Kein Zurück mehr aus dem Schulden-Sumpf

Die Schuldenbremse ist Geschichte. Eine Expertenkommission zerfasert sich im fiskalpolitischen Niemandsland. Gleichzeitig halluziniert sich Finanzminister Klingbeil in eine Scheinwelt unbegrenzter Staatsschulden. Der Absturz vollzieht sich schneller als gedacht.

picture alliance / BMF/photothek.de | Florian Gaertner

Sie sollten sich den 6. Juli 2026 als einen besonderen Tag im Kalender einkreisen. Es ist der Tag einer fiskalpolitischen Zäsur. Nicht unbedingt substanziell – der haushaltspolitische Weg Deutschlands in die wachsende Staatsverschuldung war bereits vorgezeichnet. Entscheidend ist vielmehr die Erkenntnis, dass auch die Staatswissenschaft inzwischen einen gefährlich sorglosen Umgang mit den öffentlichen Finanzen pflegt. Sie hat sich in die Rolle des rhetorischen Verstärkers politischer Finanzierungsillusionen begeben.

Am besagten Montag informierte die FAZ über die Arbeit einer Expertenkommission zur Modernisierung der Schuldenregel. Sie erinnern sich möglicherweise noch an die seinerzeit feierlich inaugurierte Schuldenbremse – eine Art Reminiszenz an den längst untergegangenen Schuldenrahmen des Maastricht-Vertrags der Europäischen Union.

Vom Tag ihrer Einsetzung an arbeiteten Politiker aller Parteien an ihrer Zersetzung, mit Haushaltstricks, Sondervermögen und Bereichsausnahmen. Deutsche Fiskalpolitik wird mediterranisiert. Verzeihung, liebe Griechen: Austerität war nur eine flüchtige Modeerscheinung, euer Blutzoll damals ein Medienspektakel, um von eigenen Bankenpleiten abzulenken.

Nach beinahe einjähriger Beratungszeit sollten die mit einer Quadratur des Kreises betrauten Staatsökonomen, Mitglieder des Sachverständigenrats und Politiker wie der ehemalige Ministerpräsident Niedersachsens, Stephan Weil, etwas Konkretes präsentieren, eine Vision, wie es mit der Schuldenbremse weitergehen soll. Mittlerweile kann man es auf den Punkt bringen: Sie wissen es selbst nicht.

Die gespaltene Expertengruppe – die beiden liberalen Ökonomen Lars Feld und Clemens Fuest auf der einen, eine überragende Mehrheit staatstreuer Keynesianer auf der anderen Seite – wird nach Informationen der FAZ in der kommenden Woche eine Art fiskalische Weggabelung anbieten: Zum einen böte sich eine kreditfinanzierte Investitionsstrategie mit kontrolliertem Schuldenaufbau an. Zum anderen ließe sich eine Variante fiskalischer Konsolidierung mit Schuldenabbau denken – eine neue Runde haushaltspolitischer Austerität. Vor allem die zweite Variante dürfte in politischen Kreisen eher Heiterkeit als ernsthafte Debatten auslösen.

Fuest und Feld sind aus dem Rennen. Denn am selben Tag, da die Ideen der Schuldenexperten durchsickerten, präsentierte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) seinen Haushalt für das kommende Jahr. Dieser wird dem deutschen Schuldenberg über 205 Milliarden Euro weitere Schulden hinzufügen. Damit dürfte klar sein, welchen Weg die Politik im Umgang mit den Staatsfinanzen einschlägt: Schulden machen, bis der Anleihenmarkt den Daumen senkt.

Auch hatte das ifo-Institut vor nicht allzu langer Zeit vorgerechnet, dass bislang etwa 95 Prozent des Sondervermögens, eigentlich gedacht als Investitionsfonds, zur Deckung der wachsenden Defizite in die Sozialetats fließen.

