Wird der Grüne Dominik Krause der neue Münchner Oberbürgermeister?

Nun hat der Niedergang der SPD das Rathaus am Marienplatz erreicht, eine bislang uneinnehmbar erscheinende rote Festung. Dass Dieter Reiter um seine Wiederwahl bangen muss und möglicherweise nach dem etwas zwielichtigen Kiesl der zweite Münchner Rathauschef sein könnte, der abgewählt wird, ist auch ihm selbst zuzuschreiben. Von Georg Etscheit

picture alliance / Wolfgang Maria Weber | Wolfgang Maria Weber
Dominik Krause, OB-Kandidat der Grünen, München, 10. März 2026

Im Juni 2024 brachte die Münchner Abendzeitung (AZ) eine warmherzige Homestory über den neuen „grünen Hoffnungsträger“. Der heißt Dominik Krause und ist seit Oktober 2023 zweiter Mann im Münchner Rathaus hinter dem amtierenden SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter. Vorher war er Sprecher der „Grünen Jugend“ und grüner Fraktionsvorsitzender im Stadtrat. Weil die Grünen im Münchner Stadtrat die stärkste Fraktion stellen, haben sie einen Anspruch auf den nicht besonders prestigeträchtigen Posten eines Vizebürgermeisters, der aber zuweilen als Sprungbrett für noch höhere Weihen taugt.

Krause ist jung und er ist schwul, was eigentlich nichts Besonderes mehr ist, aber irgendwie dann doch wieder. Ein AZ-Reporter traf Krause zusammen mit seinem langjährigen Partner Sebastian Müller, einem Arzt. Die beiden sind verlobt und wollen heiraten. Vielleicht ist Krause dann schon Münchner Oberbürgermeister. Denn seine Chancen, bei den kommunalen Stichwahlen um die Besetzung vieler Chefposten in Rathäusern und Landratsämter am nächsten Sonntag, Reiter aus seinem Amt zu drängen, stehen gar nicht so schlecht.

Das Männerpaar hat der AZ ein paar schöne Fotos aus dem gemeinsamen Familienalbum zugesteckt. Eines zeigt die beiden im zarten Teenie-Alter bei einem Tanzstundenball. Krause und Müller lernten sich vor knapp zwanzig Jahren in einer Tanzschule kennen, eine Sandkastenbeziehung. Heute ist Krause 35, sein Partner zwei Jahre jünger. Beide sehen auch jetzt noch etwas nach Tanzstunde aus. Oder nach Erstkommunion. Ganz erwachsen ist sie doch noch nicht geworden, die Revolution.

Der Reporter berichtet im „Bunte“-Stil: „Der eine ist Arzt geworden, der andere der zweite Bürgermeister – geblieben sind sie ein Paar, zwei Männer, die sich spürbar unheimlich gerne mögen, sich im Gespräch mit der AZ sehr viel anschauen, anlachen, ständig einen Gedanken, eine Erinnerung aufgreifen und noch ergänzen. An einem Montagmorgen an der Tegernseer Landstraße fallen Krause im schwarzen Pulli und Müller im weißen weiten T-Shirt, beide mit weißen Turnschuhen, zwischen all den Espresso-trinkenden Giesinger 30-Jährigen nicht auf. Keiner schaut auf den Bürgermeister und seinen Freund, hier passen sie offenbar rein.“

Und es wird noch ein wenig romantischer. Das Paar, erfuhr der AZ-Reporter, weilte gemeinsam in Spanien, als Krause seinen Freund fragte, ob er sein Mann werden wolle. „In Andalusien war das, ein sehr warmer sommerlicher Abend, vor der Kathedrale im Granada spielte ein Orchester.“ Was es den beiden bedeute, bald Mann und Mann zu sein? „Es hat natürlich auch mit Romantik zu tun“, wird Krause zitiert, der in seinen Statements oft etwas hölzern daherkommt. „Aber es ist auch schön, wenn es etwas Offizielles hat – und das gibt natürlich auch Sicherheit.“

Alternative Lebenskonzepte, „offene“ Partnerschaften und dergleichen sind auch in „queeren“ Kreisen out, man verlobt sich, heiratet, wirft dabei mit Brautsträußen und Reis um sich, baut ein Häuschen und lässt sich von einer Leihmutter Kinder austragen.

