„Megamaschine: Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ Fabian Scheidlers Geniestreich und Gesinnungsmanifest – neues Kultbuch des Zeitgeists?

Für schwache Köpfe ist das Buch Gift

Die Idealisierung jener zeitlich oder räumlich fernliegenden Epochen, über die wir nur unzulängliche oder gar keine Zeugnisse besitzen, hat ihre Geschichte. Es ist nur wenige Jahrzehnte her, da entfachte die Transformation Chinas durch den großen Fährmann Mao Zedong Feuer von Begeisterung in gewissen intellektuellen Kreisen – allerdings nur solange wie sie von der realen Wirklichkeit kaum etwas wussten. Mit dem Wissen um die Millionen von Menschenopfern, die Maos überaus gewalttätigen sozialen Experimente gefordert haben, ist die Begeisterung dann über Nacht und beinahe restlos verflogen. Es ist anzunehmen, dass die so gerne idealisierten Jäger und Sammler tatsächlich ein weitgehend friedliches Leben führten – nicht deswegen allerdings, weil sie zu größerer Friedfertigkeit neigten – die tägliche Praxis des Tötens dürfte sich kaum als Konditionierung in dieser Richtung eignen – sondern weil sie vollauf damit beschäftigt waren, für das eigene Überleben in einer wenig beherrschten Natur zu kämpfen. In einer Subsistenzgesellschaft sind Solidarität und Kooperation kein Ausfluss besonderer Friedfertigkeit, sondern Notwendigkeiten im Kampf um das Dasein und Überleben. Ähnliches wird man über die Zeiten nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches bis zur erneuten Urbanisierung im zehnten und elften Jahrhundert sagen dürfen. Auf einem Globus, wo sich die Milliarden drängen, mutet es doch etwas seltsam an, Subsistenzwirtschaften als ideale Lebensform hinzustellen!

Fabian Scheidlers Buch ist gescheiter, faktenreicher, besser durchdacht als alles, was bisher aus dem Lager der radikalen Systemkritiker kam. Und dennoch: So großartig es als ein Stück Aufklärung für diejenigen ist, welche hinter die Oberfläche blicken – für schwache Köpfe ist dieses Buch Gift. Oder lädt es nicht geradezu zur Selbstaufgabe und Unterwerfung ein, wenn gerade jene Errungenschaften, die wir bis dahin zu Symbolen unserer kulturellen Identität erklärten, als durch und durch wurmstichig hingestellt werden? Was können wir denn Besseres tun, als uns bereitwillig in die Arme jener Fundamentalisten zu werfen, die ohnehin das alte, an sich selbst zweifelnde Europa kapern wollen? Der Romancier Michel Houellebecq hat die Option der Unterwerfung unter den Fundamentalismus schon für die kommenden Jahre als durchaus wahrscheinlich in den Raum gestellt. Aber die Fundamentalisten segeln keineswegs nur unter der religiösen Flagge, es gibt sie inzwischen überall und in allen Couleurs. Als Antwort auf die grassierende Ratlosigkeit begegnet man längst wieder dem deutschen Besserwisser – nicht nur im Schafspelz wie das erste halbe Jahrhundert nach Ende des Krieges, sondern inzwischen schon wieder so beißwütig und gefährlich wie es Rottweiler sind.

Und es sind ja nicht nur die Rebellen und Fundamentalisten bei uns in Europa, die auf Unterwerfung spekulieren, viel mächtiger sind die Kräfte, die uns von außen bedrohen. Ökonomisch und militärisch wird China mit jedem Tag etwas stärker, die USA wird es innerhalb des nächsten Jahrzehnts wirtschaftlich überrunden. Und China wird nicht etwa groß und größer weil „der Sinn der großen Maschine darin besteht, aus Geld mehr Geld zu machen“, sondern weil es mehr als einer Milliarde Menschen denselben materiellen Komfort bieten will, wie wir ihn hier bei uns genießen. Im Reich der Mitte ist die Elite von jenem Fortschritts- und Überlegenheitsglauben beseelt, den es bei uns zuletzt im 19. Jahrhundert gab. Das verleiht diesem Land jene ungeheure Dynamik, die einst auch Europa beseelte. Es nützt nichts, dass wir hier zu Hause „Sand ins Getriebe der Megamaschine“ streuen, wenn das nur dazu führt, dass der Alte Kontinent ökonomisch kolonisiert werden wird – nicht wie jetzt von international agierenden amerikanischen, sondern von chinesischen Großkonzernen.

Interessant ist es, das Buch von Scheidler mit „Why the West rules – for now“ des international bekannten Polyhistors Ian Morris zu vergleichen. Dieses Werk konfrontiert die Geschichte des Abendlandes mit der Chinas und zeigt, wie der Entwicklungsvorsprung abwechselnd beim Westen oder im Osten lag. Die Geld- und Tauschwirtschaft, die bei Scheidler einseitig als Instrument der Unterjochung verstanden wird („wo beide erscheinen, treten Staaten auf den Plan und mit ihnen die physische Gewalt“), wird bei Morris als ein Mittel gestiegener Wohlfahrt gesehen, die einer wesentlich größeren Bevölkerung das Überleben ermöglicht hat. Wie alle guten Historiker interpretiert Morris historische Epochen im Lichte der Zwecke, Ziele, Ideale und Werte der jeweils in ihnen lebenden Akteure, die niemals wissen und auch nie wissen können, worin das Ende der Geschichte besteht.

Kultbuch des universalistischen Wahrheitsanspruches?

