Ende der Rekordjagd an den US-Börsen

Microsoft pfui, Visa hui - General Electric und Ebay mit Gewinn-Einbruch - italienischer Abwickler von Schrottkrediten mit erfolgreichem Börsendebüt - starker Euro setzt deutsche Exporteure unter Druck - Risikoindikatoren lullen Anleger ein.

© Bryan R. Smith/AFP/Getty Images

Die politische Lage wird für die Wirtschaft an der einen oder anderen Stelle derzeit doch brisant. Sowohl birgt der sich zuspitzende Konflikt mit der Türkei Gefahren für deutsche Unternehmen, als auch versprechen die Bestrebungen der US Administration, den Energiemarkt zu ihren Gunsten zu beeinflussen, nichts Gutes.

Von möglichen US-Sanktionen gegen russische Öl- und Gasexporte könnten auch zahlreiche deutsche Firmen betroffen sein. Protektionistische Wirtschaftspolitik ist schlecht für den globalen Handel — und deshalb auch schlecht für die Börsen. Für Exporteure aus dem Euro-Raum kommt als Zusatzbelastung ein schwächerer Dollarkurs — obwohl EZB-Präsident Mario Draghi es einstweilen bei der ultralockeren Geldpolitik belässt. Der stärkere Euro aber drückt die Kurse deutscher Exporteure. Wie gut, dass es derzeit keine schlechten Nachrichten aus China gab — im Gegenteil, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt brummt. Um knapp 6,9 Prozent hat sie im zweiten Quartal gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal zugelegt.

Das könnte der Grund sein, weshalb der Aktienmarkt in diesem Sommer noch keinen größeren Rücksetzer hinnehmen musste.​

Ein Phänomen sorgt derzeit für Aufsehen. Auf der einen Seite befürchten Geldprofis weltweit, dass die Notenbanken, vorneweg die amerikanische (Fed), durch einen zu harten Dreh an der Zinsschraube Verwerfungen auf den Finanzmärkten auslösen könnten – das ist zumindest ein Ergebnis der aktuellen Fondsmanager-Umfrage der Bank of America. Auf der anderen Seite zeigen bewährte Risikoindikatoren so gut wie keinen Stress an. Der Schwankungsindex VIX etwa ist auf den tiefsten Stand seit 2006 gefallen. Und die prozentualen Tagesrückschläge an den Hauptbörsen sind in diesem Jahr so gering wie seit 1993 nicht mehr. Einfache Erklärungen gibt es nicht. Nur den Verdacht, dass die Risikoindikatoren nicht mehr das anzeigen, was sie sollen. Oder dass die Investmentprofis anders handeln, als sie in Umfragen angeben.

Schrottkredite, Albtraum der italienischen Banken

Schrottkredite sind der große Albtraum der italienischen Banken. Anfang 2017 lag ihr Anteil am gesamten Kreditvolumen bei 16,2 Prozent. Dieser Prozentsatz soll bis 2020 auf 9,2 Prozent sinken. Börsennotierte Großbanken wie Unicredit, Intesa Sanpaolo oder BPM haben ihre notleidenden Kredite inzwischen unter Kontrolle. Der Bankenrettungsfonds Atlante hat zugesichert, 26 Milliarden Euro der insgesamt 45 Milliarden Euro fauler Kredite von Monte dei Paschi di Siena zu übernehmen. Um sich von notleidenden Beständen zu befreien, verkaufen italienische Banken ganze Portfolios fauler Kredite. Davon profitiert unter anderem die in Verona ansässige Dobank, italienweit die stärkste auf den Abbau von Schrottverbindlichkeiten spezialisierte Gesellschaft. Dobank, mehrheitlich unter Kontrolle des US-Invest-mentfonds Fortress, hat am 14. Juli – einen erfolgreichen Börsenstart in Mailand gefeiert. Angeboten wurden Aktien im Gesamtwert von 312 Millionen Euro. Der Startpreis lag bei neun Euro. Sofort nach Beginn des Aktienhandels legte das Dobank-Papier um 14,3 Prozent zu. Die Bank wurde demnach mit 720 Millionen Euro bewertet. „Die notleidenden Kredite der italienischen Banken reduzieren sich. Inzwischen gibt es schon europaweit einen Markt für Schrottkredite, was durchaus positiv ist“, kommentierte der italienische Finanzminister Pier Carlo Padoan.