Seit Kriegsende wird München fast durchgängig von SPD-Oberbürgermeistern regiert. Angefangen mit dem KZ-Überlebenden Thomas Wimmer über Hans-Jochen Vogel, der die Olympiade nach München holte und nach dem Sturz Helmut Schmidts erfolglos für das Amt des Bundeskanzlers kandidierte, gefolgt von Georg Kronawitter und Christian Ude bis zum seit 2014 amtierenden Dieter Reiter. Nur zweimal saßen mit Georg Scharnagel (1945-1948) und Erich Kiesl (der Wolpertinger“) CSU-Politiker (1978-1984) für ein paar Jahre CSU-Politiker auf dem Münchner Chefsessel.

Nun hat der Niedergang der SPD das Rathaus am Marienplatz erreicht, eine bislang uneinnehmbar erscheinende rote Festung. Dass Dieter Reiter um seine Wiederwahl bangen muss und möglicherweise nach dem etwas zwielichtigen Kiesl der zweite Münchner Rathauschef sein könnte, der abgewählt wird, ist auch ihm selbst zuzuschreiben.

Reiter war 2014 Wunschnachfolger des populären Christian Ude, der vor allem in der Homo-Szene wie ein Heiland verehrt wurde, obwohl er selbst einmal beteuerte, „bekennender und praktizierender Hetero“ zu sein und auf diese Weise anderslautenden Gerüchten den Boden entzog. Dass Ude im diesjährigen Kommunalwahlkampf aktiv für Krause und nicht für seinen Parteifreund warb, wirft ein merkwürdiges Licht auf den Alt-OB und die Münchner Genossen.

Wimmer, Vogel, Kronawitter, Ude, Reiter und nicht weiter

Eigentlich galt Reiters Wiederwahl als Formsache, bis wenige Tage vor der Wahl herauskam, dass er jahrelang Einnahmen aus seiner Tätigkeit im Verwaltungsbeirat des FC Bayern eingestrichen hatte, ohne sich dies, wie vorgeschrieben, vom Stadtrat vorher genehmigen zu lassen. Für einen Mann, der sich auf Wahlplakaten als vertrauenswürdiger Hüter des Sozialen präsentierte, eine missliche Angelegenheit, zumal sich Reiter anfangs auch noch herauszureden versuchte, bis er „ein, zwei Fehler“ eingestand.

Und dann unterlief ihm bei der letzten Stadtratssitzung noch ein unverzeihlicher Fauxpax, als er beim Durchblättern von Unterlagen offenbar den Überblick verloren hatte und vor sich hinmurmelte: „So, wo samma, sagen die Neger“. Da war es gefallen, öffentlich, das N-Wort, das nicht mehr existieren darf, das niemals existiert hat, selbst wenn man, wie sich Reiter nachher rechtfertigte, nur den bayerischen Volkssänger Fredl Fesl zitiert habe, der dereinst, ohne besonderes Aufsehen zu erregen, mit dem Nonsenslied „Riesenneger im Nieselregen“ über die Dörfer gezogen war.

Jetzt fiel Reiter bleischwer auf die Füße, dass Sozen und Grüne in den letzten Jahrzehnten in München ein dichtes Netz öffentlich mitfinanzierter „antifaschistischer und antirassistischer“ NGOs gesponnen haben, das unter dem Namen „München ist bunt“ agiert samt einer „Fachstelle für Demokratie“, die direkt dem Oberbürgermeister zugeordnet ist, die seit 2020 „das städtische Verwaltungshandeln für Demokratie und gegen Rechtsextremismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ koordinieren soll.

Die Quittung erreichte Reiter am Wahlabend mit einem blamablen Ergebnis von 35,6 Prozent, das ihn in eine Stichwahl mit dem zweitplatzierten grünen OB-Kandidaten (29,5 Prozent) zwingt. So schlecht hatte ein SPD-Oberbürgermeisterkandidat der SPD in München seit dem Krieg noch nie abgeschnitten. Nun war Schadensbegrenzung angesagt. Reiter zog sich von allen Ämtern beim FC Bayern zurück und spendete das Geld, das er bisher dafür erhalten hatte, für einen guten Zweck. Ob dies der erhoffte Befreiungsschlag war, bleibt abzuwarten.

Wo Wohlstand, da grün

Krause gibt sich unterdessen dezent-bayerisch und so realo-seriös wie der baden-württembergische Wüstenrot-Ministerpräsident Cem Özdemir. Auf einem Wahlplakat, das ihn, wie gewohnt, mit breitem, jungenhaften Lachen zeigt, trägt er sogar Schlips. Auf einem anderen posiert er in bunter Trachtenweste mit einem Maßkrug in der Hand. In München ziemt es sich, gelegentlich ein Trachtengewand anzulegen, vor allem bei der alljährlichen Eröffnung des Oktoberfestes. Da hat er noch etwas gutzumachen, bezeichnete er die Wiesn doch einmal keck als „weltweit größte offene Drogenszene“, was bei den Wiesnwirten und der politischen Konkurrenz erwartungsgemäß Schnappatmung verursachte.

