Stahlindustrie: Der weiße Elefant an der Saar

Während die Politik den schnellen Umstieg auf grünen Wasserstoff fordert, kollidiert diese Vision frontal mit den harten Realitäten des Standorts, insbesondere den international nicht wettbewerbsfähigen Energiepreisen. Eine Sachstandsaufnahme der deutschen Stahlindustrie am Beispiel der saarländischen DHS-Gruppe. Von Christoph Canne

IMAGO / Jan Huebner
Dillinger Hütte Stahlproduzent Dillingen, 02.04.2026

Die deutsche Primärstahlerzeugung steht am Scheideweg zwischen politischem Wunschbild und ökonomischer Realität. Am Fallbeispiel der saarländischen DHS-Gruppe (Dillinger Hütte/Saarstahl) und ihres Transformationsprojekts „Power4Steel“ zeichnet diese Sachstandsaufnahme ein ungeschminktes Bild des bevorstehenden Technologiewechsels.

Die Analyse dekonstruiert die realen Kostentreiber, vergleicht den theoretischen Wasserstoff-Pfad mit der fossilen Erdgas-Alternative und stellt die alles entscheidende Frage: Kann „grüner Stahl“ unter diesen Rahmenbedingungen auf dem globalen Markt jemals ohne dauerhafte staatliche Milliardensubventionen überlebensfähig sein? Oder manövriert sich die heimische Schlüsselindustrie in eine Sackgasse, an deren Ende entweder die dauerhafte Alimentierung durch den Steuerzahler oder die endgültige Kapitulation der saarländischen Roheisenerzeugung steht?

Das globale Wettbewerbsumfeld: Ein ungleicher Kampf

Die Krise der deutschen Primärstahlerzeugung ist kein konjunkturelles Tief, sondern ein struktureller Überlebenskampf. Auf dem globalen Parkett sieht sich die europäische Industrie einer erdrückenden Übermacht gegenüber: Während technologische Schwergewichte aus Japan und Südkorea die heimischen Werke bei den margenstarken High-End-Qualitäten unter Druck setzen, flutet China den Markt mit Billig-Massenstählen.

Staatliche Subventionen für Rohstoffe und Energie sowie das bewusste Unterlaufen jeglicher Umwelt- und Sozialstandards ermöglichen es chinesischen Anbietern, einfache Baustähle zu Exportpreisen von 400 bis 440 Euro pro Tonne anzubieten – ein Niveau, das bereits auf oder unter dem Niveau der direkten Produktionskosten hiesiger Erzeuger in der Primärstahlerzeugung liegt, welche insbesondere durch hohe Energiepreise und exzessive Bürokratie am Standort Deutschland belastet werden. Sobald man hier die europäische Klimabepreisung hinzurechnet, mutiert dieser Zustand endgültig zu einem unlösbaren ökonomischen Wettbewerbsnachteil.

Das Ende der Gratis-CO2-Zertifikate und die CBAM-Exportfalle

Bislang konnte sich die Stahlerzeugung über die klassische Hochofenroute nur schwer über Wasser halten. Die direkten Produktionskosten in der Primärstahlerzeugung liegen bei deutschen Stahlkochern bei ca. 450 Euro pro Tonne. Dieser Wert ist jedoch keine starre Größe, sondern schwankt im Zuge der globalen Rohstoffzyklen mit den Weltmarktpreisen für Eisenerz und Kokskohle, welche die dominierenden Kostentreiber dieses Prozesses bilden.

Doch die eigentliche, existenzbedrohende Daumenschraube zieht an anderer Stelle an: Im Zuge der EU-Klimapolitik wird die kostenlose Zuteilung von CO₂-Zertifikaten bis 2034 schrittweise auf Null abgeschmolzen. Dies bedeutet in der Praxis nicht mehr und nicht weniger als das wirtschaftliche Todesurteil für die Kokskohle-Route. Ein traditioneller Hochofen emittiert ca. 1,8 Tonnen CO₂ pro Tonne Stahl. Beim aktuellen Marktpreisniveau von rund 80 Euro pro Tonne CO₂ steigen die CO₂-Kosten im Zuge des schrittweisen Zertifikate-Entzugs von heute fast null auf volle 144 Euro pro Tonne Stahl an. Durch diese zusätzliche Belastung explodieren die direkten Produktionskosten der klassischen Hochofenroute auf ca. 600 Euro pro Tonne.

