Teil 1: Russland im Weltvergleich

Die Analytiker der Forschungsgemeinschaft Ethik und Politik haben einen Blick auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und zu erwartende Entwicklung Russlands geworfen. Alle verwendeten Daten sind öffentlich zugänglich, wurden aber im Zusammenhang der verstreuten Quellen ausgewertet. Die Studie, die Mitte Januar veröffentlicht werden soll, kommt zu wenig schmeichelhaften Ergebnissen: Russland ist ein wirtschaftlicher Scheinriese, der um so größer wirkt, je weiter man sich von ihm entfernt. „Tichys Einblick“ konnte vorab einen Blick auf die vorläufigen Ergebnisse der Studie werfen, um sie in mehreren Teilen vorzustellen.

Einleitung: Russlands wirtschaftliche Perspektiven

Die Jahre 2014 und 2015 wurden weltpolitisch maßgeblich von Russland und seinem Präsidenten Wladimir Putin geprägt. Ob illegale Krim-Annektion oder militärische Einsätze in der Ost-Ukraine und in Syrien – Russland hielt die Welt in Atem und schürte die Befürchtung, dass seine Politik einen globalen Großkonflikt auslösen könnte.

Die öffentliche Diskussion stand insbesondere in Deutschland oftmals unter der Forderung, man müsse Russland seiner Großmachtposition entsprechend behandeln. Nicht nur deutsche Politiker von SPD bis CSU überbieten sich in der Forderung, die nach der Krim-Annektion verhängten Sanktionen aufzuheben. Doch wie ist es um Russland tatsächlich bestellt?

Die Analytiker der Forschungsgemeinschaft Ethik und Politik haben einen Blick auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und zu erwartende Entwicklung Russlands geworfen. Die Studie, die Mitte Januar veröffentlicht werden soll, kommt zu wenig schmeichelhaften Ergebnissen. Russland, so ihr Fazit, ist ein wirtschaftlicher Scheinriese, der um so größer wirkt, je weiter man sich von ihm entfernt.  

„Tichys Einblick“ konnte vorab einen Blick auf die vorläufigen Ergebnisse der Studie werfen, um sie in mehreren Teilen vorzustellen. Im Mittelpunkt stehen dabei neben einem Basisvergleich der Fundamentaldaten die Entwicklung von Export und Rücklagen des flächenmäßig größten Landes der Erde, das durch seinen imperialen Anspruch von vielen als derzeit größte Gefahr für den Frieden betrachtet wird.

Teil 1 – Russland im Weltvergleich

Die Situation kennt jeder: In einem großen Innenhof spielen alle Kinder aus der Nachbarschaft. Einige sind befreundet, andere spielen friedlich für sich, ohne sich gegenseitig ins Gehege zu kommen. Und dann gibt es dort noch einen, der so gar nicht zu den anderen passt. Oft kommt er aus kleinen Verhältnissen, hat arme Eltern und wenig Bildung. Aber er hat zu Hause gelernt, dass man mit Gewalt alles erreichen kann, was man will. Also lässt er im Innenhof die Muskeln spielen und findet meistens schnell ein paar Fans, die sich ihm anschließen, um von seiner Stärke zu profitieren. Die friedlichen Kinder kuschen, obgleich sie gemeinsam viel stärker wären als der Rüpel. Doch sie haben Angst davor, von ihm eine Faust ins Gesicht geschlagen zu bekommen. Und so übernimmt der Rüpel das diktatorische Regime über den Innenhof, obwohl er außer seiner Kraftmeierei wenig zu bieten hat.

Warum ich diesen Vorgang schildere? Weil er perfekt zuzutreffen scheint auf die Weltsituation des jungen Jahres 2016. Im Mittelpunkt wird dabei jenes Russland stehen, das seit einigen Jahren mit seiner Politik den Versuch unternimmt, das Rad der Geschichte zurück zu drehen.

