Der Anti-Merkel wird österreichischer Bundeskanzler

Nun ist Sebastian Kurz nicht nur der jüngste Außenminister, sondern mit dem Wahlsonntag vielleicht der jüngste Regierungschef der Welt. Deutschlands derzeitige Führungselite hingegen wirkt wie eine geriatrische Clique auf Rekonvaleszenz.

© Joe Klamar/AFP/Getty Images

Während viele Medien hierzulande Österreich Sebastian Kurz in die rechte Ecke schieben, Nationalismus und Rechtsruck inklusive, die Wahl als Debakel des Anti-Demokratischen illustrieren, das dem Deutschen Liberalismus diametral entgegenläuft, betritt mit einem möglichen Bundeskanzler Sebastian Kurz hingegen ein Antimachiavell die politische Bühne, der mit frischem Wind segelt.

Sebastian Kurz ist so etwas wie der Ferrari unter den Politikerin. Elegant, eloquent, schnell und vor allem mit Design. Schon titeln die Medien vom Donau-Messias. Wo Kurz erscheint, bebt die Masse. Kurz hat etwas von einem Rockstar mit einem ausgeprägten Anti-Merkel-Effekt.

Nach Österreich die Deutschlandfrage
hart aber fair: Wer kann Kurz? Boris Palmer vielleicht?
Roland Barthes schrieb einstmals ein viel beachtetes Buch: die „Mythen des Alltags“, und darin postulierte er den Citroën als neuen Mythos und stellte ihn in die Tradition der gotischen Kathedrale. War diese einst Leuchtzeichen einer aufstrebenden Kultur, so wurde der neue Citroën zum Inbegriff einer exklusiven Moderne und zum Kultdesign des 20. Jahrhunderts, zum Modernitätssignal einer aufbrechenden, disruptiven Avantgarde.

Ein Mythos ist der 31-jährige Kurz zwar noch nicht, aber er könnte einer werden. Die etablierte politische Welt betrachtet ihn argwöhnisch, verachtet ihn und stellt ihn als eitlen Snob in die rechte Ecke. Aber Kurz ist eben eines nicht: ein Pendant zu Robert Musils Romanfigur „Ulrich“, ein Mann ohne Eigenschaften, der wie ein Pendel hin und her schlägt und sich jeder konkreten Festlegung entzieht, um sich neue Optionen und Konstellationen offen zu halten.

Während die Schulz’ und Merkels dieser Welt permanent auf Sicht fahren, das Taktieren, das Palavern, die Intrige und die rhetorische Sophistik wie eine Klaviatur hoch und runter spielen und eine Politik des langen Atems bis zur Erschöpfungslosigkeit auffahren, bis hin zur Ödnis, zur politischen Einöde und Eindimensionalität, ist Kurz bei allen seinen Entscheidungen eben kurz und prägnant.

Vom Underdog ins Zentrum der Macht

Ernst Cassirer würde ihn gar als einen verstehen, der symbolisch agiert, in dem sich symbolische Prägnanz und symbolische Form, Wahrnehmung Tatsachenerfahrung, eben politische Realität und ein aufgeweckter, kreativer und beweglicher Geist miteinander vereinen. Anders gesagt. Kurz entwirft nicht in die Zukunft hinein, sondern reagiert auf tagespolitischer Bühne, auf das, was der Fall ist. Und er macht es besonnen, aber nicht ohne perfekte Inszenierung; und seinen politischen Gegnern zum Trotz, tut er das nicht unreflektiert, sondern vielmehr spielerisch und galant, ein Österreicher eben, den nicht der politische Apparat ins Amt gespült hat, der nicht im Netzwerk aufgefangen und in der Macht installiert wird, sondern der den amerikanischen Traum vom Underdog zur politischen Spitze durch die Mühen der Ebene hindurch peu à peu geschritten ist, vom Arbeitermilieu der unterprivilegierten Wiener Vorstadt ins Zentrum der Macht.

Damit verleiht er auch der Politik und insbesondere der Politik als Beruf einen seidenen Glanz, eine Dynamik, die sich radikal von dem unterscheidet, was uns sonst als das Politische und Gestaltende gegenübertritt. Kurz ist eben ein brillanter Pragmatiker von besonnenem Schlag, einer, der nicht auf Zeit spielt, sondern eben ein echter Problemlöser. Ob beim Kopftuchverbot oder bei der Schließung der Balkanroute, der Außenminister ist kein rechter Stimmungsmacher, sondern einer, der sein Ohr ganz dicht beim Volk hat, der wie ein Seismograph tektonische Verschiebungen, Brüche und anbahnende Erdbeben sowohl hören, bewerten und logische Urteile daraus zu schließen vermag.