Und das ist lediglich die ökonomische Untergrenze der Gegenwart: Durch das politisch forcierte Absenken der Emissions-Obergrenzen verknappt die EU das Angebot an Zertifikaten systematisch. Dieser künstlich herbeigeführte Mangel ist ein in das System einprogrammierter Preistreiber, der die Kosten für die Industrie permanent nach oben treibt. Jeder künftige Preisausschlag an den CO₂-Börsen verschärft diesen Hebel zulasten der Wettbewerbsfähigkeit der Stahlindustrie augenblicklich.

Zwar soll der Grenzausgleichsmechanismus CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) den europäischen Binnenmarkt schützen, indem Importeure dieselbe CO₂-Abgabe zahlen müssen. Doch selbst wenn dieses System weitgehend funktioniert und nicht unterlaufen wird, so bricht für den Export trotzdem eine Katastrophe herein: Auf den hart umkämpften Weltmärkten außerhalb der EU greift der europäische Grenzschutz des CBAM jedoch nicht, sodass sich europäischer Stahl dort ohne den Ausgleich der hiesigen CO₂-Mehrkosten im direkten Preiswettbewerb mit globalen Anbietern behaupten muss. Europäischer Stahl, der mit mindestens 144 Euro CO₂-Malus beladen ist, wird auf diesen Märkten bis 2034 vollständig verdrängt. Die Exportfähigkeit der deutschen Industriestandorte wird schlichtweg ausgelöscht.

Die ideologische Flucht nach vorne

Anstatt angesichts dieser Existenzbedrohung die CO₂-Belastung der heimischen Schlüsselindustrien grundsätzlich zu überdenken oder wenigstens die Verknappung der Zertifikate auszusetzen, reagiert die Politik mit einer Flucht nach vorne. Die Losung lautet: kompletter technologischer Bruch. Nicht die Entlastung des bestehenden Prozesses ist das Ziel, sondern ein erzwungener, milliardenschwerer Übergang zu einer noch gänzlich ungedeckten Infrastruktur des „grünen Stahls“.

Das Fallbeispiel Saarland: Das Transformationsprojekt „Power4Steel“

Im Saarland sollen hierzu die klassischen, kohlebasierten Hochöfen in Dillingen durch eine Direktreduktionsanlage (DRI-Anlage) ersetzt werden. Was hier geschieht, ist ein technologischer Paradigmenwechsel: Im Gegensatz zum klassischen Hochofen wird das Eisenerz in der DRI-Anlage nicht mehr aufgeschmolzen, sondern verbleibt in festem Zustand. Bei Temperaturen von rund 800 bis 1.000 °C wird ein Reduktionsgas durch die Eisenerz-Pellets geleitet. Dieses Gas entzieht dem Erz den chemisch gebundenen Sauerstoff. Als Endprodukt entsteht ein fester Eisenschwamm, der anschließend in den nachgelagerten Elektrolichtbogenöfen (EAF) zu flüssigem Stahl eingeschmolzen wird. Die grüne Vision dabei: Wird die Anlage mit reinem Wasserstoff statt Erdgas betrieben, entsteht als Nebenprodukt der chemischen Reaktion kein CO₂, sondern schlicht reiner Wasserdampf.

Das von der Konzernleitung ausgegebene, ambitionierte Ziel ab dem geplanten Vollbetrieb 2028/2029 lautet: Produktion von 3,5 Millionen Tonnen Rohstahl über die neue Route. Das hierfür veranschlagte Investitionsvolumen für diesen Technologiewechsel beläuft sich auf astronomische 4,6 Milliarden Euro. Davon entfallen 1,82 Milliarden Euro auf den Bund und 780 Millionen Euro auf das Land Saarland, während die DHS-Gruppe einen unternehmerischen Eigenanteil von 2,0 Milliarden Euro selbst auf dem Kapitalmarkt refinanzieren muss.

Die ruinöse Ökonomie des reinen Wasserstoffs

Werden diese Milliardensummen von der politischen Flughöhe auf die harte Realität der Werkshalle heruntergebrochen, also auf die Frage, was die Herstellung einer einzigen Tonne „grünen“ Stahls tatsächlich kostet, offenbart sich das wirtschaftliche Desaster des gesamten Vorhabens. Für den Außenstehenden lässt sich diese kaufmännische Rechnung am besten in zwei Blöcke unterteilen: erstens die Kapitalkosten für den Bau und das Abbezahlen der neuen Anlagen und zweitens die laufenden Betriebskosten für Rohstoffe und Energie.

