Deutsche Soldaten für eine chinesische Privatklinik in Portugal

Sanitäter der Bundeswehr helfen seit ein paar Wochen in Portugal. Jetzt kommt heraus: Sie werden nicht in einem der überlasteten staatlichen Krankenhäuser eingesetzt – sondern in der Luxusklinik eines chinesischen Investors.

IMAGO / Xinhua
Deutsche Soldaten kommen in Lissabon an, 23. Februar 2021.

Bilder führen leider häufig zu einer Kapitulation der Rationalität vor der Emotion. Für bewegte Bilder wie im Fernsehen gilt das besonders, die TV-Berichte vor etwa vier Wochen aus Portugal sind dafür ein ernüchterndes Beispiel.

Da sah man vor der Klinik Santa Maria, dem größten öffentlichen Krankenhaus in der Hauptstadt Lissabon, eine schier endlose Schlange von Rettungswagen mit akuten Corona-Patienten. Irgendwann zählte ein Reporter 41 Fahrzeuge vor der Notaufnahme, drinnen war die Klinik da schon längst überfüllt.

Die Bilder verfehlten ihre Wirkung nicht. Portugals Regierung bat die EU-Partner um Hilfe. Als Erste reagierten – Überraschung – die Deutschen: Anfang Februar brachte Berlin Hilfsgüter auf den Weg und schickte 26 Sanitäter und Pfleger der Bundeswehr zur Unterstützung bei der Behandlung portugiesischer Corona-Patienten.

Ganz nüchtern hätte man damals schon fragen sollen, ob die Entsender eigentlich noch bei Trost sind.

Deutschland befindet sich seit nunmehr einem üppigen Vierteljahr in einem Dauer-Ausnahmezustand. Das ist natürlich ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich: Eine Ausnahme kann per definitionem nicht dauerhaft sein. Eigentlich. Corona ändert auch hier die Regeln.

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Der Staat, die öffentliche Verwaltung, ist überfordert: massiv und ganz offensichtlich. Impfen soll Leben retten – aber an den Wochenenden wird kaum geimpft, weil das Personal ja frei hat. Nirgendwo sterben so viele Menschen wie in den Altenheimen – aber es gibt keine mobilen Schnelltestzentren flächendeckend vor den Altenheimen und auch nicht vor den Krankenhäusern, obwohl man damit das Einschleppen des Virus in diese Hochrisikogebäude entscheidend einschränken könnte (Boris Palmers Tübingen macht das seit Wochen erfolgreich vor).

Es mangelt also an dringend notwendigen Dingen, bei denen jede helfende Hand – auch von Bundeswehrsoldaten – hier im eigenen Land gebraucht würde.

Aber die Frage, ob bei objektiv begrenzten Ressourcen potenziell lebensrettende Hilfe daheim nicht womöglich doch wichtiger ist als Hilfseinsätze woanders – diese Frage stellt sich in Deutschland keiner mehr, zumindest nicht im polit-medialen Mainstream-Komplex.

Der Weise lässt, was er nicht tun kann. Nur der Dumme tut, was er nicht lassen kann.

(Konfuzius, zugeschrieben)

Also flog die Bundeswehr nach Lissabon.

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In Portugal war man absolut nachvollziehbar froh, dass die ewigen Streber aus Alemanha wieder einmal aller Welt zeigen wollten, dass niemand einem Deutschen das Wasser reichen kann – auch nicht in Sachen Hilfsbereitschaft; und auch dann nicht, wenn es in der Bundesrepublik selbst (siehe oben) gerade mehr als genug sinnvolle Einsatzorte für Bundeswehr-Sanitäter gäbe.

Die Portugiesen sind ein freundliches und dankbares Volk, und das zeigten sie auch. Bei ihrer Ankunft wurden die deutschen Helfer gefeiert wie Superstars. Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt hätten ihnen am Straßenrand und aus anderen Autos wildfremde Menschen zugejubelt, berichtete das Bundeswehr-Team.