Ganz anders der Berliner Autor. Er versteht die ganze Geschichte seit babylonischer Zeit als Konsolidierung der Megamaschine, die von Anfang an auf eine immer perfektere Ausbeutung von Natur und Menschen angelegt war und den Keim des eigenen Untergangs daher auch von Anfang an in sich trägt. Scheidler geht so vor wie eine ganze Generation deutscher Intellektueller nach dem Trauma des Dritten Reichs. In oftmals grotesker Verdrehung der Fakten wurde die gesamte deutsche Geschichte als eine einzige Vorbereitung auf Hitler interpretiert. Im Gegensatz zu einer gerecht abwägenden Geschichtsbetrachtung gibt hier die Gesinnung den Ton an. Das ist auch dann verwerflich, wenn die Gesinnung selbst unseren Beifall verdient, denn ein solches Vorgehen endet nur zu leicht in systematischer Geschichtsverfälschung.

Diesen Vorwurf, ein Gesinnungsmanifest zu liefern, muss sich auch das Buch Fabian Scheidlers gefallen lassen. Einerseits schildert es die Hydra der Macht mit allen ihren zahllosen Köpfen und bietet eine einzigartige Synopsis menschlicher Unterdrückung – als solches könnte es in den Rang eines Kultbuchs aufrücken – andererseits wird ganz wie bei Karlheinz Deschner der Blick auf Einseitigkeit getrimmt und Geschichte auf subtile Weise verfälscht.

In dieser Hinsicht ist die genannte Arbeit von Ian Morris vorzuziehen. Morris ist sich mindestens ebenso deutlich wie Fabian Scheidler bewusst, dass die Menschheit des 21. Jahrhunderts an einem Wendepunkt steht. Für den englischen Historiker gibt es keinen Zweifel, dass sie sich immer mehr in Richtung auf die ökologische wie militärische Selbstvernichtung bewegt. Morris weiß allerdings, dass es schon zwei solcher Endzeitszenarien gab und es dem Menschen beide Mal gelang, die Katastrophe zu überwinden. Die Zukunft bleibt für ihn daher prinzipiell offen; allerdings verleitet ihn seine umfassende Kenntnis der menschlichen Geschichte nicht gerade zu besonderem Optimismus. „History is made by lazy, greedy, frightened people (who rarely know what they’re doing) looking for easier, more profitable, and safer ways to do things”, so lautet sein Resümee über den Durchschnittsmenschen auf der östlichen wie westlichen Seite des Globus. Das klingt sehr realistisch, gibt aber keinen Grund zu besonderer Hoffnung.

Fabian Scheidler dagegen befindet sich ganz in der europäischen Tradition des universalistischen Wahrheitsanspruches (den er in seinem Buch doch so heftig bekämpft). Zwar stand die ganze Vergangenheit unter dem Zeichen der Megamaschine, aber Attac und er selbst haben diese Maschine jetzt ebenso restlos durchschaut wie die verborgenen Kräfte und Interessen, die sie bis dahin am Laufen hielten. Dieser aufklärerisch-universalistische Blick ist die Grundlage für die moralische Selbstgewissheit des Autors, die im letzten Viertel des Buches zum Durchbruch gelangt. Was wir restlos durchschauen, das können wir auch bekämpfen! Scheidler präsentiert ein Panorama all der vielen Grassroot-Bewegungen und Gegenströmungen, die auf einen Ausbruch aus dem stählernen Gehäuse der Megamaschine zielen. Während die ersten drei Viertel des Buches uns durch die Geschichte als Hölle führen, wird der Leser im letzten Viertel mit dem Ausblick auf das kommende Paradies belohnt: Es ist ein Blick auf die ganz andere Welt und den radikal reformierten Menschen.

Freilich weiß Scheidler selbst gut genug, dass die bisherige Geschichte des Widerstands eine einzige Abfolge solcher Paradieshoffnungen ist, und er weiß, dass alle bisherigen Versuche, uns in das Paradies zu führen, kläglich gescheitert sind. War es nicht gerade der Radikalismus dieser Bewegungen – die Forderung nach dem Alles oder Nichts – die sie verdächtig machte und ihren Gegnern eine leichte Handhabe bot? Ich fürchte, dass genau dieser Radikalismus auch der Vision Fabian Scheidlers zum Verhängnis wird. Wettbewerb und Eigentum werden wie von Attac auch in Scheidlers Buch dämonisiert. Das hört sich logisch an und stößt intuitiv auf Beifall. Doch der Übergang zu einer gerechteren Gesellschaft, (wenn nicht ohne so doch) mit einem Minimum an Herrschaft von Menschen über Menschen, wie er in den beiden Revolutionen des 18. Jahrhunderts vorausgeahnt worden war, setzt gerade die Erhaltung beider voraus. Nur Subsistenzgesellschaften haben Teilen und Schenken in besonderem Maße praktiziert, nicht zufällig gilt ihnen daher auch Fabian Scheidlers besondere Liebe. Sonst wurden Wettbewerb und Eigentum ja nur in den Feudalreichen einschließlich ihrer realsozialistischen Nachfolger abgeschafft; dort gehörte alles dem König bzw. dem Politbüro – dem Volk aber nichts.

Jeder Versuch, die Institutionen einer Subsistenzgesellschaft auf eine Menschheit von bald neun Milliarden zu übertragen, kann nur in einer Sackgasse enden.

Dr. Gero Jenner, Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, studierte Philosophie, Indologie und Sinologie in Hamburg, München, Paris und Rom sowie Soziologie in München und London. Nach seiner Tätigkeit an der Ecole Française d`Extrême Orient in Kyoto, als Koordinator für Südasienforschung an der Universität Heidelberg, Lektor für Deutsche Kultur und Sprache an der Tohoku Universität Sendai, Assistent für Indologie an der Freien Universität Berlin und Übersetzer für Japanisch ist er als freier Schriftsteller tätig.

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