Beginnen wir mit dem bleiernen Rucksack der Kapitalkosten. Vom Gesamtvolumen der saarländischen Transformation verbleibt nach Abzug der staatlichen Fördergelder ein Eigenanteil von 2 Milliarden Euro bei der DHS-Gruppe. Da die Stahlbranche tief in der Krise steckt, kann man davon ausgehen, dass der Zins- und Renditesatz (WACC), den Banken und Investoren für das Risiko einfordern, bei mindestens 8 Prozent liegen wird. Schreibt man diese Summe über 15 Jahre ab – ein Zeitraum, der angesichts des hohen technischen Verschleißes in der Schwerindustrie sowie des technologischen Pionier-Risikos dieser neuen Anlagen kaufmännisch geboten ist – ergibt sich eine jährliche Last von rund 234 Millionen Euro für Zins und Tilgung. Umgelegt auf die angepeilte Jahresproduktion von 3,5 Millionen Tonnen bedeutet dies: Jede einzelne Tonne saarländischen Stahls wird ab dem ersten Tag mit einer festen privaten Kapitaldienst-Last von 67 Euro beladen.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Um diesen privaten Anteil überhaupt erst tragbar zu machen, schießt der Staat vorab 2,6 Milliarden Euro an Steuergeldern für den Bau bei. Betrachtet man diese Summe finanzmathematisch sauber und veranschlagt für das blockierte Staatskapital die Zinslast einer regulären, 15-jährigen Umlaufrendite von aktuell rund 3,5 Prozent, wandelt sich dieses Geschenk in eine jährliche Last von ebenfalls 226 Millionen Euro für den Steuerzahler. Umgelegt auf die Produktionsmenge subventioniert der Staat jede Tonne Stahl somit bereits vor dem ersten Spatenstich mit einer staatlichen Basis-Subvention von 64 Euro. Addiert man beide Kapitalkostenblöcke, ergibt sich ein volkswirtschaftlicher Aufschlag von 131 Euro pro Tonne Stahl. Das ist eine massive Hypothek rein für den ‚grünen‘ Umbau – noch bevor die eigentlichen Produktionskosten überhaupt anfallen, und ohne dem Endprodukt einen echten Mehrwert zu verleihen.

Zu diesen Investitionslasten gesellen sich nun die laufenden Betriebskosten, und hier mutiert die grüne Vision vollends zum industriellen Albtraum. Der entscheidende Faktor, der die Mehrkosten in stratosphärische Höhen treibt, ist der grüne Wasserstoff: Um eine Tonne Eisen im neuen Verfahren ohne Erdgas zu produzieren, werden rund 60 Kilogramm davon benötigt. Bei einem gegenwärtigen Marktpreis für grünen Wasserstoff von 8,50 Euro pro Kilogramm schlägt allein dieser Posten mit atemberaubenden 510 Euro pro Tonne Stahl zu Buche. Hinzu kommt der Stromhunger der neuen Elektrolichtbogenöfen, die den fertigen Eisenschwamm am Ende einschmelzen müssen. Sie benötigen rund 0,7 Megawattstunden pro Tonne.

Legt man den realen, vom saarländischen Management selbst immer wieder als existenzbedrohend beklagten Industriestrompreis von 120 Euro pro Megawattstunde zugrunde, wandern weitere 84 Euro auf die Rechnung. Zu diesen gigantischen Energiekosten addieren sich schließlich die übrigen direkten Produktionskosten – insbesondere für Eisenerz-Pellets, Schrott und Legierungen. Zwar unterliegen diese Rohstoffe naturgemäß starken weltmarktbedingten Preisschwankungen, doch veranschlagt man sie im gegenwärtigen Marktumfeld mit realistischen 325 Euro, katapultiert dies die reinen laufenden Produktionskosten in der Summe auf gewaltige 919 Euro pro Tonne.

Addiert man nun den privaten Zinsrucksack von 67 Euro und die laufenden Betriebskosten von 919 Euro zusammen, explodieren die tatsächlichen Vollkosten für das Unternehmen auf 986 Euro pro Tonne grünen Stahls. Doch die volkswirtschaftliche Wahrheit ist noch bitterer: Bezieht man die 64 Euro an staatlicher Zinsannuität für die Anschubfinanzierung mit ein, durchbrechen die wahren gesamtwirtschaftlichen Herstellungskosten mit 1.050 Euro pro Tonne dröhnend die Tausender-Marke.

