Silber, Opium und Solarzellen

Der Preis einer Unze Silber explodiert. Entlarvt China gerade Jahrzehnte lange Preismanipulation des Bankenkartells? Von Phillip Mattheis

IMAGO / sepp spiegl
Labor- und Servicecenter (LSC) des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme. Mit einer Silberpaste werden dem Wafer die Kontakte aufgedruckt

Anfang der 1830er Jahre hatte man in Großbritannien ein Problem: Tee aus China war in der britischen Gesellschaft immer beliebter geworden. Schiff für Schiff brachte das Konsumgut aus Kanton, dem einzigen Hafen, der Europäern für Handel mit dem chinesischen Kaiserreich offen war, nach London. Bezahlen ließen sich die Chinesen mit Silber – damals noch global anerkanntes Zahlungsmittel. Die Abflüsse stiegen und stiegen, weshalb man sich in London Gedanken über ein alternatives Zahlungsmittel machte. Das in den indischen Kolonien angebaute Opium bot sich an. Nachdem immer mehr Chinesen, insbesondere in der Beamtenschicht abhängig geworden waren, verbot der Kaiser in Peking die Importe – woraufhin die Briten Peking den Krieg erklärten.

Währungskrise, Spekulation, Tech-Revolution
Der Silbermarkt läuft heiß
Das Kaiserreich verlor beide Kriege haushoch, in der Folge durften die Briten sich Hongkong als Kronkolonie sichern, und das Festland mit noch mehr Opium überschwemmen. Die Importe stiegen von 200 Tonnen im Jahr 1820 auf 6.500 Tonnen 1880. Die Versorgung der britischen Gesellschaft mit Tee war gesichert – und vor allem die Silberabflüsse aus dem Vereinigten Königreich beendet. In der Folge begann für China ein Abstieg, der mehr als hundert Jahre andauern sollte. Im Welthandel sank Chinas Anteil von über 30 Prozent Anfang des 19. Jahrhunderts auf unter 5 Prozent 1945.

Während in der westlichen Hemisphäre Weihnachten gefeiert wurde, sind in China eigenartige Dinge passiert. Der Silberpreis explodierte und stieg um fast zehn Prozent. In Shanghai wurden zeitweise 10 US-Dollar mehr für die Unze Silber bezahlt als in London und New York. China horte Silber und zerstöre das „Bankenkartell in London und New York“, konnte man auf der Plattform X lesen.

Die Silber-Rally lässt derzeit viele Bitcoin- und Tech-Investoren neidisch werden. Auf Jahresbasis hat sich der Kurs fast verdreifacht. Aktuell wird die Unze Silber für fast 80 US-Dollar gehandelt. 28 US-Dollar waren es im Dezember.

Tatsächlich gibt es ein paar interessante Hypothesen für den Preisanstieg und sie unterscheiden sich ganz grundlegend von den Entwicklungen vor 50 Jahren – und sie haben mit China zu tun.

Die wichtigste Börse für den Silberpreis ist die COMEX. Sie wurde 1933 gegründet. An ihr werden standardisierte Terminkontrakte (Futures) und Optionen auf Metalle wie Gold, Silber, Kupfer und Platin gehandelt. Hier konzentriert sich also der sogenannte Papiermarkt.

Terminkontrakte beinhalten die Pflicht, einen Rohstoff in der Zukunft zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Das ist besonders für Minen-Unternehmen wichtig, die sich gegen Preisschwankungen absichern wollen. An der COMEX wird aber ein Vielfaches der tatsächlich jährlich geförderten Silbermenge „auf Papier“ gehandelt. Dieses Verhältnis liegt irgendwo zwischen 1:100 und 1:400. Das heißt: Ein Großteil der gehandelten Futures wird überhaupt nie aufgelöst. Es kommt zu keiner physischen Lieferung. Das schafft Raum für Spekulationen.

Langfristige Wertspeicher
Ein Fest für Sparer – Gold und Silber steigen viel schneller als erwartet
Silber-Fans behaupten seit Jahren, ein Bankenkartell würde den Silberpreis künstlich niedrig halten. Technisch kann das funktionieren. „Spoofing“ bedeutet, zu Handelsstart eine große Menge Verkaufsorder einzustellen. Das signalisiert dem Markt: Es gibt Verkaufsdruck. Tatsächlich werden diese Order aber schnell wieder gelöscht. Die Signalwirkung aber bleibt.

