Am Beispiel der hochverschuldeten Iberer lässt sich studieren, wie wachsende Staatsschulden über eine expandierende Geldmenge zu Preisdruck führen. Das Phänomen schließt niemanden aus: Wir erleben die Mediterranisierung des EU-Schuldenclubs.
picture alliance / Juan Carlos Rojas | Juan Carlos Rojas
Inflationsschock auf der Iberischen Halbinsel! Im September stiegen die Verbraucherpreise in Spanien gegenüber dem Vorjahr um 5 Prozent. Eine der Hauptursachen: die Energiekrise um Hormus, die auch in Südeuropa die Preise für fossile Brennstoffe in die Höhe schnellen ließ. Eine Inflationsrate in dieser Höhe ist nicht nur für die Verbraucher im Augenblick tragisch.
Vor allem die entscheidende Kerninflationsrate, eine um die volatilen Energieträger bereinigte Messung, liegt in Spanien bei 3,1 Prozent.
Inflation, und das ist das Zerstörerische, entfaltet über den Zeitverlauf einen Zinseszinseffekt und stellt einen bedeutenden Vermögenstransfer von der Gläubiger- zur Schuldnerseite dar. Verharrt die spanische Inflation in dieser Höhe, halbiert sich die Kaufkraft der Bürger bereits nach 14 Jahren, wenn die Löhne und Gehälter nicht mit der systematischen Geldentwertung Schritt halten. Seit Jahren steigen die Löhne um etwa 3 Prozent.
Der so kumulierte Kaufkraftverlust in einem Land, dessen individuelle Kaufkraft über 35 Prozent niedriger als in der Bundesrepublik liegt, entwickelt sich daher zu einem sozialen Problem.
Inflation, also der Anstieg von Güter- und Vermögenspreisen auf breiter Front, ist nicht nur ein spanisches, sondern vor allem ein wirtschaftspolitisches Problem der Europäischen Union. Hormus legte die Achillesferse der Europäer offen: Noch immer werden etwa 57 Prozent des Energiebedarfs von außereuropäischen Partnern importiert – die Billionen, die im Aufbau einer alternativen Energieinfrastruktur versenkt wurden, haben sich also auch hier nicht ausgezahlt. Man bleibt abhängig von der Golfregion, von Nordamerika und eigentlich auch von Russland.
Ein Gedanke, den die politische Führung in Brüssel, Berlin und Paris eisern verdrängt.
Die spanische Inflation enthüllt ein grundsätzliches Problem: Die grüne Transformation, das große Projekt der EU, erzeugt schuldenfinanzierte Nachfrage nach Netzen, Anlagen und vor allen Dingen Rohstoffen. Den massiven Subventionen stehen allerdings keine entsprechenden Wirtschaftsgüter gegenüber, die am Markt produziert und nachgefragt würden. Es entsteht eine Kreditschwemme, die sich letzten Endes über steigende Vermögens- und Konsumgüterpreise entlädt.
Das ist gut messbar: Die Geldmenge M3 wächst derzeit im Euroraum mit einer Jahresrate von 3,6 Prozent. Sie spiegelt sich letztlich in den Kerninflationsraten aller EU-Staaten wider und frisst sich in die Geldbeutel der Bürger hinein. Ineffizienz türmt sich auf Ineffizienz, wenn der Staat interveniert. Wächst seine Bürokratie, steigt der staatliche Konsum ins Unermessliche, verschwindet die Produktivität der Privatwirtschaft, da ein Ringen um knappe Ressourcen eingesetzt hat, bei dem der Staat im Zweifelsfall für sich entscheidet.
In Spanien wurde der öffentliche Sektor seit dem staatlich zwangsverordneten Wirtschaftskollaps im Corona-Regime zudem nie wieder auf das ursprüngliche Niveau zurückgeführt. Die öffentliche Beschäftigung stieg von rund 3,2 Millionen Personen 2019 auf etwa 3,6 Millionen Ende 2025; allein im vierten Quartal 2025 kamen 108.700 hinzu, auf 3,641 Millionen.
Corona bot den Etatisten aller Länder die wunderbare Gelegenheit, ihren Staatsapparat in einem Zuge zu expandieren, ohne auf nennenswerte Gegenwehr aus der Mitte der Gesellschaft zu stoßen – das Schweigen der Eliten angesichts der sich anbahnenden sozialistischen Katastrophe ist erbärmlich und ein Armutszeugnis der europäischen Kultur.
