Die Finanzierung disruptiver Technologien ist ohne grenzenlose Gier, irrationalen Überschwang und hohe Verluste nicht denkbar. Es ist also eigentlich egal, wie der SpaceX-Börsengang für den einzelnen Aktionär ausgeht: SpaceX wird der Weltwirtschaft einen gewaltigen Schub nach vorne verleihen.
picture alliance/dpa | Silas Stein
Das war ein Fest für die Boulevard-Medien. Der erste Handelstag von SpaceX machte Elon Musk auf dem Papier am Freitag zum ersten Dollar-Billionär der Menschheit. Sein Raumfahrt- und KI-Unternehmen erreichte am Freitagabend einen Börsenwert von 2,1 Billionen Dollar. Beim größten Börsengang der Geschichte wurden für einen kleinen einstelligen Prozentsatz des SpaceX-Grundkapitals 75 Milliarden Dollar eingesammelt. Die Anleger hätten wohl sogar noch viel mehr SpaceX-Aktien gekauft. Das Orderbuch sei 3,5- bis 4-fach überzeichnet gewesen, hieß es aus dem Kreis der 23 Konsortialbanken, die den Börsengang organisiert hatten.
Vor Elon Musk stehen nun anstrengende Tage. Er wird neue Phantasien der Investoren anregen müssen, um zu verhindern, dass der Aktienkurs des als Raumfahrtaktie verkauften Mischkonzerns (Plattform X, und Künstliche Intelligenz) von der Schwerkraft wieder auf die Erde gezogen wird. Denn SpaceX schreibt Milliardenverluste. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt bei über 100. Es gibt eigentlich nichts, das eine so absurd hohe Bewertung rechtfertigte. In der Tat liest sich der Börsenprospekt von SpaceX wie ein Science-Fiction-Roman: von der Kolonisierung des Mars über den Abbau von Rohstoffen auf Asteroiden bis hin zum Bau von Datencentern im Orbit. Der Autor dieses Romans ist dabei ein unternehmerisches Ausnahmetalent.
Die jüngste Firmengeschichte – die an technischen Höhepunkten zugegebenermaßen unvergleichlich ist – liefert zudem Anhaltspunkte, dass dieser Unternehmer auch ein genialer Geschäftsmann in eigener Sache ist. SpaceX scheint jedenfalls zu Elon Musks persönlicher Geldmaschine umfunktioniert worden zu sein: Erst im Februar übernahm SpaceX mit reichlich Kredit der auf den Börsengang hoffenden Banken Musks KI-Firma xAI zu der astronomischen Bewertung von 250 Milliarden Dollar. Viele Branchenexperten gehen zudem davon aus, dass Musk SpaceX mit Tesla fusionieren will. Tesla hat eine Börsenkapitalisierung von knapp 1,3 Billionen Dollar, was mehr ist als alle anderen Autobauer zusammen. Allerdings stellt Tesla nur einen Bruchteil der Fahrzeuge her, die etwa bei Toyota von den Fließbändern rollen.
Wie nun bei SpaceX wetten die Aktionäre von Tesla – rund 40 Prozent Privatanleger – auf die Zukunft. Für den Elektroautohersteller hat Musk bereits neue Narrative erfunden. So will er Tesla zum führenden Anbieter für humanoide Roboter machen und mit Robotaxis die Mobilität revolutionieren. Kein Wunder, dass die Bewertung von Tesla ebenfalls absurd hoch ist. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei 370. Zum Vergleich: Toyota-Aktien haben ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 9, Mercedes-Benz von 8,5, BMW von 6,5 und VW von 5,5.
Wie die Elektromobilität bergen Raumfahrt und KI ein enormes Potenzial – selbst für den höchstwahrscheinlichen Fall, dass Elon Musk zu seinen Lebzeiten keine Besiedlung auf dem Mars erleben wird. Mit seinem Shuttle-Dienst ins Weltall hat er zudem aus Science Fiction ein tragfähiges Geschäftsmodell in der realen Welt aufgebaut und sogar eine Quasi-Monopolstellung erreicht. Das Problem aus Anlegersicht ist und bleibt aber die übermäßige Bewertung seiner Unternehmen, bei Tesla genauso wie nun noch ausgeprägter bei SpaceX.
