Vermögensillusion, Wallstreet-Rekorde und Konjunkturstärke

Angesichts des globalen Wirtschaftsaufschwungs und der ultralockeren Geldpolitik weltweit ist das Ausbleiben der Teuerung eines der großen Rätsel, das viele Finanzprofis derzeit beschäftigt. Dabei ist die heimliche Inflation längst unterwegs.

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In diesen Tagen hat die Credit Suisse ihren „Global Wealth Report 2017“ vorgelegt. Wenn man einmal von Ländern wie Nordkorea, Kongo oder Somalia absieht, zu denen keine Daten verfügbar sind, beträgt das Durchschnittsvermögen, welches Privaten auf der ganzen Welt zugerechnet werden kann, pro Kopf 48.000 Euro.

Allerdings ist dieses Vermögen sehr ungleich verteilt. Auch in Deutschland. So beträgt das Durchschnittsvermögen hierzulande 174.000 Euro, das Medianvermögen (die eine Hälfte der Bevölkerung hat ein höheres, die andere ein geringeres) lediglich 40.000 Euro. Dieser Umstand verleitet selbst die der Kapitalismus-Kritik unverdächtige „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zu der Überschrift „Die Reichen werden immer reicher“. Doch stimmt das wirklich?

Der Report scheint es vordergründig zu bestätigen. Allein in Deutschland sind von Mitte 2016 bis Mitte 2017 knapp 240.000 Menschen in den Kreis der Dollar-Millionäre aufgerückt, von denen es hierzulande mittlerweile fast zwei Millionen gibt. Doch ein Satz gleich auf den ersten Seiten relativiert: „Die Wertsteigerungen von Immobilen und Aktien waren maßgeblich für den von Mitte 2016 bis Mitte 2017 erfolgten Zuwachs des Weltvermögens von gut sechs Prozent“. Im Umkehrschluss: Das Vermögen selbst hat sich kaum verändert, nur dessen Bewertung. Oder noch anders: Mehr Leute können sich jetzt reich fühlen. Solange sie den Bewertungszuwachs nicht realisieren, handelt es sich eigentlich nur um eine Vermögensillusion. Das ist die heimliche Inflation. Es wird nicht mehr, nur die Nullen wachsen. Inflation täuscht – nicht nur Hausbesitzer, sondern die ganze Wirtschaft. Das macht sie so gefährlich – und doch will die Europäische Zentralbank unbedingt die Inflation erhöhen. Weil sie scheinbar reich macht.

Leider geben sich dieser Illusion viele Menschen hin. Und am Markt für selbstgenutzte Immobilien treibt sie besondere Blüten. Ein Beispiel: Jemand, der mit seiner Familie in München wohnt und sich vor zehn Jahren eine geräumige Fünfzimmerwohnung für 500.000 Euro gekauft hat, mag diese jetzt für eine Million Euro verkaufen können. Aber dieser Verkauf nützt ihm erst, wenn er bereit ist, nach Bremen zu ziehen, wo man auch heutzutage eine Fünfzimmerwohnung für eine halbe Million kaufen kann. Dann bleiben 500.000 Euro auf dem Konto, er ist reicher als zuvor, weil er nun eine Wohnung besitzt und ein prall gefülltes Konto. Bleibt er in München, wird er in vergleichbarer Lage für eine gleichgrosse Wohnung mindestens eine Million bezahlen müssen. Das Vermögen bleibt somit gleich: Fünfzimmerwohnung ist Fünfzimmerwohnung, Der Mensch gilt jetzt zwar als Millionär, aber er kann sich im wahrsten Sinne des Wortes dafür nichts kaufen. Irgendwann sind auch die Bettler Millionäre. Aber leider können sie sich nichts dafür kaufen.

Die Wall Street sorgt beinahe ständig für neue Spitzenmarken. Auch das ist das Wirken der Inflation der Vermögenspreise. Die jüngste: der Rücksetzer vom vergangenen Mittwoch, an dem der breite US-Index S & P 500 um 0,6 Prozent nachgab. Es war der erste Verlust des S & P 500 über 0,5 Prozent seit 50 Handelstagen. Solch eine Serie gab es laut Aufzeichnungen des „Wall Street Journal“ seit 1965 nicht. Die Statistik zeigt auch, dass die Schwankungsbreite in den USA extrem niedrig ist. Das ist an sich ein Indikator für weiter steigende Kurse. Es muss aber nicht so kommen. US-Präsident Trump könnte mit der geplanten Steuerreform scheitern, ein republikanischer Senator hat bereits angekündigt, dagegen zu stimmen. Kippt das Projekt, würde das der Wall Street einen mächtigen Dämpfer verpassen. Börsianer beunruhigt auch der jüngste Kursrutsch bei hochriskanten US-Unternehmensanleihen. Die Kurse der Junkbonds sind im November so stark gesunken wie seit Januar 2016 nicht. Manche Experten sehen darin ein Signal, dass auch am Aktienmarkt ein größerer Rückschlag drohen könnte.