Unter Pedro Sánchez wurden außerdem Hunderttausende befristete Stellen, vor allem im Gesundheits- und Bildungsbereich, in dauerhafte Beschäftigung überführt. Wie in Deutschland, wo die öffentliche Beschäftigung binnen eines Jahres um über 100.000 Stellen auf inzwischen 5,6 Millionen wuchs, unterhält auch Spanien einen zu einem erheblichen Teil schuldenfinanzierten sekundären Arbeitsmarkt – ein Auffangbecken für Arbeitslose und ein Mittel, das Scheitern von Zentralplanung und Klimawirtschaft zu übertünchen.
Zur Finanzierung des großen Sozialexperiments, das inzwischen eine Staatsquote von etwa 47 Prozent erreicht hat, greift der spanische Staat ähnlich wie Italien auf Mittel des sogenannten Next Generation EU – des ersten echten Eurobonds – zurück. Etwa 17 Milliarden Euro werden aus diesem Fonds, dem nächsten ganz offiziellen Regelbruch der EU, in diesem Jahr in den spanischen Staatshaushalt fließen – ein Großteil davon zur Finanzierung des spanischen Rentensystems. Auch die Rentner wollen ja nach dem Prinzip panem et circenses bei Laune gehalten werden – bis sie den Trick mit der Inflation erkennen oder durchschauen. Der Kredit aus dem Next Generation EU stimuliert unmittelbar den Konsum, dem aber keinerlei neue Güterproduktion gegenübersteht – die Rezeptur für Inflation.
Diese Politik macht Pedro Sánchez zum Posterboy der globalistischen, langsam ausklingenden EU.
Im vergangenen Jahr lag das offizielle Staatsdefizit bei rund 2,4 Prozent des BIP. Rechnet man die NGEU-finanzierten Ausgaben hinein, hätte auch Spanien mit einer Neuverschuldung von 3,4 Prozent die Maastricht-Kriterien gerissen – wie fast alle anderen im Euro-Schuldenclub auch.
Es verwundert also nicht, dass sich die Inflation auf der Iberischen Halbinsel gen Norden bewegt. Preissteigerungen auf breiter Front sind grundsätzlich ein monetäres Phänomen, da die Ausweitung des Fiat-Kreditgeldes ohne reale Deckung sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette vorarbeitet und irgendwann entweder im Endverbraucherbereich oder als Spekulationsblasen in den Vermögensklassen landet. Besonders gefährlich ist die Schuldenmacherei eines Staatsapparates, der mit Sozialprogrammen und Zentralplanung, gestützt auf die Notenbank, eine Kreditausweitung betreibt, die später zu höheren Steuern und steigender Inflation führen muss.
Denn einer staatlich betriebenen Ausweitung der Kreditmenge stehen in aller Regel keine Güteräquivalente gegenüber – der Staat betreibt Füllhornpolitik im Konsumbereich und ist damit der Vernichter von Ressourcen und Wohlstand. Dieses fundamentale Problem einer ideologisch motivierten Fehlsteuerung wird medial zu selten diskutiert und erlebt gerade unter der Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz eine gefährliche Proliferation ins Absurde, bei der neue Schulden gar als Vermögenswerte deklariert werden.
Der größte Schuldner gewinnt dabei: der Staat, der mithilfe der Notenpresse und auf Kosten des privaten Sektors einen Teil seiner Schulden abschiebt. Die reale Last der Staatsschulden sinkt, während Haushalte und Unternehmen durch den Kaufkraftverlust belastet werden. Inflation wirkt damit wie eine indirekte Vermögensabgabe.
Was sich in Spanien an der Inflationsfront und bei den Schulden vollzieht, beschreibt die europäische Krankheit beispielhaft. Es herrscht die Überzeugung vor, man könne mit künstlichem Kredit reale Werte in der realen Welt erzeugen – dieser Aberglaube einer Voodoo-Ökonomie wurde zur politischen Kampfzone. Ein Ausbruch aus diesem Wahn wird wohl erst möglich sein, wenn eine große Finanzkrise für ein klärendes Gewitter und einen klaren intellektuellen Horizont gesorgt hat.


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