Nichts spricht dafür, dass sich der Finanzminister, ein sensibler Zeitgenosse der Leichtfertigkeit, für die restriktive Variante entscheiden wird. Kredit ist die politische Droge unserer Zeit, fiskalische Disziplin ist zur rhetorischen Fassade geworden.

Deutschland besitzt die Mittel für den Ukraine-Krieg, für milliardenschwere Entwicklungshilfe – die letztlich nichts anderes ist, als sozialistisches Networking im Ausland – sowie für Hunderte Milliarden Euro an Subventionen für die grüne Ökonomie und den Militärkomplex. Gleichzeitig bleiben zentrale Bereiche wie Infrastruktur, Bildung oder eine strukturelle Entlastung der Sozialsysteme politisch unterpriorisiert.

Auf der Pressekonferenz am 6. Juli driftete der Finanzminister in eine fiskalpolitische Parallelwelt ab. Er sprach von Konsolidierung, als sei dies eine Selbstverständlichkeit. Im selben Atemzug ließ er die (nicht im Ansatz) verblüfften Medienvertreter wissen, dass die Schuldenquote auf rund 69,5 Prozent steigen werde. Eine bemerkenswerte Interpretation des Begriffs „Haushaltsdisziplin“. Konsolidierung der Marke „Merz-Klingbeil”.

Rechnet man die inzwischen auf weit über 600 Milliarden Euro angewachsenen Sondervermögen hinzu, überschreitet Deutschland tatsächlich die Staatsschuldenmarke von 80 Prozent des BIP. Klingbeil scheint sich dabei ganz eng an den französischen Nachbarn anzulehnen: Das fatale Tandem peilt für 2027 eine Nettoneuverschuldung von mehr als sechs Prozent des BIP an.

Ironischerweise beerdigt Klingbeil die Schuldenbremse ausgerechnet an jenem Tag, an dem seine eigene Expertenkommission einen letzten Rettungsversuch unternahm. Während der Finanzminister von massiven kreditfinanzierten Investitionen in die Infrastruktur schwadroniert, ließen die Experten über den Umweg der FAZ ein allerletztes Mal den Geist von Maastricht zirkulieren. Sie fügten die Haushaltspolitik noch einmal in einen mathematischen, sinnstiftenden Kontext, bevor sich die Dinge in einer Flut von Kredit und politischem Phrasenbrei selbst auflösen.

Staatsschulden gelten in sozialistischen Kreisen als in die Zukunft verschobene Steuerlasten, die ihnen in der Gegenwart den Hebel politischer Macht und die Illusion grenzenloser Gestaltungsmöglichkeiten in die Hand legen. Dabei sind Staatsschulden ökonomisch verheerend. Sie entziehen dem privaten Kapitalmarkt Ressourcen und verteuern dort den Kredit. Knappe Mittel werden aus produktiven Verwendungen abgezogen und in die unproduktiven Bereiche der Gesellschaft umgeleitet.

Jetzt, da klar ist, dass weder Expertenkommission noch fiskalische Kontrollinstanzen dieser Entwicklung ernsthaft entgegenwirken, stellt sich die zentrale Frage: Wann und auf welche Weise wird diese Dynamik gebrochen?

Immer wieder wird in diesem Zusammenhang ein Schuldenschnitt diskutiert. Dabei wird jedoch häufig übersehen, dass das moderne Fiat-Kreditsystem auf permanenter Kreditexpansion basiert. Eine flächendeckende Streichung von Staatsschulden würde – ohne kompensierende geldpolitische Intervention, die wiederum inflationäre Schocks mit sich brächte – eine massive Kontraktion der Geldmenge auslösen. Die Folge wäre ein deflationärer Schock mit einer Kaskade systemischer Kreditausfälle.

Eine echte Konsolidierung erlaubt das Design der Kreditexpansion deshalb im Grunde nicht. Das Ende dieser Schuldenlogik wird daher nicht politisch organisiert werden. Vielmehr wird der Anleihemarkt den entscheidenden Wendepunkt markieren – in dem Moment, in dem Zentralbanken und fiskalische Akteure die Preisbildung an den Kapitalmärkten nicht mehr stabilisieren können, lichten sich die Nebel der Machbarkeitsillusion und die Kreditwürdigkeit wird einem Stresstest unterzogen.

