Die Geschichte der US-Raumfahrt, die zu Beginn des Buches erzählt wird, scheint auf den ersten Blick nicht viel mit den Problemen Deutschlands und der EU zu tun zu haben – auf den zweiten wirken die Parallelen faszinierend. Rainer Zitelmann beschreibt den Übergang vom teuren staatlichen Raumfahrtprogramm zu dem sehr viel günstigeren marktwirtschaftlichen Ansatz.
Tichys Einblick: Herr Zitelmann, bevor wir uns dem Kern Ihres neuen Buches „Weltraumkapitalismus“ nähern – woher stammt Ihre Begeisterung für das Thema?
Rainer Zitelmann: Die erste Zeitung, die ich im Alter von elf Jahren gründete, hieß „Galaktische Zeitung“. Mein ganzes Interesse galt damals der Raumfahrt und der Astronomie. Das Interesse ist vor einigen Jahren neu erwacht, weil es kein besseres Beispiel gibt als die Raumfahrt, um die Überlegenheit von privatem Unternehmertum gegenüber staatlichen Organisationen zu veranschaulichen.
Die Geschichte der US-Raumfahrt, die Sie zu Beginn des Buches erzählen, scheint auf den ersten Blick nicht viel mit den Problemen Deutschlands und der EU zu tun zu haben – auf den zweiten wirken die Parallelen faszinierend. Sie beschreiben den Übergang vom teuren staatlichen Raumfahrtprogramm zu dem sehr viel günstigeren marktwirtschaftlichen Ansatz. Was passierte in den USA um das Jahr 2006?
Die NASA erkannte irgendwann, dass sie in einer Sackgasse steckte, aus der sie nicht mehr herauskam. Das Problem war das „Cost-plus“-System. Weil die NASA Angst hatte, den wenigen Raumfahrtunternehmen überteuerte Preise zu bezahlen mussten diese ihre Kosten offenlegen und dann eine feste Marge aufschlagen. Das bedeutete aber für die Unternehmen: Wenn die Kosten stiegen, stieg auch ihre Marge. Je ineffizienter ein Unternehmen arbeitete, desto mehr konnte es verdienen. Die Konsequenz ist logisch: astronomische Kosten, absurde Verwaltung. Bei Martin Marietta arbeiteten zeitweise weniger als 1.000 Menschen in der Fertigung, aber mehr als 12.000 in der Verwaltung und anderen Bereichen.
Erst als die NASA in eine Sackgasse geriet, wechselte sie den Ansatz und kaufte nicht mehr Raketen, sondern Transportleistungen zur ISS ein. Das entsprach der Logik von Elon Musk und seiner Firma SpaceX: feste Preise, Einsparungen als Gewinn. So entstanden echte Sparanreize, die Startkosten sanken. Es entstand eine Win-win-Situation für Staat und Unternehmen. Heute kostet der Transport eines Kilos Fracht ins All einen Bruchteil dessen, was es vor zwanzig Jahren kostete.
Das „Cost-plus“-System, von dem sich die NASA verabschiedete, scheint dann als Blaupause für den „Green Deal“ nach Brüssel gewandert zu sein. Nach genau der gleichen staatlichen Großsteuerung läuft das Vorhaben „Dekarbonisierung“. Ursula von der Leyen nannte es sogar „das europäische Man-on-the-Moon-Projekt“. Warum gilt eine in den USA krachend gescheiterte Methode bei uns als Gral der Weisheit?
Von der Leyen gehört, wie viele Politiker, zu den Fans der italienisch-amerikanischen Ökonomin Mariana Mazzucato. Und Mazzucato propagiert das Projekt der Mondlandung als vorbildlich für die Lösung jeglicher Probleme. Ihr Motto: Der Staat soll es richten. Der Staat soll Unternehmer spielen. Robert Habeck hat das ja als Wirtschaftsminister ausprobiert.
Mein Buch richtet sich auch gegen Mazzucatos Theorie. Sie hat sich einfach zehn Jahre der bemannten Raumfahrt herausgegriffen, die durch einen gigantischen staatlichen Ressourceneinsatz (in heutigem Geldwert: 300 Milliarden Dollar) erfolgreich waren. In dieser Zeit landete der erste Mensch auf dem Mond. Doch sie verschweigt die folgenden 50 Jahre: eine verlorene Zeit mit vielen Niederlagen.
Nixon versuchte damals nach der Mondlandung, auch andere Projekte, beispielsweise den Kampf gegen den Krebs, in ähnlich staatlich gesteuerter Weise durchzuziehen – und scheiterte. Diese Geschichten, die man in Mazzucatos Büchern nicht liest, erzähle ich. Wer über sie diskutiert, sollte also auch mein Buch lesen.
Mazzucato gilt nicht nur als Lieblingswissenschaftlerin Robert Habecks, sie scheint Politiker weltweit erfolgreich zu beeinflussen – bis hin zum neuen Bürgermeister von New York. Erzählen die Gegner der Marktwirtschaft ihre Geschichte womöglich besser?
Sehr überraschend für europäische Leser wirkt, was Sie über den privatwirtschaftlichen Anteil an Chinas Raumfahrt schreiben. Kritiker der EU vergleichen den Versuch der administrativen Wirtschaftslenkung Brüssels gern mit dem chinesischen Modell. Aber haben wir möglicherweise im Westen ein korrekturbedürftiges Bild von Chinas Wirtschaft?
