Der Wahlkampf ist eröffnet: Eine junge Grünen-Kandidatin filmt, wie sie „AFD“ auf ihr eigenes Plakat schreibt, schwenkt bei einem dann weiteren „verdächtigen“ Strich weg – und lässt X den ollen Hakenkreuz-Reflex erledigen. Ein Lehrstück über Inszenierung. Von Thilo Schneider
Screenprint via X
Sinja Stemmler tritt für die Aschaffenburger Grünen zur Stadtratswahl in Aschaffenburg am 8. März dieses Jahres an. Ja genau, dieses Aschaffenburg, das als Antwort auf den Mord eines angeblich „Schutzsuchenden“ an einem „schutzgefunden habenden“ Kleinkind im Januar 2025 eine „Demo gegen Rechts“ durch das auch von den Grünen unterstützte Bündnis „Aschaffenburg bleibt bunt“ hatte. Nun wäre das nichts Ungewöhnliches in einer durch und durch miteinander verlinksten und verbunteten Stadt, die dringend Hitler 2.0 verhindern will, einer muss den Job ja machen und im Stadtrat fängt es an. Für Frau Stemmler auf dem nicht ganz so günstigen Listenplatz 13.
Die rüstige (und, wie Sie selbst sehen können, Problempony- und Nasenringfreie) 20-Jährige ist von Beruf „Projektmanagerin“, was für eine 20-Jährige bereits eine erstaunliche Karriere ist, wenn sie mit der geballten Berufserfahrung von schätzungsweise 24 Minaten (kein Schreibfehler!) irgendwelche Projekte managen darf. Ihr jetziges Projekt, trotz Platz 13 künftig die Nazis in Aschaffenburg zu verhindern, geht sie jedenfalls entweder recht clever oder recht leichtsinnig an. Oder beides. Aber im Grunde geht’s ja auch um nix.
Auf ihrem Instagram-Profil hat Frau Stemmler, oder „die Stemmlerin“, wie sie niemand nennen mag, ein kleines Video veröffentlicht, wie sie, hihi und huhu, auf ihr eigenes Plakat groß das Wort „AFD“ schreibt. Darunter fängt sie eine Art Zeichnung an, die durchaus auch der Beginn eines Hakenkreuzes sein könnte, aber in diesem Moment schwenkt die Kamera weg – und die Rechten in den sozialen Medien heulen empört auf: Hat sie oder hat sie nicht? Ein Hakenkreuz aufs Wahlplakat gemalt oder nicht? Das Video ging vor allem auf X regelrecht viral und jeder, der auch nur entfernt die Fühlerchen Richtung AfD ausstreckt, wird mit dem Video konfrontiert. Da wird dann abwechselnd der Verfassungsschutz verlinkt oder die Kripo und die Polizei Unterfranken zur Hülf gerufen. Kottan, ermitteln Sie!
Spoiler: Sie hat nicht. Aus der kurzen Videosequenz konnte ich erkennen, wo das Plakat hängt und habe es abfotografiert. Die schlaue Svenja hat auf ihr eigenes Plakat mit Edding „AFD“ (also falsch) geschrieben und was der Anfang einer Swastika hätte sein können, ist nichts anderes als ein profanes, harmloses und fades „f“. Gestaltet frau das etwas eckig und schwenkt dann die Kamera weg… wer weiß, wer weiß?
Ich weiß! Nun kenne ich meine Stadt recht gut, es gibt nicht viele Ecken mit Pflastersteinen und einem grauen Schaufensterrahmen und bin selbstlos selbst los, um mir „live und in Farbe“ anzusehen, womit denn die Svenja ihr eigenes Plakat beschmiert hat. Und siehe da – was anfangs als der zärtliche Beginn eines Hakenkreuzes ausgesehen hat, bildet den Anfangsbuchstaben eines halbganzen Satzes: „findet sie scheiße“ in ordentlicher Fräuleinhandschrift mit einem kleinen Pfeil zu ihrem Gesicht.
