Dauerrezession, hohe Abgaben und Inflation erschweren den Vermögensaufbau. Das ist umso tragischer, da die Deutschen bereits zuvor im internationalen Vergleich schlecht abgeschnitten haben. Sie lassen ihr Geld lieber auf Konten liegen, während sie bei Aktien und Wohneigentum zurückbleiben.
picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer
Reicher Staat, arme Bürger – so könnte man das Verhältnis zwischen Staat und Bevölkerung wohl auf den Punkt bringen. Ein hartes, aber ganz sicher kein völlig abwegiges Urteil.
Über eine Billion Euro an Steuergeld wird der Fiskus im kommenden Jahr von den Bürgern verlangen. Etwa 15 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung bringt die Erwerbsbevölkerung zur Finanzierung des staatlichen Wohlfahrtssystems auf. Alles in allem summieren sich die Abgaben der Bürger in Deutschland auf etwa 49,3 Prozent. Gemeinsam mit Belgien bildet Deutschland damit das Spitzenduo der Abgabenkönige unter den OECD-Staaten. Eine zweifelhafte Ehre, die den Bürgern den Spielraum zum Sparen nimmt.
Auch die Arbeitslosigkeit steigt, eine halbe Million Industriejobs wurden abgebaut – zahlreiche Familien im Land stehen vor existenziellen Problemen. An Sparen denken da die wenigsten. Inflationsbereinigt wird der Vermögensverlust noch sichtbarer: Indexiert in Preisen von 2010 fiel das Median-Nettovermögen zwischen 2021 und 2023 von 90.500 auf nur noch 76.000 Euro. Die Deutschen werden ärmer, und das wird von Monat zu Monat sichtbarer.
Neben der politischen Ebene fällt seit jeher die deutsche Passivität bei der Vermögensanlage auf. Die Deutschen sind traditionelle Cash-Sparer: Sie halten ihr Geld auf Konten oder horten ihr Bargeld daheim. Derzeit verwahren die Deutschen rund 3,3 Billionen Euro allein auf ihren Bankkonten; der Berg wuchs zuletzt mit einer Jahresrate von rund 3 Prozent. Das macht sie anfällig für die vor allem durch Staatsschulden angeheizte Inflation, die auch in Deutschland inzwischen bei über 3 Prozent angekommen ist. So frisst sich die Geldentwertung infolge der Ausweitung der Kreditgeldmenge immer tiefer in die Kaufkraft der Haushalte. Konsumsektoren wie die Gastronomie und der Tourismus bekommen dies inzwischen deutlich zu spüren.
Schwach im internationalen Vergleich
International fällt das Bild noch ernüchternder aus: Das Medianvermögen pro Erwachsenem lag in Deutschland Ende 2025 laut UBS bei 53.485 US-Dollar. In den Vereinigten Staaten waren es 68.998 US-Dollar, in Italien 131.001 US-Dollar und selbst in Griechenland noch 59.162 US-Dollar. Das sind dramatische Zahlen, die zeigen, dass die Deutschen im Krisenfall relativ wenig ökonomische Substanz aufbringen können. Selbst in Italien und Griechenland war die Vermögensbildung der Bürger erfolgreicher als bei den Deutschen.
Andernorts bauten Familien ihr Vermögen über Immobilien auf. Die deutsche Wohneigentumsquote liegt gerade einmal bei 47,2 Prozent und damit weit unter dem EU-Durchschnitt von 68,5 Prozent.
Zur Wahrheit am Immobilienmarkt gehört aber auch, dass Deutschland seine Politik der offenen Grenzen nicht korrigiert. Der massive Zustrom verstopft den flexiblen Teil des Marktes, der so großen Teilen der Bevölkerung verschlossen bleibt. Das treibt die Mietpreise ebenso in die Höhe wie die völlig verfehlte deutsche Energiepolitik, die den Haushalten finanziell den Rest gibt.
Gerade Immobilien erlebten einen Boom, nachdem die Amerikaner 1971 den Goldstandard endgültig außer Kraft gesetzt hatten. Mit der Abkehr vom Goldstandard expandierte das Fiat-Geldsystem weltweit, es öffnete sich die Pforte einer ungedeckten Kreditexpansion. Güterpreise und Vermögenspreise stiegen seither, während sich die Lohnentwicklung vom Assetmarkt entkoppelte. In der Folge flohen viele intuitiv ins Betongold, um sich vor den Preissteigerungen zu schützen. Die Deutschen blieben hier größtenteils passiv.
Angst vor Aktien
Auch am Börsenboom, der seither anhält und nur zeitweise durch Crashs wie das Dotcom-Desaster oder die Lockdowns unterbrochen wurde, sind sie größtenteils nicht beteiligt. Die Aktienquote der deutschen Haushalte liegt bei gerade einmal 18 Prozent, während in den USA 62 Prozent der Amerikaner Aktien besitzen.
Der Vorteil: Diese Marktdistanz schirmt das Vermögen vor Volatilität ab. Sie verhindert jedoch zugleich, dass Sparer in einem hochinflationären Umfeld an der Wertentwicklung produktiver Vermögenswerte teilhaben.
Auch säkulare Trends wie die Abkehr von der Familie sind ursächlich für die fehlende Sparleistung und Vermögensbildung. Ein solch komplexer Prozess braucht eine Umkehr der Gesellschaft zu meritokratisch-bürgerlichen Werten. Sparen und Investieren müssen Familienangelegenheit sein, langfristig ausgerichtet, zum Generationenprojekt werden.
Es braucht im Übrigen beileibe kein Volk der Börsenzocker mit Casino-Mentalität, um Vermögen in den Familien aufzubauen. Dennoch spielen offensive und defensive Anlagestrategien, Cash-Rücklagen und Inflationsschutz durch Edelmetalle oder Bitcoin bei der Vermögensbildung eine entscheidende Rolle. Die Märkte sind dynamisch. Sie spiegeln das reale Leben, und man muss am Ball bleiben, wenn man nicht von Technologietrends und Konjunkturzyklen entkoppelt werden will.
Doch dazu braucht es zunächst einmal einen schlanken Staat, der dem Bürger das erarbeitete Geld nicht streitig macht. Und genau hier liegt in Deutschland die Krux: Der Staat wurde zum allzuständigen Hüter der Privatsphäre. Das fördert Lethargie und Passivität und hemmt den Drang nach individueller Freiheit.
Die Passivität der Deutschen bei der Vermögensanlage ist auch ein Zeichen dafür, dass der Bürgersinn gelitten hat und dass mancher vielleicht vergessen hat, dass zu individueller Souveränität auch Kompetenzen in Finanzangelegenheiten zählen. Doch Wohlstand ist nur denkbar, wenn sich die Menschen vom Staat emanzipieren – nur so kann aus Deutschland wieder ein Land der Eigentümer und souveräner Bürger werden.






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