 

Ein Politiker im Sinne Max Webers

Was Kurz ausmacht, ist seine strahlende Offenheit, die jugendliche Hingabe und das, was Politikern eben meist fehlt, die schnelle Reaktion und blitzschnelle Aktion. Klassifizieren lässt sich der dynamische ÖVP-Politiker daher nicht als Gelegenheits- oder Nebenberufspolitiker, sondern der langjährige Außenminister Österreich ist in vollem Umfang das, was man unter einem Berufspolitiker versteht, der genau im Weberschen Sinne auf die wechselseitige Durchdringung von Gesinnung und Verantwortung setzt. Anstatt in der Flüchtlingskrise bestimmungslos sich treiben zu lassen, die Staatsordnung in ein instabiles Gefäß zu verwandeln, setzte Kurz auf Härte, verwechselte nicht den ethischen Imperativ der Gesinnung, das moralisch Richtige zu tun, mit dem politisch viel prägnanteren Begriff der Verantwortung, die Folgen des Handelns zu bedenken. Als galante Mischung zwischen Verantwortung und Gesinnung erfüllt dann Kurz auf das hehre Ideal, das Max Weber dem Beruf des Politikers attestierte: Erstens die sachliche Leidenschaft, zweitens das Verantwortungsgefühl und drittens das distanzierte Augenmaß.

Der Abschied von der „Welt von Gestern“

Mit Sebastian Kurz feiert Österreich seine neue Wiedergeburt und zugleich einen Abschied von der „Welt von Gestern“, vom Hauch dogmatisch-religiöser Umflankungen, vom Biedermeier der Alpenrepublik. Sondern mit ihm, dem Rockstar unter den Politikern, der ganze Arenen füllt, gewinnt Felix Austria jenem Charme zurück, der das Land auch für viele junge Bundesbürger immer mehr attraktiver macht. Das bedeutet für sie, in einem Land zu leben, wo sich Tradition, Heimat und zugleich Weltoffenheit die Hand reichen. Und mit Kurz sowie auch mit dem Kanadischen Premierminister Justin Pierre James Trudeau geht ein frischer Wind durch die dunklen Räume der Politik, wechselt ein junges Gesicht die verkrusteten Tapeten der Macht aus und verleiht dem Herbst eine wundervolle bunte Fülle.

Die Bewährungsprobe beginnt jetzt
Sebastian Kurz vor schweren Wochen oder Monaten
Nun ist Sebastian Kurz nicht nur der jüngste Außenminister, sondern am heutigen Sonntag vielleicht der jüngste Regierungschef der Welt. Deutschlands derzeitige Führungselite hingegen wirkt dagegen wie eine geriatrische Clique auf Rekonvaleszenz, die sich im Untergangskampf reflexionslos in Selbstgefälligkeiten und eitler Schuldlosigkeit gefällt, die sich in Jamaika biegt, um die Macht nicht zu verlieren, gleichwohl der Wählerauftrag deutlich in eine andere Richtung weist. Jamaika bleibt ein politischer Albtraum und die Wähler werden das in vier Jahren rigoros bestrafen.

Das „Arbeitstier“ und der Antimachiavell

Das „Arbeitstier“ Kurz hat hingegen hat einen quasi Nietzscheschen Willen zur Macht. Die Gabe, Niederlagen in produktive Energie zu verwandeln, um die verknöcherten Geister von der politischen Oberfläche im Nirwana versinken zu lassen. Und das ist gut für Österreich, gut für eine neue heraufziehende Politik mit frischen Gesichtern, die den Muff von Selbstinszenierung, Selbstgefälligkeit, monarchischen Herrschaftsanspruch samt Realitätsverweigerung in den Orkus der Geschichte wirft.

Nun beginnt sie wohl, die „Zeit für Neues“ und die Zeit der neuen Mythen, für die Sebastian Kurz das neue Symbol konservativer und wertorientierter Politik ist. Der neue Bundeskanzler ist kein Phönix aus der Asche wie Bundeskanzlerin Merkel, sondern steht für einen neuen Typus von Politik. Kurz ist der neue Antimachiavell und schließt damit den Bogen zu Preußens aufgeklärtem Regenten Friedrich II., selbst wenn dieser die mit Voltaire gemeinsam verfasste Schrift später als Jugendwerk abtat. Auch Kurz wird noch manche Hürde im politischen Wettstreit überwinden müssen, die Hoffnung bleibt, dass ihm dies gelingt.

 


Stefan Groß ist Herausgeber und Publizist.

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Kommentare ( 26 )

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Nicht nur in Sachen FPÖ ist uns Österreich 30 Jahre voraus, sondern auch in Sachen Demokratie !

