewegen lassen. Auf diese Weise könnten Zentralbanken und Politik einen erheblichen Einfluss auf unser Alltagsleben und unsere Ersparnisse gewinnen.“ Der freie Konsument ist der neuen Staatswirtschaft nicht geheuer.

Aber machen wir weiter mit dem Gedankenexperiment. Jetzt habe ich nur noch mein Smartphone als Geldbörse.

Wenigstens ist bargeldlos sicher

Donnerstag in Berlin, saukalt, ich telefoniere  lange, steige in den Bus. Akku leer. Ende, Finito. Und jetzt? UND JETZT? Ohne Handy-Signal geht die elektronische Zugangs-Sperre nicht auf.
Der Fahrer guckt schon. Wieder raus aus dem Bus. Kabel raus. Irgendwo, irgendwie im Nirgendwo Steckdose gesucht, Termin verpasst.
Zwei Tage später der große Schock: Bank teilt mit (per gutem, alten Brief): Konto geplündert, Handy gesperrt, Passwort unpassierbar. High-Tec-Ganoven statt Taschendiebe – ist das Euer Fortschritt?
Cryan hat übrigens am Tag seines Bargeldspruchs verkündet: 6,8 Milliarden Verlust bei seiner Bank. Ich glaube, eher stirbt diese Bank als das Bargeld.
PS.: Meine Krankenkasse erhöht den Beitrag um den „Raucher-Malus“. Sie liest mein Konto mit und hat herausgekriegt, dass ich 2 Schachteln Zigaretten und 5 Zigarillos gekauft habe. Was kostet da erst der Likör vom Sonntag? Ich will mein Bargeld zurück.
PPS.: Seit ich mich mit dem Thema beschäftige – bezahle ich wieder mehr bar. Es soll ein Signal der Freiheit und des Freiheitswillens gegen die totalen Staatskontrolleure sein.
Wie halten Sie es damit? Benutzen Sie jetzt mehr Bargeld als Symbol der Freiheit oder weniger?