Viele Leute hier haben nicht die geringste Ahnung von China. Ich habe mich ausführlich mit China befasst, und das meiste habe ich von Professor Weiying Zhang von der Peking-Universität gelernt. Sein Lieblingssatz: „Wir haben in China alle unsere Erfolge in den letzten Jahrzehnten nicht wegen des Staates, sondern trotz des Staates erzielt.“
Leider geht Xi Jinping seit etwa zehn Jahren in eine andere Richtung als seinerzeit Deng Xiaoping, der große Reformer. Xi setzt wieder stärker auf den Staat, während Deng dem Markt vertraute. Aber in der Raumfahrt hat sogar Xi erkannt, dass man allein mit dem Staat nicht weiterkommt – und vor zehn Jahren dazu beigetragen, dass sich eine private Raumfahrtindustrie auch in China bildet.
Die Chinesen bewundern Elon Musk und SpaceX sehr und eifern ihm nach. Auch wenn die Raumfahrtindustrie überwiegend staatlich ist, gibt es in China zunehmend private Raumfahrtunternehmen.
Versuchen wir einmal, ein, zwei Jahrzehnte vorauszudenken: Musks SpaceX schickt die ersten Flüge zum Mars, andere Musk-Unternehmen stellen – wie er schon angekündigt hat – Millionen Roboter her, verbunden mit KI. China und Japan stoßen in KI und Robotik ebenfalls in ganz neue Welten vor. Flüssigsalzreaktoren liefern Strom billiger als jedes Kohlekraftwerk. Wo bleiben in diesem Szenario Deutschland und Europa?
Wenn sich nichts drastisch ändert, wird Deutschland total abgehängt. Das ist ja jetzt schon in vielen Bereichen der Fall. Die USA haben Apple, Microsoft, Nvidia, Google, Oracle und so weiter; China hat Tencent, Alibaba und Huawei.
Das einzige und letzte großartige Techunternehmen, das etwa in dieser Liga spielt und das 1972 – also vor mehr als einem halben Jahrhundert – in Deutschland entstand, ist SAP. In der Space-Industrie wird Deutschland keine Rolle spielen, obwohl früher einmal deutsche Ingenieure die Erfolge der amerikanischen und sowjetischen Raumfahrt maßgeblich ermöglichten.
In vielen Ihrer Bücher beschäftigen Sie sich mit Kapitalismus, Unternehmergeist und Reichtum. Bleiben wir einmal beim dritten Punkt. Angesichts des drohenden Staatszugriffs auf Vermögen – Vermögensregister, Forderung nach höherer Erbschaftsteuer, Vorschläge, Dividenden und Mieten mit Sozialabgaben zu belegen – wie lautet Ihr Rat für den Schutz des Ersparten?
Meine beiden Standbeine sind immer noch Immobilien und Aktien. Durch den starken Anstieg des Goldpreises – ich habe mein Gold 2004 gekauft – macht es inzwischen auch fast zehn Prozent in meinem Portfolio aus. Gold ist für mich vor allem eine Versicherung gegen den ganz großen Crash, der natürlich kommen könnte.
Und wie sieht Ihre Strategie für den Fall einer politischen Krise aus?
Ich hoffe, ich verpasse nicht den richtigen Zeitpunkt, mit meinem Geld abzuhauen, falls es in Deutschland wirklich zum Schlimmsten kommt – etwa einer rot-rot-grünen Regierung. Da ich mein Unternehmen vor zehn Jahren verkauft habe, ist die Wegzugbesteuerung kein Hindernis für mich.
Um noch einmal zum Anfang zurückzukommen: Sie können die Mittel für einen Weltraumflug aufbringen – überlegen Sie, einen solchen einmal zu unternehmen?
Nein, für das viele Geld würde ich dann doch lieber einen Traumurlaub mit einer schönen Frau irgendwo in der Sonne machen – ohne Raumanzug.
Rainer Zitelmann. Weltraumkapitalismus. Langen Müller Verlag, Paperback, 336 Seiten, 22,00 €




Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
In Aktien investieren, warum? In der Regel ist das ein Nullsummenspiel. Im normalen Rahmen, sagen wir mal bei einem Kapital zw. 500 ts bis 1 Mio., ist weder die Renditeabschöpfung, noch der Verkauf bei steigendem Wert wirklich Gewinnbringend. Ohne Insiderwissen und bei normalen Margen hat man, wenn man 500ts bei einer Firma investiert, vielleicht einen Erlös von 20 – 30.000€. Das Risiko einen gleichhohen Verlust einzufahren ist 50:50. I.d.R. sind wir aber beim Gewinn im 5 stelligen Bereich. Kaufe ich für 1Mio ein Haus mit 4 Wohnungen habe ich eine garantierte Rendite. International gesehen, zB US Aktien sind etwas gewinnbringender,… Mehr
> Das „Cost-plus“-System, von dem sich die NASA verabschiedete, scheint dann als Blaupause für den „Green Deal“ nach Brüssel gewandert zu sein. Nach genau der gleichen staatlichen Großsteuerung läuft das Vorhaben „Dekarbonisierung“.
Hier geht es nicht bloß um Effizienz – das Vorhaben an sich ist absurd und bloß Schwindel. Genausogut hätte man das Klima auf dem Mond steuern wollen.
früher einmal deutsche Ingenieure die Erfolge der amerikanischen und sowjetischen Raumfahrt maßgeblich ermöglichten….aber auch nur weil sie von den sozial-nationalisten massiv subventioniert wurden. Das hat mir marktwirtschaft nicht wirklich viel zu tun. Der logik folgend hätten die USA ja damals in den meisten dingen weiter sein müssten. Aber auch deren rasanter aufstieg hat was mit subventionen zu tun siehe eben anfänge der raumfahrt. Ob eine private firma unter marktwirtschaftlichen umständen das überhaupt könnte ist schwer zu bezweifeln eben wegen der enormen kosten am anfang so einer sache. Und die USA haben auch so viel subventioniert wie e-autos usw. Für mich… Mehr