An dieser Stelle schlägt die Stunde der wirtschaftlichen Wahrheit: Die konventionelle Hochofenroute produzierte bisher für ca. 450 Euro pro Tonne – ein Niveau, bei dem die Stahlindustrie aufgrund des globalen Preisdrucks durch billigen Stahl aus Fernost seit Jahren über existenzbedrohende Margen klagt und regelmäßig den Ruf nach Schutzzöllen und Staatshilfen erhebt.

Hier offenbart sich der ganze Wahnsinn des Transformationsprojekts: Wenn bereits 450 Euro pro Tonne den Standort an den Rand des Abgrunds treiben, wie soll dann grüner Stahl überleben, dessen wahre, gesamtwirtschaftliche Kosten bei atemberaubenden 1.050 Euro liegen?

Zwischen dem ohnehin schon kaum wettbewerbsfähigen Status quo und den Kosten der grünen Utopie klafft eine ungedeckte, politisch verursachte Lücke von 600 Euro pro Tonne. Grüner Stahl ist unter diesen Bedingungen wirtschaftlicher Selbstmord mit Ansage. Um die hausgemachte Differenz bei einer geplanten Jahresproduktion von 3,5 Millionen Tonnen künstlich auszugleichen, müsste der Steuerzahler dauerhaft einspringen. In einer hypothetischen Modellrechnung sieht dies so aus: Würde man den Betrieb tatsächlich – wie von der Politik beworben – mit 100 Prozent grünem Wasserstoff realisieren, beliefen sich die laufenden Subventionskosten auf ein Jahrzehnt hochgerechnet auf rund 21 Milliarden Euro – wohlgemerkt allein für die saarländische Stahlindustrie.

Doch diese 21 Milliarden sind nur die mathematische Endabrechnung einer politischen Utopie. Sie unterstellen, dass die Anlagen – wie von der Politik beworben – ab dem ersten Tag mit 100 Prozent grünem Wasserstoff betrieben werden könnten. In der Praxis ist genau das völlig ausgeschlossen – und zwar aus Gründen, die ausgerechnet in den Fehlern der deutschen Energiewende selbst zu finden sind.

Warum das Saarland für grünen Wasserstoff auf Frankreich angewiesen ist

Die politische Utopie vom heimischen Überschuss-Strom, der aus regionaler Wind- und Sonnenkraft direkt in neue Elektrolyseure zur Herstellung von grünem Wasserstoff fließt, ist im Saarland bereits krachend an der physikalischen und ökonomischen Realität zerschellt. Das unübersehbare Menetekel dieser gescheiterten Energiewende sind die drei großen saarländischen Elektrolyseur-Projekte, die einst als grüne Leuchttürme gefeiert und nun stillschweigend beerdigt wurden: Da ist erstens der „HydroHub Fenne“ in Völklingen, den der Energiekonzern Iqony trotz zugesagter Förderung von 100 Millionen Euro wegen unzureichender Wirtschaftlichkeitsaussichten kürzlich auf Eis legte. Da ist zweitens das geplante RWE-Großprojekt in Saarlouis, das ebenfalls als gescheitert gilt. Und da ist drittens die geplante Wasserstoff-Fabrik des französischen Unternehmens Lhyfe im grenznahen Perl, deren Realisierung nach derzeitigem Stand nicht mehr verfolgt wird. Sie alle scheiterten an einer simplen Wahrheit: Die installierten Kapazitäten von Wind und Sonne reichen nicht im Ansatz aus und der benötigte Strom in Deutschland ist schlicht viel zu teuer.

Diese Kapitulation der heimischen Wasserstoffproduktion offenbart den ultimativen Ausverkauf der deutschen Energiewende. Denn um das 4,6-Milliarden-Euro-Stahlprojekt in Dillingen überhaupt noch mit grünem Wasserstoff versorgen zu können, hängt es nun am Tropf des Auslands. Während die deutschen Elektrolyseure nicht an den Start kommen, investieren Netzbetreiber (wie Creos und die französische GRTgaz) über 100 Millionen Euro in die grenzüberschreitende Pipeline „mosaHYc“. Deren einziger Zweck: Wasserstoff künftig aus dem benachbarten Lothringen ins Saarland zu pumpen. Das hochsubventionierte Vorzeigeprojekt der „grünen“ deutschen Transformation wird in der Praxis also durch importierten Wasserstoff gerettet werden müssen – hergestellt mit der Grundlast französischer Kernkraftwerke. Eine absurdere Bankrotterklärung für die deutsche Energiepolitik lässt sich kaum denken.

