Nicht das 3. Geschlecht ist das Problem. Der Umgang damit.

Nun darf also im Geburtsregister ein 3. Geschlecht eingetragen werden, hat das Bundesverfassungsgericht entschieden. Das Urteil im Kern ist zunächst weniger aufregend, als viele erschrockene Bürger glauben. Die Folgerungen daraus aber sind es.

© Uli Deck/AFP/Getty Images

Wer sich bisher nicht sicher war, welches Geschlecht sein Kind hat, wird es in Zukunft leichter haben. Die Eltern lassen bei ihrem Kind einfach ein 3. Geschlecht eintragen. Ein Fortschritt zum bisherigen „frei lassen”.

Das Gericht urteilt auf liberaler Basis

Hier argumentiert das Bundesverfassungsgericht in einer klassisch liberalen Art: Der Staat darf den Bürger nicht zwingen, sich zu bekennen – seine Rasse wird nicht erfasst, seine Religion sollte dem Staat gleichgültig sein (was die Staatskirchen mit Blick auf die für sie eingetriebenen Kirchensteuern ärgert), seine politische Zugehörigkeit kann er ändern. Das Geschlecht verliert ohnehin seine Bedeutung: Seit „Ehe für Alle“ gilt, kann es dem Standesbeamten egal sein, wer bei der Tür hereinkommt und als Ehepaar hinausgeht. Seit die Wehrpflicht nicht mehr gilt, lohnt es sich auch nicht mehr, sein männliches Geschlecht wie früher durch einen Umzug nach West-Berlin vor dem Zugriff des Militärs zu schützen. Geschlechterdifferenzen wurden abgehobelt, wo man sie gefunden hat. Gleichberechtigung ist Allgemeingut. Wenn man es konsequent weiterdenkt: Warum überhaupt noch „Geschlecht“ im staatlichen Umgang? Wohlgemerkt: im staatlichen Umgang, im  Verhältnis vom Staat zu seinen Bürgern. Da kann das Geschlecht keine große Rolle mehr spielen, wenn überhaupt. So weit so gut.

Kein Genderismus

Viele Kritiker des Gerichtsurteils reagierten spontan, weil sie eine Ausweitung des Gender-Denkens fürchten, also eine quasi staatliche Anerkenntnis der Überlegung, dass „Geschlecht“ ohnehin nur sozial konstruiert sei. Mann ist eigentlich Frau, der Unterschied ist eingebildet. Das Urteil beruht aber genau auf der gegenteiligen Betrachtung. Das Urteil zum 3. Geschlecht schlägt dieser Form des Genderismus die Argumente weg. Denn die seltsame Ausformung der Natur, der Biologie lässt keine eindeutige Geschlechtszuordnung zu, sie ist unumkehrbar, unausweichlich, nicht durch Stuhlkreise veränderbar. Die Betroffenen leiden darunter möglicherweise ein Leben lang.

Wenn das so ist, stellt sich die berechtigte Frage: Warum Menschen in eine Schublade zwingen, in die sie nicht hinein wollen? Warum die durch die Biologie ausgelösten Schmerzen dadurch verschärfen? Das Thema ist zu ernst, als dass man sich darüber lustig machen dürfte. Bekanntich braucht, wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen. Man sollte nicht mitspotten und die Qual der Betroffenen, die sie sich nicht ausgesucht haben, sondern die ihnen auferlegt wurde durch eine Laune der Natur, man sollte diese Qual nicht erhöhen. Das ist nicht anständig.

Die Folgen des Gesetzes sind das Problem

So weit kann man hinter dem Urteil des Gerichts stehen, einen kleinen Fortschritt für eine sechsstellige Zahl von Betroffenen darin sehen. Aber der Umgang macht es aus. Aus der notwendigen und vom Gericht eingeforderten  Toleranz wird schnell ein Anspruch formuliert – ein Anspruch, den nun wiederum die große Mehrheit der biologisch nicht Betroffenen unter die Knute zwingt. Was das sein könnte, formulierte der Initiator der Verfassungsbeschwerde:

Intersexuelle Menschen werden ständig diskriminiert, nicht nur beim Gang zur Toilette. Deswegen ist die Forderung des Bundesverfassungsgerichts für uns ja so ein großer Erfolg – weil sie Folgeregelungen nach sich ziehen wird, die man bis jetzt gar nicht auf dem Schirm hatte. Was ist etwa mit geschlechtergetrenntem Sportunterricht? Mit getrennten Umkleidekabinen und Duschen in Schwimmbädern? Was ist mit der Elternschaft, bei der Festlegung von Vater und Mutter? Ich bin guter Dinge, dass sich nach dem heutigen Tag auch in diesen Bereichen viel tun wird.

