Zurück in die Vergangenheit

„Nichts geht mehr“ ist das Gefühl vieler Bürger, wenn sie unter der maroden Infrastruktur leiden. Aber wann haben wir eigentlich den Fortschritt verloren? Die kurze Antwort lautet: Vermutlich irgendwann in den 1970/80er-Jahren. Aber es gibt eine etwas längere und viel interessantere Geschichte, schreibt Alexander Schatten.

Als einen symbolischen Moment kann man die Weltausstellung 1851 im Hyde Park in London herausgreifen. Ziel dieser Ausstellung war nicht nur eine technische Leistungsschau, sondern auch, den freien Handel anzupreisen, der als Treiber des Fortschritts erkannt worden war. Schon das Gebäude zeigt, wozu man im 19. Jahrhundert in Europa in der Lage war, worauf wir heute eigentlich nur staunend zurückblicken können. Die Weltausstellung sollte ihre Tore von Mai bis Oktober 1851 öffnen. Aber erst am 26. Juli 1850 wurde der Entwurf des herausragenden Architekten und Landschaftsgärtners Joseph Paxton – der später als Crystal Palace (Kristallpalast) bezeichnete Bau – beauftragt. Das Gebäude war eine einzigartige Konstruktion aus Stahl und Glas, 563 Meter lang, 124 Meter breit und bis zu 33 Meter hoch.

Paxton war einer der Selfmademen der viktorianischen Zeit, der sich durch eigene Leistung vom Kind eines armen Arbeiters hochgearbeitet hatte. Ihm gelang es, dieses Gebäude mit der Technik des 19. Jahrhunderts in nur rund acht Monaten zu errichten. Nicht nur prominente Besucher von Charles Darwin über Charles Dickens, Isambard Kingdom Brunel, Michael Faraday, Robert Stephenson bis zu Karl Marx ließen sich sehen, auch in der Bevölkerung schlug das Bauwerk große Wellen. Die Ausstellung wurde von mehr als sechs Millionen Menschen besucht – bei einer Bevölkerung von rund 18 Millionen.

Der belgische Philosoph Maarten Boudry schreibt: „Der Glaube an Fortschritt ist selbst eine recht junge Erfindung.“ Die Weltausstellung von 1851 war ein Symbol dafür. Treten wir einen Schritt zurück, denn diese Entwicklung lief in drei Wellen ab, die auch besser verständlich machen, wie wir in die heutige Krise gelangt sind. Illustrieren wir diese Veränderungen am Beispiel des Lebens dreier Menschen.

Die fossilen Grundlagen unserer Zivilisation
Wer die Welt verändern will, sollte verstehen, wie sie funktioniert
Beginnen wir mit Charles Darwin (1809–1882) und seinen Zeitgenossen. Darwin wuchs in vormodernen Verhältnissen auf, erlebte aber bereits als Kind die Folgen der industriellen Revolution. Städte wurden immer wichtiger und zogen die Menschen an – eine Entwicklung, die zunächst auch erhebliche soziale Schattenseiten mit sich brachte. Während Darwins Lebenszeit fand geradezu eine Explosion wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen statt.

Um nur einige wenige zu nennen: Die Spektralanalyse wurde entwickelt, Carnot und Clausius arbeiteten an der Thermodynamik, auch um die Effizienz von Wärmekraftmaschinen zu verbessern, Elektrizität und Magnetismus wurden systematisch erforscht, Glühlampen und erste Generatoren entstanden. Die ersten ernsthaften Fluggeräte (Gleitflugzeuge) wurden konstruiert. Dieser ganze Fortschritt wäre ohne die massive Nutzung von Kohle und später Öl nicht möglich gewesen.

Tempo, Tempo, Tempo

Isambard Kingdom Brunel (1806–1859) soll als einer der großen Erfinder und Unternehmer seiner Zeit beispielhaft herausgegriffen werden. Er baute mit seinem Vater den ersten Tunnel unter der Themse, begründete die Great Western Railway und war für rund 1600 Kilometer Eisenbahnstrecke verantwortlich, baute mehrere Bahnhöfe, über 100 Brücken, das erste Liniendampfschiff, die SS „Great Western“ (London–New York), sowie eine Reihe weiterer bahnbrechender Schiffe.

Nebenbei beriet er beim Bau des Crystal Palace und konzipierte in nur wenigen Wochen ein modulares Spital für den Krimkrieg. Der Baubeginn auf der Krim erfolgte nur wenige Monate später. Einem zeitgenössischen Bericht zufolge wurden 11 500 Tonnen Material und Vorräte von 23 Schiffen angelandet. Der Bau des Krankenhauses sei so präzise gewesen wie Brunels Entwurf. All dies gelang Brunel in einer Lebenszeit von nur 53 Jahren.