Das finale Scheitern der heimischen Wasserstoff-Träume ist jedoch nicht nur ein physikalisches Problem, sondern ein regulatorisches Desaster – und hier zeigt sich der ganze historische Irrsinn der deutschen und europäischen Energiepolitik. Wer in Europa „grünen“ Wasserstoff herstellen will, der hochoffiziell als CO₂-neutrales RFNBO (Renewable Fuel of Non-Biological Origin) unter der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED III) der EU anerkannt wird, muss strenge Kriterien erfüllen. Der Brüsseler Kernpassus lautet: Zieht ein Elektrolyseur seinen Strom direkt aus dem allgemeinen Stromnetz, darf die Stromzone einen maximalen Emissionswert von 65 Gramm CO₂-Äquivalent pro Kilowattstunde nicht überschreiten.

Frankreich unterbietet diese magische 65-Gramm-Grenze dank seiner verlässlichen Kernkraftwerke spielend. Ein französischer Elektrolyseur kann sich also legal einfach ans Netz hängen und rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag in der Grundlast produzieren. Die Umwandlung in ‚grünen Strom‘ kann bilanziell durch Herkunftszertifikate erfolgen. So verteilt er die massiven Kapitalkosten der Anlage auf extrem hohe Volllaststunden und macht den Wasserstoff bezahlbar.

Deutschland hingegen hat sich mit dem politisch erzwungenen Kernkraftausstieg selbst die regulatorische Schlinge um den Hals gelegt. Unser von Kohle- und Gaskraftwerken geprägtes Netz liegt mit oft 300 bis 400 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde meilenweit über dem EU-Limit. Die Konsequenz: Deutsche Elektrolyseure dürfen den normalen Netzstrom nicht nutzen. Sie müssen über hochkomplexe und teure Direktverträge (PPAs) nachweisen, dass ihr Strom zeitgleich aus neu errichteten Wind- oder Solarparks stammt. Weht kein Wind und scheint keine Sonne, steht die teure Wasserstoff-Fabrik still. Genau diese geringen Volllaststunden ruinieren jeden Business Case.

Mit dem Abschalten der letzten Kernkraftwerke hat Berlin also nicht nur den Strom verteuert, sondern jede ökonomisch tragfähige Perspektive für eine eigene grüne Wasserstoffproduktion de facto eliminiert.

Hier offenbart sich die bittere Ironie des Milliardenprojekts: Anstatt der versprochenen grünen Revolution ist ein fortwährender Betrieb mit dem ungeliebten, fossilen Erdgas unumgänglich. Doch wer glaubt, dieser Rückgriff auf die Erdgas-Brücke würde das Projekt in die finanzielle Gewinnzone manövrieren, irrt gewaltig.

Die verpönte Alternative: Erdgas

Da grüner Wasserstoff in industriell relevanten Mengen auf absehbare Zeit nicht verfügbar ist, wird die saarländische Hütte faktisch eine Mischroute fahren müssen. Nach derzeitigem Informationsstand ist davon auszugehen, dass das Projekt – bei einem realistischen Szenario von 90 Prozent Erdgas und 10 Prozent Wasserstoff – in einem schleichenden Kosten-Dilemma mündet, statt in der erhofften wirtschaftlichen Rettung.

Zwar ist fossiles Erdgas deutlich günstiger als grüner Wasserstoff, doch die physikalischen und regulatorischen Rahmenbedingungen treiben auch hier die Preise in die Höhe. Nach Berechnungen des Autors belaufen sich die gesamtwirtschaftlichen Vollkosten einer reinen Erdgas-Route (inklusive unternehmens- und staatsseitiger Kapitalkosten) auf ca. 800 Euro pro Tonne Stahl.