Aus diesem kurzen Text rühren die Befürchtungen, die mit diesem Urteil verbunden sind. Hier geht es nicht um die Frage, ob es kein, ein, zwei oder viele Geschlechter gibt. Aus der als unerträglich empfunden Befreiung der Versklavung durch das Geburtsregister wird ein Rechtsanspruch konstruiert, der die Mehrheit von 99,9 Prozent der Bevölkerung unter die Knute zwingt.

Inflation der Rechtsansprüche

Geld Held hat diesen Vorgang am Beispiel der Migration klar herausgearbeitet: „Der Bruch von Gesetzen wird durch Rechtsansprüche gedeckt, die jedermann ohne Vorbedingung gewährt werden und zu Missbrauch einladen. Und die unbegrenzt ohne Rücksicht auf die Tragfähigkeit des Land gelten.“

Helds Ausblick 21-2017
Die Politik der wuchernden Rechtsansprüche
Auch im Fall 3. Geschlecht wird ein Rechtsanspruch formuliert, der sicherlich von den betroffenen, natürlich staatlich mitfinanzierten Opferverbänden brutalstmöglich durchgesetzt wird. Ist also die Anrede „Damen und Herren“ in allen Varianten zukünftig „verfassungsfeindlich“? Man ahnt, wie Milliarden statt in Besoldung von Lehrern und baulicher Erneuerung von Schulen in geschlechtskonforme Umkleidekabinen und entsprechenden Schulunterricht versenkt wird. Denn klar ist: Wer sich entzieht, wird von der Moralkeule erschlagen.

In den 70er-Jahren ging die Abschaffung von „Lehrlingen“ durch „Auszubildende“ vor sich, meist Azubis genannt. Seit den 80ern reden wir ständig von Lehrerinnen und Lehrern, Kolleginnen und Kollegen, Journalistinnen und Journalisten. Eine Veränderung des Weltklimas durch dieses Wortgedampfe ist vermutlich nur deshalb nicht messbar, weil alle Sprecher die Doppelform vermummeln – von Azubis reden statt von Auszubildenden, von „Kolleschen und Kolschen“, von Parteifreuden und Parteifreuden. Achten Sie mal darauf, in jeder Partei-, Betriebs- oder Schulversammlung verführt das verfassungskonforme Wortgestammel zum heimlichen Lachreiz. Und jetzt kommt also eine Dritte Form dazu, die wir noch nicht kennen, aber bald kennenlernen werden, und zwar brutaler, als uns das lieb sein wird.

Es droht uns das 3. Geschlecht

Und genau deshalb ist das Urteil im Ergebnis so verheerend: Der akzeptierte Schutz der Opfer wird umgewandelt werden in einen gesamtgesellschaftlichen Rechtsanspruch der ganz Wenigen über ganz Viele. Und der wird wuchern. Wie wirkt sich das 3. Geschlecht auf die Frauenquote in Parteiämtern und bei Vorstandsposten aus? Es dürfte auf keinen Fall dem Frauenanteil zugeschlagen werden, denn das wäre sexistisch. Hier braucht eine „geschlechtersensible” Gesellschaft eine neue, eine 3. Quote, erwartet der Kollege Gadamer.

Entsprechend werden nun neben den Frauenbeauftragten auch eine neue Form der Beauftragung gesucht, sehr dringend und sehr schnell vermutlich. Die Arbeit, die Ertrag schafft, machen derweil die Anderen.

Das klingt witziger, als es ist. Viele Eltern werden dem angeblichen Verfassungsgebot, das jetzt flugs von Verbänden und Medien zum wichtigsten Problem seit Erschaffung der Erde aufgeblasen wird, viele Eltern könnten ihren Kindern auch schreckliches Leid antun. Immer wieder werden Beispiele von kindlichen Opfern berichtet, die durch Zwangserziehung oder durch immer früher einsetzende Hormonbehandlungen (ebenso in UK) aus ihrer eigentlich eindeutigen Geschlechterrolle „befreit“ werden. Denn angeblich ist diese Eindeutigkeit nicht mehr modern genug; nur Unverbesserliche halten daran fest, dass Mann und Frau genau dieses sind und bleiben wollen.

Das Urteil zum 3. Geschlecht löst Folgen aus, die die Richter nicht bedacht haben. Die Minderheit wird in Gestalt ihrer Funktionäre ihren Gestaltungsraum immer weiter ausdehnen und übergriffig werden.

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Nein, HerrHayes. Herr Runner hat eindeutig Recht und es auch fundiert dargelegt. Ein Y-Chromosom schließt die Bildung weiblicher Geschlechtsorgane immer aus. Etwas anderes wäre garnicht lebensfähig. Die Fälle, die Sie meinen sind Anscheinszwitter.