Keine zwei Prozent der Weltbevölkerung

Die Weltbevölkerung hatte im Jahr 2014 die Sieben-Milliarden-Marke überschritten. Doch diese sieben Milliarden sind recht unterschiedlich verteilt. So stellt China mit bald 1,36 Milliarden Bürgern allein schon 19 Prozent aller Menschen. Weitere gut 17 Prozent leben in Indien mit 1,24 Milliarden Bürgern. Die Europäische Union nimmt sich dagegen mit nur 7,1 Prozent der Weltbevölkerung fast schon bescheiden aus. Die USA sind noch mit 4,4 Prozent dabei. Und Russland? Das schafft mit 1,98 Punkten nicht einmal mehr zwei Prozent, denn seine Bevölkerung ist nach dem Zerfall der Sowjetunion und infolge stagnierender Geburtenzahlen auf nur noch 142,4 Millionen Bürger zurückgegangen.

Diese Zahl mag manchen verblüffen, denn gerade in Deutschland gilt Russland traditionell als Bevölkerungsriese. Dabei bringt es das kleine, zentraleuropäische Deutschland  mit derzeit 81 Millionen Bürgern auf bald 60 Prozent der russischen Bevölkerungszahl. Betrachten wir die Europäer, so sind die Russen ihnen gegenüber mit ihren 142,4 Millionen zu jenen 511 Millionen Menschen der EU sogar deutlich ins Hintertreffen geraten: Sie entsprechen nicht einmal mehr einem Drittel der EU-Bevölkerung. Zu einer wie auch immer zu erklärenden Unterlegenheit an „Manpower“ gegenüber dem gedachten „Bevölkerungsriesen“ Russland besteht insofern weder bei Deutschen noch bei Europäern irgendein  Anlass.

Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit im Vergleich

Wie nun aber ist es mit Russlands Wirtschaftsleistung bestellt? Zeigt es da vielleicht seine Bedeutung, die es an Bevölkerungszahl nicht mehr zu produzieren in der Lage ist?

Bei den nachfolgenden Vergleichen wurden im Schwerpunkt Zahlen von 2013 herangezogen und entsprechend ausgewiesen. Diese Zahlen ermöglichen am Ende einen deutlichen Blick auf die Konsequenzen der russischen Politik der vergangenen zwei Jahre. Denn 2012 und 2013 agierte Russland noch unsanktioniert am Weltmarkt und konnte bei einem Ölpreis zwischen 86 und 120 USD je Barrell von erheblichen Einnahmen insbesondere aus dem Ölverkauf ausgehen. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass für Russland das Öl finanziell deutlich bedeutsamer ist als das Erdgas. In den Jahren 2002 bis 2012 stieg der Anteil von Erdöl und Erdölprodukten an den russischen Außenhandelserlösen von 42 auf 55 Prozent, während der Erdgas-Anteil von 19 auf unter 13 Prozent sank. In seinen Ölfördermengen bewegt es sich gegenwärtig auf dem Niveau der Sa’udi an der Spitze.

Blicken wir nun auf 2013. In jenem Jahr erwirtschafteten alle Länder dieser Erde gemeinsam ein Bruttoinlandsprodukt von fast 74 Billionen US-Dollar (europäische Billionen – keine amerikanischen). Stärkste Wirtschaftsmacht waren weder die USA noch China, sondern – die Europäische Union. Mit 17,3 Billionen USD lagen die Europäer bei einem Anteil am Welthandel von 23,5 Prozent an der Spitze, gleich gefolgt von den Vereinigten Staaten von Amerika mit 22,7 Prozent und 16,8 Billionen USD. Auf Platz 3 folgt die Volksrepublik China mit „nur“ 9,18 Billionen USD. Das waren immerhin noch 12,4 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Rechnet man bei China Hongkong und Taiwan hinzu, dann stellten die Chinesen sogar einen Anteil von 13,4 Prozent. Sie reichen damit zwar bei weitem noch nicht an EU und USA – aber gehören ohne Frage zu den führenden Wirtschaftsnationen.