Dass es in Deutschland wirtschaftlich aufwärtsgeht, wurde an dieser Stelle schon mehrmals thematisiert. Dass es Deutschlands Wirtschaft aber so gut geht, wie Zahlen zum dritten Quartal aus der vergangenen Woche zeigen, überrascht dann doch. Denn der Zuwachs vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) zum Vorquartal beläuft sich auf unerwartete 0,8 Prozent. Im Vergleich zum Sommer 2016 ist das sogar ein Plus von 2,8 Prozent. Und ein Ende des Aufschwungs ist nicht abzusehen. Denn die Konsumbereitschaft der Deutschen ist stark, die Investitionen der Unternehmen hierzulande nehmen zu. Aber auch die Auslandsnachfrage hilft, die europäische Konjunktur kommt in Fahrt, die USA und China schlagen sich ordentlich. Einen Wermutstropfen gibt es aber doch bei all der Euphorie: „Die deutsche Wirtschaft könnte noch stärker wachsen, besäße sie die notwendigen Arbeitnehmer — dies gilt nicht nur in quantitativer sondern auch in qualitativer Hinsicht“, meint Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Gruppe. Vor allem im Handwerk werde der Mangel an Arbeitskräften zur echten Wachstumsbremse. Auf lange Sicht könne sich dies zu einem strukturellem Risiko entwickeln, so Gitzel.

Angesichts des globalen Wirtschaftsaufschwungs und der ultralockeren Geldpolitik weltweit ist das Ausbleiben der Teuerung in der Güterwelt eines der großen Rätsel, das viele Finanzprofis derzeit beschäftigt. Schließlich wäre ein steiler Inflationsanstieg plus ein rasches Anheben der Zinsen Gift für die Aktienmärkte. Aber der inverse Zusammenhang (je niedriger die Arbeitslosenquote, desto höher die Inflation, da die Löhne steigen — und umgekehrt, auch als Phillips-Kurve bezeichnet) sei außer Kraft gesetzt, meint Mark Burgess, globaler Aktienchef bei Columbia Threadneedle Investments „Da die Globalisierung immer stärker an Bedeutung gewinnt, sorgt der Wettbewerb auf dem weltweiten Arbeitsmarkt dafür, dass die Löhne niedriger bleiben.“ Zudem führen strukturelle Veränderungen am Arbeitsmarkt für Druck auf die Löhne. Andere Gründe sieht Ariel Bezalel, Fondsmanager des Jupiter Dynamic Bond. „Eine alternde Bevölkerung, die weltweite Überschuldung und die Disruption durch neue Technologien werden die Zinsen auf längere Zeit niedrig halten.“ Dies wiederum macht Dividendenwerte mit ihren hohen jährlichen Ausschüttungen besonders attraktiv. Inflation ist ungerecht: Arbeitnehmer verlieren, Aktionäre gewinnen. Wer spart verliert, wer investiert gewinnt. Jetzt zeigen sich die negativen Folgen der lockeren Geldpolitik.

Die vergangenen Wochen zeigen wieder einmal, dass begehrte Rohstoffe nicht unbedingt in den sichersten Gebieten zu finden sind. So ist der Preisauftrieb beim Erdöl mit militärischen Wirren in Kurdistan und Nigeria, der Schuldenkrise in Venezuela und der Verhaftungswelle in Saudi-Arabien verbunden. Und auf den Edelmetallmärkten vergangene Woche sorgte der Militärputsch in Simbabwe für Unruhe. Denn das afrikanische Land, dessen Bevölkerung seit Jahrzehnten unter der Politik des Despoten Robert Mugabe leidet, ist immerhin der drittgrößte Platin- und der viertgrößte Palladiumproduzent der Welt. Und war zudem noch vor 30 Jahren die Kornkammer Afrikas.​


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Hart trifft es derzeit junge Familien, die in den Ballungsgebieten Wohneigentum erwerben möchten. Zwar sind die Hypothekenzinsen auf einem historischen Tiefpunkt angelangt, was die gewaltigen Preissteigerungen allerdings nicht ausgleicht. Wer ein Grundstück ergattert hat und bauen will, darf sich in die Warteschlangen bei den Handwerksbetrieben einreihen, die die Preise diktieren können. Merkwürdig, dass in den Inflationsindizes der teuerste Kauf im Leben eines Normalverbrauchers (Wohneigentum) gar nicht erfasst wird.

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