Die Hoffnung auf stabile US-Zinsen beflügelt die Börsen nur kurz: Robuste Arbeitsmarktdaten schüren erneut Inflationssorgen. Während Wall Street nachgibt, hält sich der Dax über 26.000 Punkten. Nun richten sich die Blicke auf die neuen Preisdaten.
shutterstock
Dass es an der Börse nicht viel braucht, um den Hebel umzulegen, zeigte sich am Donnerstag. Eine einzige Stimme aus der US-Notenbank, die von Fed-Gouverneur Christopher Waller, reichte, um an der Wall Street eine kräftige Erholung auszulösen.
Waller hatte sich zuversichtlich gezeigt, dass der Preisdruck langsam nachlasse. Bei weiteren Fortschritten in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels könne er im September für unveränderte Leitzinsen stimmen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sank daraufhin leicht auf 4,76 Prozent. Nach einem holprigen Wochenstart legten die US-Indizes am Donnerstag jedenfalls kräftig zu: Dow und S&P 500 gewannen jeweils rund 1,1 Prozent, der Nasdaq sogar 1,5 Prozent.
Vom Tisch ist eine Zinserhöhung damit aber noch nicht. Waller stellte klar, dass die Entscheidung „stark beeinflusst“ von den amerikanischen Inflationszahlen werde, die am 11. September um 14:30 Uhr veröffentlicht würden. Sie werden damit zum entscheidenden Wegweiser für die weitere Zinsentwicklung in den USA. Der Vorbote am Freitag war schon einmal nicht besonders überzeugend: Im Fokus stand der Arbeitsmarktbericht für den Monat August. Demnach ist die Beschäftigung in den USA unerwartet deutlich gestiegen. Dies weckte am Markt wieder Sorgen. Nach den Kursgewinnen vom Donnerstag gabendie wichtigsten Aktienindizes am Freitag folgerichtig wieder leicht nach: Der Dow Jones Industrial fiel um 0,5 Prozent auf 53.414 Punkte. Auf Wochensicht ergab sich für den US-Leitindex ein Minus in Höhe von knapp 0,3 Prozent. Der marktbreite S&P 500 verlor 0,4 Prozent auf 7.719 Zähler. Der technologielastige Auswahlindex Nasdaq 100 hingegen legte um 0,2 Prozent auf 29.544 Punkte zu.
Marktexperte Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen bescheinigt den USA einen „soliden Arbeitsmarkt“. Im August sei es zu einem ansehnlichen Stellenaufbau gekommen, und die mittlere Markterwartung wurde klar übertroffen, so der Analyst. Die Erwartungen an eine Zinserhöhung durch die Fed dürften wieder angeheizt werden. Für Zurückhaltung bei den Anlegern sorgte vor dem feiertagsbedingt (Labor Day am Montag) langen Wochenende in den USA auch der Iran-Krieg. „In den vergangenen Handelswochen kamen die negativen Impulse aus der geopolitischen Gemengelage oft über die Wochenenden und stellten die Investoren montags vor vollendete Tatsachen“, schrieb Marktstratege Andreas Lipkow vom Handelshaus CMC Markets.
Als Schlusslicht im S&P 500 knickten die Aktien von Lululemon um mehr als 17 Prozent ein. Der Sportartikelhersteller hatte schwache Quartalszahlen vorgelegt und seine Jahresprognose gesenkt. Analyst Paul Lejuez von der Bank Citigroup hält die Entwicklung in China für die zentrale Enttäuschung bei dem Unternehmen.
Die Papiere von Adobe verloren 6,7 Prozent. Das Software-Unternehmen bekommt mit Anil Chakravarthy einen neuen Chef. Die Berufung von Chakravarthy habe viele überrascht, hieß es vom Brokerhaus Jefferies. Das Analysehaus selbst war davon ausgegangen, dass David Wadhwani, der Leiter des Kreativbereichs, die vernünftigere Wahl gewesen wäre. Dieser sei für drei Viertel des Umsatzes verantwortlich und genieße sowohl innerhalb als auch außerhalb von Adobe hohes Ansehen.
Nach ihrem Kurssprung am Vortag büßten die Aktien von Tesla nun knapp sechs Prozent ein. Die mit Spannung erwartete Präsentation des autonom fahrenden Robotaxis Cybercap hatte die Anleger nicht überzeugt. Das Event habe im Vergleich zu vorab bekannten Informationen wenig Neues geboten, schrieb Tom Narayan von der kanadischen Bank RBC. Kernfragen rund um den Preis, die Produktion und regulatorische Themen seien unbeantwortet geblieben.
