Spiel, Satz, Siegmund – Ulrich 40, Spiegel 0

Vor der wichtigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liegt die AfD mit 42% weit vorne. Zeit, den beliebten Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zu zerlegen. Dachte sich wohl der Spiegel. Heraus kam irgendwas Unentschlossenes zwischen sehr herzigem Fandom und sich selbst dafür auf die Finger schlagen.

IMAGO, Screenshot Spiegel - Collage: TE

Wann immer ich noch irgendwas beim Spiegel lese, steht meist am Anfang des jeweiligen Artikels die obligatorische dramaturgische Wetterbeschreibung. Es regnete, der Regen trommelte an die Fenster, der Himmel war grau wie die Stimmung. Auch die aktuelle, wohl als Verriss geplante Coverstory zu Ulrich Siegmund (AfD) kommt nicht ohne sie aus: „Es ist der heißeste Tag des Jahres, aber Ulrich Siegmund will sich von nichts und niemandem aufhalten lassen, schon gar nicht von der Sonne. »Ist das nicht ein tolles Wetter! Endlich ist der Sommer zurück, endlich ist er da, der Klimawandel«, ruft er in die schwitzende Menge, die johlt und pfeift.“ Man möchte ein wenig lachen über dieses immer wiederkehrende, unkaputtbare Stilelement aus dem letzten Jahrzehnt. Dann lacht man etwas lauter, wenn einem bewusst wird, dass das wohl erst zusammen mit dem Spiegel aussterben wird.

Der Spiegel konnte mit seiner Titelgeschichte kaum mehr unter Beweis stellen, wie wenig seine Autoren noch von der Welt um sie herum verstehen. Zu sehr ist man mit Einordnen beschäftigt, als unvoreingenommen zuzuhören. Unmöglich, sich selbst und seine dringend durchzudrückende Botschaft herunterzufahren und einfach nur aufzuschreiben und zu sagen, was ist. Diese Aufgabe haben nun andere übernommen: https://www.sagen-was-ist.com

C’est la vie, wie man an einem warmen Sommermorgen vor blauem Himmel in einem roten Poloshirt zu sagen pflegt, während man dem Nachbarn auf der anderen Magazinstellage genüßlich den Vogel zeigt.

Gleich drei Autoren arbeiten sich in der vielversprechenden und Teekesselartigen Titelgeschichte „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ an Ulrich Siegmund ab. Dazu pappt ein Siegmund-Passbild auf schwarzem Grund und soll damit wohl Anmutungen an ein Fahndungsplakat wecken. Natürlich triggert das sofort voll rein. Wer solche Worte auf den Titel hebt, sollte anschließend wenigstens einen politischen Godzilla präsentieren. Die einen sehen darin eine Feindmarkierung mit implizitem Aufruf, Siegmunds Leib und Leben zu gefährden. Der Name Charlie Kirk fällt. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht, wenn man sich anschaut, wieviele Spinner in der Welt und zuletzt in Deutschland rumlaufen. Wäre es umgekehrt und die Junge Freiheit würde Heidi Reichinneck in der Form abbilden, könnten sich die Kollegen am nächsten Werktag wohl die JF-emblemierten Bademäntel rauslegen, während jemand vom Spiegel in der ersten Reihe steht, um den morgendlichen Besuch des SEK mit „der Morgen war noch nicht ganz an, Nebel lag noch über den Wiesen, die Sonne ging gerade auf, als…“ zu dokumentieren. Sprich: Beim Spiegel darf man einfach, was anderswo noch nicht geht. Und was man andernorts auch nicht macht, selbst, wenn man’s könnte.

Dann kommt allerdings ein Artikel, der so offensichtlich verzuckert von Ulrich Siegmund ist wie dessen Wähler, auf die man so naserümpfend herabblickt. Nein, man wirbelt da als seriöser Spiegel-Autor nicht mit seinem Schlüpfer in der ersten Reihe. Aber das „did you cream your pants“ trieft sehr unangenehmen und überaus fremdschämend durch die vielen Zeilen. Und weil natürlich nicht sein darf, was nicht sein darf, haut man sich immer wieder selbst auf die erregten Finger und durchzieht den Text mit schwarzen Nazi-Schwaden. Was man beim Spiegel halt so macht mit seinem etwas abgründigen AfD-Kink.

