Phrasen: Mängelbericht aus der Reparaturwerkstatt der öffentlichen Rede

Ein politischer Mängelbericht aus der Reparaturwerkstatt der öffentlichen Rede, ein philologisches Abenteuer und eine semantische Detektiv-Arbeit, die vergnüglicher und erhellender kaum zu haben ist: Alexander Kissler gibt „Widerworte“.

JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Dass Alexander Kissler, Debattenchef des Magazins „Cicero“, zu den glänzenden Stilisten des Landes gehört, beweist er monatlich in dem Heft, für das er arbeitet. Er hat das absolute Gehör für Sprache. Er erkennt die Schwingung, die jedes Wort in sich trägt. Vor allem aber ist er – darin seinem großen Kollegen Karl Kraus ähnlich – allergisch gegen die Lüge, die sich in ihm verpuppen kann. Die verschleiernde Redewendung. Phrasen.

Nun hat er ein Buch vorgelegt, das er „Widerworte“ nennt, das sich liest wie ein politischer Mängelbericht aus der Reparaturwerkstatt der öffentlichen Rede. Ein philologisches Abenteuer und eine semantische Detektiv-Arbeit, die vergnüglicher und erhellender kaum zu haben ist.

Seine Widerworte sind Korrekturen. Sie nehmen die Sprache, die doch Verständigungsmittel sein sollte, ernst und klopfen sie ab, dass die ideologischen Wolken aus ihr stieben wie aus der ausgelatschten Wohnzimmerbrücke unter dem Teppichklopfer.

Es sind Phrasen wie Walter Steinmeiers „Heimat gibt es auch im Plural“, oder „Vielfalt ist unsere Stärke“, die als Motto über einer Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum schwebte („mit freiem Eintritt in unsere Rassismus-Ausstellung“), oder eben das ominöse „Wir schaffen das“ unserer Bundeskanzlerin.

„Haltung zeigen“
Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss
Es sind Phrasen aus der One-World-Ideologie, die besonders in den urbanen Vielflieger-Kreisen flottieren und mittlerweile den Charakter von zivilreligösen Dogmen angenommen haben.

Dass es viele Heimaten gibt, behauptete Bundespräsident Steinmeier beschwichtigend, nachdem die Nationalspieler Özil und Gündogan mit ihren PR-Fotos für Erdogan und den Ergebenheitsadressen an „ihren Präsidenten“ für Unmut gesorgt hatten. Die beiden in Gelsenkirchen aufgewachsenen Spieler machten unfreiwillig deutlich, dass es einen Unterschied gibt wischen Wohnsitz und Heimat, und damit all jenen einen Strich durch die kosmopolitische Rechnung, die von dem fortschrittlichen Stadtbewohner verlangen, dass er überall zuhause ist.

„Heimat: ein ideeller Großflughafen nach Art des Berliner BER. Ein gedankliches Richtfest bei allzeit fehlenden Wänden, auf schwankenden Planken. So kann man es sehen, so sehen es viele, so überzeugt es nicht.“

Nein, sagt Kissler, und führt sein Widerwort aus: „Heimat verlangt Bekenntnis, geht aber im Bekenntnis nicht auf. Sie ist ein Ort, der alles Örtliche übersteigt, eine Kindheit, die erwachsen werden muss, eine Reife, die es ohne Wurzeln im inneren Kind nicht gäbe. Heimat muss sein, damit das Ich werden kann. Heimaten sind angewandte Schizophrenien: theoretisch interessant, praktisch eine Katastrophe.“

Weiter zum Kapitel Buntheit, und wer hätte sich nicht fremdgeschämt bei Claudia Roths youtube-Erklärung der Idealgesellschaft aus lauter Buntstiften. „Vielfalt als Stärke“? Nun, wohl jedem ist klar, dass ein Mensch ohne Identität entweder ein Fall für den Psychiater ist oder kriminell – wie jener Asylbewerber aus dem Sudan, der sich mit sieben verschiedenen Identitäten über 20.000 Euro Sozialhilfe erschlichen hatte.

Die grenzenlose Gesellschaft ist ebenso unmöglich wie das grenzenlose Ich, sieht man von dem Bonmot ab, „wenn manche von einem Ich sprechen, ist es eine Anmaßung“, doch selbst hier wird die Herausbildung eines Wesenskerns, eines Ich, als Ziel vorausgesetzt.