Ebenfalls nicht gut gelitten waren bei den Anlegern die Anteilsscheine der Kreditauskunfteien Equifax und Transunion, deren Kurs um jeweils rund sechs Prozent absackte. Der Direktor der US-Bundesbehörde für Wohnungsbaufinanzierung, Bill Pulte, hatte erneut Kritik an den Unternehmen geäußert. Diese würden den Amerikanern überhöhte Gebühren berechnen.
Überraschend hatten die robusten Jobdaten aus den USA die jüngste Aufwärtsbewegung im Dax zuvor nicht gestoppt. Der deutsche Leitindex ging trotz schwacher US-Börsen letztlich 0,2 Prozent höher mit 26.046 Punkten aus dem Handel. Damit setzte er die am Vortag eingeleitete Erholung zurück oberhalb der 26.000-Punkte-Marke fort. Auf Wochensicht steht angesichts der vorangegangenen Korrektur vom am Freitag vergangener Woche erreichten Rekordhoch bei 26.618 Zählern aber ein Minus von rund zwei Prozent zu Buche. Der MDax der mittelgroßen Unternehmen gewann vor dem Wochenende 0,3 Prozent auf 32.355 Punkte.
Am deutschen Aktienmarkt stach vor dem Wochenende Dax-Spitzenreiter Volkswagen mit einer weiteren Kurserholung um 6,5 Prozent heraus. Der Aufsichtsrat des krisengeplagten Autobauers hatte am Donnerstagabend nach wochenlangen Auseinandersetzungen überraschend einstimmig weite Teile des Sanierungskonzepts des Vorstands gebilligt. Neben den VW-Titeln waren auch die Aktien des Großaktionärs Porsche SE mit plus 3,6 Prozent gefragt.
Ebenfalls auf Kaufinteresse stießen Halbleiterwerte: Im Dax legten die Aktien von Infineon um 2,4 Prozent zu und im MDax gewannen Suss Microtec, Siltronic und Elmos bis zu sechs Prozent. Sie folgten damit der positiven Entwicklung der Tech-Branche in Asien. Bei Suss sieht Warburg-Analyst Malte Schaumann angesichts der günstigen Bewertung sowie voller Auftragsbücher zudem eine gute Kaufgelegenheit.
Als Kurstreiber erwiesen sich außerdem Analysteneinschätzungen. So ließ eine Hochstufung der Investmentbank Oddo BHF die Titel von Continental um 1,9 Prozent steigen. Continental sei nun keine Umbaustory mehr, sondern ein purer Reifenkonzern mit einer Profitabilität, die zu den besten der Branche zähle, begründete Experte Michael Foundoukidis seine Neubewertung.
Für die Aktien von Puma ging es dagegen um 1,8 Prozent abwärts, während Adidas letztlich um 0,3 Prozent stiegen. Der oben erwähnte Kurseinbruch beim US-Konkurrenten Lululemon nach einer Umsatz- und Gewinnwarnung war auch bei den deutschen Branchentiteln ein Thema.
Der Blick nach vorn
Am kommenden Donnerstag legt der US-Softwarekonzern Oracle seine Quartalszahlen vor – und kaum ein Unternehmen zeigt derzeit besser, wie teuer der Wettlauf um KI-Infrastruktur geworden ist. Oracle baut sein Cloud-Geschäft mit enormem Tempo aus. Im vergangenen Geschäftsjahr wuchs die Cloud-Infrastruktur um 77 Prozent auf rund 18 Milliarden Dollar Umsatz. Gleichzeitig hat sich der Kapitalbedarf gewaltig erhöht. Für das laufende Geschäftsjahr plant Oracle Investitionen von bis zu 95 Milliarden Dollar. Die Aktie hat darunter kräftig gelitten. Vom KI-Liebling zum Sorgenkind ging es erstaunlich schnell. Nun erhoffen sich Anleger Zahlen, die neue Hoffnung geben.
Die kommende Woche hat es aber auch ohne frische Quartalsberichte in sich. Am Mittwoch und Donnerstag tagt die Europäische Zentralbank in Berlin. Am Donnerstag folgt die Pressekonferenz. Nach den zuletzt hartnäckigen Preissteigerungszahlen werden Anleger jedes Wort darauf abklopfen, wie die EZB den weiteren Verlauf der Inflation einschätzt.
Fast zeitgleich kommen aus den USA neue Preisdaten. Am Donnerstag werden zunächst die Erzeugerpreise für August veröffentlicht, am Freitag folgt die Verbraucherpreisinflation. Im Juli lag sie bei 3,4 Prozent. Damit ist das Zwei-Prozent-Ziel der Fed noch ein gutes Stück entfernt.


Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein