Chrupalla bei Miosga: Diese Welle wird nach Berlin gehen

Meltdown bei Miosga: Der AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt bringt Politiker und Journalisten an ihre kognitive Kapazitätsgrenze. Zur Sicherheit erinnert die gelernte Nachrichtensprecherin nochmal daran, dass die AfD „besonders radikal und völkisch“ sei. Viele hätten jetzt „wirklich Angst“.

Screenprint: ARD / Caren Miosga

Bei Miosga am Wahlabend werden wir Zeitzeugen eines ganz besonderen Moments. Politiker und Journalisten durchleiden gemeinsam einen extrem schmerzhaften Lernprozess. Sie hadern und sie bangen, sie fürchten, sie ignorieren, leugnen und sie dementieren. Sie halten krampfhaft an alten Zöpfen fest und wollen partout nicht wahrhaben, dass Rapunzel längst das Weite gesucht hat. Und dass es nicht ihr wallendes Haupthaar ist, sondern eine Perücke, an der sie da herumzutzeln. Und mit der sie gerade in den Abgrund sausen.

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„Unsere Demokratie“ ist abgewählt
Werden wir konkret: Giovanni di Lorenzo ist anwesend, Chefredakteur der ehemals angesehenen „Zeit“ und Herausgeber des links weggeschleuderten „Tagesspiegels“. Er fasst eindrucksvoll zusammen, kam warum seine Blätter den Zeitgeist seit Jahren sauber verfehlen: Er habe „es nicht für möglich gehalten, dass eine in Teilen rechtsextreme Partei einmal so groß werden würde“. Und weil er darin geübt ist, selbst die größte Unwissenheit in möglichst kunstvoll gedrechselte Worte zu kleiden, sagt er noch dies: „Das Ergebnis in dieser Uneindeutigkeit und der Unsicherheit der Perspektive für die Parteien, die nicht AfD sind, ist die schlimmste Konstellation, die man sich nur vorstellen kann.“ Ah ja, man ahnt, was er wohl meint.

Von Giovanni werden wir an diesem Abend noch mehr hören. Doch zunächst zu Thomas de Maizière (CDU), ehemaliger Innen- und Verteidigungsminister. Der sagt, er sage es ungern, aber er müsse sagen: „Die AfD ist zu einer Partei der Hoffnung geworden.“ Klingt ganz schön ehrlich für ein Mitglied der Berufslügnerpartei CDU.

Zuvor aber kommt der Co-Vorsitzende dieser Hoffnungspartei, Tino Chrupalla, per Live-Schalte ins Studio. Und der macht ein paar klare Ansagen: „Die Brandmauer ist abgewählt“ etwa, oder „Heute Abend wird lange Licht im Konrad-Adenauer-Haus brennen.“ Chrupalla ist geradezu berauscht vom Sieg seiner Partei und wirkt noch selbstsicherer als üblich. Wie bei allen AfD-Sprechern an diesem Abend, ob Siegmund, Weidel oder von Storch, hat man das Gefühl, er weiß mehr als er sagt. Weiß Chrupalla bereits von irgendwelchen Überläufern aus den Reihen der CDU? Die AfD reiche jedem die Hand, der es gut mit Sachsen-Anhalt meine, aber einige hätten „die Hand heute schon weggeschlagen; die haben wahrscheinlich noch nicht begriffen, was heute Abend passiert ist.“ Chrupalla wird deutlicher: „Sven Schulze ist abgewählt, der kann nach Hause gehen.“ Er appelliere „an die restlichen CDU-Abgeordneten, wenn es die überhaupt noch gibt, die im Sinne Deutschlands und Sachsen-Anhalts endlich Politik machen wollen“. Das Thema Überläufer wird später am Abend noch eine Rolle spielen.