Nun unterliegen jubelnde Menschenmassen öfter recht abrupten Stimmungsschwankungen. Zum Beispiel kann man sich durchaus mit einiger Berechtigung fragen, wie viele von denen, die 2015 im Überschwang der Gefühle am Münchner Hauptbahnhof den ankommenden Flüchtlingen applaudierten, sich heute wieder dorthin stellen würden, um dasselbe noch einmal zu tun.

Auch die Begeisterung der Portugiesen für die deutschen Helfer hat sich zuletzt deutlich abgekühlt. Das liegt allerdings nicht daran, dass die Soldaten etwas falsch gemacht hätten. Es liegt vielmehr an etwas, das auf den ersten Blick mit der Corona-Hilfsaktion gar nichts zu hat:

Es liegt an der internationalen Investitionspolitik Chinas.

*****

Mit der werden jetzt auch die Bundeswehr-Sanitäter überraschend konfrontiert. Denn die deutschen Corona-Helfer arbeiten nicht in überfüllten Krankenhäusern, vor denen Rettungswagen lange Schlangen bilden und ein kollabierendes Gesundheitssystem dokumentieren.

Nein, das medizinische Personal aus Deutschland wird im „Hospital da Luz“ eingesetzt. Das ist eine private Fünf-Sterne-Klinik, eine der teuersten des Landes. Auf deren Internetseite kann man erfahren, dass das Luxus-Krankenhaus trotz der Pandemie alle seine regulären (und lukrativen) Leistungen weiter anbietet – bis hin zu Schönheitsoperationen.

Recherchen der Deutschen Welle zeigen nun, dass die deutschen Helfer zwar auf der Intensivstation des Privatkrankenhauses Corona-Patienten behandeln – aber „die Nutzung ihrer Infrastruktur“ stellt die Klinik der portugiesischen Regierung sorgsam in Rechnung.

Das „Hospital da Luz“ wird von der Firma „Luz Saúde“ betrieben. Die gehört über verschachtelte Beteiligungen mehrheitlich dem chinesischen Großkonzern Fosun.

Unterm Strich muss Portugal also einem chinesischen Konzern Geld dafür geben, dass Bundeswehrsoldaten in einer privaten portugiesischen Luxusklinik Corona-Patienten behandeln dürfen.

*****

Der Journalist Rui Barros hat den Einfluss chinesischer Unternehmen auf Portugals Gesundheitswesen in einem umfangreichen Datenprojekt untersucht. Er sagt, dass „Luz Saúde“ allein im ersten halben Jahr nach dem Ausbruch des Virus von der portugiesischen Regierung Aufträge zur COVID-Bekämpfung in Höhe von rund 40 Millionen Euro erhalten habe.

Nicht alle sterben am Virus, und auch nicht alle gehen pleite.

Ach ja, bevor wir es vergessen: Im Haushaltsjahr 2019 hat Deutschland aus verschiedenen Töpfen etwa 630 Millionen Euro Fördergelder bzw. Entwicklungshilfe gezahlt. Und zwar nicht – wie Sie jetzt vielleicht gedacht haben – an Portugal.

Sondern an China.

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Kommentare ( 50 )

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89-erlebt
5 Monate her

Immerhin gehört die Minister in AKK auch zum Club der Unfähigen CDU, dem so viele ihre souveräne Stimme geben. Also nicht wundern, es geht weiter immer weiter abwärts.

Lucius de Geer
5 Monate her

Bundeswehr kann weg, spart 35 Mrd. p.a. Kein klares Feindbild, Ausrüstung im Schnitt 40 bis 50er Jahre alt, von den Alliierten belächelt. Sagt jemand, der im Kalten Krieg gern Wehrdienst geleistet hat als Panzergrenadier.

BJK2107
5 Monate her

In ganz Deutschland hat AKK nur 26 BwÄrzte für das zivile Impfen bereit gestellt

Der Ketzer
5 Monate her

Abwählen! Was sonst?

AlterEgo
5 Monate her

Das wäre natürlich ein Skandal erster Güte!
Nicht nur die ’sachfremde‘ Nutzung der Bundeswehr und die Zahlung von ‚Entwicklungshilfe‘ an China. sondern vor allem die einseitige Unterstützung von gewinnorientierten Krankenhäusern.
Ein rein gewinnorientiertes Gesundheitssystem wie in den USA hat komplett versagt. Leben und Gesundheit sind nunmal nicht Güter des täglichen Gebrauchs, hier muss deutlich der Ansatz einer sozialen Medizin im Vordergrund stehen.
Bevor jemand mit ‚Fingerpointing‘ startet: Es gibt genug Reformbedarf in Deutschland!