Herdentrieb
Gelungene Entlarvung von Politphrasen
Im Übrigen nimmt es Wunder, dass ausgerechnet diejenigen bei den deutschen Weltbürgern mit grenzenlosem Verständnis rechnen können, die auf ihrer (kulturell verschiedenen) Identität beharren, ihren Bräuchen, ihren Sittengesetzen, ihren religiösen Gewohnheiten, mit denen sie sich – identifizieren. Möglicherweise hängt dieser Widerspruch mit einem deutschen Mangel an kultureller Ich-Stärke zusammen – wenn in einem Fußballstadion das Transparent entrollt wird „Deutschland, Du mieses Stück Scheiße“ artikuliert sich da eine sehr spezifische Pathologie, die ihresgleichen auf dem Globus sucht.

Ein philologisches Glanzstück ist die Skelettierung des Merkelschen „Wir schaffen das“, geäußert am 31. August 2015 nach der verhängnisvollen Entscheidung, die Grenzen nicht wieder zu schließen.

Einfacher Satz. Subjekt, Prädikat, Objekt. Allerdings ist jeder einzelne Satzteil eine Nebelschwade. „Wer ist »wir«? Wodurch will dieses Wir etwas »schaffen«? Was soll »das« bedeuten?“ Es gibt, so Kissler, kein heikleres Wort als das Wir. „Es verfestigt das Autoritätsgefälle, indem es ein solches negiert. Das große Wir soll die vielen kleinen Ichs da unten umschmelzen – unter der Regentschaft des großen Super-Ichs, das die Verschmelzungsorder ausgibt.“ Offenbar blieb der königliche pluralis majestatis „Wir“ nicht in der Feudalzeit zurück – er bewährt sich auch als demokratische Verschleierung. Margit Käßmann will Alternativen, „damit wir die Welt verbessern können“, ZdK-Präsident Alois Glück erklärt in Buchlänge, „warum wir uns ändern müssen“, doch natürlich, diese Kissler-Beobachtung ist plausibel, „schwingt in den integrationspolitischen Appellen (Merkels) das protestantische Pathos der Pfarrerstochter mit.“ Die SPD hoppelte da hinterher, als ihr zum Wahlkampf der Spruch einfiel „Das Wir entscheidet“. Allerdings war das Wahlvolk wohl schon derart „Wir“-müde, dass es die Partei mit mageren 25,7 Prozent bestrafte.

Nun zum „das“. Es bläht sich auf, es wuchert über alle Grenzen, es camoufliert eine Zumutung an das eigene Volk mit zunächst pädagogischer, dann welthistorischer moralischer Wucht. „Die Welt sieht Deutschland als ein Land der Hoffnung und der Chancen, und das war nun wirklich nicht immer so.“ Angela Merkel, so Kissler, forciert die Willkommenskultur, damit die Welt die Deutschen von ihrer Geschichte freispricht. Eine Zeitlang funktionierte das sogar, das Ausland (die Welt, besonders die westliche) vergab Bestnoten. Allerdings zeigte sich bald, dass der Wortteil „schaffen“ erhebliche Hürden administrativer, sicherheitspolitischer, sozialer Art aufwies, ganz besonders nach den Silvestertreibjagden, nach den ersten Terrorakten, den ersten Morden durch Asylbewerber, dem unwürdigen Deal mit dem Diktator vom Bosporus und dem Unwillen der europäischen Nachbarn, die moralische Weltführerschaft der deutschen Pfarrerstochter durch Übernahme von Flüchtlingskontingenten zu stützen.

Widerworte
„Unser Reichtum ist die Armut der Anderen“
Die Folgen waren desaströs. Die Briten beschlossen, den deutschen Willkommens-Hasardeuren und gleich der ganzen EU den Rücken zu kehren, die Viségrad-Staaten folgten ihnen im Geiste, überall wuchsen Parteien der sogenannten „Rechtspopulisten“ und Deutschland zerstritt sich bürgerkriegsnah in ein helles und ein dunkles.

Die Rehabilitation der Deutschen war gründlich gescheitert.