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Dann setzt Chrupalla dem politischen Gegner die Pistole auf die Brust. „Die CDU muss wissen, ob sie mit diesem Kanzler weitermachen will.“ Merz habe die Ostdeutschen ständig „als Wutbüger beschimpft“ und dafür jetzt die Quittung erhalten. Zu behaupten, „wir im Osten brauchen bessere Erklärungen“, empfindet Chrupalla als Beleidigung: „Wissen Sie, wir sind nicht schwer erziehbar. Wir haben die erste Wende vollbracht, wir werden die zweite Wende vollbringen. Und es wird diese Welle auch nach Berlin gehen.“ Wenn die CDU weiterhin die Realität ignoriere, „dann wird das nächste Wahlergebnis 50 plus sein“.

Politologe Christian Stecker hat für das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt eine nüchterne Definition: „Das ist Demokratie in Anwendung.“ Der „Professor für das politische System Deutschlands und den Vergleich politischer Systeme“ an der TU Darmstadt äußerst die „Hoffnung, dass Sachsen-Anhalt gerade klein genug ist, dass es nicht die Republik ins Chaos stürzt, aber auch gerade groß genug ist, um uns daran zu erinnern, dass wir so nicht weiter miteinander umgehen sollten und auch so nicht weiter miteinander Politik machen sollten“.

Die anderen Gäste sind da simpler gestrickt. De Maizière befürchtet: „Da wird es eine Regierung geben unter AfD-Führung. Das BSW ist käuflich und wird alles tun, um der AfD letztlich in die Macht zu helfen.“ Dass irgendwer aus seiner CDU zur AfD überlaufen könnte, kann er sich nicht vorstellen. Was viel über seine Vorstellungskraft sagt. „Wir wären doch mit den Klammerbeutel gepudert, bei dem Wahlergebnis der AfD in den Sattel zu helfen. Ob es irgendwelche Abweichler gibt, halte ich für verrückt, aber keine Ahnung.“ Immerhin, er gibt zu, dass er keine Ahnung hat. Das ist einigermaßen erstaunlich, weil man sich bei de Maizière doch ständig fragt, ob es eher selbstzufriedene Gelassenheit oder gelassene Selbstzufriedenheit ist, die ihn in die Talkshows treibt.

Stecker erinnert ihn derweil vorsichtig daran, dass es bereits 2018 eine Denkschrift gegeben habe, in der CDU-Mitglieder eine blauschwarze Koalition forderten. Diese Personen seien noch immer in der Fraktion. Man müsse also mit allem rechnen, auch mit Überläufern.

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Selbst Miosga, scheint es, wandert heute den beschwerlichen Weg der Erkenntnis. Und mutmaßt, „dass die Politik der Brandmauer – so blöd dieses Wort ist – dass die einfach falsch ist“. Und di Lorenzo geht sogar noch weiter: „Ich bin gar nicht so sicher, ob die AfD in kürzester Zeit entzaubert wird.“ Fassungslos zeigt er sich ob der Tatsache, dass in Umfragen ausgerechnet der AfD „die Größte Sozialkompetenz zugesprochen“ wird und nicht der SPD – „Das muss man sich mal vorstellen!“ Di Lorenzo sieht „Fehlentwicklungen, da habe ich das Gefühl, der Schuss ist nicht gehört worden.“ Und als Meister der verschwurbelten Sprache, der er nunmal ist, fabuliert er weiter: Es sei wichtig, „dass man die Forderung und die Erwartung der Mehrheit in diesem Land ernst nimmt“. Über kriminelle Asylanten urteilt er überraschend knapp und klar: „Die haben hier auch nichts verloren.“ So lange die Altparteien diese Probleme nicht ernst nehmen würden, bleibe die AfD auf der Überholspur – dann „werden wir die immer stark machen“.

