Air-Berlin-Insolvenz bewegt Wettbewerberkurse, deutsche Unternehmen verdienen

Weltwirtschaft wächst, Fed streitet, Leerverkäufer zocken, Börsen gehen schwächer ins Wochenende.

© Odd Andersen/AFP/Getty Images

Im Mittelpunkt der Börsenwoche Stand in Deutschland wohl der Insolvenzantrag von Air Berlin. Wettbewerber könnten profitieren, Aktionäre und Gläubiger von Air Berlin werden dagegen wohl leer ausgehen. Die Lage ist allerdings noch unübersichtlich. Kartellprobleme, umstrittener Staatskredit, Spekulationen von Wettbewerbern über ein „abgekartetes Spiel“ zwischen Lufthansa und Bundesregierung: Die geplante Aufteilung des Tafelsilbers der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin auf Konkurrenten, insbesondere die Lufthansa, wirft immer mehr Fragen auf.

Das hat zuletzt auch Luftfahrtaktien wie Lufthansa und Easyjet wieder etwas Wind aus den Segeln genommen, die seit dem Insolvenzantrag am Dienstag deutlich Boden gutgemacht hatten. Platzhirsch Lufthansa wird wohl dennoch als großer Profiteur aus der Pleite hervorgehen. Auch wenn noch verhandelt wird, was sie von Air Berlin tatsächlich übernehmen kann, und Kartellauflagen drohen. „Lufthansa wird ihre Marktanteile vor allem bei der Billigtochter Eurowings signifikant ausbauen können“, glaubt NordLB-Analyst Wolfgang Donie.

Das Nachsehen haben Air-Berlin-Aktionäre und Anleihegläubiger. Auch Ansatzpunkte für Klagen etwa wegen Verletzung von Mitteilungspflichten sieht die Aktionärsvereinigung DSW derzeit nicht. Air Berlin hatte Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Thomas Winkelmann bleibt damit Vorstandschef, er bekommt mit Wolfgang Kebekus einen erfahrenen Insolvenzexperten an die Seite gestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit der Bundesregierung soll den Betrieb vorerst sicherstellen.

Beim Verkauf drängt deshalb die Zeit. Seit Freitag laufen Verhandlungen zunächst exklusiv mit Lufthansa. Air-Berlin-Chef Winkelmann berichtete über zwei weitere börsennotierte Interessenten für Air-Berlin-Teile und die Österreich-Tochter Niki. Neben Lufthansa und der britischen Easyjet gelten die Reisekonzerne Thomas Cook und TUI als interessiert, ebenso der Luftfahrt-Unternehmer Rudolf Wöhrl. Der irische Billigflieger Ryanair dagegen fühlt sich ausgegrenzt und hat Kartellbeschwerde eingereicht.

Zu den Vermögenswerten von Air Berlin zählen vor allem Start- und Landerechte (Slots). Aus dem Verkaufserlös soll der staatliche 150-Millionen-Kredit getilgt werden, hofft Winkelmann. „Das wird niemals reichen, um die gewaltige Schuldenlast auch nur ansatzweise zu tilgen“, glaubt dagegen Jürgen Kurz vom Anlegerverein DSW. Neben den beim Großaktionär Etihad Airways angehäuften Milliardenschulden und dem staatlichen 150-Millionen-Kredit steht Air Berlin bei Anleihegläubigern mit 800 Millionen Euro in der Kreide. „Bei allen Gläubigergruppen drohen herbe Verluste“, warnt Kurz. „Dass die Anleihen derzeit noch bei rund zehn Prozent ihres Wertes notieren, zeigt aber, dass immer noch Resthoffnung im Markt auf eine knapp zweistellige Insolvenzquote da ist.“ Entscheidend sei jetzt eine aktive Beteiligung der Anleihegläubiger am Umschuldungsprozess.