Wie Kissler das Lichten der Nebelbank „Wir schaffen das“ durch diverse Pressekonferenzen und Anne-Will-Interviews, durch Modifikationen und Kehrtwenden, durch innenpolitischen Drehungen und Wendungen nachzeichnet, ist meisterhaft. Bis hin zu jenem ominösen Satz: „Für die Bundesregierung kann ich sagen, dass wir Recht und Gesetz einhalten wollen werden und da, wo immer das notwendig ist, auch tun.«

In diesen und allen weiteren Kapiteln (etwa: „Jeder verdient Respekt“, „Religion ist Privatsache“, „Solidarität ist keine Einbahnstraße“. „Gewalt ist keine Lösung“ oder „Das ist alternativlos“) nützt Kissler seine immense Bildung, er schüttet ein Füllhorn aus, von Goethe über Grillparzer bis, jawohl, Juli Zeh, er mengt Popkultur und Klassik und sorgt so für einen nicht nur polemischen, sondern äußerst vergnüglichen Tod der – Phrasen.


Alexander Kissler, Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss. Gütersloher Verlagshaus, 204 Seiten, 18 €


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Kommentare ( 17 )

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Wenn es hart auf hart kommt – und es sieht ganz danach aus – steht das WIR ganz schnell hinter dem ICH. Wenn es nämlich um das glatte Überleben geht. Da ist der Mensch dann wieder ganz bei der Natur, nur der Stärkere überlebt.
Viele hier aus dem Wolkenkuckucksheim werden das schmerzhaft erfahren müssen. Und das ist gut so (meine Phrase).
Das WIR funktioniert nur, wenn es weitestgehend allen gut geht. Und das es uns allen weitestgehend gut geht, davon entfernen wir uns seit Jahren Stück für Stück. Anstatt besser wird es immer schlechter.

Es gibt kaum einen Satz als den von Merkel gesprochenen : die ,die hier schon länger leben : ,der mehr Verachtung und Mißachtung gegen das eigene Volk ausdrückt ,als dieser . Wohl jeder Staatsmann/ Frau ,die sich ihrer Aufgabe gegenüber dem eigenen Volk bewusst ist ,hätte sich lieber die Zunge abgebissen ,als eine solche Wortwahl hinzulegen . Aber Merkel ,in ihrer unnachahmlichen ,holprigen Sprachweise tappt eben in dieses – no go – für eine Kanzlerin . Dumm nur für Ihr Volk das das kein Versprecher war ,genau so denkt sie .

Mit „Wir schaffen das“ meinte Merkel „die, die schon länger hier leben, haben das zu schaffen“ – „Mir egal – jetzt sind sie halt da.“

Als sie dann resolut die Deutsche Fahne von der CDU Wahlpartybühne entfernte war mir klar: Die Zeit, sich auf GG Art. 20 (4) zu beziehen, ist schon seit 09/2015 angebrochen: Aber weit und breit kein Stauffenberg zu sehen!

„Des Menschen Sprache, sei seine Gabe, zum Verbergen der Gedanken“.

Sinngemäß nach Tallyrand de Perigord.

Mich stört immer wieder, wenn von Politikern und/oder Selbsternenannten Moralikern/Weltenrettern/Weltverstehern etc gesagt: Wir oder ganz Deutschland… trauert, freut sich, beglückwünscht den/die/der was auch immer.

Ich wurde nie gefragt!

Leider muss man ja sagen dass solche „Enthüllungsbücher“ meist den Online Kommentarschreibern um 10 Jahre hinterherhinken, das gemeine Volk aus den Kommentarspalten weiss das alles schon längst, beschreibt und verspottet es seit Jahren, und kreiert seine kreativen Witze zum absurden Thema.

Und auch das gegenseitige Hochloben journalistischer Edelfedern hat doch mittlerweile mehr als nur ein Geschmäcker, in Zeiten in denen nicht selten echte Spezialisten zu einem Thema tiefgreifende Kommentare abliefern (in sauberer Sprache), die (zwangsläufig) mehr Substanz haben als die der Artikelautoren, die als Journalisten nachtürlich Generalisten sind.

@GermanMichel:
Grundsätzlich gebe ich Ihnen recht, aber wie wollen sie alle diese Beiträge der Nachwelt weitergeben? Es heißt zwar, „das Netz vergisst nie“, aber wollen Sie eine Linkliste führen, in der Sie alle treffenden Kommentare sammeln, um sie ihren Kindern und Enkeln zur Verfügung stellen zu können? Da ist es sicherlich einfacher (und nachhaltiger) ein Buch aus dem Regal zu ziehen und sagen zu können, „Hier kannst Du mal nachlesen, wie das damals war …“.
Im Übrigen neigt die Politik neuerdings (spätestens seit Verabschiedung des NetzDG) zu einer Art von Zensur, sodass manch guter Forumsbeitrag plötzlich nicht mehr auffindbar sein könnte.