„Jede Generation von Investoren muss selbst ins Desaster rennen“, zitiert die „Neue Zürcher Zeitung“ den an der Universität Zürich lehrenden Ökonomen Thorsten Hens. 1961 sei es der Börsengang von VW gewesen, der Hunderttausende Deutsche erstmals zu Anlegern werden ließ. Danach kam es zu einem brutalen Kurssturz. „Dieses Muster wiederholte sich 1996 mit dem IPO der Deutschen Telekom während der Dotcom-Blase.“ Beim SpaceX-Börsengang werde es genau gleich enden, prophezeit Hens: „Alle 20 bis 30 Jahre platzt eine Spekulationsblase.“
Der Professor geht davon aus, dass wir uns bereits in der Endphase der aktuellen Spekulationsblase befinden. Diese zeichne sich dadurch aus, dass Leute in den Markt einsteigen, die normalerweise nie Aktien kaufen. Wie am Freitag beim Börsengang von SpaceX. „Von hier können die Kurse nochmals um 50 Prozent steigen, bevor es dann in der letzten Phase so richtig volatil wird“, so Hens. „Ich denke, dass sich die SpaceX-Aktien den Sommer über gut halten, dann aber im Herbst unter den Ausgabekurs fallen werden“, orakelt Hens. Wer den Einstieg bei SpaceX jetzt verpasst hat, wird diese Aktien also irgendwann deutlich niedriger kaufen können. Denn eigentlich finanzieren rationale Investoren keine Science-Fiction, sondern fordern ganz im Gegenteil eine extrem hohe Risikoprämie. Beim Börsengang von SpaceX ist nun genau das Gegenteil passiert: Die Investoren der ersten Stunde haben ihre Risikoprämie kassiert und die Aktien an – unbedarfte, auf jeden Fall aber gierige Privatanleger weitergereicht, die nun enorme Aufschläge zahlen, die in keinem Fall risikoadäquat sind.
Auch wenn unbedarfte Privatanleger, wie Hens vermutet, über den Tisch gezogen worden sein sollten, hat die Sache gesamtwirtschaftlich etwas Gutes. Wie die Wirtschaftsgeschichte zeigt, gab es technologische Revolutionen fast immer nur um den Preis des Platzens einer Spekulationsblase. Das war so beim Eisenbahn-Boom im 19. Jahrhundert oder bei der Elektrifizierung in den 1920ern. Und natürlich bei der Dotcom-Blase der späten 1990er. In all diesen Phasen flossen durch wilde Spekulation große Mengen an Kapital in neue Technologien. Die Blase platzte, Millionen von Anlegern verloren ihr Geld; aber die Infrastruktur – Eisenbahnschienen, Kraftwerke und Stromnetze, Glasfaserkabel – blieb bestehen. Fazit: Die Finanzierung disruptiver Technologien ist ohne grenzenlose Gier, irrationalen Überschwang und hohe Verluste nicht denkbar. Es ist also eigentlich egal, wie dieser Börsengang für den einzelnen Aktionär ausgeht: SpaceX wird der Weltwirtschaft einen gewaltigen Schub nach vorne verleihen.
Kein Wunder, dass der SpaceX-Börsengang (IPO) auch an den US-Börsen im Mittelpunkt stand. Bereits der erste Kurs von 150 Dollar bedeutete einen deutlichen Aufschlag auf den Ausgabepreis von 135 Dollar. Nach einem Anstieg bis auf 176,52 Dollar bedeutete der Schlusskurs von 160,95 Dollar immer noch einen Kursgewinn von gut 19 Prozent, was die Bewertung auf knapp 2,1 Billionen Dollar nach oben schraubte. SpaceX rückte so schon an seinem ersten Handelstag in die Sphären der wertvollsten US-Unternehmen auf.
Die gute Laune bescherte den Indizes weitere Gewinne. Diese fielen allerdings nicht so fulminant wie am Vortag aus. Zum Handelsende notierte der Leitindex Dow Jones Industrial 0,7 Prozent höher bei 51.202 Punkten. Der marktbreite S&P 500 stieg um 0,5 Prozent auf 7.431 Punkte. Für den schon vortags besonders starken, technologielastigen Auswahlindex Nasdaq 100 ging es um weitere 0,6 Prozent auf 29.636 Punkte hoch. Ihm halfen auch die erneut starken Halbleiterwerte. Sorgen am Markt, dass Anleger im Tech-Sektor massiv von gut gelaufenen Titeln in SpaceX umschichten könnten, bewahrheiteten sich zunächst nicht.