Ich empfehle zum Thema das Buch „Adams Apfel und Evas Erbe: Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer“ von Axel Meyer. Dort gibt es eine gute und aktuelle Darstellung von Fällen, die nicht in eines der beiden klassischen Schemen passen. Und einfach alle diese Sonderfälle dann als „weiblich“ einzuklassifizieren, was Sie anscheinend fordern (?), scheint mir doch etwas problematisch. Generell haben wir es hier mit etwas zu tun, was in der Realität tatsächlich sehr häufig ist, dass nämlich die modellhaften Vorstellungen, die man aus der Alltagssprache gewonnen hat, zu einfach für die Realität sind… Mehr
Ich sags mal so, der Natur gelingt nicht immer alles, und sie macht nicht alle Menschen gleich. Bei Gisele Bündchen zeigt sie was geht, und in ganz schlimmen Fällen kommen Siamesische Zwillinge auf die Welt. Die sind natürlich auch Menschen, und werden nicht als Doppelkopf einer neuen Art zugeschrieben. Das nicht zuordenbare 3. Geschlecht ist wohl eher eine schlichte Missbildung, die man nur positiv beschreiben will. Missbildung hat schon wieder was von Behinderung, und Behinderte bekommen Rente, was man mit dem 3. Geschlecht ausschließt. Ansonsten ist das noch eine tolle ABM-Maßnahme für unterbeschäftigte Wissenschaftler und Philosophen. Warum soll nur Volker… Mehr
Ich teile Ihre Zweifel und neige auch zu rationaleren Erklärungsmöglichkeiten, davon gibt es einige: 1. Ein wichtiger Aspekt ist die Internationalisierung des Wissenschaftsbetriebs mit stark US-amerikanischer Prägung. Das ist noch nicht automatisch ein Problem, so sind heute Studien mit enormen Datenmengen möglich, von denen man vor einiger Zeit noch nicht hätte träumen wollen. Auch die vielen Kongressreisen und der nette Gedankenaustausch mit den smarten Kollegen haben ihren Reiz. Die Nebenwirkung: Was sich dort an Deutungsmacht etabliert hat, kommt eher früher als später ins alte Europa und trifft gerade in Deutschland auf einen Musterschüler in Sachen Moral und Perfektion. 2. Dann… Mehr

Bei Fahndungen ist das Geschlechtsmerkmal eine spezifisch markante Beschreibung des Gesuchten… was steht da also zukünftig bei undefinierbaren „Geschlechtern“… suchen irgendwas zwischen Mann und Frau :-))
Der Irrsinn kennt hierzulande wirklich keine Obergrenze…
keine Angabe zur möglichen Herkunft des Täter, keine Geschlechtsangaben… demnächst darf nicht mal mehr erwähnt werden, dass es sich bei dem/der/die/das Gesuchten um einen Menschen handelt, das könnte ja Außerirdische u. Tiere diskriminieren, und Pflanzen sowieso, vor allem wenn sie auch noch Bio sind.

Ich kann hier nur betonen, was meine Vorredner bereits sagten. Die Chromosomen und inneren Organe geben immer Auskunft über das tatsächliche Geschlecht.

„und neuartigen Herbiziden, wie das Glyphosat“
Anhand der Zahlen, die ich zu Glyphosat gesehen habe, muss man es wohl schon als stark gesundheitsschädigend einstufen.

„die Tatsache, dass es Menschen gibt, die man geschlechtlich nicht zuordnen kann. “
Das ist keine Tatsache. Biologisch gesehen bildet ein Y-Chromosom immer männliche Merkmale aus. Ohne Y-Chromosom fehlen diese. Bei den betroffenen Personen liegen keine Merkmale des anderen Geschlechts vor, es hat nur den Anschein als ob dem so wäre. Ein himmelweiter Unterschied.

Das BVerfG hat nicht vorgeschrieben, dass es jetzt die Möglichkeit geben muss, anstelle der Angabe/Auswahlmöglichkeit „(keine Angabe)“, „weiblich“, „männlich“ ein 3. Geschlecht anzugeben, sondern es hat dem Bundestag die Aufgabe gegeben, hier weitere Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Das können z.B. 5 weitere sein, aber auch 3 oder 75. Es könnte auch die Möglichkeit geschaffen werden, einen Freitexteintrag zuzulassen, d.h., der Antragsteller gibt nach freiem Ermessen irgendeinen Text ein.
Die Debatte hierüber ist also eröffnet.
Siehe als Referenz die Pressemitteilung des BVerfG: http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2017/bvg17-095.html

Danke für den sehr guten Beitrag, der es auf den Punkt bringt!

Es ist leider nicht so banal wie es scheint. Das Lachen wird uns noch im Halse stecken bleiben, spätestens wenn hier der Islam das Ruder übernimmt. (wenn man solche Richter sieht und unser Volk, welches dies achselzuckend hinnimmt, wohl zu Recht!) Hinter all dem steckt ein grosser Plan, das ist leider keine „Verschwörungstheorie“, das geben die Verantwortlichen für diese Umtriebe ganz offen zu!

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