Aber das ist noch nicht alles: Zentral ist außerdem die London Bullion Market Association (LBMA), wo der intransparente Interbankenhandel stattfindet. Banken würden demnach nicht nur Signale setzen, sondern auch Silber verkaufen, dass sie sich wiederum bei anderen Banken leihen. Dieselbe Unze Silber wird also mehrfach verliehen und verkauft. Das geht, solange alle mitspielen.

Folgt man der Theorie weiter, hat die Rohstoffbörse in Shanghai dieses Spiel jetzt beendet. Dort nämlich werden keine Futures, sondern ausschließlich physisches Silber gehandelt. Es gibt keine Preismanipulation mehr, und deswegen explodiert der Kurs.

Ob wirklich das hinter dem Anstieg steckt, weiß keiner. Vielleicht hat auch eine erhöhte Nachfrage – Silber wird zur Herstellung von Solarpanels aber auch für Präzisionswaffen benötigt – das Preisgefüge so erschüttert. Vielleicht ist auch ein Großteil von Spekulation getrieben. Die Google-Suchanfragen nach Silber zeigen stetig, wenn auch nicht explosiv nach oben.

Einleuchtender ist da schon die Hypothese, dass schlicht mehrere Faktoren ein spekulatives Fieber ausgelöst haben: Silber ist zwar kein Edelmetall wie Gold, sondern hat vor allem einen industriellen Nutzen. Trotzdem dürfte es von der aktuellen Rally bei Gold – ausgelöst durch die Käufe von Zentralbanken – profitieren und ins öffentliche Bewusstsein rücken. Selbst andere Industriemetalle wie Palladium und Kupfer ziehen jetzt nach. Ein Katalysator war sicherlich auch, dass Peking Mitte Dezember Exportkontrollen für Silber erlassen hat. Die Regeln gelten ab 1. Januar und beinhalten keinen Exportstopp, aber eine genauere Kontrolle der Ausfuhren. Für Peking könnte das ein Druckmittel sein, um die US-Zölle auf Solarzellen wieder zu senken.

Manche sind auch der Meinung, dass es ganz prinzipiell im Finanzsystem gerade zu großem Stress kommt. Der sogenannte „Repo-Markt“, an dem sich Banken über Nacht untereinander Geld leihen, sei am Kippen. Und unter den ganzen harten „Silver Bugs“ hält sich seit Jahrzehnten hartnäckig die Theorie, Silber könnte „re-monetarisiert“ werden, also als Geld zurückkehren – so wie die Zeiten des British Empire, als Tee, Silber und Opium die Welt bewegten.

Am Ende aber unterscheiden sich Rohstoffmärkte grundsätzlich von Aktienmärkten: Sie regulieren sich selbst. Steigen die Preise nachhaltig, werden zuvor unprofitable Minen in Betrieb genommen. Auch das Recycling von Silber beginnt sich zu lohnen: Ab einem Unzenpreis von rund 50 US-Dollar rentiert es sich, Silber aus Solarzellen wiederzuverwerten. Das Angebot erhöht sich, und die Preise beginnen zu fallen.

„The cure for high prices are high prices“, lautet ein amerikanisches Sprichwort: „Das Heilmittel für hohe Preise sind hohe Preise.“

Philipp Mattheis berichtet ab Januar täglich für „Tichys Börsenwecker“ aus Bangkok.


Mattheis hat Philosophie studiert und die Deutsche Jour­nalistenschule besucht. Er begann seine Laufbahn als Redakteur beim Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung. 2012 wechselte er zur Wirtschaftswoche, zunächst als Korrespondent für China und später als Korrespondent für die Türkei und den Nahen Osten. Von 2019 bis 2021 arbeitete er für den Stern als Korrespondent für Ostasien. Er ist Mitglied des Weltreporter-Netzwerks. Sein „bling­ bling.substack.com“ ist der größte deutschspra­chige Newsletter zu Geld, Bitcoin und Geopolitik.

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Kommentare ( 21 )

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21 Comments
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Felix3
1 Monat her

Danke, kurzer aber recht guter Artikel.

Micci
1 Monat her

Beim Kauf von Privat (z. B. Ebay, Marktplatz in entsprechenden Foren …) spielt die MwSt auch keine Rolle. Man kann da allerdings an Betrüger geraten, das Thema muss man im Auge behalten!