Am Donnerstag hatte US-Präsident Donald Trump angekündigte Angriffe auf den Iran abgeblasen und mit Verhandlungsfortschritten begründet. Inzwischen bestätigten auch die als Vermittlerin wichtige pakistanische Regierung und der Iran selbst die Einigung auf ein mögliches Friedensabkommen.
Der Hype um SpaceX schob die Aktien anderer Unternehmen mit Bezug zu Raumfahrt und Satelliten nur vorbörslich an. Letztlich ging es für Firefly, Redwire, Rocket Lab und MDA Space um bis zu 19 Prozent bergab. Anders der Halbleitersektor. Hier stachen unter anderem Arm Holdings und AMD mit Kursaufschlägen von 11,3 und 4,7 Prozent heraus.
In die andere Richtung ging es mit minus 6,8 Prozent für die Aktien des Softwarekonzerns Adobe. Mit dem Weggang des Finanzchefs überschattete ein weiterer Managementwechsel den Quartalsbericht. Auch das gesenkte Ziel für die jährlich wiederkehrenden Umsätze (ARR) lastete auf der Stimmung.
Bei Roku konnten sich die Anleger dagegen über einen Kurssprung von 20 Prozent freuen. Der Anbieter von TV-Streaming-Plattformen und entsprechender Hardware hat informierten Personen zufolge frühe Gespräche über eine Übernahme oder Fusion des Unternehmens mit mindestens einem US-Medienkonzern geführt, wie Bloomberg berichtete. Noch gebe es aber keine finale Entscheidung, hieß es weiter.
Zuvor hatten die Hoffnungen auf ein baldiges Rahmenabkommen der USA mit dem Iran schon zu fallenden Ölpreisen geführt und dem deutschen Aktienmarkt einen Schub nach oben gegeben. Der Dax stieg zeitweise um mehr als zwei Prozent und kurzzeitig über die 21-Tage-Durchschnittslinie geklettert, die als kurzfristiger Trendindikator gilt. Am Ende stand der Leitindex noch knapp 1,8 Prozent im Plus bei 24.635 Punkten. Damit setzte sich der Leitindex weiter von der 200-Tage-Linie für den längerfristigen Trend nach oben ab. Auf Wochensicht ergibt sich ein Minus von 0,5 Prozent. Der MDax gewann am Freitag knapp zwei Prozent auf 32.083 Zähler.
In der Hoffnung auf ein Kriegsende im Iran legte der Reisesektor merklich zu, vor allem der Reiseveranstalter Tui, die Fluggesellschaft Lufthansa und der Flughafenbetreiber Fraport, der zudem gute Verkehrszahlen für Mai vorgelegt hatte. Die entsprechenden Aktien verbuchten Kursgewinne von bis zu 8,7 Prozent.
Auch Werte aus der Finanzbranche waren stark gefragt. Papiere der Deutschen Bank standen mit einem Kurssprung von 6,6 Prozent an der Dax-Spitze, jene der Commerzbank stiegen um 2,9 Prozent. Im erweiterten Finanzbereich schnellten die Aktien des Finanzdienstleisters Hypoport um 6,4 Prozent hoch. Die Rally begründeten Marktteilnehmer mit neuem Konjunkturoptimismus im Zusammenhang mit der Hoffnung im Iran-Krieg. Eine nachhaltige Einigung könnte die Inflationsgefahren dämpfen, hieß es.
Die Anteilsscheine von Friedrich Vorwerk blieben im Nebenwerteindex SDax mit einem Plus von gut sechs Prozent auf Erholungskurs. Unterstützung hatte eine Mitteilung über einen bedeutenden Auftrag gebracht. Demnach wird eine Tochtergesellschaft des Pipeline- und Anlagenbauers am Bau einer zweiten Linie einer Gasfernleitung in der Republik Kasachstan beteiligt.
Die Aussicht auf ein baldiges Rahmenabkommen der USA mit dem Iran im Nahost-Krieg könnte den deutschen Aktienmarkt in der neuen Woche stützen. „Die Investoren klammern sich nun fanatisch an die Hoffnung, dass sich die fatale Lage an der Straße von Hormus endlich entspannt“, schrieb Analyst Frank Sohlleder vom Handelshaus Activtrades. Sollte jetzt die Straße von Hormus mit dem Rahmenabkommen wieder vollständig geöffnet werden, könnte der Preis für Rohöl weiter und massiv fallen. Dies wiederum würde Sohlleder zufolge die hartnäckige Inflation sofort an der Wurzel packen und selbst die jüngste Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) blitzschnell relativieren.
