„Ein Jahr Kanzler – wie schwer ist Regieren?“ – unter diesem Motto tritt Friedrich Merz bei Miosga zum Rapport an. Das Ergebnis: 60 Minuten Defensive und Schönreden, ohne jegliche Klarheit, ohne Vision. Der Kanzler wirkt bisweilen wie ein gebrochener Mann. Und beendet aus Versehen die Koalition. Von Brunhilde Plog
picture alliance / HMB Media | Uwe Koch
Miosga und Merz – Mittelmaß trifft Müdigkeit. Dass der Kanzler der zweiten Wahl bei der gelernten Nachrichtensprecherin leichtes Spiel haben würde, war zu erwarten. Doch dann sitzt da ein Mann, der ein erschütterndes, ja geradezu erbarmungswürdiges Bild abgibt. Merz wird zum Opfer seiner eigenen Körpersprache. Mit eingezogenen Schultern hockt er da, prökelt nervös an seinem Daumennagel herum und schüttelt bei positiven Aussagen ständig den Kopf. Man muss kein Experte für Körpersprache sein, um da zu stutzen. Merz wirkt wie ein Pennäler vor dem Schuldirektor. Anrührend armselig. Man möchte Mitleid haben.
Mitleid mit Deutschland.
Merz gibt alles. Und das ist tragisch. Denn wenn das alles sein soll, dann: Gut’s Nächtle, Deutschland! Er teilt verbal aus, will vor allem den Koalitionspartner in die Schranken weisen. „Ich erwarte von der SPD die gleiche Kompromissbereitschaft, wie wir sie zeigen. Ich bin bis jetzt sehr geduldig gewesen.“ Er gibt Friedrich den Starken. Das Gegenteil ist der Fall. „Die SPD muss allerdings auch wissen: Kompromisse sind keine Einbahnstraße. Die müssen wir gemeinsam machen.“
Eigentlich wäre das das Ende der Koalition. Aber nicht doch.
Wie schwach seine Position in Wirklichkeit ist, zeigt ein Einspieler. Darin bezeichnet die SPD, in Gestalt von Bärbel Bas, seine Ideen als „zynisch“ und „menschenverachtend“. Ob er sich angesprochen fühle, will Miosga wissen. Und was sagt Merz? „Nein, das tue ich nicht.“ Dabei schwankt er zwischen Schmollen und seinem berühmten, eingefrorenen Lächeln. Das sei aber doch mehr als nur SPD-Folklore, sagt Miosga. Und Merz, ganz schlaff: „Deshalb appelliere ich auch an alle, jetzt etwas maßvoll in der Sprache zu sein.“
Er sucht Anerkennung. „Wir haben die Asylbewerberzahlen in Deutschland um zwei Drittel heruntergebracht gegenüber 2023“, behauptet er. „Das ist ein großer Erfolg. Aber über Erfolge wird meistens schnell hinweggegangen und Dinge, die nicht so einfach laufen, werden intensiv diskutiert.“ Da ist er wieder, der Wehleidige. Aber nein, er wolle sich nicht beschweren, sagt Merz, nachdem er sich gerade mal wieder beschwert hat. Wie ein Schamane beschwört er nun die eigene Potenz: „Wir haben in diesem Jahr einiges hinbekommen, aber ja, noch nicht genug.“
Miosga lässt ihn walten, kitzelt ihn kaum, geschweige denn, dass sie ihn thematisch irgendwie stellen würde. Dass er mit seiner jüngsten Kritik an den USA („erkennbar keine Strategie“) Donald Trump offenbar verärgert hat, lässt er einfach nicht gelten. Der Teilabzug amerikanischer Truppen aus Deutschland, den Trump als direkte Antwort verkündete, will Merz nicht als Antwort verstehen. Der Abzug sei ganz normal, von langer Hand geplant; so etwas finde sowieso und immer und überall in Europa statt. Er habe Trump in Bezug auf den Iran gesagt: „Wenn Du willst, dass wir Dir bei einem solchen Konflikt helfen, dann ruf’ uns vorher an und frag’ uns.“ Miosga: „Hat er das nicht getan?“ Keine Antwort. „Beunruhigt Sie das, dass Donald Trump plötzlich so unfreundlich über Sie spricht?“ Keine Antwort.
Miosga wirkt zahnlos wie immer, nur schlimmer. Sie lässt den Parteikollegen Christian von Stetten einspielen, der auf dem „Zukunftswiesen Summit“ sagte, die Koalition halte „keine vier Jahre. Ganz sicher nicht.“ Mehr noch: „Sie passen am Ende des Tages einfach nicht zusammen. Völlig unterschiedliche Konzepte, und jetzt auch völlig unterschiedliche Reform-Ansätze.“ Und was macht Merz? Er setzt sein bekanntes, angefressenes Lächeln auf und sagt: „Es gibt in der CDU einen größer werdenden Unmut, auch in der CSU, über Kompromisse, die wir miteinander machen.“ Er habe einen großen Handlungsspielraum, „aber ich habe keine Vollmacht, die CDU umzubringen. Das hat mir die Partei nicht erlaubt, und das habe ich auch nicht vor.“
Sollte wohl ein Witz sein. Im Publikum: keine Regung.
Kurz flammt etwas Kämpferisches in ihm auf: „In dieser Koalition muss die Union vorkommen. Und wir müssen auch Dinge hinbekommen, die unsere Handschrift tragen.“ Doch dann? Schwingt er sofort wieder die Zementkelle und zieht die Brandmauer weiter hoch: „Vergesst die Hoffnung, dass es da irgendwas mit Minderheitsregierung gibt und Duldung durch die AfD. Das kommt mit mir nicht in Frage.“
Wie absurd diese Durchhalteparolen sind, muss jedem auffallen, nur nicht Merz. „Ich suche keine andere Mehrheit“, sagt er, nur um dann anzufügen: „Das sollte die SPD jetzt aber nicht zu dem Gedanken verleiten, sie könnte sozusagen mit uns machen, was sie will.“
„Trauen Ihnen noch genug Leute zu, diese beiden Pole zusammenzubinden?“, fragt Miosga. Merz: „Das denke ich schon. Die Zweifel werden größer. Nicht an mir, sondern an der Koalition, auch an der SPD.“
Miosga ist noch immer auf der Suche nach ihren Dritten. Oder ist die Beißhemmung etwa Kalkül? Als sie den missratenen Kanzler-Auftritt in Salzwedel thematisiert, bringt sie es fertig, nur eine Passantin zu zeigen, die die alte „Stadtbild“-Aussage des Kanzlers aus der Mottenkiste hervorkramt und verdammt („Ich fand das unmöglich!“). Den eigentlichen Skandal, dass Merz eine krebskranke Rentnerin anblaffte, lässt Miosga unerwähnt.
Die todkranke Frau hatte gefragt, warum die Mittel für ihre Behandlung gekürzt werden sollen, während sich die Bundesregierung zeitgleich eine unverschämte Diätenerhöhung (allein für Merz: plus 65.000 Euro/Jahr) genehmigen wolle. Der Kanzler hatte sie daraufhin geschurigelt, sie möge so etwas gefälligst nicht ungeprüft übernehmen, um ihr dann im nächsten Moment eiskalt ins Gesicht zu lügen. Es habe gar keine solchen Pläne gegeben, behauptete er frech.
Und bei Miosga? Nichts davon, nada, nix, niente, nur „Stadtbild“.
Warum er eigentlich so unbeliebt sei, will Miosga wissen. „Es gibt einen Verdruss an Politikern“, sagt Merz, und man müsse sich wohl noch mehr „erklären“. Er selbst sei aber „frei von jeder Weinerlichkeit“. Ausgerechnet er, der hunderte Strafanzeigen gegen einfache Bürger wegen lächerlicher Beleidigungen angestrengt hat, der sogar einer behinderten Rentnerin die Polizei zur Hausdurchsuchung auf den Hals hetzte, er ist frei von jeder Weinerlichkeit…
Und der Papst tanzt nachts im Kettenhemd durch den Wald.
Egal ob Steuererhöhungen (Zucker-„Abgabe“), Kranken-Mitversicherung, Ehegattensplitting, Subventionen oder Trumps neue Strafzölle auf deutsche Autos – Merz könnte sich bei Miosga mit Minimalaufwand durch die Sendung lavieren. Dennoch wirkt er die meiste Zeit über geknickt, eingeschüchtert, von der Realität überholt. Belanglose Bläh-Sätze jagen platte Parolen. Beispiel: Rücktritt? „Wir regieren nicht um unserer Selbst willen.“
Ein Satz aber steht beispielhaft für diesen Kanzler von der traurigen Gestalt, und wir wollen ihn daher in seiner ganzen, ernüchternden Stammelei wortgenau wiedergeben. Miosga fragt völlig harmlos, ob er die Koalition wohl wieder auf Kurs bringen könne. Merz: „Frau, Frau Miosga, ich, ich, ich bin ja nicht von allem so 150 Prozent überzeugt, dass ich sage, das geht jetzt alles wie selbstverständlich und wie geschnitten Brot in den nächsten Wochen und Monaten über die Bühne.“
Und womit sagt er das? Mit Recht. Und Fug.



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