Und wie sieht es nun aus mit Russland? Das brachte es 2013 – also vor den Sanktionen – gerade einmal auf 2,12 Billionen USD Bruttoinlandsprodukt. Das entspricht nur 2,9 Prozent der Weltwirtschaftskraft und liegt in etwa auf der gleichen Höhe wie Italien mit 2,07 Billionen und bereits abgeschlagen hinter Brasilien mit 2,24 Billionen USD.
Um den Vergleich zu komplettieren: Allein die Wirtschaftskraft Deutschlands war 2013 mit 3,64 Billionen gut 1,7 mal so hoch wie die Russlands. Japan überflügelte die Russen mit 4,9 Billionen USD sogar um das 2,3-fache. Bezieht man die Wirtschaftskraft des riesigen Russlands nun auf den Spitzenreiter EU, so langt es für die Moskowiter gerade zu 12,2 Prozent der EU-Leistung.

Russland ist im Vergleich zu EU und USA, aber selbst zu China und Japan ein wirtschaftlicher Zwerg – was mit Blick auf EU und Japan noch dadurch unterstrichen wird, dass diese beiden Wirtschaftsräume im Gegensatz zu Russland nicht über unendliche Mengen eigener Rohstoffe verfügen, die sie nutzen könnten, sondern diese teuer importieren müssen.

Die Wirtschaftsleistung pro Kopf

Nun mag angeführt werden, dass die Bruttozahlen allein für sich wenig aussagen. Denn jede Größe muss letztlich in Bezug gesetzt werden. So sind beispielsweise die Bewohner des kleinen Singapur wirtschaftlich deutlich erfolgreicher als die Bürger der EU, wenn man ihre Wirtschaftsleistung auf die Einwohnerzahl bezieht.

Folgen wir diesem Bezugssystem, so kommen wir tatsächlich zu interessanten Ergebnissen. Für viele sicherlich unerwartet findet sich hier nun das bevölkerungsarme Norwegen auf Platz 1. Es hatte 2013 pro Einwohner 99.000 USD erwirtschaftet – eine Folge der Erdölförderung bei nur knapp über fünf Millionen Einwohnern. Auf Norwegen folgen Katar ebenfalls als Erdölexporteur, die Schweiz unter anderem mit ihrem Finanzsektor und weltweit agierenden Unternehmen, dann mit den Vereinigten Arabischen Emiraten wieder ein Ölexporteur und schon auf Platz 5 Australien als von Europa häufig zu wenig beachtetes Industrie- und Rohstoffland auf der anderen Seite der Erdkugel. Die USA und Kanada belegen in dieser Statistik unmittelbar hinter Singapur (53,122 USD/Ew) fast gleichauf mit rund 52.500 USD pro Kopf die Plätze 8 und 9. Die Bundesrepublik bringt es mit 44.900 USD pro Einwohner gleich hinter den Niederlanden mit 47.400 USD immerhin noch auf Rang 14.

Und Russland? Das findet sich mit nur 14.900 USD je Einwohner weit abgeschlagen hinter Taiwan (20.900 USD) in der unteren Hälfte der Zehntausender nur knapp über dem Pro-Kopf-Leistungsniveau von Polen (13.500 USD), Venezuela (13.000 USD) und Kasachstan (12.300 USD). Italien, das in seinem BIP 2013 noch knapp hinter Russland lag, kam dagegen auf 33.600 USD je Einwohner. Damit arbeitet rechnerisch jeder Italiener mehr als doppelt so effektiv wie ein Russe. Niederländer und Deutsche bringen es sogar auf die dreifache Effizienz.

Die Wirtschaftsleistung pro Quadratkilometer

Eher als Spielerei können wir einen Blick auf die Frage werfen, wie effektiv die einzelnen Länder ihre Territorien nutzen. Spielerei deshalb, weil natürlich Hochgebirgsregionen und Wüsten nicht so effektiv nutzbar sind wie Ackerböden – andererseits aber gerade die in scheinbar wenig nutzbaren Böden liegenden Rohstoffe erheblich zum Wohlstand beitragen können.

Dennoch geschieht dieser Blick nicht ganz ohne Grund. Zu jenen Sowjetzeiten, denen  nicht nur Putin hinterher trauert, vertrat das russische Kolonialreich den Anspruch, es vertrete „ein Sechstel der Erde“. Von diesem Sechstel hat sich zwar einiges nach dem Zerfall der UdSSR selbständig gemacht – doch die damals postulierte Bedeutung spukt bis heute in den Köpfen von Russen und Russlandfans herum.