Anhaltspunkte, dass die Insolvenz zu spät angemeldet oder der Öffentlichkeit mitgeteilt worden ist, sieht Kurz nicht. Schadenersatzklagen wegen verletzter Mitteilungspflichten ließen sich derzeit ebenso wenig begründen wie ein Verdacht auf Insolvenzverschleppung. „Nach allem, was bekannt ist, kam die Ad-hoc-Mitteilung zur Insolvenzanmeldung unmittelbar nachdem Etihad die Finanzierung gestoppt hat, was ja der Grund für die Insolvenz war.“

Dass Ex-Lufthansa-Manager Winkelmann erst im Februar an die Air-Berlin-Spitze gewechselt ist, lässt aber viel Raum für Spekulationen, dass bereits frühzeitig die Fäden im Hintergrund gezogen wurden. Die Bundesregierung forciert derweil ungewöhnlich deutlich eine nationale Lösung zugunsten von Lufthansa und sieht dies konform mit EU-Recht. „Wir brauchen einen nationalen Champion im internationalen Luftverkehr“, sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt.

Deutschlands Topkonzerne haben im zweiten Quartal so viel Geld reingeholt wie noch nie. Die 30 DAX-Mitglieder steigerten ihren operativen Gewinn (Ebit, Earnings before interest, tax; Ergebnis vor Zins- und Steuerzahlungen) laut Berechnung der Unternehmensberatung EY (Ernst & Young) um 31 Prozent auf mehr als 39 Milliarden Euro. Schaut man nur auf den Kurszettel, waren RWE und Eon sowie Lufthansa während der Berichtssaison die größten Gewinner im Index. Von Ende Juli bis Mitte August legten diese Aktien jeweils um mehr als zehn Prozent zu. Alle drei Konzerne sind bei ihren Geschäfts-ergebnissen durch überdurchschnittlich starke Gewinnverbesserungen aufgefallen. Das meiste Geld im Quartal haben dagegen Volkswagen und Daimler verdient. Beide zusammen fuhren 8,3 Milliarden Euro ein, mehr als 20 Prozent des Gesamt-Ebits des DAX. Börsianer waren trotzdem nicht beeindruckt. Die Aktien von Volkswagen und Daimler entwickelten sich während der Berichtssaison schlechter als der DAX. Autowerte haben angesichts der Täuschungsvorwürfe und der grundsätzlichen Abgasproblematik einen schweren Stand. Schließlich könnten die schönen Gewinne schnell wieder für Strafen oder Kundenentschädigungen verbraucht sein.

Insgesamt hat der DAX sich nach der Schwächephase der Vorwoche zuletzt gut erholt. Die 200-Tage-Linie als Unterstützung knapp über 11.900 Punkten hat gehalten.​

Die deutsche Wirtschaft wächst derweil munter weiter. Im zweiten Quartal 2017 gab es ein Plus von 0,6 Prozent zum Vorquartal, gaben die Statistiker jetzt bekannt. Im Jahresdurchschnitt 2017 ist nun mit einem Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP, der Wert aller in Deutschland hergestellten Güter und Dienstleistungen) von rund zwei Prozent zu rechnen statt wie bisher von 1,7 Prozent. „Positiv ist, dass im zweiten Quartal sämtliche Komponenten der Binnennachfrage — privater und staatlicher Konsum, Bau- und Ausrüstungsinvestitionen — zum Wachstum beigetragen haben“, erklärt Allianz-Volkswirt Rolf Schneider. „Das zeigt die Breite des Aufschwungs.“ Und Deutschland steht mit seinem Aufschwung keineswegs allein da. So können unsere Nachbarn ebenfalls recht ordentliche Wachstumsraten vorweisen. In der Eurozone dürfte die Wirtschaftsleistung um 2,2 Prozent zulegen. Und als neuer Wachstumsstar unter den Industrienationen hat sich Japan mit einem erwarteten Jahreszuwachs von vier Prozent gemausert. Damit liegt Japan noch vor den USA, die mit einem Plus von 2,5 Prozent rechnen. Somit läuft der globale Wirtschaftsmotor zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise wieder rund.

Die extrem lockere Geldpolitik der Notenbanken hat einen großen Anteil daran, dass es konjunkturell aufwärts geht. Vor einer Dekade, am 17. August 2007, reagierte die Fed zum ersten Mal auf die Finanzkrise, indem sie die Zinsen senkte. Heute diskutiert die US-Notenbank kontrovers über die weitere geldpolitische Vorgehensweise. Vergangene Woche zeigte das veröffentlichte Protokolle der Juli-Sitzung, wie uneins die Fed-Mitglieder über weitere Zinssenkungen sind. Grund hierfür ist die hartnäckig niedrige Inflationsrate, die trotz brummenden Arbeitsmarkts und steigender Konsumausgaben weiter unter dem selbst gesteckten Ziel von zwei Prozent p.a. liegt. Daher wächst der Widerstand gegen den Plan, dass die -Notenbank schon im September mit dem Abbau ihrer Bilanzsumme beginnt, um im Dezember die Zinsen weiter zu erhöhen. „Die Ironie dabei ist, dass die Fed unabsichtlich die nächste Krise schüren könnte, gerade weil sie die Mittel, diese zu bekämpfen, nicht hat“, sagt James Athey, Senior Investment Manager bei der Fondsgesellschaft Aberdeen.