Micci
1 Monat her

Und wiederzeigt sich, wie wertvoll die Tipps von ‚Experten‘ sind:
„Silber und Gold lohnen nicht, die bringen keine Zinsen“ hieß es jahrzehntelang. Und es stimmt ja auch, die Experten haben mit dieser Aussage zweifellos recht.
Aber dennoch ein wunderbares Beispiel dafür, wie man auf den Rat von ‚Experten‘ hört (also ‚Experten‘ wie Fratzscher oder was sonst so alles durch den ÖRR geistert):
Höre ihnen genau zu, und dann mache von dem, was sie raten, das genaue Gegenteil.

alter weisser Mann
1 Monat her

„Silber ist zwar kein Edelmetall wie Gold“
Das ist ja mal was ganz Neues!

Anglesachse
1 Monat her
Antworten an  alter weisser Mann

mal in der chem.Tabelle nachsehen:
Reihenfolge: Kupfer=Silber=Gold=Platin
Kupfer wird auch als Halbedelmetall bezeichnet, Silber dto. etwas höherwertig. Platin wurde früher auch höherpreislich als Gold gehandelt.
Silber war als Handelsdevise in der Antike/Mittelalter so begehrt, weil es am besten proportionierbar war (Münzprägung)

UTB
1 Monat her
Antworten an  alter weisser Mann

Wikipedia schreibt unter https://de.wikipedia.org/wiki/Edelmetalle: Aufgrund ihrer chemischen Stabilität sind die klassischen Edelmetalle Gold und Silber seit der Antike zur Herstellung von Münzen, Schmuck, Artefakten oder Kunstgegenständen in Gebrauch. … International ist die Abgrenzung umstritten. In manchen Ländern gehört selbst Silber beispielsweise nicht zu den Edelmetallen. … Im physikalischen Sinn ist die Menge der Edelmetalle noch bedeutend kleiner; es sind nur Kupfer, Silber und Gold. Das Kriterium zur Klassifizierung ist die elektronische Bandstruktur. Die drei aufgeführten Metalle besitzen alle vollständig gefüllte d-Bänder, die damit nicht zur Leitfähigkeit und praktisch nicht zur Reaktivität beitragen. Für Platin gilt dies z. B. nicht. Eigenes Fazit:… Mehr

luxlimbus
1 Monat her

Die einzig reale Hoffnung für den Westen wäre, dass die chinesische Gesellschaft den Ungehorsam als eine erstrebenswerte Haltung empfände. Bis dahin bleibt das „Entwicklungsland“, das nichtsdestotrotz alles verschlingt, weiterhin erfolgreicher.

Dr. Gregor Gaida
1 Monat her

Kein Mensch wird mich jemals davon überzeugen können, daß der Goldpreis in den letzten 20 Jahren nicht künstlich runtergehalten wurde. Ich persönlich halte das für Betrug, egal ob es „shorts“ oder „Papiersilber“ im Verhältnis 1:100 oder 1:400.

Verzeihtnix
1 Monat her

Der Anstieg hat einen einfachen Grund. Gegen die ganzen Blutsauger von EU, Bundesregierung und Stadtkämmerern helfen nur Silberkugeln.

Donostia
1 Monat her

Sie können Silber Mwst- frei kaufen wenn sie es in einem Zollfreilager lagern. Wenn sie es nach einem Jahr verkaufen, müssen sie den Gewinn nicht versteuern. Bei Aktien fallen 25% Versteuerung an.

Last edited 1 Monat her by Donostia
Guzzi_Cali_2
1 Monat her

Die ganzen genannte Faktoren mögen einen Einfluß haben, ja. Das Wichtigste aber ist MEINER EINSCHÄTZUNG nach, daß man ohne das echte Material NICHTS produzieren kann und wenn die Nachfrage seit Jahren die Produktion übersteigt, geht der Preis für physische Ware fast zwangsläufig nach oben. Da kann mit Papier noch so viel gedealt oder manipuliert werden. Je länger man das zieht, desto enger wird das Angebot, denn wenn der Autor sagt, daß sich das Recycling erst ab einem bestimmten Preis lohnt, so lohnt es sich eben NOCH nicht, wenn der Preis künstlich nach unten manipuliert ist. Und wie Kommentator Roepke richtig… Mehr

ThinkTwice
1 Monat her

Silber ist eben ein rares Metall.
Minenproduktion 800 Mio Unzen pro Jahr. Weltbevölkerung über 8 Milliarden. Also knapp 1/10 Unze oder 3 Gramm je Erdenbürger.

Anglesachse
1 Monat her
Antworten an  ThinkTwice

nicht ganz korrekt…wo Kupfervorkommen sind, ist auch Silber und Spuren von Gold schürfbar.
(siehe Abt. Geologie u. Vulkanismus)