Der 3. Oktober erinnert nicht nur daran, dass Deutschland wiedervereinigt wurde. Er erinnert auch daran, wer die Einheit wollte - und wer sie verhindern wollte: Grüne, SED/PDS, England und Frankreich.
picture alliance/dpa | Volkmar Heinz
Heute erscheint die deutsche Wiedervereinigung fast selbstverständlich. 1989/90 war sie es keineswegs. Die entscheidende Kraft kam aus der DDR. Die Menschen brachten die SED-Diktatur zu Fall; aus „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“. Helmut Kohl erkannte das historische Zeitfenster, Hans-Dietrich Genscher verhandelte, US-Präsident George H. W. Bush unterstützte die Einheit – und schließlich akzeptierte Michail Gorbatschow das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen.
Doch einige der entschiedensten Gegner saßen erstaunlicherweise nicht in Moskau,
sondern in Westdeutschland, London und Paris.
1. Die Grünen – „20 Jahre die Schnauze halten“
Besonders grundsätzlich war die Ablehnung bei Teilen der westdeutschen Grünen.
Der Grünen-Abgeordnete Gerald Häfner erklärte noch im Juni 1989 im Bundestag:
„Wir GRÜNEN wollen keine Wiedervereinigung“
– weil man das Modell des National- und Einheitsstaates, „gerade auch für Deutschland“, für überholt halte. Das ist im Bundestagsprotokoll wörtlich dokumentiert.
Noch drastischer äußerte sich Joschka Fischer am 20. September 1989 im Hessischen Landtag – gerade einmal sieben Wochen vor dem Mauerfall:
„Vergessen wir die Wiedervereinigung! Sie glauben daran, ich glaube
nicht daran. Warum halten wir nicht für die nächsten 20 Jahre die
Schnauze darüber?“
Fischer forderte stattdessen Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und den Abbau der Mauer, verbunden mit einem „Verzicht auf Wiedervereinigung“.
Dann fiel die Mauer – aber die Ablehnung verschwand nicht.
Am 12. Mai 1990 demonstrierten in Frankfurt rund 20.000 Menschen unter der Parole:
„Nie wieder Deutschland! Gegen die Annexion der DDR!“
In der ersten Reihe marschierten laut Bundeszentrale für politische Bildung mit Claudia Roth, Jutta Ditfurth und Angelika Beer prominente Grüne.
Der Grünen-Abgeordnete Ulrich Briefs rief im Juni 1990 sogar im Bundestag:
„Es darf nie wieder Deutschland geben. Nie wieder Deutschland!“
Der Kontrast könnte kaum schärfer sein: Während Menschen in der DDR „Deutschland, einig Vaterland“ und „Wir sind ein Volk“ riefen, wollte Fischer über die Wiedervereinigung „20 Jahre die Schnauze halten“, und Claudia Roth marschierte bei „Nie wieder Deutschland“.
2. SED/PDS – wenigstens die DDR erhalten
Dass die ehemalige Staatspartei ihren Staat nicht einfach verschwinden sehen wollte, überrascht weniger.
Die SED/PDS setzte zunächst auf eine reformierte, eigenständige DDR. Doch die Friedliche Revolution nahm ihr die Entscheidung aus der Hand. Die erste freie Volkskammerwahl im März 1990 gab den Parteien, die einen schnellen Weg zur Einheit anstrebten, die entscheidende politische Mehrheit.
Die Partei, die Deutschland vier Jahrzehnte geteilt mitregiert hatte, konnte das Ende ihres Staates nicht mehr verhindern.
3. Thatcher – die Verbündete gegen die Einheit
Erstaunlicher war Margaret Thatcher. Die überzeugte Antikommunistin und
NATO-Verbündete wollte die deutsche Einheit tatsächlich bremsen.
Als Kohl sie im November 1989 daran erinnerte, dass Großbritannien sich früher selbst zur deutschen Einheit bekannt hatte, erwiderte Thatcher, diese Erklärung stamme aus einer Zeit, in der man angenommen habe, dass die Wiedervereinigung gar nicht stattfinden werde.
Noch deutlicher werden die später freigegebenen britischen Akten. Im Januar 1990
besprach Thatcher mit Mitterrand konkrete Möglichkeiten, die Wiedervereinigung zu
verlangsamen. Sie erklärte, London und Paris sollten gemeinsam handeln und anschließend versuchen, Italiener und Niederländer auf ihre Seite zu ziehen.
Ihr wird aus jener Zeit außerdem der drastische Satz zugeschrieben:
„We beat the Germans twice and now they’re back!“
„Wir haben die Deutschen zweimal geschlagen – und jetzt sind sie wieder
da!“
Dieses Zitat ist überliefert, aber nicht als stenografisches Wortprotokoll gesichert.
