„Brudi“: Öffentlich-rechtliche Pädagogik mit dem Holzhammer

Der öffentlich-rechtliche Jugendkanal "Funk" hat die Netz-Talkshow "Brudi" gestartet. In der ersten Folge geht es ums Lügen. Die Resonanz auf YouTube lässt den Verdacht aufkommen, dass die Öffentlich-Rechtlichen genau das aber getan haben.

Jennifer Endom
Die Brudi-Moderatoren Leon, Ken und Soufiane

„Orientierungsformat“. Was für ein Wort. Es klingt nach Erziehungsfernsehen. Also dem, was rechtsradikale Verschwörer ARD und ZDF unterstellen, wenn die ihrem Informationsauftrag nachgehen. Allerdings stammt diese Vokabel von den Öffentlich-Rechtlichen selbst. Als „Orientierungsformat für junge Männer“ kündigen sie die neue Show „Brudi“ an, die vorerst nur im Netz zu sehen sein wird.

Was in der Ankündigung wie verstaubtes Staatsfernsehen daherkommt, wirkt in der Realität wie der Versuch alter Produzenten, eine junge Show zu schaffen: Wie schon in den 90ern des letzten Jahrhunderts auf Viva sollen Schnitte und bewegliche Kameras Tempo suggerieren. Wie bei TV-Total werden Beiträge aus anderen Formaten hineingeschnitten, um so das Geschehen scherzhaft zu kommentieren.
Letztlich sitzen die drei Gastgeber Ken, Souf und Leon auf einem Sofa und unterhalten sich über ein vorher ausgewähltes Thema. Den größten Teil der Folge macht ein Quiz aus.

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In der ersten Folge vom 6. Dezember geht es um Lügen. Hört sich zäh an, ist auch so und lässt die 13 Minuten und 17 Sekunden zu einer kleinen Ewigkeit werden. Um das Treiben zu strukturieren, sollen die Moderatoren und ein Gast eine Lüge erraten, die jeweils auf dem Gewissen eines der Gastgebers lastet. Die Lügen sind banal: einen Luxusurlaub vorgegaukelt, den es so nicht gab. Plagiierte Klamotten aus Marokko als echt ausgegeben. Oder mit einem Shooter-Game geprahlt, das einem gar nicht selbst gehörte.

Was in der Idee subtil als Botschaft verkauft werden soll, kommt in Wirklichkeit als Pädagogik mit dem Holzhammer daher: Du musst dich nicht schämen, wenn du dir Luxus nicht leisten kannst! In kommenden Folgen soll es um Fragen gehen wie: „Kein Geld?“ oder „Kein Sixpack?“ oder „Keine Beziehung – oder auch gar keine Lust drauf?“. Und es wäre nicht Funk, wenn nicht auch die Frage dabei wäre: „Kein Hengst im Bett?“

Die Moderatoren verkauft Funk als Vertreter von Stereotypen: „Ken interessiert sich beispielsweise für Fashion und Gaming.“ Oder: „Leon, der früher Teil des erfolgreichen YouTube-Formats ‚Grischistudios‘ war, brennt für Fitness“, heißt es in der Pressemitteilung. Wobei von Souf gesagt wird: Er „kommt aus der Welt der Finanzen“. Soufiane Mohamedi ist 22 Jahre alt, hat ein Zertifikat, das ihn als Edelmetallberater ausweist und ist laut Sender gelernter Sozialversicherungsfachmann. Der „coole Business-Mann“ berate eine Wirtschaftskanzlei. Für ihn spreche, dass er „absolut keinen Bock auf Macho-Gehabe“ habe.

Funk kündigt an, neue Folgen würden wöchentlich erscheinen. Die erste Folge hatte nach anderthalb Tagen auf YouTube noch keine 3.500 Abrufe. Dafür aber sehr gute Kommentare: „Reflektierte Unterhaltung! Sehr cool“, schwärmt etwa Krypto Sidis, ein YouTube-Kanal, der ganze 2 Abonnenten und bislang (Stand 8. Dezember, 11.30 Uhr) noch keine Inhalte hat. Auch Loui S findet: „Coole erste folge!“, er hat zwar nur einen Abonnenten, dafür aber eine Playlist mit „Qeerfeministischer Musik“. Und auch der Kanal d da benutzt das Wort „cool“ für „Brudi“. Dieser Kanal hatte am 8. Dezember weder Inhalte noch Abonnenten.

Weitere Nutzer loben den Beitrag – allerdings verbindet auch viele von ihnen etwas mit der gebührenfinanzierten Welt von Funk. „Brudi“ kommt also offensichtlich vor allem bei Funk-Mitarbeitern an. Und bei Kanälen mit sehr wenig Inhalten und Ressonanz. Die Frage liegt nahe: Haben da womöglich Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eines öffentlich-rechtlichen Angebotes Fake-Accounts angelegt, um die eigenen Inhalte zu pushen? Wäre das nicht eine Lüge? An der Stelle ist vielleicht ein wenig Pädagogik mit dem Holzhammer angebracht: Du brauchst nicht zu lügen, Funk, nur weil deine Angebote kaum einer sehen will.