Die oben genannten Belastungen haben am Freitag dazu geführt, dass der Rekordlauf bei einigen wichtigen US-Indizes erst einmal ins Stocken geraten ist. Weder der marktbreite S&P 500 noch der Technologie-Auswahlindex NASDAQ 100 konnten ihre am Vortag erreichten Bestmarken nochmals nach oben schrauben. Der S&P gab um 0,04 Prozent auf 2.472,54 Punkte nach. Der Nasdaq 100 stieg dank eines Schlussspurts minimal um 0,01 Prozent auf 5.921,53 Punkte. Damit konnte sich der Index hauchdünn den elften Tag mit Gewinnen hintereinander sichern.

Schwächer zeigte sich der Dow Jones Industrial, der im Gegensatz zu seinen Indexkollegen zuletzt nicht an seinem Rekordstand von 21.681 Punkten hatte rütteln können. Das vielbeachtete Kursbarometer der Wall Street fiel am Freitag um 0,15 Prozent auf 21.580,07 Punkte. Im Wochenvergleich hat der Dow damit 0,27 Prozent verloren.

Börsianern zufolge drückten enttäuschende Geschäftszahlen von einigen US-Unternehmen auf die Stimmung. Dazu zählte vor allem ein Gewinneinbruch bei General Electric im zweiten Quartal. Der Siemens-Rivale rechnet nun damit, dass der Gewinn im Gesamtjahr eher das untere Ende der bisher angepeilten Spanne erreichen wird. Die Papiere des Industriekonzerns rutschten am Dow-Ende um fast drei Prozent ab.

Schwäche zeigten im Dow auch die Aktien von Microsoft, die zuletzt um gut ein halbes Prozent fielen, obwohl der Software-Riese mit seinen Quartalszahlen die Erwartungen übertroffen hatte. Laut Analyst Mark Murphy von JPMorgan blieb der Ausblick auf 2018 bei der Marge aber etwas hinter den Erwartungen zurück.

Die Aktien der Online-Handelsplattform eBay sackten nach durchwachsenen Resultaten an der Nasdaq um eineinhalb Prozent ab. Auch hier machten sich ein Gewinneinbruch wegen einer Steuer-Sonderbelastung und ein enttäuschend aufgenommener Ausblick negativ bemerkbar.

Mit Abstand größter Gewinner und somit eine positive Ausnahme waren im Dow die Visa-Aktien, die um eineinhalb Prozent anzogen. Der Kreditkartenkonzern hatte seinen guten Lauf im vergangenen Quartal fortgesetzt. Auch die am Vortag noch schwachen Aktien von American Express verspürten davon Rückenwind: sie stiegen um 0,3 Prozent.

Der Eurokurs lag zur Schlussglocke an der Wall Street bei 1,1666 Dollar. Die Europäische Zentralbank hatte den Referenzkurs zuvor auf 1,1642 (Donnerstag: 1,1485) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,8590 (0,8707) Euro. Am US-Rentenmarkt stiegen richtungweisende zehnjährige Papiere um 7/32 Punkte auf 101 7/32 Punkte und rentierten mit 2,234 Prozent.

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Kommentare ( 1 )

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Oder dass die Investmentprofis anders handeln, als sie in Umfragen angeben.

Wer jemals in einer Firma gearbeitet hat, der weiss, dass diese Umfragen nicht von den Profis ausgefüllt werden :-))

Die haben dazu weder Lust noch Zeit. Teilweise ist es die Sekretärin, kann aber auch schon mal die Azubine sein …

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