Katastrophenalphabet: A wie Ahrtalflut bis Z wie Zukunftsangst

Es ist dreist, mit was für dürftigem Inhalt die Tatortmacher glauben, durchkommen zu können – und leider kommen sie durch. Die „letzten Menschen von Köln“ latscht auf eingefahrenen Wegen.

Screenprint: ARD / Tatort

Die „letzten Kölner“ wäre auch irreführend gewesen, denn wer weiß schon, wo die Überlebenden eines russischen Atomschlags auf Düsseldorf (Hintergrund des Überlebenstrainings laut Drehbuch von Volker und Eva Zahn) geboren wären.

Das einzige, was dem Zuschauer ein „Aha“ entlockt haben dürfte, ist die Existenz einer noch brauchbaren Bunkeranlage unter der Kölner U-Bahnstation „Kalk Post“. Durch den Krimidreh des WDR kommt ans Tageslicht, wie solide die 70er-Jahre-Überlebenstechnik doch war, und wie sauber und ordentlich die Behörden diesen Zufluchtsort für etwa 2500 Menschen all die Jahre erhalten haben. Wie das ZDF Anfang 2026 berichtete, reicht sauber alleine aber nicht, „aktuell verzeichnet die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) noch 579 öffentliche Schutzräume mit etwa 478.000 Plätzen. Voll einsatzfähig sei aber kein einziger.“

Was ist Hui, was Pfui?

Alles andere im Sonntagsabendkrimi folgt den üblichen Mustern, nachdem vorzugsweise eine bestimmte Gruppe, die gerade noch ganz normale Verbraucher waren (wie hier zum Beispiel Gerüstbauer, Buchhalter, Elektroingenieure, Pflegekräfte) plötzlich aus nicht ersichtlichen Gründen zu gehirnamputierten Zombies werden (hier stellvertretend, die „Prepper“, an anderer Stelle mal die „Rechten“, „Ewiggestrigen“, „Abgehängten“, Polizisten oder „Eliten“), denen man am besten mit äußerstem Misstrauen begegnen sollte.

Bäh sind diesmal die, die überleben wollen … Hauptdarsteller Dietmar Bär sieht im Interview solche Aktionen aber äußerst kritisch: „Der Mensch will ewig leben. Und überleben. Auch jede Art von Weltkatastrophe. Seit 2020 sollten alle begriffen haben, dass man sich nirgendwo auf der Welt vor nichts auf der Welt verstecken kann.“

„Hinterlassen sie ihre Nachricht nach dem Sirenenton“
(Anrufbeantworter des Preppers)

Es entsteht der Eindruck, Buch und Regie (Marcus Weiler) hätten hauptsächlich den außergewöhnlichen Drehort wirken lassen und den Rest einfach mal so aus Versatzstücken zusammengequirlt, woraus recht zähe und unverdauliche 129 Minuten wurden. Dementsprechend bräsig fällt das Transportmittel der beiden Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und
Freddy Schenk (Dietmar Bär) aus: ein Volvo 240.

Überlebenstraining für das EOTW (Prepper-Abkürzung für „Ende der Welt“)

Der auf dem Nachhauseweg etwa um Mitternacht grausam mit einem Kehlenschnitt ermordete Linus Makris (Bastian von Bömches) wollte mit Schwester Elara Schmidtke (Katharina Schüttler) eigentlich zum Überlebenstraining von Moritz Zechmann, einem selbständigen „Survivaltrainer“ (Florian Stetter). Nicht wissend, dass ihr Bruder tot ist, steigt sie alleine in Zechmanns martialisch gestylten Ford-Kleinbus, in dem schon Julian Verhage (Dominik Flade) und Marco Ritter (Denis Marshall Ölmez) zusammen mit Zechmanns Sohn Mats (Paul Ahrens) warten. Gemeinsam geht die Fahrt zum Einstieg in den alten Atomschutzbunker und das 2000 Euro teure Survival-Training, in dem sie lernen sollen, wie man die Herzlungenwiederbelebung ausführt, maximal oft Liegestütze macht und die letzten Notrationen mit angelegter Gasmaske schleppt.

