Stahlbranche soll durch höhere Zölle vor Konkurrenz geschützt werden

Die EU reagiert auf die sich zuspitzende Lage im europäischen Stahlsektor und erhöht die Zollbarriere. Eine Senkung der zerstörerischen CO₂-Abgaben kam nicht in Betracht. Bevor die EU sich gesundschrumpft, friert wohl eher die Hölle zu.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Omar Havana

Manchem dürfte der mediale Aufschrei des 2. April 2025 noch nachklingen. Es war der Tag, an dem US-Präsident Donald Trump im Rose Garden des Weißen Hauses seinen „Liberation Day“ zelebrierte und eine breit angelegte Zolloffensive vorstellte. Eine Politik mit schwerwiegenden Folgen und gleichzeitig die paradigmatische Rückkehr zu der Linie der Präsidenten Alexander Hamilton und William McKinley, die in prohibitiven Zöllen eine Art Gewächshaus zur Aufzucht eigener Industriestrukturen sahen.

Ein Jahr ist seither vergangen. Die USA haben diese Zeit genutzt, einen regelmäßigen Zustrom an Zolleinnahmen zu generieren, gleichzeitig die Steuern zu senken und ihre Energiewirtschaft zu deregulieren. Die Zeichen stehen auf Wachstum. Für die Europäische Union war es ein weiteres verlorenes Jahr, in dem sich vor allem die Grundstoffindustrie und die Industrieproduktion immer tiefer in die Rezession hineingeschraubt haben.

Das Lamento der europäischen Industrie über die massiven Wettbewerbsnachteile gegenüber der asiatischen Konkurrenz und den Betrieben aus den USA hat einen nachvollziehbaren Hintergrund: die selbstverschuldete Energiekrise, die sich mit der destruktiven Klimapolitik der EU zu einem Katastrophenszenario für energieintensive Unternehmen amalgamierte und Investitionen in den Produktionsstandort Europa nahezu unmöglich macht.

Wie groß die Wettbewerbslücke inzwischen ist, berechnete das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln. Die Ökonomen kamen im Vergleich der Standorte auf einen Kostenvorteil chinesischer Stahlproduzenten von bis zu 26 Prozent im Vergleich zur deutschen Konkurrenz. Ähnliches gilt auch für die Wettbewerber aus den Vereinigten Staaten. Sie operieren inzwischen in einem im Wesentlichen deregulierten Umfeld dank der Politik der Trump-Administration.

Nun reagierte die EU-Kommission auf diese Entwicklungen mit einem neuen Stahlzollpaket: Ab dem Sommer 2026 gelten verschärfte Schutzmaßnahmen für die europäischen Stahlerzeuger. Die zollfreie Einfuhrmenge sinkt von bisher 30,5 Millionen Tonnen auf nur noch 18,3 Millionen Tonnen – eine Reduktion um 47 Prozent. Überschreitet ein Importeur diese vorgegebene Quote, greift künftig ein Zollsatz von 50 Prozent auf die überschüssige Menge, eine Verdopplung des bisherigen Satzes.

Betroffen sind vor allem Produktgruppen wie Flachstahl, Langstahl, Profile und weitere Erzeugnisse aus Eisen. Brüssel zielt mit dieser Maßnahme eindeutig auf die chinesische Konkurrenz sowie indische und türkische Anbieter ab, die sich nicht dem Regulierungsdiktat der EU und dem massiven Kostennachteil der CO₂-Angaben unterwerfen müssen.

Brüssel hat sich angesichts der Krise für die nächste Intervention in den Marktmechanismus entschieden, oder besser gesagt: in die ordnungspolitische Ruine, deren zerbröselndes Mauerwerk im heraufziehenden Sturm bedenklich schwankt. Es ergibt keinen Sinn, mit Blick auf die Rahmensetzungen der Europäischen Union überhaupt noch von marktwirtschaftlichen Prozessen oder gar Ordnungspolitik zu sprechen.

Die wirtschaftliche und politische Situation in der EU ist dermaßen festgefahren, dass davon auszugehen ist, dass sich Regulierung und Abgabenerhöhungen mit dem weiteren Verlauf der Dauerrezession auf dramatische Weise weiterentwickeln werden. Aller rezessiver Tendenzen zum Trotz bleibt die Politik sich treu und verteidigt den Kurs der grünen Transformationsideologie, als befände sie sich auf einem Kreuzzug gegen die wirtschaftliche Vernunft. Inzwischen läuft alles im Grunde auf einen Siedepunkt hinaus, an dem dieses politische Konstrukt der Green Deal-Extraktion im Zuge des ökonomischen Desasters implodieren wird – der Parasit hat seinen Wirtskörper zu sehr geschwächt.