Noch zu Darwins Lebzeiten wurde auch die Fotografie erfunden, und er selbst ließ Familienfotos anfertigen. Wesentliche Fortschritte in der Chemie (Periodensystem von Mendelejew) und in der Medizin fielen in diese Zeit, etwa die Einführung der Anästhesie, die Entdeckung pathogener Bakterien (Pasteur und Koch) sowie die Erkenntnis der Bedeutung der Hygiene (Semmelweis).

TICHYS LIEBLINGSBÜCHER DER WOCHE
Die Wirklichkeit überholt sich selbst
In die letzten Jahre von Darwins Leben fielen große Unternehmungen wie die Eröffnung des Suezkanals (1869), das erste zentrale Elektrizitätskraftwerk in New York (1882) oder die Erste Wiener Hochquellenleitung. Diese etwa 100 Kilometer lange Leitung durch die Voralpen benötigte inklusive der Bauten in Wien knapp vier Jahre Bauzeit und wurde 1873 eröffnet.

Darwin und seine Zeitgenossen wuchsen in der Vormoderne auf und durften ungeheure wissenschaftliche und technische Entwicklungen miterleben. Aber – und dies ist ein großes Aber – die tatsächlichen Lebensumstände der meisten Menschen, auch die von Charles Darwin, veränderten sich nur wenig. Das trifft ganz besonders auf die ärmere Bevölkerung zu. Die neuen Technologien wie Eisenbahn oder Dampfschifffahrt waren teuer und zunächst nur für Wohlhabende erschwinglich.

Skalierung macht Technik bezahlbar

Dies änderte sich jedoch schlagartig mit der nächsten Generation. Denken wir an Menschen wie den Nobelpreisträger Karl von Frisch (1886–1982), ebenso wie Darwin Biologe. Auch er wuchs eigentlich noch in vormodernen Zeiten auf: In Privathaushalten gab es keine Elektrizität, es fuhren noch keine Straßenbahnen, in den meisten Wohnungen gab es kein fließendes Wasser, und viele Menschen lebten in bedrückender Armut.

Aber was für Darwins Generation und in der Jugend von Frischs noch unerreichbar war, sollte durch Skalierung, durch neue Unternehmen und Massenfertigung in enormer Geschwindigkeit verbreitet werden und das Leben aller Menschen transformieren. Städte wie London oder Wien erweiterten in wenigen Jahrzehnten ihr Kanalnetz, Flugzeuge, Autos, Straßenbahnen wurden alltäglich, der Panamakanal gebaut. Fließendes Wasser kam in die Wohnungen, später Duschen und Badezimmer. Antibiotika verlängerten das Leben. Die Leute bestaunten die Mondlandung, der Computer hielt Einzug in den Alltag. All das in der Lebensspanne eines einzelnen Menschen.

Man kann heute getrost sagen, das Leben aller Menschen der heutigen Zeit ist unvergleichlich viel besser als das Leben der Generation Darwins. Aber die Katastrophen der Weltkriege legen auch die Schattenseiten dieser mächtigen Technologien offen. Zogen Soldaten noch mit Säbel und bunten Uniformen in den Ersten Weltkrieg, wurden sie wenig später durch Granaten, Panzer, Flugzeuge, Giftgas traumatisiert. Am Ende des Zweiten Weltkriegs leitete die Atombombe ein neues Zeitalter ein.

Die bemerkenswerte Dynamik, die mit dem 19. Jahrhundert angestoßen worden war, konnte nicht einmal durch die existenziellen Schrecken der Weltkriege gestoppt werden. Die Vereinigten Staaten wiesen nach dem Krieg den Weg: Das Leben wurde angenehmer – in der Mobilität gewöhnte man sich an Auto und Linienflug, im Haushalt an Kühlschrank und Fernseher. Auch das zerstörte Europa schloss mit dem Wirtschaftswunder nur kurz danach auf. Bis heute ernten wir, was im 19. Jahrhundert gesät wurde.

Eine bemerkenswerte Anekdote für den Bruch, der etwa vor einem halben Jahrhundert zu verzeichnen war, ist eine Zukunftsstudie der Rand Corporation. Die Prognosen für die Welt im Jahr 1984 enthielten die Transplantation künstlicher Organe, Lernmaschinen, automatische Bibliotheken (vergleichbar dem heutigen Internet), Übersetzungsmaschinen, eine permanente Mondbasis, bemannte Marsmissionen, Satellitenkommunikation, wie wir sie seit etwa den späten 1990er-Jahren kennen, und vieles mehr.