Dass diese konventionelle Brückentechnologie derart teuer bleibt, hat drei zentrale Ursachen: Erstens muss das verfeuerte Erdgas teuer in Form von LNG auf den Weltmärkten eingekauft werden. Zweitens frisst der nachgelagerte Elektrolichtbogenofen weiterhin riesige Mengen des teuren deutschen Industriestroms. Und drittens – und das ist der entscheidende regulatorische Bumerang – fällt bei der Reduktion mit Erdgas unweigerlich CO₂ an. Damit greift der unerbittliche europäische Emissionshandel (ETS), der jede Tonne mit massiven Strafsteuern belegt und die Betriebskosten unweigerlich in die Höhe treibt.

Das niederschmetternde Fazit bleibt bestehen: Selbst im vermeintlich ‚günstigsten‘ Szenario der fossilen Erdgas-Brücke produziert die neue Anlage einen Stahl, der die bisherigen Produktionskosten der klassischen Hochofenroute von rund 450 Euro weit in den Schatten stellt und auf dem Weltmarkt chancenlos ist. Diese Differenz von 350 Euro pro Tonne summiert sich bei einer Jahresproduktion von 3,5 Millionen Tonnen auf Mehrkosten von 12 Milliarden Euro in 10 Jahren, die bei gleichbleibender Marktsituation zwingend durch Subventionen aufgefangen werden müssen – und dies nur für die saarländische Stahlindustrie. Anstelle der versprochenen grünen Vision bleibt die bittere Erkenntnis, dass jedes zusätzliche Prozent grüner Wasserstoff im Mix die Kosten unweigerlich weiter in Richtung der 1.000-Euro-Marke treibt. Eine ruinöse Konstellation.

Die Transformation der saarländischen Stahlindustrie ist und bleibt unter diesen Bedingungen ein Subventionsfass ohne Boden. Ob reiner Wasserstoff oder die fossile Erdgas-Brücke – das Produkt ist auf dem Weltmarkt chancenlos und die laufende Daueralimentierung durch den Steuerzahler ist das Einzige, was dieses Projekt vor dem sofortigen Zusammenbruch bewahrt.

Eine absurde Demonstration der IG Metall

Wie tief sich die Akteure vor Ort bereits in dieses industriepolitische Absurditätenkabinett verstrickt haben, belegt eine fast schon satirische Volte der IG Metall. Für den 12. Juni 2026 ruft die Gewerkschaft in Völklingen zum großen ‚Stahl-Aktionstag‘ auf. Doch man demonstriert dort nicht etwa für eine dringend nötige Entlastung der deutschen Industrie. Im Gegenteil: Man protestiert allen Ernstes gegen eine mögliche Abschwächung des europäischen Emissionshandels (ETS). Eine Industriegewerkschaft geht also auf die Barrikaden, um die regulatorische Verteuerung der deutschen Industrieproduktion mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.

Was auf den ersten Blick wie ein moderner Schildbürgerstreich wirkt, folgt jedoch einer eiskalten, fast schon tragischen Überlebenslogik: Würde der CO₂-Zwang gelockert und konventioneller Stahl wieder rentabler, fiele die für Brüssel künstlich errechnete ‚Wirtschaftlichkeitslücke‘ in sich zusammen. Man fleht die Politik förmlich an, die regulatorische Peitsche bloß nicht wegzulegen – in der blanken Panik, dass andernfalls die ökonomische Sinnlosigkeit der Grünstahl-Utopie über Nacht schonungslos bloßgelegt würde und infolgedessen auch das 2,6-Milliarden-Euro-Subventionspaket ins Wanken geraten könnte.

Schlussfolgerung und industriepolitisches Menetekel

Zieht man den Schlussstrich unter die ökonomischen Kalkulationen, erweist sich das ‚grüne‘ saarländische Stahlprojekt als genau das, was bereits in der Überschrift anklingt: ein klassischer weißer Elefant der Industriepolitik. Es ist ein sündhaft teures, politisch forciertes Prestigeobjekt, das bereits in der Anschaffung Milliarden verschlingt und dessen Unterhalt die wirtschaftliche Substanz aufzehrt, ohne jemals einen reellen Mehrwert am Markt zu generieren. In keinem denkbaren Szenario – weder bei der 100-Prozent-Wasserstoff-Utopie noch im fossil-gestützten Mischbetrieb – erreicht der Stahl aus Dillingen auch nur annähernd die zur Selbsterhaltung erforderliche internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Dass diese Feststellung keine bloße Theorie ist, zeigt das Beispiel von ArcelorMittal: Der Konzern hat seine geplanten Grünstahl-Projekte in Deutschland nicht ohne Grund auf Eis gelegt. Trotz in Aussicht gestellter staatlicher Milliarden-Förderungen wurde erkannt, dass der Standort Deutschland unter den aktuellen regulatorischen und energetischen Rahmenbedingungen für eine grüne Transformation schlicht nicht tragfähig ist.

