Bei Illner: Kassen-Kollaps vorerst vermieden

Die Bundesregierung stopft die größten Löcher im Gesundheitssystem. Der Steuerzahler soll, wie alles, auch die Gesundheitskosten der Arbeitslosen bezahlen? Von Fabian Kramer

Screensho ZDF / Maybrit Illner

Der Standard im deutschen Gesundheitswesen ist im internationalen Vergleich nur Mittelmaß. Trotzdem ist das Gesundheitssystem in Deutschland weltweit am zweitteuersten pro Kopf. Weil die Kosten davonlaufen und die Krankenkassenbeiträge explodieren, hat sich die Politik entschlossen, die Notbremse zu ziehen.

Erstmals seit Jahrzehnten gibt es wieder Sparmaßnahmen im deutschen Gesundheitswesen. Nach großem Druck von außen und von der eigenen Gesundheitskommission wird der Rotstift angesetzt. Allerdings will die Bundesregierung nur das Allernötigste einsparen. Die Kommission hatte weitreichende Vorschläge unterbreitet, die bei vollumfänglicher Umsetzung zu einer Gesamteinsparung von über vierzig Milliarden geführt hätten. Am Ende steht als politischer Kompromiss eine Einsparung von knapp sechzehn Milliarden für das nächste Jahr.

Für die kommenden Jahre werden wohl weitere Einsparungen nötig sein, um die Beiträge stabil zu halten. An diesem Donnerstagabend sitzt unter anderem die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken bei Maybrit Illner in der Runde. Den Brustton der Überzeugung hat die baden-württembergische CDU-Frau an diesem Abend zu Hause gelassen. Eher verhalten lobt sie ihr Reformpaket. Offensichtlich hatte sie sich noch mehr Sparmaßnahmen gewünscht, konnte sich aber in der Koalition nicht durchsetzen.

Wirklich hart kritisiert wird ihre Politik in der Sendung nur von Ricarda Lang. Eine Schwachstelle der Sendung ist es, dass Illner nur selten darauf zu sprechen kommt, welche Sparmaßnahmen die Koalition unterlassen hat. Es wäre für den geneigten Zuseher interessant zu wissen, welche Maßnahmen sich die Politik aus dem Maßnahmen-Blumenstrauß der Kommission herausgepickt hat und welche sie erstmal wieder zurück in die Blumenvase gesteckt hat.

Sparen muss sein

Die Kassenlage ist angespannt und die Beiträge steigen und steigen. Die Politik musste handeln und hat jetzt zumindest die gröbsten Löcher gestopft. “Wir haben geschafft, die Lücke für nächstes Jahr zu schließen“, ordnet Ministerin Nina Warken die Ergebnisse ein. Im Großen und Ganzen hält die CDU-Abgeordnete das Konzept für akzeptabel. “Alle müssen ihren Beitrag leisten”, meint sie. Ricarda Lang von den Grünen hat eine andere Meinung. “Es ist ein Kahlschlag”, beklagt sie.

Eine wahrlich übertriebene Behauptung, wenn man die Summe der Einsparung in Relation zu den Gesamtkosten des Systems setzt. Mit den knapp sechzehn Milliarden Euro spart die Regierung lediglich etwa knapp fünf Prozent insgesamt ein. Über dreihundert Milliarden kostet das Gesundheitssystem jedes Jahr mit steigender Tendenz. Was die Regierung spart, tut den Versicherten zwar weh, ist aber kein Kahlschlag. Warken ist es wichtig zu betonen, dass die Regierung Rücksicht auf die Versicherten genommen hat. “Wichtig war es, die Maßnahmen bei den Versicherten zu entschärfen”, erklärt sie. Zum Beispiel wird die Mitversicherung der Ehefrau und der Kinder erhalten, bis die Kinder zwölf Jahre alt sind. Die Kommission hatte die komplette Abschaffung der Familienversicherung gefordert. Allerdings intervenierten CSU und SPD heftig dagegen. Jetzt steht ein Kompromiss.

