In „Zero Sum Mindset“ geht der Historiker und Soziologe Rainer Zitelmann den Grundirrtum der Linken frontal an – ebenso präzise wie unterhaltsam.
Die Abteilung Wirtschaft großer und kleiner Buchläden bietet fast überall Variationen eines immergleichen Themas: Antikapitalismus, mal grün, mal eher klassenkämpferisch rot eingefärbt. In dieser Szene gilt der Franzose Thomas Piketty als Star, der in seinem jüngsten Werk zur Weltklimarettung ein globales Umverteilungsgremium empfiehlt. In diesem weitgehend gleichgerichteten Bücherstrom fällt jede Gegenbewegung auf, zumal sie im deutschsprachigen Raum noch seltener vorkommt als in der Anglosphäre.
„Zero Sum Mindset“ von Rainer Zitelmann sticht wiederum aus dieser seltenen Sorte heraus: der Historiker und Soziologe geht darin den Ur- und Falschglauben der Linken sämtlicher Schattierungen frontal an – nämlich die Überzeugung, dass jemand ökonomisch nur dann gewinnen kann, wenn jemand anderes dafür verliert. Aus dieser Logik folgt zwingend, dass sich Gerechtigkeit in einer Gesellschaft nur durch Umverteilung herstellen lässt. Wohlstand verstehen die Anhänger dieser Lehre als fixe Größe. Niemand fasste diese Gesellschaftsauffassung – denn die Formel reicht weit über das Ökonomische hinaus – so griffig zusammen wie Bertolt Brecht, den Zitelmann am Anfang seines Buchs zitiert: „Reicher Mann und armer Mann/standen da und sah’n sich an/und der Arme sagte bleich/wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“
Er nennt beispielhaft eine Studie von drei polnischen Wissenschaftlern von 2015, die Studenten aus 37 Ländern Aussagen vorlegten wie: „Das Leben ist wie ein Tennisspiel – jemand gewinnt nur, wenn der andere verliert.“ Je stärker die Probanden allgemein zu kollektivistischen Überzeugungen neigten, desto stärker stimmten sie der Behauptung zu. Nach dem ebenfalls aufgeführten Wirtschaftswissenschaftler Paul H. Rubin wurzelt die Nullsummenüberzeugung deshalb so tief in der Matrix, weil es über hunderttausende Jahre in der menschlichen Geschichte kaum Innovationen gab, die den allgemeinen Wohlstand steigerten. Es herrschte das Gesetz der begrenzten Ressourcen, in dem tatsächlich ein Mehr für die einen zum Mangel bei den anderen Mitgliedern eine Gruppe führte. Nur: seit gut 300 Jahren gilt das nicht mehr.
Auch hier sagt der tiefverwurzelte instinktive Glaube das Gegenteil: nur elf Prozent der Befragten einer Studie mehrerer US-Universitäten vermuteten einen positiven Zusammenhang zwischen der Gewinnhöhe eines Unternehmens und seinem Nutzen für die Gesellschaft. Profit steht bei dem meisten unter dem Verdacht, dass er erstens nur auf betrügerische Weise und beziehungsweise oder auf Kosten von anderen zustande kommt. Betrügerische Unternehmen gibt es zweifellos, siehe Enron in den USA – aber ihre Geschäftsmodelle brechen relativ schnell zusammen.
Der in „Zero Sum Mindset“ detailreich beschriebene Gegensatz von Statistiken und Untersuchungen einer- und diffusem Glauben andererseits gibt eine Antwort auf die Frage, an wen sich Rainer Zitelmann mit seinem Buch wendet: Es schärft auf der einen Seite das Bild der Leser, die den Kapitalismus allen staatsgelenkten Versionen für überlegen halten, indem es ihnen geschärfte Argumente an die Hand gibt, gerade in Zeiten, da sich die Befürworter von Umverteilung von New York bis Berlin im Aufwind fühlen. Zum anderen findet es hoffentlich auch Käufer, die Lust verspüren, ihre Kapitalismusskepsis zu überprüfen. Beide schauen nach der Lektüre wahrscheinlich anders auf ökonomische Fragen als vorher.
Die Nullsummenideologie korreliert eng mit dem uralten Phänomen Neid. „Wirklichen Neid oder Missgunst wird man nur ganz ausnahmsweise zugeben“, schreibt Zitelmann. Der Ruf nach Umverteilung unter dem Stichwort „Gerechtigkeit“ dient seiner Überzeugung nach als gefällige Verpackung, um den ursprünglichen, aber auch schambehafteten Affekt zu verbergen. Den Neider unterscheidet er vom Bewunderer: der letztere würde gern zu jemandem aufsteigen, der erste denjenigen, den er als Überlegen wahrnimmt, zu sich herunterziehen. Laut einer von Zitelmann selbst angestellten Untersuchung herrscht der geringste Neid auf Erfolgreichere in Vietnam, der größte – nein, nicht in Deutschland: hier liegt Frankreich am anderen Ender der Skala. Immerhin: ein leichter Trost.
Der Leser von „Zero Sum Mindset. Die Nullsummenfalle – warum wir alle gewinnen, wenn wir anders denken“ lernen viel über Wirtschaft, aber auch Psychologie und Gesellschaft. Und denken womöglich anschließend anders.
Rainer Zitelmann. Zero Sum Mindset. Die Nullsummenfalle – warum alle mehr gewinnen, wenn wir anders denken. Deutscher Wirtschaftsbuchverlag, Paperback, 224 Seiten, 18,00 €





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