Nun kann man anmerken, dass Prognosen fast immer falschliegen, aber Dimension und Art dieser Fehleinschätzungen sind noch auf etwas anderes zurückzuführen: Die Wissenschaftler, die diese Prognosen machten, hatten die unglaubliche Dynamik der Zeit von 1880 bis 1960 miterlebt oder waren davon unmittelbar betroffen. Schrieb man diese Dynamik fort, so waren die erwarteten Errungenschaften nicht unplausibel. Nur hat sich diese Dynamik nicht fortgesetzt.

Nur noch graduelle Verbesserungen?

Damit sind wir bei meiner Generation (1971) angelangt. Als Jugendlicher in den 1980er-Jahren hatte ich Farbfernseher, Radio, HiFi-Anlage, Computer und sogar erste Computernetze. Hätte man einen Jugendlichen mit einer Zeitmaschine von 1890 nach 1930 oder von 1910 nach 1950 versetzt, so hätte er die Welt nicht wiedererkannt. Die heutige Welt ist eine zwar deutliche, aber weitgehend lediglich graduelle Verbesserung in vielen Details seit meiner Kindheit in den 1980ern. Kaum etwas hätte mich nachhaltig überrascht. Die disruptivsten Änderungen scheinen in der Informations- und Kommunikationstechnologie, insbesondere durch die künstliche Intelligenz sowie in gewissen Bereichen der Biotechnologie passiert zu sein. Die Stagnation in Wissenschaft und Technik sollte beunruhigen.

Scheitern an Infrastruktur

Es gibt aber einen Trend, der vor diesem Stagnationshintergrund noch wesentlich erschreckender ist: Wir scheitern nicht nur an Innovationen, wir schaffen es nicht einmal mehr, Infrastruktur zu bauen, die es seit 100 Jahren zehntausendfach auf der Welt gibt und die wir noch vor Jahrzehnten in kurzen Zeiträumen gemeistert haben.

Trotz weniger ausgefeilter Technik wurden früher selbst große Bauprojekte in kurzer Zeit fertig. Das 380 Meter hohe Empire State Building wurde 1930 binnen 18 Monaten errichtet. Die Bauzeit von Stuttgart 21 und der California High Speed Rail beträgt hingegen Jahrzehnte.

Nun kann man anmerken, dass Prognosen fast immer falschliegen, aber Dimension und Art dieser Fehleinschätzungen sind noch auf etwas anderes zurückzuführen: Die Wissenschaftler, die diese Prognosen machten, hatten die unglaubliche Dynamik der Zeit von 1880 bis 1960 miterlebt oder waren davon unmittelbar betroffen.

In Europa sind Fortschrittsfeindlichkeit und das Scheitern an Standardprojekten zum Normalfall geworden. Große Teile der Elite scheinen den Rückschritt in eine Vergangenheit zu feiern, die der Großteil der Bevölkerung aus guten Gründen ablehnt. Jedes Risiko vermeiden zu wollen ist selbst das größte Risiko – eine Vollkaskogesellschaft kann es nicht geben.
Wo sind die Vorbilder?

Damit stellt sich eine fundamentale Frage: Wer sind die Vorbilder und die Narrative der heutigen Zeit? Warum applaudieren wir Aktivisten und Jugendlichen aus wohlhabendem Hause, die begeistert den Rückschritt (für andere) fordern, nicht aber Unternehmern, die auf eigenes Risiko versuchen, Werte zu schaffen? Wo werden in Schule, Universität, Medien und Kultur positive Zukunftsbilder vermittelt?

Es gibt kaum eine ernsthaft kritische Auseinandersetzung mit Technik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Katastrophennarrative dominieren, und die Lust am Niedergang wird oftmals auch noch mit Steuergeldern finanziert.

Isambard Kingdom Brunel und Zeitgenossen waren gefeierte Erfinder, Techniker und Unternehmer. Sie zeigten eine Kompetenz und Leistungsfähigkeit, die heute nahezu unvorstellbar sind. Die Menschen verstanden damals noch intuitiv, wie viel sich durch solche Persönlichkeiten – die kompetent sind und eigene Risiken eingehen – zum Besseren verändern kann.

„Kaum verloren wir das Ziel aus den Augen, verdoppelten wir die Anstrengungen“ – dieser Mark Twain zugeschriebene Ausspruch beschreibt vielleicht am besten, was die heutige Zeit kennzeichnet. Aber Anstrengung und hektische Dynamik ersetzen weder Kompetenz noch persönliche Initiative und Eigenverantwortung.

Alexander Schatten. Hexenmeister oder Zauberlehrling? Die Wissensgesellschaft in der Krise. Seifert Verlag, Hardcover, 352 Seiten, 28,00 €


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