Auftritt de Maizière: Der hebt jetzt zu seinem Redebeitrag an, der in seiner Absurdität vermutlichen die ewigen Labergründe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eingehen dürfte. Er sagt allen Ernstes: „Das Thema Migration ist auch ein Gefühl: Wir wollen das Fremde nicht. Wir können dem entgehen. Wir wollen keine künstliche Intelligenz. Wir wollen nicht, dass soviel Englisch gesprochen wird. Die Eliten sprechen eine Sprache, die wir nicht mehr verstehen. Und dieses Gefühl wird am Beispiel eines Asylbewerbers festgemacht. Dahinter steckt aber eine grundlegende Abschottung gegen Internationalität.“

Lesen Sie den Absatz ruhig nochmal, es wird nicht besser. Was hat Miosga dem Mann nur ins Wässerchen geträufelt? Was ist bloß aus dem Innenminister geworden, der damals nichts sagen wollte, weil Teile der Antwort die Bevölkerung beunruhigen könnten? Sein Zustand heute ist wirklich beunruhigend.

AfD deutlich über 40 – CDU deutlich unter 20
Die Staatsparteien sind am Ende: Sachsen-Anhalt markiert eine Wende – so oder so
Getoppt wird er nur noch durch Vera Wolfskämpf vom mehrheitlich im SPD-Besitz befindlichen Redaktionsnetzwerk Deutschland. Sie berichtet von einer Rentnerin mit 700 Euro, die ihre behinderte Tochter pflegt und kaum über die Runden kommt. Wenn die sich über Migranten beschwere – „die Geflüchteten, die bekommen alles“ – dann sei das ja nur eine „gefühlte Unsicherheit“. Und diese Unsicherheiten „treffen dann auf große Veränderungen, auf Menschen, die zu uns kommen, die plötzlich auch etwas abhaben wollen vom Kuchen des Sozialsystems.“ AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund habe erfolgreich „das Bauchgefühl angesprochen“, diagnostiziert Wolfskämpf. Anlass genug für Miosga, rasch einzuwerfen, dass gerade der AfD-Landesverband in Sachsen-Anhalt ja erwiesenermaßen „besonders radikal und völkisch“ sei.

Giovanni di Lorenzo gelingt zum Ende hin ein denkwürdiges Bonmot. Ungewollt allerdings. Eigentlich meint er die AfD, doch seine Worte passen viel besser zu diesem famosen Miosga-Abend: „Sie übertreiben, sie bauschen auf, sie verallgemeinern, sie nutzen das propagandistisch, sie ziehen immer die falschen Schlüsse.“

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Kommentare ( 58 )

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58 Comments
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Sabine Schoenfelder
1 Monat her

Elend bei Miosga. Elend in den Öffis. Alles, rein a l l e s, wurde unternommen, um des Wählers Stimme zu unterdrücken. Gecancelt, gespottet, desavouiert, gedroht, betrogen, verboten… Selbst nach den verkündeten Wahl- Prognosen schrie man noch nach einem Parteiverbot des Siegers ‼️ Zunächst dachte ich, der Protagonist der AFD wird per Wahlbetrug unter 40% gedrückt. Doch dessen Zustimmung war zu groß! Vice versa lief der Deal. Die attraktive Frontfrau der Grünen erhielt unerwartete Zuwächse….das glaube wer will….und auch das BSW wird offenbar noch gebraucht.. Wer das Verhältnis Direkt/Briefwahl betrachtet, weiß, wie heute Wahlen ablaufen. Darf man das schreiben, oder… Mehr

Deutscher
1 Monat her

Die lernen auch jetzt nichts aus ihren Fehlern. Sie erkennen sie nicht mal.

Deutscher
1 Monat her

„…Viele hätten jetzt „wirklich Angst“….“

Ja – um die GEZ-Staatsknete, an der sie sich bislang schamlos bereichern.

