Heiner Müller – Zweiter Clown im Kommunistischen Frühling

Ein kühl-analysierender Dichter, wie Heiner Müller es war, fehlt unserer Kultur. Aus der Spannung zwischen der Utopie einer gerechten Gesellschaft, dem stalinistischen Terror und der darauf folgenden staatsbonapartistischen Dekadenz der DDR entstanden seine Texte.

imago images / gezett
Heiner Müller in der Literaturwerkstatt Berlin 1994

„Die erste Gestalt der Hoffnung ist die Furcht, die erste Erscheinung des Neuen der Schrecken“, parodierte der Dramatiker Heiner Müller in den Anmerkungen zum Lehrstück „Mauser“ 1970 die bekannte Zeile aus Rilkes Erster Duineser Elegie. Den Schrecken hatte er von kleinauf erlebt und das Ausgestoßensein auch, seine früheste Erfahrung, die eines Parias.

Müllers Vater, Sozialdemokrat, verschleppten die Nationalsozialisten ins KZ. Der Sohn sah den allmächtigen Vater ohnmächtig hinter dem Stacheldraht und verstand nicht, warum der nicht einfach aus dem Lager heraustrat. In der Nacht sprach der Sohn im Schlaf, wie ihm später die Mutter berichtete, und rief: „Spring doch über den Zaun.“ Nach der Entlassung aus dem KZ erzählte der Vater dem Sohn einige Geschichten aus der Haft. So wurden als erstes den Häftlingen die Haare geschnitten, quer über den Kopf, die sie „Autobahnschneiden“ nannten, um dann „Verbrecherfotos“ zu machen, die dann in der lokalen Presse erschienen waren, mit Kommentaren wie: „Das sind die Bolschewisten, die euren Kindern die Milch und euch eure Frauen wegnehmen wollen.“ Was das Kind allerdings sehr schnell begriffen hatte, war, dass Mitschüler mit dem Kind des politischen Häftlings nicht spielen durften, weil deren Eltern keine Kontaktschuld auf sich laden wollten. 

Dem Volkssturm und der amerikanischen Kriegsgefangenschaft konnte sich der Sechzehnjährige entziehen. Das Neue, das kam, brachte die schreckliche Utopie einer gerechten Welt mit sich. Als der Vater nach Westberlin ging, wie manch anderer Sozialdemokrat auch, weil er nicht wieder eine totalitäre Diktatur erleben wollte, zog es den Sohn nach Ostberlin, ins Zentrum dieser Diktatur. Der werdende Dichter sah in ihr „eine Diktatur um den Preis des Aufbaus einer neuen Ordnung, die vielleicht noch entwickelbar ist, eine Diktatur gegen die Leute, die meine Kindheit beschädigt hatten.“ Die DDR war sowohl ein Unrechtsstaat, als auch ein Staat mit Utopieüberschuss, man versteht sie nur, wenn man die Spannung zwischen Unrecht und Utopie begreift, denn die Utopie wurde zur Rechtfertigung für das Unrecht. Als die DDR die Utopie verlor, blieb nur das Unrecht über. 

Nichts anderes als Dichter wollte er werden – und das wurde er. Auch wenn Brecht ihn nicht als Meisterschüler annahm, tummelte sich der angehende Dramatiker im Umkreis der Berliner Theater und hielt sich finanziell als Mitarbeiter des Sonntag, der kulturpolitischen Zeitung des Kulturbundes, und der Zeitschrift des Schriftstellerverbandes, neue deutsche literatur (ndl), über Wasser. 

Aus der Spannung zwischen der Utopie einer gerechten Gesellschaft und dem erst stalinistischen Terror und der darauf folgenden staatsbonapartistischen Dekadenz heraus entstanden seine Texte. 