Auf den Kommentar auf ihr Video – „Grüne unter 5%“ antwortet die selbstbewusste Stemmlerin: „das ist ja fast so inhaltslos wie die Partei, die auf mein Plakat geschmiert wurde“. Gemerkt? Sie hat nicht geschrieben: „Die AfD hat mein Plakat beschmiert“, sondern „so inhaltslos wie die Partei, die auf mein Plakat geschmiert wurde“. Clever, gell? Sie insistiert zwar, die AfD hätte ausgerechnet ihr Plakat beschmiert (dabei sollte sie im bunten Aschaffenburg dankbar sein, dass es dort nicht nur arme Flüchtlinge mit einem etwas – „spannenden“ – Frauenbild gibt), behauptet aber nicht, die AfD hätte es getan.
Anders gesagt: Auf die AfD (mit kleinem „f“ wie in „findet“, liebe Mitbewohnerin) ist, was das Beschädigen von Grünen-Wahlplakaten angeht, auch kein Verlass mehr. Da muss frau (statt „man“ wie „Mann“) dann schon selbst zum Edding greifen, um sich in den Mittelpunkt der Opferrolle zu bringen. Belangen kann man die schöne Sinja (nur wegen der Alliteration!) deswegen übrigens nicht: Es gibt kein Gesetz, das das Beschmieren der eigenen Wahlplakate verbietet. Egal womit. Außer mit einem Hakenkreuz, zu früh gefreut, Rechtstwitter! Oder RechtsXtreme! Die Formulierung ist übrigens ähnlich clever: „findet die AFD scheiße“ kann bedeuten, dass die AfD das Postergirl „scheiße findet“ oder das Postergirl die AfD „scheiße findet“. Oder beides wechselseitig.
Das Ganze auch noch unter den Slogan „Zusammenhalt – für unsere Demokratie“ zu schmieren und so den Eindruck eines Hasskommentars seitens eines AfD-Sympathisanten zu erwecken, entbehrt nicht eines gewissen raffinierten Charmes, der trotzdem juristisch nicht greifbar ist. Aber im „Kampf gegen Rechts“ und für UnsereDemokratie™ muss (fast) alles erlaubt sein. Auch das Bemalen der eigenen Plakate. Hitler beginnt sonst im Aschaffenburger Rathaus, das bei einem Sieg der hier ebenfalls durchgebunteten CSU erstmals seit 1945 keinen SPD-Oberbürgermeister hätte. Nicht auszudenken, was da passieren würde. Gut, dass es Sinja Stemmler gibt!
Der Redakteur des örtlichen Main-Echo (oder, wie wir sie hier nennen: Die Mainschleifenprawda) hat auf meine Verlinkung zu seinem Namen bei Facebook nicht reagiert. Das kann daran liegen, dass er es entweder (noch) nicht gesehen hat oder aber die Causa, über die sich halb RechtsX erregt, für nicht berichtenswert hält. Dass er selbst für die Grünen auf dem viel aussichts- und dienstaltersreiferen Listenplatz 8 kandidiert, hat damit sicher nichts zu tun, ich bitte Sie! Das wäre böswillig, so etwas zu behaupten! Man findet nicht „Scheiße“ da, wo man is(s)t. „Clever“ kann ich auch!
Was also das eigene „Projekt managen“ betrifft – herzliche Glückwünsche an Jaja-Sinja. Gut gemacht! Sie ist im Gespräch und erlangt so eine virtuelle Prominenz, die die anderen Buntstifte gerne hätten. Ich kenne das aus eigener Erfahrung von der FDP, als ich als Listenplatzletzter „der letzte Mann der FDP“ plakatierte. Ich wünsche ihr von offenem, ehrlichem und ganzem Herzen das ihr gebührende Wahlergebnis am 8. März. Wie gesagt: „Clever“ kann ich auch!
Weitere Artikel des Autors Thilo Schneider unter www.politticker.de.


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