Technologie-Aktien aus den USA zählen nicht nur in diesem Jahr zu den Top-Performern. Ob Facebook, Apple, Alphabet, Netflix oder Google, aber auch Tesla, Microsoft und Intel — die Bewertungen der Tech-Titanen aus den Vereinigten Staaten klettern immer weiter nach oben. Und rufen dabei immer mehr Leerverkäufer auf den Plan, die auf einen Kurseinbruch der Highflyer wetten. Leerverkäufer, sogenannte Shortseller, verkaufen Aktien, die Ihnen gar nicht gehören, sondern die sie sich gegen eine geringe Gebühr z.B. von Versicherungen leihen, in der Hoffnung, sie später – sofern ihre Überlegung, dass der Kurs eigentlich zu hoch ist und fallen müsste, zutreffend war – zu einem niedrigeren Kurs eindecken und (in unserem Beispiel der Versicherung) zurückgeben. Laut einer Untersuchung des Analysehauses S3 Partners beläuft sich die Summe der Negativwetten inzwischen auf knapp 50 Milliarden US-Dollar, das ist so viel wie noch nie. Vor allem der Absturz des Börsenneulings Snap hat bei Hedgefondsmanagern die Erwartung geschürt, dass eine Trendwende bevorsteht. Allerdings haben sich 2017 schon viele Experten mit Wetten gegen den Markt die Finger verbrannt. Investmentlegende David Einhorn etwa hat mit seinen Short-Wetten gegen Tesla und Amazon – die nicht aufgingen, weil die Kurse der beiden Aktien weiter stiegen – viel Geld verloren. Er musste sich dann am Markt zu höheren Kursen eindecken, um die zu niedrigeren Kursen leer verkauften Aktien den Verleihern wieder zurück zu geben.​

Der Deutsche Aktienindex DAX ging am Freitag 0,31 Prozent leichter bei 12.165 Punkten in den Feierabend, nachdem er bereits zur Eröffnung gefallen war. Belastet von der Terrorangst nach dem Anschlag in Barcelona und dem Bangen um die wirtschaftspolitischen Versprechungen von US-Präsident Donald Trump setzte der deutsche Leitindex seine am Vortag begonnene Talfahrt fort. Das Personal-Chaos im Weißen Haus sorgt mittlerweile auch jene Investoren, die bis zuletzt noch an die Handlungsfähigkeit des US-Präsidenten glaubten. Sie stört auch, dass sich Einflusspersonen aus Wirtschaft und Politik vermehrt von dem US-Präsidenten distanzieren.

Der europäische Yleitindex EuroSTOXX 50 beendete den Tag mit einem Abschlag von 0,4 Prozent auf 3.448 Punkte, nachdem er bereits zum Handelsstart verloren hatte. Zum Gesamtmarkt hieß es, er sollte die Belastung durch die Terroranschläge in und nahe Barcelona schnell abstreifen. Das hätten die Reaktionen auf andere Anschläge gezeigt. Von der allgemeinen Verunsicherung profitierte der Goldpreis, der zum ersten Mal in diesem Jahr über die Marke von 1.300 Dollar je Feinunze kletterte. Der Dow Jones Index hatte 0,2 Prozent tiefer bei 21.711 Punkten eröffnet, sich zwischenzeitlich erholt, im weiteren Handelsverlauf aber dann wieder in die Verlustzone gedreht. Er beendete den Freitag 0,35 Prozent schwächer bei 21.674 Punkten. Der Nasdaq war kaum verändert in den Handel gestartet, er hielt sich dann ebenfalls zeitweise im positiven Bereich auf. Sein Schlussstand: minus 0,09 Prozent bei 6.216 Punkten.


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