Kollege Alexander Wallasch beschrieb mal diesen besonderen white liberal women Fetisch, nach Schnellroda zu pilgern und sich da vom dunklen Lord himself, Kubitschek, mit selbstgemachtem Pflaumenkuchen und warmen Ziegenkäse bewirten zu lassen. Nicht selten ist es der gleiche Typ Frau, der sich in einem Gespräch über Gott und die Welt plötzlich vorlehnt und verschämt Sätze wie „ich traue mich ja kaum das zuzugeben, aber ich möchte auch gerne zuhause bleiben, wenn ich mal Kinder habe“ raushaut.

Gut, ich schweife ab wie ein Spiegel-Redakteur. Mea culpa. Aber der ganze Spiegel-Text ist einfach so herrlich lustig, dass man kaum anders kann, als gedanklich darin herumzumalen.

Das Magazin kündigt also eine große Recherche über den gefäääääääährlichsten Mann an, der am 6. September erster AfD-Ministerpräsident Deutschlands werden könnte. Es geht natürlich um ein „rechtsextremes Netzwerk“, einen „gefährlichen Verführer“ und den Plan, sich „an die Macht zu lächeln“. Der Spiegel findet einen „erstaunlich durchschnittlichen Kleinstadtmenschen“. Das ist tatsächlich die eigene Recherche.

Frühere Bekannte erinnern sich an einen beliebten jungen Mann. Siegmund sei ein „Schulschwarm“ gewesen, Frauen hätten ihn attraktiv gefunden. No shit, Sherlock. Er könne auf Menschen zugehen, merke sich Namen, komme im persönlichen Gespräch gut an und sehe selbst nach langen Wahlkampftagen noch frisch aus (wie aus einer Deo-Reklame). Der investigative Journalismus hat damit erstmals zweifelsfrei nachgewiesen: Ulrich Siegmund kann Wahlkampf.

Die Lage verschärft sich aus Hamburger Sicht weiter: Ulrich Siegmund dreht professionelle Videos mit Simson-Mopeds und spricht Instagram und TikTok fluently. Moped kann kaum ein Linker aussprechen, ohne dabei gleich an Gebrüder Moped zu denken. Auch das verzeiht man Siegmund offenbar nicht. Aber selbst bei der Linken soll jemand gesagt haben: „So jemanden bräuchten wir auch.“ Tja. Hinten anstellen. Deutschlands gefährlichster Mann besitzt also Charisma, Medienverständnis und ein Namensgedächtnis. Für einen Politiker sind das inzwischen offenbar strafverschärfende Merkmale. Bzw. die anderen haben die Latte einfach verdammt weit abgesenkt. Egal, weiter.

Die Spiegel-Autoren arbeiten sich so hingebungsvoll an Siegmunds Wirkung auf die Menschen ab, dass immer wieder der harte Eindruck einer Fanbiografie entsteht. Der Mann sieht gut aus, ach, er trägt weiße Poloshirts, was eine Multifunktionsjackentragende Spiegel-Leserin sonst nicht erfahren hätte. Wäre der Name Ulrich Siegmund durch Robert Habeck ersetzt worden, hätte der Text vermutlich unter „Hoffnungsträger“ getitelt. Aber so ist man halt ein bisschen geil, wo man es nicht sein darf und dann wird es eben ein Fahndungsähnliches Plakat. Drei Spiegel-Reporter ziehen aus, den kommenden Faschismus zu vermessen, und kehren mit Sonnenbrand zurück.