Aus diesem Scheitern lassen sich drei zwingende Konsequenzen folgern:

  1. Stopp des DRI-Ausbaus und Überprüfung der Subventionen: Die forcierte Umstellung auf die DRI-Route macht in Deutschland ökonomisch keinen Sinn. Die geplanten Projekte und die damit verbundenen staatlichen Förderzusagen müssen sofort auf den Prüfstand gebracht werden. Es ist verantwortungslos, Steuergelder in eine Technologie zu investieren, deren Betriebskosten den Standort dauerhaft in die Unwirtschaftlichkeit führen.
  2. Sofortige Entlastung von der CO₂-Last: Die überbordende CO₂-Belastung der energieintensiven Grundstoffindustrie durch den europäischen Emissionshandel muss umgehend eingestellt werden. Solange Deutschland den Industriestandort durch regulatorische Strafsteuern zusätzlich zu den ohnehin hohen Energiepreisen belastet, ist kein Unternehmen der Grundstoffindustrie im globalen Vergleich konkurrenzfähig.
  3. Alternativ Akzeptanz der Deindustrialisierung der Primärproduktion: Wenn der derzeitige Kurs der Energiewende ohne grundlegende Korrektur fortgesetzt wird, ist die hiesige Rohstahlerzeugung ökonomisch schlicht nicht mehr darstellbar. Um dann zumindest die nachgelagerte Veredelung und die spezialisierten Walzwerke in Deutschland zu retten, muss die CO₂-intensive Roheisengewinnung aufgegeben werden. Die logische Konsequenz ist der Import von kostengünstigem Roheisen beziehungsweise Eisenschwamm aus Regionen, in denen Energie und Ressourcen marktgerechte Preise ermöglichen. Dass dies die strategische Importabhängigkeit Deutschlands weiter ausweitet, ist dabei eine bittere, aber unvermeidbare Realität dieser grünen Transformation, der sich die Politik dann stellen muss.

Das saarländische Vorhaben ist das Menetekel einer verfehlten Energiepolitik. Die Entscheidungsträger müssen den Stahlarbeitern und der Bevölkerung endlich reinen Wein einschenken: Wir finanzieren hier sehenden Auges nicht den Aufbruch, sondern die schleichende Abwicklung.

Wer den Abschied von der globalen Stahlproduktion heute noch mit Milliarden an Steuergeldern versüßt, verantwortet morgen den industriellen Herzstillstand des gesamten Landes.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 4 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

4 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
moorwald
1 Stunde her

Vielleicht haben sich die Propagandisten der Wasserstoff-Technologie einfach nur an ihren Chemieunterricht in der Schule erinnert. Bei ihrer Suche nach einem „harmlosen“ Brennstoff ohne CO2-Ereugung sind sie dann auf Wasserstoff gestoßen.
Leider kommt er in der Natur kaum frei vor, muß teuer erzeugt werden und ist schwer zu transportieren und zu handhaben. Nicht zuletzt im Gemisch mit Luft in einem weiten Bereich brennbar bis explosiv.
Und der bei der Nutzung als Reduktionsmittel entstehende Wasserdampf soll ja noch „klimaschädlicher“ als das böse CO2 sein..

Kontra
1 Stunde her

Gestern durfte bei DAS/ NDR der Chef der Salzgitter AG die offenbar auswendig gelernten Hirngespinste der „grünen Transformation“ aufsagen. Peinlich ist noch untertrieben! Immerhin, in 20 Jahren oder so wäre er dann soweit, mit dem grünen Stahl. Kuck an…..

Haba Orwell
1 Stunde her

> sowie das bewusste Unterlaufen jeglicher Umwelt- und Sozialstandards

Man kann schwer verlangen, dass die Chinesen hiesige Klimahysterie-„Standards“ einhalten. Sowie Genderdings-„Standards“ sowie Bürokratieflut-„Standards“. Geht noch?

VK
1 Stunde her

Herzlichen Dank für die betriebswirtschaftliche Darstellung. DDR lässt grüssen. Planwirtschaft erzeugt Produkte, die auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig sind. Wer konnte das ahnen?