Schaun wir mal. Was die Deutschen betrifft habe ich jedenfalls keine große Hoffung. Wir sind keine Revolutionäre und haben zu oft zu lange mitgemacht und geschwiegen. Und wenn man sich die Wahlergebnisse der letzten Jahre anschaut…! Ich halte es da doch eher mit Schopenhauer, der sagte: „Ich lege hier für den Fall meines Todes das Bekenntnis ab, dass ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwänglichen Dummheit verachte und mich schäme, ihr anzugehören …“
Anscheinend hat sich seit dem nicht viel geändert. Aber sollten Sie recht haben, was ich mir wünschen würde, um so besser!

Ja, der gute alte Schopenhauer ….. interessant die Vokabel „überschwänglich“ ..meine Erinnerung an die endlosen Analysen seiner Werke in der damaligen Oberstufe / Kurs /deutsche Geschichte u. ihre Meister , könnten sich auch mit dem Ausdruck schmücken… Ich frage mich schon seit Jahren ob es sich wirklich nur historisch begründen läßt , dass die deutsche Seele so wenig Selbstvertrauen besitzt. Für mich schwer zu verstehen , da die Heimat meiner Eltern in der heutigen russischen Föderation liegt …Vergleiche anzustellen habe ich da längst aufgegeben . Irgendwann bin ich aber zu der Einsicht gelangt; und da stimme ich mit Ihnen überein….eine… Mehr

Doch erstaunlich diesen Artikel in TE zu lesen. Hätte da lieber dafür die
Bunte vorgeschlagen. Ich halte es wie Helmut Kohl: Entscheidend ist was
hinten rauskommt.

Fand die Konstruktion auch eher seltsam, nur weil beide keine halbgreisen Präfossilien sind. Trudeau ist Kaisers neue Kleider in Reinform.

Und? Orban hat auch auf Soros Kosten studiert, was ihn jetzt nicht daran hindert, sehr viele gute Dinge zu tun.

Kurz war aber Realist genug, schon während des Sommers 2015 zu erkennen, dass die derzeitige Haltung wahnsinnig ist. Er ist ruhig geblieben, trotz der allgegenwärtigen Europhorie, was nicht viele von sich behaupten können. Ab da hat er konsequent das Richtige getan. Ich denke, man wird ihm eine Jugendsünde verzeihen können.

Ohne Druck der FPÖ, die teilweise bei bis zu 34% lag, wäre diese Entwicklung bei Kurz so gut wie undenkbar. Das darf man nicht vergessen. Danke dafür, FPÖ.

Sehr richtig. Im Übrigen hat Trudeau auch migrationspolitische Positionen, die mit „naiv“ noch sehr wohlwollend umschrieben sind. Zum Glück scheint Kurz und ihn bisher nur ihr junges Alter und ihr Charisma zu verbinden.

Hoffentlich ist das so.

Der linke Humor schlägt erbarmungslos zurück! Besonders der gefürchtete deutsche, so titelte „Titanic“ mit Kurz im Fadenkreuz „Baby-Hitler töten!“. Da lässt sich die linke österreichische Satire-Fachzeitschrift „Falter“ auch nicht lumpen, rückt ebenfalls Kurz aufs Titelbild und nennt ihn liebevoll „Neofeschist“.

Satire darf also wirklich alles, auch im Spass einfach erschiessen. Solange es nur die Richtigen trifft. Helau!

Von „liebevoll“ ist beim „Falter“ niemals die Rede ! Ein abgrundböses, linkes Machwerk, – diese Zeitung -, das sogar gewaltbereite Anarchos unterstützt, und nur überleben kann, weil es durch nicht nachvollziebare „Förderungen“ und bezahlte Inserate von der verfilzten Wiener SPÖ am Leben gehalten wird. Dieses Druckwert „Falter“ ist ein Zombi, der in einer marktwirtschaftlichen Umgebung niemals erscheinen würde. Ich komm aus Wien. Ich kenn mich aus in dieser Hochburg der Korruption, der Niedertracht und des politischen Rot-Sumpfes. Amen.

Wo ist der Aufschrei der deutschen linientreuen Medien gegen östrereichische Wähler? Trauen sie sich nicht mehr, oder kommt jetzt ein Umdenken? Heute schweigen im Walde obwohl die Vorschläge von Övp und Fpö die gleichen sind wie in Deutschland von AFD. Heute habe ich ausnahmsweisse sogar Spon angeklickt-nichts.

Schreiben Sie bitte eine Abhandlung über Anti?-Macciavell, Frerrari, Citroën, Barthes Cassirer, Nietzsche’s Willen zur Macht- stöhn-und setzen sie dies dann
in Verbindung dazu, weshalb Friedrich der 2. seine gemeinsame Schrift mit Voltaire als Jugendwerk ablehnte?

Kurz um: Da hat wohl einer nicht ganz kurz PHOPOSPOHIE bis zum Nirwana studiert.

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