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Ein Ausgestoßener blieb er, er gehörte dazu und gehörte doch nicht dazu. Wenn der Brigadier Barka in dem Anfang der sechziger Jahre entstandenen Stück „Der Bau“, das dann auch auf dem 11. Plenum des ZKs der SED 1965, dem so genannten Kahlschlagplenum, verboten wurde und erst 1980 in der DDR uraufgeführt werden konnte, sagt: „Ich bin das Ponton zwischen Eiszeit und Kommune“, markierte das Müllers Standpunkt zwischen der Vorgeschichte der Menschheit, in der er sich immer noch wähnte, und dem Reich der Freiheit und Gerechtigkeit, das freilich Utopie bleiben musste. In einer früheren Fassung stand statt Ponton noch Fähre, doch nach den Erfahrungen des Stalinismus, der für ihn die eigentliche Tragödie darstellte, kam ihm die Fähre zu idyllisch vor. In seiner Geschichtsästhetik stellte die Verwirklichung der Utopie einen Akt der Befreiung der Toten dar – und zwar der Erlösung zerstörter Hoffnungen. Der kommunistische Frühling brach nicht an, das Ponton – allein schon eine allzu kühne Metapher – existierte nicht, das Neue war nur der neue Schrecken, den Müller am verkommen Ufer kommunistischer Eiszeit erlebte. Müllers Fach war nicht die Komödie, sondern die Tragödie, auch wenn ihm durchaus vertrackt-komische Szenen gelangen wie in dem Stück „Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande“, das gleich nach seiner Uraufführung verboten wurde. Im Grunde lebte Müller bis zum Ende der siebziger Jahre mit Aufführungsverboten. 

„Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa“, beginnt das 1977 verfasste Stück „Die Hamletmaschine“. Später wird Müller einmal auf eine Formulierung von Ferdinand Freiligrath, einem Dichter des deutschen Vormärz, anspielen. In seinem Gedicht „Hamlet“ von 1844 heißt es: 

Deutschland ist Hamlet! Ernst und stumm

In seinen Toren jede Nacht

Geht die begrabne Freiheit um

Und winkt den Männern auf der Wacht.

Da steht die Hohe, blank bewehrt,

Und sagt dem Zaudrer, der noch zweifelt:

»Sei mir ein Rächer, zieh dein Schwert!

Man hat mir Gift ins Ohr geträufelt!«

Er horcht mit zitterndem Gebein,

Bis ihm die Wahrheit schrecklich tagt;

Von Stund‘ an will er Rächer sein –

Ob er es wirklich endlich wagt?

Er sinnt und träumt und weiß nicht Rat;

Kein Mittel, das die Brust ihm stähle!

Zu einer frischen, mut’gen Tat

Fehlt ihm die frische, mut’ge Seele!

Zwei Jahre später, 1979, begrub Heiner Müller seine Hoffnungen in dem Stück „Der Auftrag“, das im Untertitel nicht zu Unrecht „Erinnerung an eine Revolution“ heißt. Damit war alles gesagt. 

Nach dem Ende der DDR kämpfte der Dramatiker mit Schreibblockaden. Dass er überhaupt noch dichtete, für das Theater arbeitete, lag daran, dass eben jenes Theater zwar siechte, aber so schnell noch nicht sterben konnte. Doch mit der DDR verschwand letztlich das DDR-Theater, mit der alten Bundesrepublik auch das Theater der Bundesrepublik und insgesamt das Theater überhaupt. Es existieren zwar noch Bühnen in Deutschland, aber kein deutsches Theater mehr.

„Theater, denen es nicht mehr gelingt, die Frage ,Was soll das´ zu provozieren, werden mit Recht geschlossen“, schrieb der Dichter 1994 am „Vorabend des Todes“. Theater fragt inzwischen nicht mehr „Was soll das?“, sondern verkündet nur noch als Haltung „So ist das!“.

Als Heiner Müller fünf Jahre nach dem Ende der DDR starb, zog sich der andere große Theater-Autor, Botho Strauß, zur gleichen Zeit in die Uckermark, in ein inneres Exil zurück. Zwei Jahre vor Müllers Tod erschien im Spiegel Straußens Essay „Anschwellender Bocksgesang“, der zu einer totalitär-linksliberalen Jagd auf den Dichter führte. 

Beide, Müller und Strauß, der Ostdeutsche und der Westdeutsche, die einander völlig fremd waren, verließen ein sterbendes Theater. 

Die Wirklichkeit geht, die Moral kommt
In einem Text aus dem Jahr 1990 zitierte Müller den amerikanischen Journalisten Philipp Roth, der um 1985 in Ost- und Westberlin recherchiert hatte, mit dem Satz: „Im Osten kann man alles schreiben und nichts publizieren. Im Westen kann man alles publizieren und nichts schreiben.“ Und kommentierte dann: „Weil es keine Erfahrung gibt. Hier gab´s sehr viel Erfahrung, positive und negative, in den letzten Jahren zunehmend negative. Auch die Erfahrung des Scheiterns ist ein großes Kapital, das ist jetzt ein ungeheures Material für Kunst. Ich denke schon, dass es eine Menschheitserfahrung ist, dieses Scheitern.“