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Kommentare ( 18 )

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18 Comments
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cernunnos
1 Monat her

Na wie praktisch für solche Formate, dass die Negativ-Bewertung auf Youtube für den Nutzer nicht mehr einsehbar ist.

Btw: mein „Kanal“ auf youtube hat auch null Inhalte und null Abos. Weil es, wie die meisten dort, einfach nur ein Account zum Kommentieren ist.

StefanB
1 Monat her

Hier ein weiteres zwangssubventioniertes Exemplar des Propagandasenders funk, das sich fleißig darin übt, an das ohne Punkt und Komma dummschwatzende Plappermäulchen (ja das!) heranzukommen. Anschauen nur für besonders Abgebrühte zu empfehlen!

https://youtu.be/HjRwG2-s1RU

Axel Kostner
1 Monat her

Witzigerweise werden Kommentare, die nicht die Sendung bejubeln bereits nach weniger als einer Minute gelöscht. Ich hatte soeben den Selbstversuch gemacht und folgendes unter das Video geschrieben: „Liest man die Jubel-Kommentare unter diesem Video, drängt sich der Eindruck auf, dass die versammelte Funk-Redaktion mit wechselnden Accounts aktiv ist.“ Nach einer Minute nicht mehr aufzufinden! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Gernoht
1 Monat her
Antworten an  Axel Kostner

Das kann jetzt aber nicht sein. Als Gebührenzahler darf man wohl auf der Veröffentlichung seines Kommentars bestehen oder gibt es einen Nachlaß wie bei nicht stimmberechtigten Aktionären?

Hannibal Murkle
1 Monat her

„Die Lügen sind banal: einen Luxusurlaub vorgegaukelt, den es so nicht gab“

Das ist nicht banal, sondern sensationell – letztes Jahr sah ich in einem evangelischen Dom in Norddeutschland Propaganda-Zeichnungen kleiner Kinder, darunter „Weltuntergang für 500 EUR gebucht“ – gemeint war ein Flugurlaub, den es so wirklich gab und für die gewisse Sekte wohl eine Todsünde darstellt. Diese Brudi gefallen mir, endlich normale Leute.

Flik Flak
1 Monat her

Schön, dass TE mir immer wieder einmal Einblick in fremde Welten ermöglich. Von selber währe ich da bestimmt nicht vorbei gekommen. Mit dem Interesse des Insektenforschers habe ich da mal drauf geklickt, *** also das ist selbst mir zu heftig!

ketzerlehrling
1 Monat her

Lügen lernen von Nachwuchslügnern.

Bonzo der Grosse
1 Monat her

Sollen wir uns nun den Funk-Beitrag auf Youtube ansehen, die Abrufe hochtreiben und das Elend kommentieren? Oder sollen wir den Ken, den Leon und den Souf weiter schön in Ruhe lassen und sie mit unseren Gebührengelder aushalten? Fragen über Fragen…

Last edited 1 Monat her by Bonzo der Grosse
Hannibal Murkle
1 Monat her
Antworten an  Bonzo der Grosse

In alten jüdischen Witzen gibt es die Posten eines Wärters, der nach dem Messias Ausschau halten soll – damals waren NGO-Stellen noch unbekannt. Die moderne Version – konservative Berichterstatter, die nach einer bürgerlichen ÖR-Sendung Ausschau halten. Ich wette, der Messias kommt früher.

Andreas
1 Monat her

Für acht Milliarden Euro pro Jahr hätten wir nach spätestens fünf Jahren neue funktionierende sichere Kernkraftwerke mit Strompreisen um zwei Cent /KWh für den Endverbraucher. Stattdessen werden wir vom StaatsTV mit Dreck zugeschmissen. Ist es eigentlich normal, dass die Dümmsten glauben, alle normalen, vernunftbegabten Bürger belehren zu müssen?

FerritKappe
1 Monat her

Alleine schon der Titel. Zum Glück wurde der Rundfunkbeitrag erhöht, sonst müsste die Welt ohne solchen Hirndurchfall auskommen.

Oneiroi
1 Monat her

Soufiane Mohamedi mit Edelmetallberaterzertifikat.:D. Das ist der Witz, wenn man sich ein bisschen mit den Machenschaften im Edelmetallsektor auskennt, und weiß, was da teils für Invesitionsprodukte angeboten wurden und immer noch werden. Das Format könnte die erwartbare Reaktion auf die Popularisierung der Manosphäre (RotenPille) im Englischsprachigen und das aktuelle Rüberschwappen in den Deutschprachigen Raum sein. Sollte das der Fall sein, wäre das eine interessante Strategie um der aktuellen Entwicklung bei den Geschlechterverhältnissen (MGTOW; Rückgang Geburtenrate, Eherate usw.) entgegen zu wirken. Deutschland kann sich jedenfalls nicht in selbem Ausmaß wie die USA einen weiteren Geburtenrückgang leisten. Peinlich wäre, wenn die wirklich… Mehr

Gernoht
1 Monat her
Antworten an  Oneiroi

Diese Edelmetallfilialen fanden sich schon immer so um die Bahnhöfe herum.