Das ganze Ausmaß der Wirtschaftsfeindlichkeit dieser Degrowth-Religion lässt sich an der Rohstahlerzeugung am deutschen Wirtschaftsstandort ziemlich präzise beschreiben. Vor zehn Jahren wurden hier noch etwa 43 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt. Im vergangenen Jahr waren es bereits 21 Prozent weniger, etwa 34 Millionen Tonnen – bei einer Kapazitätsauslastung des Sektors von unter 70 Prozent.

Diese Zahlen sprechen für sich – sie belegen die anhaltende Deindustrialisierung des Landes. Bis sich diese Wirtschaftskrise in eine soziale Krise übersetzt, werden die politischen Reparaturarbeiten am gegebenen Design immer intensiver.

Das Wetterleuchten des heraufziehenden ökonomischen Sturms ist seit Jahren sichtbar, und die Politik hat sich aller rezessiven Tendenzen zum Trotz mit Haut und Haar der grünen Transformationsideologie verschrieben. Sie gewährt dem Staatsapparat immense Einnahmen. Vor allem der CO₂-Hebel verspricht einen von Jahr zu Jahr wachsenden Mittelstrom vom produktiven Teil der Gesellschaft hin in die unterschiedlichen Kanäle der Staatsbürokratie und des Wohlfahrtswesens.

Allein die deutsche Wirtschaft zahlte im vergangenen Jahr einen Betrag von etwa 21 Milliarden Euro im Rahmen des CO₂-Ablasses. Die Beute teilen sich EU-Kommission und Nationalstaaten – niemand hat einen Anreiz, diese Umverteilungsmaschine aus dem System zu nehmen. Da setzt man lieber mit Zöllen noch einen drauf, kassiert gleich dreifach ab, da letzten Endes auch die Verbraucher durch den erzwungenen Inflationsschub fiskalisch erneut zur Kasse gebeten werden.

Der Green Deal und seine materiellen Ausformungen haben sich wie eine Krake in die Wirtschaftsprozesse der Mitgliedsstaaten gewunden. Instrumente wie der CO₂-Handel bilden das Fundament der Macht des Brüsseler Zentralkörpers, der den Schritt der Zollerhöhung nicht zuletzt wählte, um den CO₂-Mechanismus in seiner jetzigen Form zu verteidigen.

Die nimmersatte, verfettete Staatsmaschine ist in ihrer gegenwärtigen Verfassung nicht mehr in der Lage, ihre eigenen Verwaltungsstrukturen und zahlreichen Aktivitäten substanziell zurückzuführen. Der Zollschritt beim Stahl dürfte das Volumen von etwa 800 Millionen Euro im Jahr auf wenigstens 1,5 Milliarden Euro erhöhen – 75 Prozent dieser Einnahmen fließen direkt nach Brüssel und stärken so die Macht der EU-Kommission unter Ursula von der Leyen.

Gegenwärtig müssen wir konstatieren, dass in Europa mehrheitlich weder in der Wirtschaft noch in der vollkommen ideologisierten Politik eine Bereitschaft zu einer Systemreform und der Abkehr vom Green Deal vorhanden ist. Zu viele stoßen sich an dieser als Klimapolitik getarnten Umverteilungsmaschine gesund. Korruption und Subventionsmentalität sind zu endemischen Phänomenen der EU-Maschine geworden.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 15 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

15 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Will Hunting
16 Minuten her

Die EU sollte eigentlich ein zweckgebundenes Instrument innerhalb der europäischen Staaten darstellen.
Leider hat sich daraus ein Staat in den Staaten entwickelt.
Zunehmend mit Allmachtsfantasien.
Alles unter der Willfährigkeit der begleitenden Regierungen.
Bestimmte Prozesse innerhalb von sozialen und politischen Interessen oder auch korrumpierenden Erscheinungen lassen sich nicht mehr einfangen. Zu viele Akteure.
Mir persönlich geht es gut und ich wähle richtig.
Was ist mit den anderen 75% dieses Landes?
Denen müsste es noch besser gehen als mir, oder?