Dann braucht er nicht mal mehr die alten Medien. Ist es denn die Possibiliät? Paar noch als gefährlich markierte Personen in Siegmunds Umfeld, bisschen umrühren, hoffentlich maximal beschädigen. Hm, ja, Nein, das ging komplett nach hinten los, vor allem, weil auch zu sehr durchscheint, dass man den Siegmund ja selbst schon irgendwo ganz sweet findet und sich selbst dabei überrascht, dass man beim Tippen mit der rechten Hand gleichzeitig mit der linken ein Herz ins Pult geritzt hat. Erwischt. Und da haben wir ihn, den „gefährlichste Mann Deutschlands“. Little lefties heartthrob.

Tja. Und Siegmund selbst? Der verstand diese bösgeniale Vorlage sofort. Er verbreitete das Cover stolz selbst, unterlegte Videos damit mit Sounds von Dr. Dre und Snoop Dogg (darf er das??) und signierte Exemplare bei Wahlkampfveranstaltungen wie Autogrammkarten. „Sehr gute Werbung“, so seine Aussage. Seine Wahlkampfagentur hätte für ein vergleichbares Motiv vermutlich eine sechsstellige Rechnung geschrieben. Kurz darauf scherzte er bei X:

Die politische Brillanzdimension der voll nach hinten losgegangenen Aktion entging sogar Leuten nicht, die mit der AfD rein gar nichts anfangen können. Der SPD-Politiker Ali Kaan Sevinc fragte öffentlich, wer dieses Cover freigegeben habe, und sprach von einem Wahlgeschenk. Auch bei der Süddeutschen Zeitung spottete man bereits darüber, ob man sich beim Spiegel in Siegmund verliebt habe. So ausführlich hat wohl lange kein gegnerisches Medium Siegmunds Vorzüge aufgelistet. Die sozialen Medien sind voll mit KI-Versionen des Ulrich-Titels. Der Mann ist sogar so gefährlich, dass er einen Angriff des nunmehr als zahnlos zu bezeichnenden Spiegel in einen absoluten Triumph dreht. Und irgendwo hört man wieder einen Linken sagen: „Wie zum Teufel macht der das?“ Gebt euch keine Mühe. Das versteht ihr eh nicht.

Der Vorgang erzählt vor allem auch sehr viel über den Zustand eines untergehenden Leitmedien-Journalismus, der politische Erklärung zu lange, zu exzessiv, zu dumm durch Dämonisierung ersetzt hat. Über 40 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt verlangen eine Auseinandersetzung mit den Gründen. Was treibt so viele Wähler zu Siegmund? Welche Erwartungen verbinden sie mit ihm? Warum glaubt niemand mehr, dass CDU, SPD, Grüne und Linke noch irgendwas ändern? Warum sind die Menschen so dermaßen fertig mit den Altparteien? Igitt, was für ein Wort. Schnell die Handpumpe Sagrotan betätigen.

Damit erspart man sich auch die unangenehme Frage nach der eigenen Rolle. Eine stetig abnehmende Zahl an Menschen liest seit Jahren, wen sie für gefährlich, radikal, unanständig oder unwählbar zu halten haben. Und immer mehr von ihnen reagieren mit einem Kreuz genau an dieser Stelle. Als Journalist könnte man ja mal in sich gehen und sich fragen, was da genau los ist. Aber so wie der Spiegel es macht, gleich neben den Menschen stehen und dennoch verächtlich auf sie herabschauen, geht es natürlich auch.

Freuen sich dann halt andere und stoßen in die riesengroße Lücke, die man beim „Hamburger Hafenschlamm“ gelassen hat.

— Richard Meusers v.W. 🇮🇹 ن (@maternus) August 13, 2026

Ulrich Siegmund kann mit dem Outcome hochzufrieden sein. Eine freundlichere Darstellung seiner politischen Fähigkeiten hätte sein eigenes Wahlkampfteam wohl kaum besser schreiben können. Dazu bekam er noch ein Cover/Autogrammkarte, das jedem Unentschlossenen entgegen schreit: Dieser Mann macht den Richtigen Angst.

Wenn Sie, liebe Leser, einmal sehen möchten, was sagen-was-ist heutzutage wirklich bedeutet, möchten wir Sie gerne zu unserem direkten unaufgeregten Kontrastprogramm einladen – und was Neues erfahren Sie dabei auch noch:

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