Schauen wir nun auf das erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt pro Quadratkilometer Staatsgrund, dann liegen selbstverständlich die kleinen Wirtschaftsriesen ganz vorn. Singapur belegt mit 424 Millionen USD pro Quadratkilometer Platz 1. Es folgt Hongkong mit 247 Millionen USD. Zum Vergleich: Deutschland schafft es mit 10,2 Millionen immerhin auf Platz 12.

Und Russland? Um uns diesem Riesenland zuzuwenden, sollten wir der Fairness halber nicht auf die in der Fläche kleinen, sondern auf die Großen schauen. Vergleichen wir daher Russland mit den USA, Kanada, Australien, Brasilien, der Europäischen Union und China.

Im reinen Flächenranking belegt Russland mit 17,1 Millionen Quadratkilometern einsam den ersten Platz. Die Vorstellung, dass Russland mit dieser riesigen Ausdehnung eigentlich das reichste Land der Erde sein müsste, findet sich insofern nicht umsonst in vielen Köpfen. Russlands Problem ist es: In weiten Teilen dieses Riesenlandes lebt faktisch – kein Mensch. Weshalb der ständige territoriale Expansionsdrang der Moskowiter auch nicht damit zu erklären ist, dass sie wie in nationalsozialistischer Ideologie für ihr Volk mehr Land benötigten. Eher greift hier die Erklärung, dass die Herrscher an der Moskwa gern für ihr Land mehr Volk hätten, welches dann bitteschön auch ein russisches sein soll.

Doch zurück zum Blick auf die Flächengroßen dieser Erde. Auf Russland folgen mit deutlichem Abstand, dann jedoch ziemlich gleich auf, Kanada (9,98 mio qkm), die USA (9,83 mio qkm) und China (9,57 mio qkm). Danach belegt Brasilien (8,52 mio qkm) Platz 5, gefolgt von Australien (7,69 mio qkm) und – etwas abgeschlagen – der EU (4,38 mio qkm).  Wie aber sieht es nun beim Ranking der Nutzbarmachung dieser Flächen für das Bruttoinlandsprodukt aus?

Da kehren sich die Erfolge faktisch um. Platz 1 belegt die EU mit 3,94 Millionen USD je Quadratkilometer. Es folgen die USA mit 1,71 Millionen und China mit 960.000 USD. Auf den hinteren Rängen liegen Australien (196.000 USD) und Kanada (138.000 USD), die ähnlich Russland große unbesiedelte Gebiete haben. Das Schlusslicht ist gleichwohl Russland mit einer Bodennutzungseffizienz von nur 124.000 USD je Quadratkilometer.

Russlands Wirtschaftskraft entspricht der eines Schwellenlandes

Wie wir es drehen und wenden – eine Erkenntnis bleibt immer bestehen: Russland war bereits vor den Krim-Sanktionen ein wirtschaftlicher Scheinriese.

  • Es belegte 2013 in der Bruttoinlandsleistung nur Rang 11 noch hinter Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Brasilien.
  • Bezogen auf die Leistungsfähigkeit seiner Bürger findet sich Russland gerade einmal auf Rang 27 und damit nur knapp vor Ländern wie Polen, Mexiko und der Türkei.
  • In der Effizienz seiner Flächennutzung bewegt es sich weit hinten im mittleren Bereich der 40er.

Dieser wirtschaftliche Scheinriese, den wir – um im eingangs gezeichneten Bild zu bleiben – angesichts seiner tatsächlichen Leistungsfähigkeit im Vergleich zu jenen, mit denen er gern konkurrieren möchte, zu Recht als „Kellerkind“ bezeichnen können, beklagt sich nun ständig darüber, vom Rest der Welt nicht ernst genommen zu werden. Dabei reicht der bloße Blick auf die objektiven Zahlen des Jahres 2013, um im Weltmaßstab die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit Russlands nachvollziehen zu können. Wirtschaftlich gibt es kaum einen ernsthaften Grund, Russland auf Händen zu tragen. Eher wäre ihm massiv unter die Arme zu greifen – wenn es denn diese Notwendigkeit erkennte und es zuließe.

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