Die wichtigste Lektion aber ist, dass die „wahre Gefahr von den anderen Überlebenden ausgeht“, gegen die man sich im Ernstfall bis zum Tode mit der Haarbürste oder den eigenen Stiefeln verteidigen muss. Es kann „jederzeit zum Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung“ kommen (Zechmann).

Der frühere Elektroingenieur bei einem großen Energieversorger wurde von seinem nächsten Arbeitgeber, dem „Deutschen Katastrophenschutz“ wegen unentschuldigter Fehlzeiten entlassen und machte sich anschließend als Trainer selbständig. In seinem vergitterten Häuschen lagert er Vorräte, hält Käfighennen und das Zimmer seines 16-Jährigen als „panic room“ in Reserve. Mutter Zechmann (Katrin Wichmann) liegt auf einer Linie mit ihrem Mann: „Überleben in einer feindlichen Umgebung – als wenn wir das nicht jeden Tag tun würden“ und prophezeit den Kölner Kommissaren: „Wenn die Bombe fällt, hat keiner mehr Handyempfang.“

Während die gesamte Kölner Polizei damit beschäftigt ist, vor einer anonymen „Weltkriegsbombe“ zu warnen, bahnt sich im Bunker ein Drama an, denn Zechmann verdächtigt Elara, eine Spionin zu sein. Er zwingt sie zunächst offenzulegen, warum sie sich für seinen Kurs eingeschrieben hat: „Corona und der Ukrainekrieg habe sie nachdenken lassen, dass unser Leben vielleicht doch nicht so sicher ist wie wir alle glauben“, lügt die so Ertappte. In Wahrheit, und hier dreht das Drehbuch vollends ab, war sie mit ihrem Bruder auf Zechmanns Spuren, weil der in seiner Zeit als Katastrophenhelfer während der Jahrhundertflut am Tod ihrer Mutter schuld gewesen sein soll.

Während wir nie erfahren, ob die Weltkriegsbombe denn nun erfolgreich entschärft wurde, sucht die Streifenpolizei mit Blaulicht nach „Wohnungslosen, die sich in einem Hinterhof aufhalten sollen“, und das SEK stürmt, ohne sich um den „Zündmechanismus der Bombe, der dadurch ausgelöst werden könnte“ zu scheren, den alten Atombunker und verhaftet die dort führungslos verbliebenen Kursteilnehmer. Überhaupt treibt sich im Kölner Untergrund „viel komisches Volk (Kriminalassistent Norbert Jütte, gespielt von Roland Riebeling, über die Prepperszene) herum“, wie man sehen konnte, während Elara Schmidtke morgens um Vier durch Köln zum Treffen mit Zechmann ging.

Das Drehbuch mit einer Moralgeschichte wie ein griechisches Drama

Der Trainer ist mit seinem Sohn getürmt und versucht nun, diesen mit dem Geständnis seiner Missetat während der Ahrtalflut zu mehr Friedsamkeit zu inspirieren. Mats hatte Mitschüler mit einem spitzen Gegenstand bedroht, und hatte deswegen einen Schulverweis erhalten. Sein Vater erkennt, dass er den Jungen mit seiner „Wir gegen den Rest der Welt“-Katastrophenerziehung verdorben und ihn zu einer erbarmungslosen Killermaschine gemacht hat.

Daher versteht der Junge nun auch nicht, warum sein Vater Gewissensbisse hat, weil er, auf einen Baum geflüchtet, eine Frau, die mit ihm im Baum saß (Mutter von Elera und Linus) in die Fluten stieß, um selbst deren sicheren Platz zu ergattern. „Sie war alt und du warst stärker“; mit genau dieser „survival of the fittest“-Argumentation rechtfertigt Mats diese Niedertracht und ermordet nun auch den Vater, der ihn dazu bewegen will, sich zu stellen.

Mats war es, der Linus Makris aus dem Weg räumte, als dieser wegen der Ahrtalsünde seines Papas zur Polizei gehen wollte. Ballauf und Schenk bewegen ihn selbstsicher mit der Aussicht auf eine ruhige Zelle und ein Frühstück dazu, aufzugeben.

advertisement-block provider=“freigeist“ location=“posts“]

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen