Teilzeit oder die Flucht aus der Steuerhölle

Man muss nicht faul sein, um weniger arbeiten zu wollen. Vor allem in der Mittelschicht findet ein stiller Aufstand gegen den unersättlichen Steuer- und Abgabenstaat statt. Immer mehr Bürger wollen nicht für den Fiskus malochen.

picture alliance / Angelika Warmuth/dpa | Angelika Warmuth

Es gibt eine Umverteilung in Deutschland. Aber nicht, wie die Sozialisten aller Parteien immer behaupten, von oben nach unten. In Wahrheit ist es eine Umverteilung sowohl nach oben als auch nach unten.

Und zwar aus der Mitte.

Die geschröpfte Mitte

Es stimmt: Die Reichen werden reicher. Aber die Armen werden keinesfalls ärmer. Im Gegenteil: Auch sie werden relativ immer reicher.

Faktisch ärmer wird seit Jahren nur der fleißig arbeitende Normalbürger in der Mitte. Sein Wohlstand wird sukzessive abgesaugt, von denen weiter oben genauso wie von denen weiter unten.

Die Bertelsmann-Stiftung kommt in einer Studie auf Basis von Daten der OECD zu einem eindeutigen Ergebnis. Noch 1995 gehörten 70 Prozent der Bevölkerung zur mittleren Einkommensgruppe. Im Jahr 2018 waren es nur noch 64 Prozent. Seitdem hat sich der Trend beschleunigt.

Das durchschnittliche Nettovermögen deutscher Haushalte lag nach Angaben der Bundesbank 2021 inflationsbereinigt bei 268.700 Euro. Zwei Jahre später war es auf 239.200 Euro gesunken. Noch aussagekräftiger ist die statistische Vermögensmitte, also der sogenannte Median: Er fiel real von 90.500 auf 76.000 Euro.

Haushalte unterhalb der Mittelschicht sind weit überwiegend sogenannte Nettotransferempfänger: Sie bekommen mehr Geld aus staatlichen Quellen, als sie an Steuern und Sozialabgaben einzahlen. Ab der Mittelschicht dagegen werden Haushalte netto belastet. Hohe Sozialbeiträge, Spitzensätze bei Steuer schon ab mittleren Einkommen, Konsumsteuern und indirekte Abgaben: Bei der Mitte greift der Staat überall kräftig zu. Bei vielen Transferleistungen ist die Mitte aber nur begrenzt oder auch gar nicht anspruchsberechtigt.

Sie ist zu „reich“, um selbst Hilfen zu bekommen – aber „reich“ genug, um massiv belastet zu werden.

Die OECD nennt das „squeezed middle class“, also eingequetschte oder ausgepresste Mittelklasse. Klassische Mittelschicht-Güter – vor allem Wohnen, Bildung und Mobilität – werden viel schneller teurer, als die mittleren Einkommen steigen. Bei uns gilt das vor allem für Wohneigentum: Die Oberschicht profitiert von steigenden Immobilienpreisen, die Unterschicht wird über Staatshilfen stabilisiert. Die Mitte wird aus dem Markt gedrängt. Sie zahlt – und kommt trotzdem nicht voran.

Die Mittelschicht blutet aus. Ihr Wohlstand wandert nach oben und nach unten. Das kann man nun gut finden oder beklagen. Nur bestreiten kann man es sinnvollerweise nicht.

Teilzeit-Wirtschaft

Doch von den Betroffenen, die unser Staat zur Melkkuh der Nation gemacht hat, wollen immer weniger mitspielen.

Das ruft intellektuell eher eindimensionale Berufspolitiker wie Gitta Connemann auf den Plan. Die 61-jährige Juristin hat ihr Leben als Funktionärin eines Arbeitgeberverbands und als Rechtsanwältin verbracht. Den abhängig arbeitenden Mittelstand kennt sie also allenfalls aus der Ferne. In der real existierenden CDU qualifiziert sie das zur Vorsitzenden der „Mittelstandsunion“ und in der Bundesregierung von Friedrich Merz zur Mittelstandsbeauftragten.

Als solche hat sie sich Anfang dieses Jahres darüber beschwert, dass immer mehr Menschen ihr Arbeitspensum – zum Beispiel in Form der vereinbarten Arbeitszeit – reduzieren. Bundeskanzler Friedrich Merz ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen und nahm die Zahlen zum Anlass, eine höhere Leistungsbereitschaft zu fordern und allgemein die Arbeitshaltung in Deutschland zu kritisieren.

Auf den ersten Blick geben ihm die Zahlen recht. Nach einer Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) – einer Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit – haben 2025 etwa 17 Millionen Menschen bei uns in Teilzeit gearbeitet. Die Teilzeitquote lag damit erstmals bei knapp 40 Prozent aller Beschäftigten.

Das liegt nicht daran, dass es zu wenig Vollzeitstellen gibt. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung kann man nachlesen, dass im letzten Mikrozensus 2023 nur etwa 5,1 Prozent der Teilzeitbeschäftigten angaben, keinen Vollzeitjob zu finden. Das bedeutet umgekehrt: Rund 95 Prozent der Teilzeitkräfte arbeiten nicht wegen fehlender Vollzeitstellen in Teilzeit.

Die Politik beklagt jetzt allerdings einen Zustand, den sie selbst nach Kräften befördert. In Deutschland – anders als in den meisten anderen Industriestaaten – haben Arbeitnehmer unter bestimmten Voraussetzungen einen gesetzlichen Anspruch auf eine Verringerung ihrer Arbeitszeit. Die wesentlichen Rechtsgrundlagen hierfür sind im sogenannten „Teilzeit- und Befristungsgesetz“ (TzBfG) verankert.

Das Märchen von der „Lifestyle-Teilzeit“

Die Äußerungen von Merz und Frau Connemann über eine angebliche Faulheit der Deutschen folgen dem Motto „Haltet den Dieb“. Es sind plumpe Ablenkungsmanöver. Sie sollen die eigentlich Schuldigen aus der Schusslinie nehmen.

Die meisten Menschen entscheiden sich nicht aus Bequemlichkeit für Teilzeitarbeit. Sehr viele haben Kinder zu betreuen oder müssen Angehörige pflegen. Auch Weiterbildung oder gesundheitliche Probleme sind sehr häufige Gründe dafür, die Arbeitszeit zu reduzieren.

Der Hauptschuldige für die Teilzeit-Epidemie aber ist: der gierige Staat.

Gerade hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihren neuen Bericht zur internationalen Steuer- und Abgabenlast veröffentlicht. Demnach vergrößert sich der sogenannte „tax wedge“ in den westlichen Industriestaaten fast ungebremst weiter. Der Keil zwischen Bruttolohn und Nettoeinkommen wächst und wächst und wächst.

In Deutschland muss ein alleinstehender Angestellter praktisch die Hälfte seines Einkommens gleich wieder beim Staat abliefern. Steuern und Sozialabgaben liegen inzwischen bei 49,3 Prozent des durchschnittlichen Lohns. Im Jahr zuvor waren es noch 48 Prozent. Selbst Familien werden fast genauso geschröpft. In Deutschland müssen Eltern mit zwei Kindern im Schnitt irrwitzige hohe 42,6 Prozent des Bruttolohns abgeben – obwohl der Staat doch eigentlich die Berufstätigkeit von Eltern fördern will.

Wen wundert es da, dass die Menschen die Lust am Arbeiten verlieren?

Kein Wohlstand ohne Arbeit

Vor 50 Jahren lagen die EU-Staaten und die USA bei den geleisteten Arbeitsstunden ungefähr gleichauf. Seitdem sinkt bei uns die gesetzliche Arbeitszeit, und es gibt immer mehr Urlaubstage. Der Durchschnittsangestellte in den USA arbeitet heute mehr als 1.800 Stunden im Jahr. In Deutschland sind es gut 1.300 Stunden.

Lange Zeit konnte die EU das durch eine steigende Produktivität und durch eine wachsende Erwerbsbevölkerung zumindest halbwegs ausgleichen. Damit ist es jetzt vorbei. Die Produktivität bei uns sinkt, und 2025 ist die deutsche Bevölkerung zum ersten Mal seit Jahrzehnten geschrumpft.

Wohlstand wird entweder erobert oder erarbeitet. Eroberung kommt für Deutschland nicht in Frage. Dazu fehlen uns sowohl der Wille als auch die Mittel. Bleibt also nur Arbeit. Wie könnte der Staat die Bürger dazu ermuntern, wieder mehr zu arbeiten?

Hat jemand eine Idee? Friedrich Merz hat offenkundig keine.

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