November Man
1 Monat her

 Die Linken im Land könnten doch mal sauber definieren was speziell für sie „Rechtsextrem“ oder „Rechtsradikal“ bedeuten soll oder was das genau ist. Denn schon die Grundlagen der Linken sind völlig falsch. Und wenn sie mit ihrer Definition bei den Faschisten, Nazis und bei Hitler, bei den National-Sozialisten und der NSDAP landen, können sie auch auch gleich klären, ob das Rechtsextreme oder doch Linksextreme waren. Und sie könnten aufklären, bei welchen Parteien die ganzen Nazis von der NSDAP alle untergekommen sind. Und zum Schluss können sie dann klären was AfD mit den Nazis; Faschisten oder der NSDA zu tun hat.… Mehr

Brauner Bodensatz
1 Monat her

Die „etablierte“ Polit-„Elite“ hats anscheinend noch immer nicht kapiert. Wenn ich schon höre, „Migration“ sei nur ein „Gefühl“, bzw. „gefühlte Unsicherheit“, das ist der altbekannte Level von wegen wir müssen unsere geile Politik nur besser erklären. Meinen die ernsthaft, z.B. die Schulen und das Gesundheitssystem seien nur „gefühlt“ im Arsch, die Sozialkassen nur „gefühlt“ ausgeplündert?? Und die explodierende Ausländergewalt, von der inzwischen trotz aller Zensur täglich zu lesen ist, die ist nur „gefühlte Unsicherheit“???? Unglaublich!!

Michi Wetter
1 Monat her

Klar wird wieder einmal, dass Miosga, der ganze kranke ORR Hetzer und Hasser Komplex die schlimmsten Feinde der Demokratie sind. Diese Miosga ist geradezu besessen Wahnhaft vom sg. völkischen der AfD. Ob der Trampel überhaupt weiß, wovon sie redet? Steht da in Berlin nicht ganz prominent geschrieben -Dem Deutschen Volke-? Das sagt der gesichert Linksextremistin wahrscheinlich gar nichts. Die Eugeniker der 1920er Jahre, oft Linke Professoren an Universitäten, haben ja erst die Basis für den Nazi Rassenwahn geliefert. Es war sozusagen Konsens der Wissenschaft, dass man wie bei Tieren, auch bei Menschen große Erfolge bei der „Züchtung“ erreichen könnte. Davor… Mehr

Peter Gramm
1 Monat her

Schon interessant wie in all diesen talk-Runden auf der AfD herumgehackt wird. Aber all diese Leute die da herumdiskutieren leben auf Zwangsgebühren oder auch auf Steuerknete und das auch nicht zu knapp. Trotzdem nehmen sie aber das Geld welches zum Teil auch von diesen „Radikalen“ abgedrückt werden muß. Dazu sind sie sich nicht zu schäbig. Beim Geld hört die Kritik recht schnell auf. Da geht es an’s Eingemachte und die Radikalität tritt ganz flott in den Hintergrund. Alles sehr wenig glaubwürdig.

Lena M.
1 Monat her

Ich bin der festen Überzeugung, dass bei der Briefwahl zu ungunsten der AfD manipuliert wurde…

Mikmi
1 Monat her
Antworten an  Lena M.

Ich teile diese Überzeugung und ich gehe fest davon aus, das das überprüft wird. Wehe wenn dem so ist, das ist keine Ordnungswidrigkeit.

hoho
1 Monat her

Ich weiß nicht, wieso die Leute sich so aufregen. Ein kleines Bundesland und nicht mal die absolute Mehrheit ist da. Sie graben ihr eigenes Grab, wenn sie dermaßen übertreiben. Übrigens diese Hysterie ist auch in Polen zu empfangen – Freund von mit war gerade da und hat mich angerufen ob es wohl stimmt, dass in D. eine extremistische Putin-Partei gewonnen hat. Andere Freunde die ich danach aus Neugierde kontaktiert habe, haben mir eine gesunde Dose an Medien-Skepsis gezeigt. Allerdings scheint sich der polnische EU Freund Tusk sehr aufgeregt zu haben. Wohl wegen der EU Kriegspläne die er in Gefahr gesehen… Mehr

Sabine Schoenfelder
1 Monat her
Antworten an  hoho

Irgendwie drängt sich mir der Verdacht auf…..👉 Sie verkehren in den falschen Kreisen.😄

Mikmi
1 Monat her

Einen schönen Gruß an die Kirchen, auch wir werden nicht wegschauen und auch nicht schweigen und liebe jüdische Gemeinde, leert doch bitte einmal vor eurer Tür.