Dass er für das hohe Amt zu jung und unerfahren sein könnte, weist der Kandidat zurück, schließlich sei Hans-Jochen Vogel bei seiner Amtseinführung als Münchner OB sogar noch etwas jünger gewesen. Inhaltlich hat Krause, der Physik studierte und seine Studien, Grünen-untypisch, mit einem Master abschloss, wenig zu bieten.

Er will mehr Wohnungen, mehr Klimaschutz, mehr Radwege. Als Sofortmaßnahme nach einer gewonnenen Wahl, kündigte er an, im Rathaus eine Anlaufstelle gegen Wohnungsleerstand und Mietwucher schaffen zu wollen. Als wenn es nicht schon genug Denunziationsstellen gäbe in München und anderswo. Um seine Solidarität mit Israel und der jüdischen Gemeinde zu bekunden, machte er Charlotte Knobloch seine Aufwartung. Ohne den Segen der 93-jährigen Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern geht nichts in München, auch wenn die linksgrüne Basis lieber Palästinenserfahnen schwenkt.

Wie sorglos es sich im reichen München offenbar immer noch lebt, beweisen nicht nur die ungebrochen hohen Wahlergebnisse der Grünen in vielen Stadtteilen, sondern auch die Tatsache, dass Krause als zweiter Bürgermeister die sogenannte Eisbachwelle zur Chefsache gemacht hatte, ein innerstädtisches Surferparadies am Englischen Garten. Nach einem tödlichen Unfall und einer anschließenden Bachauskehr war die Welle plötzlich verschwunden, soll aber baldmöglichst wiederbelebt werden, damit sich woke Papis und Mamis in Elternzeit nicht langweilen müssen.

Nun könnte der Tag nicht mehr fern sein, an dem sich Krause zusammen mit seinem Ehegatten im Prachtgespann des Oberbürgermeisters zur Theresienwiese kutschieren lässt, um dort das erste Fass anzustechen und Ministerpräsident Markus Söder die erste Wiesn-Maß zu reichen. Vorher müsste er wohl noch kräftig üben, denn wer beim Oktoberfest-Anstich im Schottenhammelzelt mehr als zwei Schläge braucht, um den Zapfhahn ins Holzfass zu treiben oder sogar eine Spritzorgie verursacht, hat zumindest seine Chancen auf das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten auf immer und ewig verwirkt.

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Kommentare ( 6 )

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6 Comments
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Sanijo
17 Minuten her

Ist der denn nicht noch schulpflichtig?

Petra G
19 Minuten her

Nur zu, was gibt’s da zu meckern?
Wenn die Münchner Stadtaffen das so wollen, ist es eben so.
Die Suppe müssen die selbst auslöffeln.

Juri St.
22 Minuten her

Der Selbstzerstörungstrieb der deutschen Wählerschaft scheint keine Grenzen zu kennen.Ein grüner Jüngling ohne Berufserfahrung als Oberbürgermeister von München, kannste Dir nicht vorstellen, ist aber vermutlich bald so.

LiKoDe
49 Minuten her

Da haben wohl die Münchner SPD als auch Dieter Reiter versagt. Denn Reiter hätte als 67-Jähriger zu diesen Wahlen 2026 gar nicht mehr antreten sollen. Dafür müssten allerdings die Münchner SPD und Reiter rechtzeitig für eine Nachfolge gesorgt haben, was sie nicht taten. Dafür bekommen sie nun die Quittung. Und auch dafür, dass man in der bayrischen SPD immer noch nicht begriffen hat, dass eigentlich die Grünen ihre Mitbewerber sind, die seit mehr als 30 Jahren stetig zu Lasten der SPD stärker wurden.

Last edited 47 Minuten her by LiKoDe
alter weisser Mann
56 Minuten her

Eine Sandkastenbeziehung fängt nicht in der Tanzstunde an. letzteres ist eher eine Jugendliebe. Der luschige Wortgebrauch allerorten nervt. Irgendwann ist alles dasselbe.

Unglaeubiger
1 Stunde her

Fordern, fordern, fordern – das ist das Einzige was sie gelernt haben, die Grünen und „Grüninen“. Na ja, auch München muss mit untergehen, nicxbleibt auf ewig bestehen! Bin gespannt, wann die Menschlein in München zu Hauf mal den Gürtel enger schnallen müssen, wie sie sich einmal in Not und Elend präsentieren und ihre Politiker mal mit anderen Äuglein betrachten. Schaugn mer mal hat der große Beckenbauer mal gesagt, genau schaugn mer mal.