Trotz der Sparbemühungen ist die Kassenlage der Krankenkassen weiterhin schlecht. “Dass die Beiträge sinken, kann man ausschließen“, sagt Jens Baas von der Techniker Krankenkasse. “Es ist Erste Hilfe”, analysiert er nüchtern. Immerhin sagt Baas: “Eine Stabilisierung der Beiträge ist zu erwarten.” Diese Stabilisierung gilt aber nur für nächstes Jahr. Mit Blick auf den demographischen Wandel wird die Regierung noch mehrere Sparpakete und Reformen auflegen müssen, um die Beiträge im Zaum zu halten.

Die Gesetzlichen zahlen für Arbeitslose

Ein dicker Batzen für die gesetzlichen Krankenkassen sind die versicherungsfremden Leistungen. Damit gemeint sind die rund dreizehn Milliarden Kosten für die Gesundheitsversorgung von Migranten und Arbeitslosen. “Der Staat zahlt nur ein Drittel der Kosten”, beklagt Jens Baas von der Techniker Krankenkasse. Er findet: “Die gesamten 12 Milliarden soll der Staat bezahlen.” In der Tat ist es ungerecht, dass der Staat sich einen schlanken Fuß macht und die gesetzlich Versicherten mit den Kosten allein lässt.

Würden die Kosten aus Steuergeld finanziert, müssten alle Bürger dafür aufkommen. Doch im Haushalt fehlt das Geld. “Wir steigen jetzt stärker ein”, versucht Nina Warken zu beschwichtigen. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit. Der Bund zahlt den Kassen zwar direkt eine halbe Milliarde, streicht aber zugleich Zuschüsse in Höhe von 1,5 Milliarden. “Die Haushaltslage ist wie sie ist”, meint Warken dazu schmallippig. Für Ricarda Lang ist die Debatte um die Kosten der Arbeitslosen ein gefundener Moment, um sozialistische Umverteilungspolitik zu fordern. “Über ein gerechteres Steuersystem könnte man die Milliarden reinholen”, findet sie. Aus ihrer Sicht würden hohe Einkommen und Vermögen zu wenig zur Finanzierung der Kassen beitragen.

Lang hat wohl nicht im Blick, dass die oberen zehn Prozent der Einkommensteuerzahler bereits heute mehr als die Hälfte des Einkommensteueraufkommens bezahlen. Außerdem lässt die Grünen-Politikerin außen vor, dass höhere Einkommen auch mehr Versicherungsbeiträge zahlen. Das System in Deutschland lebt von diesen Menschen, die heute schon mehr als genug in die Kassen einzahlen und keinen Bedarf an höheren Steuern und Beiträgen haben. Alles in allem kommt an diesem Abend keine richtig kontroverse Debatte auf. Die Mehrheit am Tisch weiß, dass die Sparmaßnahmen richtig sind. Die Sendung plätschert deshalb halblebig vor sich hin und liefert keine neuen Erkenntnisse. Nach den Sparmaßnahmen ist vor den Sparmaßnahmen.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 8 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

8 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Memphrite
20 Minuten her

Der Steuerzahler soll, wie alles, auch die Gesundheitskosten der Arbeitslosen bezahlen?
=> Der Steuerzahler bezahl Alles! Der Staat ist der „Steuerzahler“.

Sonny
28 Minuten her

Es gäbe ein wirksames Mittel, um sämtliche Kassenlagen zu entschärfen: Die Wirtschaft muss brummen, Unternehmen gegründet und erhalten werden bzw. expandieren, Arbeitsplätze erhalten und geschaffen werden. Hätten die Regierungen der letzten zwanzig Jahre vernünftige Entscheidungen getroffen, gäbe es 90% aller Probleme nicht, die uns heute an den Abgrund führen. Klimagedöns-Politik und Massenmigration, hirnrissige Bestimmungen und Gesetze, haben uns diesen Kollaps beschert. Nicht die Menschen, die täglich arbeiten und Steuern zahlen, sind schuld, sondern diejenigen, die uns jetzt auch noch unsere allerletzten Ersparnisse rauben. Ohne Politiker in Deutschland, wie wir sie die letzten zwanzig Jahre hatten, wären wir heute überaus besser… Mehr