rainer erich
1 Stunde her

So ist es und auch dieser Prozess hat die „unangenehme“ Eigenschaft der exponentiellen Zunahme an Umfang, Tiefe und Tempo. Es braucht nicht allzuviel Vorstellungskraft um das Finale zu erkennen. Hilft aber nichts, denn derartige Prozesse treffen in aller Regel auf hinreichend viele Helfer, Nützlinge , Begeisterte und Sedierte, viel mehr jedenfalls als die marktwirtschaftliche, wenig “ subventionsaffine“ Politik. Mehrheitlich , massenhaft “ gewählt“ werden auch hier “ Subvention“ , Kollusion und Korruption. Der homo ist weder sapient, noch ein ökonomicus. Und beim westlichen homo kommen noch weitere Eigenheiten und Bedürfnisse hinzu. Die Tatsache, dass die letztlich sogar kriminellen Handlungen der… Mehr

Montesquieu
1 Stunde her

Das hilft der Stahl verarbeitenden Industrie natürlich weiter. Der inländisch produzierte Stahl bleibt durch die suizidale Energiepolitik gleich teuer und billigerer Stahl kann nicht mehr erworben werden.
Macht Sinn.
PS: was macht eigentlich der „grüne Stahl“?

St.Elmo
1 Stunde her

Tolle Idee, die ganzen Metallbauer kaufen die einfachen Stähl aus Indien und China weil diese Stähle wenn sie in Europa produziert werden vielzu teuer sind.Das heißt diese Unternehmen müssen dann ihre Preise erhöhen oder irgendwie anders die steigenden Kosten aufgrund der steigenden Stahlpreise zu kompensieren.
Im Grunde wird hier wird hier die Mittelständig geprägte Metallbauindustrie geopfert um die Stahlkonzerne zu retten.

KoelnerJeck
2 Stunden her

Auch Zölle sind eine Art Steuern auf Waren, die letztendlich die Verbraucher tragen. Steuern sind Raub.

OJ
2 Stunden her

Wer umweltfreundlichen Stahl baut, wird abgestraft – aber wehe, der billige Dreck aus Fernost kommt rein.
Lieber die eigenen Werke mit Zöllen zukleistern als die CO₂-Steuer zu senken. Die EU kuriert Symptome mit Vergrößerung der Wunde – und wundert sich, wenn der Patient verblutet.
Gesundschrumpfen? Bloß nicht. Erst wenn die letzte Hochofen-Krücke rostet, wird vielleicht nachgedacht.
Bis dahin: Zölle hoch, Vernunft auf Eis❗

Schwabenwilli
2 Stunden her

Dieses europäische Parlament ist in keinster Weise gut für Europa.
Das ist nichts weiter als eine neue Adels Kaste die unsere Länder vereinnahmt hat.
Waren einmal Grafen, Barone etc sind es heute Abgeordnete, Kommissare etc.
Der Unterschied, es sieht demokratisch aus😉

Karl Renschu
40 Minuten her
Antworten an  Schwabenwilli

Wo sehen Sie da Demokratie?

Peter Gramm
2 Stunden her

Diese Dame hat mit Medizin irgendwas zusammenstudiert und macht jetzt auf große Nationalökonomin.

Haba Orwell
2 Stunden her

> Eine Senkung der zerstörerischen CO₂-Abgaben kam nicht in Betracht.

>> In Irland gibt es mittlerweile regelrechten Volksaufstand dafür. << Zölle helfen nicht dagegen, dass Stahl aus der EUdSSR jenseits dieser EUdSSR unverkäuflich wird.

hoho
2 Stunden her

Wann ist die Frau im Knast endlich – es kann doch nicht sein, dass die Gerichte (aus Angst auf die Sanktionsliste zu landen?) sie nicht mal befragen wollen, wenn es um Sachen wie massive Korruption um Corona herum geht. Es ist wirklich komisch wie das ganze abgelaufen ist und es ist komisch dass es rechtlich gesehen ein Medikament gibt, dass keine Nebenwirkungen hat – oder hat man sich dazu bewegt, Entschädigungen zu bezahlen? Das mag für manche ein bisschen langweilig finden, nur es gibt Beschädigte und sie sollten entschädigt werden und die Verantwortliche wie Spahn, Drosten Ursule sollten in den… Mehr