Caro
5 Monate her

JA , dann wählt mal schön !
wollen wir wetten , was wieder das Wahlergebnis sein wird?

Last edited 5 Monate her by Caro
attila
5 Monate her

Wenn der Generalinspekteur Eberhard Zorn diesen unfassbaren Missbrauch deutscher Soldaten genehmigt hat, gäbe es nur eines: Sofortige Degradierung und unehrenhafte Entlassung. Gäbe es… Aber befinden uns sind ja seit geraumer Zeit in einem völlig verlotterten Staatswesen.

D. Harry
5 Monate her

Verantwortliche mit Anstand würden von ihrem Amt zurücktreten.

mcmurdo
5 Monate her

Gratuliere zu Ihrer journalistischen Arbeit und Akribie, TE. Aber, liebe Redaktion, Eure Berichterstattung macht mich zunehmend depressiv. Was für eine elende Politik erleben wir, was für verachtenswerte Akteure müssen wir ertragen. Ob wir jemals aus diesem shithole herauskommen…? Und wie?

Kassandra
5 Monate her
Antworten an  mcmurdo

Nach 1945 ist es gelungen und hat über Jahrzehnte funktioniert. Wenigstens das macht Hoffnung, dass es auch diesmal ein „danach“ geben kann.
Wiewohl man sich im letzten Kriegsjahr sicher Fragen wie die Ihren auch gestellt hat.

mcmurdo
5 Monate her
Antworten an  Kassandra

Kassandra, ich möchte anmerken, dass die jungen Menschen, die der 2.Weltkrieg überleben liess, die diese epochale Katastrophe zu verdauen hatten, physisch wie mental. Die waren hart, mager und zäh nach den Katastrophe, Frauen wie Männer, als sie begannen aufzuräumen. Glauben Sie tatsächlich, dass zukünftig den Kinderschuhen entwachsene Schneeflöckchen u. Unicorns das ähnlich erfolgreich hinbekommen? In einem Grünen Kommunismus? Da fehlt mir der Glaube…aber viellleicht gibt es dann ja sowas wie die Gnade der frühen Geburt.

egal1966
5 Monate her
Antworten an  Kassandra

@Kassandra, sie vergessen dabei nur, daß wir es damals mit einen ganz anderen „Menschenschlag“ zu tun hatten, der schon aus Zeiten des ersten WK, der Weimarer Republik und den zweiten WK Hunger, Leid und Armut quasi gewohnt waren und dementsprechend ganz anders „gepolt“ waren. Noch dazu waren nach Ende des 2. WK zwar große Teile der deutschen Stadte und der İnfrastruktur „dank“ unseren „Befreiern“ zerstört, aber eben der gesellschaftliche Wille der deutschen Bevölkerung zum Wiederaufbau zu 100% gegeben. Dieses sehe ich bei der heutigen Generation der „Schneeflocken“ kaum noch, zu sehr ist man schon einer spaetrömischen Dekadenz verfallen, so dass… Mehr

Last edited 5 Monate her by egal1966
bhayes
5 Monate her

objektiv begrenzten Ressourcen“? In Deutschland gibt es keine relevanten Begrenzungen bzgl. der Behandlung von Covid-xx-Patienten.
Siehe dazu https://www.divi.de/joomlatools-files/docman-files/divi-intensivregister-tagesreports/DIVI-Intensivregister_Tagesreport_2021_02_26.pdf
sowie, auch sehr interessant, https://www.intensivregister.de/#/aktuelle-lage/zeitreihen
Dort sieht man sehr gut, wie viele Intensivplätze noch frei sind bzw. kurzfristig frei sein könnten.
Alles kein Problem, selbst wenn es signifikant mehr Kranke gäbe.
Wobei noch eines auffällt, nämlich die signifikante Absenkung der freien Kapazitäten seit August letzten Jahres.