Nibelung
42 Minuten her

Keine Krankenversorgung ohne Arbeitsaufnahme oder nur gegen Barzahlung, denn da muß man ein Exempel statuieren, weil es für andere unzumutbar ist deren Kosten zu übernehmen und andere müssen auch sehen, wie sie ihre Beiträge zur Krankenversicherung finanzieren und für einen minimalen Lebensaufwand kann man für eine limitierte Zeit noch gerade stehen, bis sie Arbeit gefunden haben oder noch besser, den Zutritt gleich zu verweigern, Alte und Kranke ausgenommen und wer Kinder hat, haftet in Eigenregie oder er zahlt über Arbeitsaufnahme in die Krankenversicherung ein, denn das Leben ist kein Honigschlecken und jeder muß für sich selbst sorgen, was auch den… Mehr

humerd
45 Minuten her

bei Illner diskutieren die Privilegierten aus der saturierten Wohlstandsecke über die gesetzlichen Sozialkassen. DAS ist Satire pur. „Der Steuerzahler soll, wie alles, auch die Gesundheitskosten der Arbeitslosen bezahlen?“ Das wäre fair und gerecht. Für Arbeitslose, die Arbeitslosengeld I beziehen, werden immerhin Beiträge zur Krankenversicherung aus der Arbeitslosenversicherung bezahlt. Die Kosten für Bürgergeldempfänger aber müssen die Beitragszahler zur gKV finanzieren. Es ist die SPD, die sich weigert die Kosten aus Steuern zu bezahlen. Klingbeil will Beiträge für Bürgergeldempfänger nicht aus Steuermitteln bezahlen https://www.spiegel.de/wirtschaft/lars-klingbeil-will-kassenbeitraege-fuer-buergergeldempfaenger-nicht-von-steuern-bezahlen-a-a18bfe65-9bb9-44a6-9378-76a08cb24c17 Und weil der Haushalt Lücken hat, kürzt Klingbeil die Zahlungen des Bundes an die gKVs für die vielen… Mehr

twsan
46 Minuten her

„Der Steuerzahler soll, wie alles, auch die Gesundheitskosten der Arbeitslosen bezahlen“.
„Gesundheitskosten der Arbeitslosen“ – stimmt das in dieser Verallgemeinerung?
Ist es nicht vielmehr so, dass
# sich aktuell ein Großteil der Arbeitslosen aus den von Altparteien eingeladenen Migranten (vulgo „Wirtschaftsflüchtlinge“) rekrutiert?
# die Altparteien durch faktisch bedingungsloses Bürgergeld sich die Arbeitslosen zu einem Großteil erst heranzüchten?
# die Altparteien durch ihre Deindustrialisierungspolitik die Arbeitslosenrate in die Höhe treiben?

alter weisser Mann
48 Minuten her

Die Amann wieder dabei. Die hat vermutlich ihre Wohnung aufgegeben und pennt auf den Fluren des ÖRR. Die holen die dann immer, wenn gerade noch ein Stuhl in einer Talkrunde frei ist.

Schwabenwilli
50 Minuten her

„Der Steuerzahler soll, wie alles, auch die Gesundheitskosten der Arbeitslosen bezahlen?“

Der Steuerzahler wird bezahlen, woher soll bitteschön das Geld sonst kommen?
Immer dieses linke Tasche, rechte Tasche Geschwätz.
Welche andere Einnahmequelle hat der Staat den sonst?

Realist48
54 Minuten her

Ricarda Lang auf allen Kanälen und in allen Gazetten, dabei ist der Bedarf an dieser Person nicht vorhanden.
Auffallend, wie derzeit die Grünen gepuscht werden.

Fehlt Fachpersonal?