Thatchers politische Haltung dagegen ist gut dokumentiert.
Die Ironie ist bemerkenswert: Eine der entschiedensten Antikommunistinnen Europas konnte sich offenbar leichter mit einem kommunistischen zweiten deutschen Staat abfinden als mit einem wiedervereinigten Deutschland.
4. Frankreich – gemeinsam mit London bremsen
Auch François Mitterrand begegnete der Einheit zunächst mit erheblichem Misstrauen.
Das geheime britische Protokoll seines Treffens mit Thatcher vom Januar 1990 ist
bemerkenswert. Thatcher schlug gemeinsame britisch-französische Schritte vor, um die Wiedervereinigung zu verlangsamen. Mitterrand äußerte seinerseits erhebliche Sorgen über Deutschland und brachte sogar die Möglichkeit ins Gespräch, die Sowjetunion zu einer härteren Haltung gegenüber der Wiedervereinigung zu bewegen.
Mitterrand formulierte später selbst:
„Man kann doch nicht einen Krieg gegen Deutschland führen, um seine
Wiedervereinigung zu verhindern!“
Frankreich schwenkte allerdings früher als Thatcher um. Mitterrand erkannte, dass die Einheit nicht aufzuhalten war, und konzentrierte sich darauf, Deutschland fest in NATO und europäische Integration einzubinden.
5. Die Angst vor Deutschland reichte weiter
London und Paris standen mit ihren Sorgen keineswegs allein. Thatcher wollte nach der Abstimmung mit Frankreich ausdrücklich auch Italien und die Niederlande für ihre Position gewinnen.
Hinter diesen Vorbehalten stand die Erinnerung an zwei Weltkriege und die Sorge vor einem wirtschaftlich und politisch mächtigen Deutschland in der Mitte Europas. Diese historischen Ängste waren nachvollziehbar.
Aber sie führten zu einem bemerkenswerten Widerspruch: Jahrzehntelang hatte der Westen das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen beschworen. Als die Deutschen plötzlich tatsächlich davon Gebrauch machen konnten, wollten einige ihrer engsten Partner den Prozess bremsen.
6. Die erstaunlichen Freunde der Einheit
So entstanden 1989/90 ungewöhnliche Fronten.
Die Menschen in der DDR erkämpften ihre Freiheit. Kohl und Genscher ergriffen die
historische Chance. Bush unterstützte die Einheit. Und schließlich gab ausgerechnet
Gorbatschow, der Generalsekretär der sowjetischen KP, den entscheidenden Weg frei.
Auf der anderen Seite wollte die SED/PDS ihren Staat erhalten. Teile der Grünen lehnten den deutschen Einheitsstaat grundsätzlich ab. Fischer wollte über Wiedervereinigung „20Jahre die Schnauze halten“, Roth marschierte bei „Nie wieder Deutschland“. Thatcher suchte nach Möglichkeiten, die Einheit zu bremsen, und Mitterrand teilte zunächst erhebliche Vorbehalte.
Damit liegt die eigentliche historische Pointe des 3. Oktober offen: Während Washington und schließlich sogar Moskau den Deutschen ihr Recht auf Einheit zugestanden, wollten Teile der westdeutschen Grünen diesen Staat überhaupt nicht – und einige der engsten westeuropäischen Verbündeten suchten nach Wegen, seine Entstehung aufzuhalten oder wenigstens zu verzögern.
Am Ende entschieden aber nicht Thatcher, Mitterrand, SED/PDS oder die Grünen.
Entschieden haben jene Menschen, die auf den Straßen der DDR riefen: „Wir sind ein Volk.“
Der 3. Oktober erinnert deshalb nicht nur daran, dass Deutschland wiedervereinigt wurde.
Er erinnert auch daran, wer die Einheit wollte – und wer sie verhindern wollte.
Quellen (Auswahl)
Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 11/149 (15.06.1989); Konrad-Adenauer-Stiftung zur deutschen Einheit und den damaligen Äußerungen Joschka Fischers; Bundeszentrale für politische Bildung / Deutschland Archiv zur Demonstration
„Nie wieder Deutschland“, zu den internationalen Reaktionen und zum Zwei-plus-Vier-Prozess; Bundesregierung, Dokumente zur deutschen Einheit; Margaret Thatcher Foundation, Gesprächsprotokoll Thatcher-Mitterrand vom Januar
1990.
Heinz Bannasch ist Physikingenieur und ehemaliger Industrie-Manager – u.a. als Prokurist bei der Rheinmetall Waffe Munition GmbH und verbundenen Unternehmen im Rüstungs- und Pyrotechnikbereich. Er unterstützt weiterhin technisch Projekte in diesem Umfeld (z. B. Radar- und Täuschkörpersysteme).

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