@GermanMichel: Das kann ich voll unterschreiben! In fast allen deutschen Zeitungen, die ich bisher konsumiert habe ( jetzt habe ich alles auf Null runtergefahren), waren stets die Lesekommentare mehr on point und wesentlich interessanter als die Pamphlete der Schreiberlinge! Früher hatte ich vor Journalisten ( Spiegel, FAZ) Respekt vor deren Können. Das ist mir vor vielen Jahren abhanden gekommen….

Besser kann man es nicht sagen.

Im Leserforum desFAZ-Artikels „Festgemauert in den Phrasen“ kann man nachlesen, daß zahlreiche Personen die Einschätzung des Journalisten überhaupt nicht gut finden und ihn geradezu beschimpfen. Wer doch so alles FAZ liest, wo doch immer ein kluger Kopf………

In einem ihrer selten gewordenen Lichtblicke hat die FAZ auf das intellektuell niederschmetternde Niveau der Rede der Kanzlerin in Harvard hingewiesen.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wie-einfallslos-merkels-rede-in-harvard-war-16215400.html
Übersehen wurde, dass Sprache und Geist auch in diesem Fall nicht divergieren.

Wer schreibt eigentlich diese Phrasen? Es soll ein gewisser Herr Drescher sein.
Nein, Spaß beiseite, es ist ein ernstes Thema!
„Wir schaffen das-das Wir entscheidet-wir verbessern die Welt“ usw.
Diese Wirs sind offensichtlich nicht dieselben als die Wirs in „Wir sind das Volk“!
Letztere existieren nicht wirklich, sind nur singulare Phänomene.
Und wenn Vielfalt unsere Stärke ist, dürfte auch die Singularität:
Einfalt ist unsere Stärke, in gewissen Kreisen zutreffen.
Kisslers Konter treffen ins Mark, auch wenn die Leitung bis zum Gehirn bei einigen Zeitgenossen still gelegt ist. Trotzdem beruhigt es, dass in diesem Land nicht alle den Verstand verloren haben!

Heino ist reich geworden mit Sonnenbrille und strohblonden Haaren.
Udo Lindenberg mit Hut und Sonnenbrille.
Rezo hat eine blaue Strähne.

Das sind Profis die Merkels reden schreiben, die wissen dass das Volk im Grunde ein Kind ist das besonders auf solche super plakativen Reize und extrem simple, dafür aber emotionale Phrasen reagiert.

Wenn der 😈 selber mit Pferdefuß in Strickpulli und Birkenstock vor einer grünen Wand mit gelben Sonnenblumen posiert, würde sich alle 11 Minuten eine Grüne in ihn verlieben.

Die Menschen reagieren auf einfachste Symbolik, simpelste Farbenlehre und vollkommen hohle Phrasen. Kein Wunder dass Leute wie Schopenhauer zu Zynikern wurden.

Jeder Auftritt Merkels ist ein Sprachmassaker an der deutschen Sprache. Ihre Politik führt parallel dazu unausweichlich in Richtung auf ein Massaker an den Deutschen, an Europa, an allen Werten unserer mühsam und mit größten Opfern errungenen Zivilisation.
Die täglichen Opfer von Kopftreterexzessen und sexueller Gewalt, das brutale Ausrauben unserer wehrlosen Alten, der Missbrauch, das gewaltsame Gefügigmachen unserer Kinder in den Schulen mit dem Ergebnis, dass ihr Wille gebrochen, ihre Zukunft zerstört ist, all das ist schon heute ein einziges Massaker.

Sie haben Recht: jede Rede von Merkel ist ein linguistischer Horrortrip. Die Frage ist: kann sie nicht anders, oder wird ihr geraten, sich in „einfacher Sprache“ zu äußern? Oder ist es die gewöhnliche Umgangsspache, wie sie im Adenauerhaus gepflegt wird ? Denn die Sprachkompetenz eines Röttgen, Laschet oder Amthor kommt in ihrem niedrigen Niveau der Kanzlerin durchaus nahe. Was mich mit Bewunderung erfüllt, sind die Leistungen der Dolmetscher – wahrscheinlich bringt ein guter Übersetzer mehr Sinn in das Gestammel als überhaupt vorhanden ist. Das mag die noch vorhandene Wertschätzung der Dame in weiten Teilen der Welt erklären.

Sprachmassaker – genial!

Man muß natürlich auch zwischen „echtem Deutsch“ und Merkel-Deutsch unterscheiden….. 😉

… ein Massaker an der deutschen Sprache…😎