Die EZB hatte sich am Donnerstag mit dem ersten Zinsschritt nach oben seit fast drei Jahren gegen den Inflationsschub infolge des Iran-Kriegs gestemmt. Der Schritt gilt aber auch als heikel, da höhere Zinsen Kredite für Verbraucher und Firmen verteuern, was die Nachfrage bremsen und so letztlich die hierzulande ohnehin schon schwache Konjunktur weiter abschwächen könnte.
In der neuen Woche nun müssen die Mitglieder der US-Notenbank Fed bewerten, welche Auswirkungen die geopolitische Lage und die konjunkturelle Entwicklung auf die Inflation sowie den Arbeitsmarkt haben. Dabei wird die Sitzung von dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh geleitet.
Analyst Patrick Franke von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) rechnet nicht damit, dass die Fed eine Zinserhöhung beschließt. Kevin Warsh habe sich wiederholt gegen Vorfestlegungen ausgesprochen. Insofern dürfte er auch kaum auf ein klares Signal für die kommenden Sitzungen hinwirken. Wahrscheinlich hofften Warsh und die anderen Geldpolitiker der Fed auf ein baldiges Ende der Blockade im Persischen Golf und in der Folge auf eine spürbare Entlastung auf der Preisseite, fuhr Franke fort. Je länger die Lieferkettenstörungen durch den Iran-Krieg allerdings andauerten, desto größer werde das Risiko, dass die US-Notenbank um eine geldpolitische Straffung nicht herumkommen wird.
Unter dem Strich bleibt das Umfeld für den deutschen Aktienmarkt erst einmal freundlich. Erst kürzlich hatte die DZ Bank ihr Ziel für den Stand des Leitindex Dax am Ende des Jahres von 25.000 auf 27.500 Zähler nach oben geschraubt. Das Mitte Januar bei knapp 25.508 Punkten erreichte Rekordhoch würde damit übertroffen.
Das Hauptszenario der DZ Bank basiert auf der Annahme einer Deeskalation am Persischen Golf, da eine Entspannung im Interesse beider Parteien liege. Auf iranischer Seite habe die Blockade die Deviseneinnahmen einbrechen lassen, da der Ölexport den Großteil der Ausfuhren stelle. Auf US-Seite belasten Henseler zufolge die Energiepreise und steigende Lebenshaltungskosten die Zustimmungswerte des US-Präsidenten.
Mit Blick auf den Aktienmarkt hierzulande könnte es am Freitag zu größeren Kursbewegungen kommen, denn dann ist wieder großer Verfallstag. An diesem Tag laufen Terminkontrakte auf Aktien und Indizes an den Terminbörsen aus, was für Nervosität sorgen kann. Ebenfalls am Freitag veröffentlicht der Baumarkt- und Baustoffkonzern Hornbach Holding seine Quartalszahlen. Bereits zur Wochenmitte lohnt sich ein Blick auf die Aktien der Commerzbank. Denn am Dienstag um Mitternacht läuft das Angebot der italienischen Großbank Unicredit für den deutschen Wettbewerber ab.
Die Unicredit hatte Anfang Mai ein Übernahmeangebot für die Commerzbank vorgelegt und bietet dafür eigene Anteile. Bis Donnerstag kam die Unicredit eigenen Angaben zufolge 11,2 Prozent aller Commerzbank-Aktien angedient, obwohl der Wert der Offerte rechnerisch unter dem Preis eines Commerzbank-Anteils liegt.
Damit würde der Anteil der Unicredit rechnerisch auf gut 37 Prozent steigen, zudem hat sie sich über Kaufoptionen mehr als drei Prozent der Commerzbank-Aktien gesichert und hält weitere Finanzinstrumente. Die Commerzbank hatte erst kürzlich die Finanzaufsicht Bafin eingeschaltet, weil sie bei Unicredit-Angaben ein falsches Spiel sieht. Die Unicredit hat den Vorwurf zurückgewiesen. Sie handle nach den gesetzlichen Anforderungen und stehe im transparenten Dialog mit der Bafin.

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