Dann prallt der vulgärkeynesianische Zug gegen eine steinerne Mauer.

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Kommentare ( 9 )

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Benedictuszweifel
1 Stunde her

Ich habe das auch hier immer wieder geschrieben: Das geht jetzt ganz schnell: e-funktion. Die sieht bis zum Kipppunkt aus wie eine moderate lineare Steigung. Aber genau das ist sie nicht.

Humancrossing
1 Stunde her

In die Zukunft verschobene Steuerlasten, die die Bürger nur aktuell belastet. Da erhöht man die Steuern für Besserverdienende um angeblich Geringverdiener zu entlasten, nur um dann über die Mehrwertsteuer beide Gruppen noch mehr zu belasten. Bis wirklich nichts mehr geht…

Reinhard Schroeter
1 Stunde her

Dieses Land ist inzwischen zu einer baufälligen Klapsmühle verkommen.
Es hat keinen Sinn mehr auf Besserung zu hoffen, eher fällt die Bude ganz zusammen.

Bernd Simonis
1 Stunde her

Es ist ja nicht nur der Krieg. Nach dem Krieg kommt der Wiederaufbau, und dann müssen die Renten und Sozialsysteme der Ukraine gestützt werden. Die Ukraine wird zum 17. Bundesland. Bei einem EU Beitritt der Ukraine wird es nur noch ein einziges Empfängerland geben: Die Ukraine. Alle anderen Länder dürfen nur noch einzahlen. Denn das Lebensniveau der Ukraine muss angeglichen werden. Wer die Ukraine schon mal besucht hat weis, wie es dort aussieht: Etwa so wie es bei uns in den 60er Jahren ausgesehen hat. Das Land ist wirklich ein Fass ohne Boden. Wir stehen ja noch fast am Anfang.… Mehr

Benedictuszweifel
59 Minuten her
Antworten an  Bernd Simonis

Was nicht verstanden wird: Das ist kein kompliziertes System, sondern ein komplexes. Es ist selbstreferentiell und verstärkt sich gegenseitig…

johnsmith
1 Stunde her

Selbst Fuest, der jetzt mahnt, war für die 1 Billion € Sonderschulden für die die Schuldenbremse geschliffen wurde.
In Deutschland wird man nur „Top-Ökonom“, d h mit den Chefposten steuerzahlerfinanzierter Institute bedacht wenn man auf Parteilinie (SPD oder CDU) ist und der Regierung huldigt. Die Regierung will schließlich keine Überraschungen erleben etwas dass jemand ihre Wirtschaftspolitik kritisiert.

Marcel Seiler
1 Stunde her

Das kann nicht anders enden als als Staatsbankrott, also die Nicht- oder nur Teilrückzahlung von Staatsanleihen, oder als Großinflation. Man sollte also weder Staatsanleihen noch Nominalwerte (Anleihen, Darlehen, Kontoguthaben) in seinem Vermögen haben, denn das wird dezimiert werden. Dazu wird es hohe Steuern geben, die konfiskatorisch wirken können.

Dies ist ein völlig umsonstiger Tipp.

Ich habe das nicht gewählt: das nur zu meiner Ehrenrettung.

Bernd Bueter
1 Stunde her

Die Wählermehrheit hat sich „Dick und Doof ruinieren Deutschland“ als Desasterfilm in Echtzeit erwählt.
Demokratie ist, wenn die Dümmsten das Sagen haben. Und der Fall ist zu 100% eingetreten.

Benedictuszweifel
57 Minuten her
Antworten an  Bernd Bueter

Bernd, genau so ist das. Die überwältigende Mehrheit hat immer und immer wieder, frei und geheim, den Untergang gewählt und uns AFD Wähler verhöhnt, beleidigt und Schlimmeres. Es widert mich an…