In dieser Erfahrung des Scheiterns, die Müller nicht mehr zu verarbeiten vermochte, liegt auch der Grund für die Skepsis und Distanz vieler Ostdeutschen der Regierung und den Medien gegenüber. Aus der Erfahrung des Scheiterns heraus spüren sie die große gesellschaftliche Krise, in die Deutschland fällt, möglicherweise auch das Scheitern des wiedervereinigten Deutschlands, weil das deutsche Establishment sich als unfähig erweist, mit diesem wiedervereinigten Deutschland produktiv umzugehen, und deshalb verunsichert vor der Größe der historischen Aufgabe in honette Träume flüchtet. Wieder einmal verliert das deutsche juste milieu die Verbindung zur Wirklichkeit und gleitet in eine Welt aus Ideologie und Selbstgerechtigkeit. In Deutschland mit seiner paradoxen Liebe zur Romantik und zu Verboten gleichermaßen steigert man sich – zum wievielten Male schon? – in einen Traum hinein, so u.a. mit eingespartem CO-2 als neues Mittel der Weltbeherrschung – und scheut die Realität als eine einzige Zumutung.

Die neue Ideologie lautet: Was brauchen wir mehr als Sonne und Wind. Ein Mechanismus scheint in Gang gekommen zu sein, in dem die sogenannten Eliten Wirklichkeit nur noch als Verschwörungstheorie wahrzunehmen vermögen. Die deutschen Zustände werden, um einen Gedanken Hegels zu zitieren, immer unwirklicher, weil sie sich vom Notwendigen abwenden, also auch von dem, was die Nöte der Corona-Pandemie und überhaupt kommende Nöte wenden könnte.

Ein kühl-analysierender Dichter, ganz gleich, ob von „links“ oder von „rechts“, wie Heiner Müller es war, fehlt unserer Kultur. Der Literaturbetrieb unternimmt inzwischen alles, um Literatur zu verhindern, denn Literatur kennt keine Rücksichten, alles was für sie maßgebend ist, ist die Wirklichkeit als Material des Ästhetischen. Doch die disparate Wirklichkeit scheuen die neuen Indexbeamten in den Feuilletons und in manchem Verlagshaus wie der Teufel das Weihwasser. Sie haben die grüne Verbotsideologie übernommen und hassen im Grunde die Unberechenbarkeit der literarischen Produktion. Die ist, sofern Literatur entsteht, immer anarchistisch, weil sie sich an dem Material, das Wirklichkeit heißt, orientiert und nicht an den ideologischen Vorgaben eines neudeutschen Biedermeiers. 

Während Bertolt Brecht, Müllers großes Vor- und Gegenbild, in die Literaturgeschichte gewechselt ist, ist Heiner Müller immer noch eine Tatsache der Literatur. 

Manches von dem, was ich begeistert als Student in den achtziger Jahren geradezu aufgesogen habe, ist mir heute fremd oder merkwürdig verfremdet, anderes trifft mich aus einer unerwarteten, unvertrauten Perspektive. 

Eins allerdings muss man wissen: Zu seinem Werk gehören nicht nur Gedichte, Prosatexte, Dramen, sondern auch eine Vielzahl von Interviews und Gesprächen, die dichterische Qualität besitzen, in Wahrheit angewandtes Drama, Lehrstück, Clownerie, Metapher, Provokation sind. Die Metapher wurde für Heiner Müller zum Ort der Freiheit. Manches deutet daraufhin, dass wir uns wohl wieder daran zu erinnern haben werden. Bereits 1988 stellte der Dichter fest: „In Europa gibt es ein zunehmendes Bedürfnis, das eigene Gedächtnis auszulöschen.“

Heiner Müller bleibt auch zwanzig Jahre nach seinem Tod einer der großen Wiedergänger der deutschen Literatur. 

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Kommentare ( 3 )

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3 Comments
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Sina Gaertner
17 Tage her

„Heiner Müller bleibt auch zwanzig Jahre nach seinem Tod einer der großen Wiedergänger der deutschen Literatur.“
Es sind 25 Jahre. Nichts für ungut.
Allen hier im Forum und der Redaktion einen guten Rutsch und auf ein Neues!

Lucky Gschwendtner
18 Tage her

„Ein Mechanismus scheint in Gang gekommen zu sein, in dem die sogenannten Eliten Wirklichkeit nur noch als Verschwörungstheorie wahrzunehmen vermögen.“
Was für ein Satz. Volltreffer, Danke.

IJ
15 Tage her
Antworten an  Lucky Gschwendtner

D’accord. Besser kann man den aktuellen politischen Zeitgeist nicht in einem Satz beschreiben.